Auf dem Weg zum erhofften Triple wartet auf den 1. FC Saarbrücken-TT die erste Zwischenstation: Bei der Pokal-Endrunde in Neu-Ulm soll Superstar Fan Zhendong die Mannschaft von Kapitän Patrick Franziska zum dritten Cup-Gewinn führen. Durch den Olympiasieger ist der Alltag der Blau-Schwarzen jedoch auch beschwerlicher geworden.
Die Weihnachtsfeiertage verbrachte Fan Zhendong bei seinem Freund Timo Boll im Odenwald. „Er kennt solch ein wichtiges Familienfest außerhalb Chinas ja gar nicht aus eigenem Erleben und ist deswegen schon auch ein bisschen nervös“, erzählte das deutsche Idol kurz vor Heiligabend am Rande des Tischtennis-Spiels von Fans Club 1. FC Saarbrücken-TT und Bolls Ex-Team Borussia Düsseldorf, „aber“, ganz klar, „aber vor allem freut er sich sehr darauf“.
Ruhe und Besinnlichkeit dürften derzeit auch die schönsten Geschenke für Fan sein. Denn der Hype um den Olympiasieger ist längst aus seiner chinesischen Heimat nach Deutschland geschwappt, seine Landsleute fluten die FCS-Geschäftsstelle mit Kartenanfragen ebenso zu Hunderten und Tausenden wie die Ticketportale aller anderen Bundesliga-Vereine.
Auch zur Befriedigung der riesigen Nachfrage verlegte Saarbrücken im Advent das Highlight-Spiel gegen Rekordmeister Düsseldorf und das vorherige Champions-League-Achtelfinale aus der angestammten Sportcampus-Halle in die 3.500 Zuschauer fassende Saarland-Halle. Für das Viertelfinale in der europäischen Königsklasse Mitte Februar gegen GV Hennebont (Frankreich) zieht der Titelverteidiger sogar nach Trier in die SWT Arena für bis zu 8.000 Fans um. „Durch Fan und den Andrang der Fans kann jeder in Deutschland einmal sehen, wie groß Tischtennis in China ist“, meint Saarbrückens Kapitän Patrick Franziska zu den für deutsche Verhältnisse ungewohnten Mega-Events.
Ausweichhalle für mehr Zuschauer-Plätze
Schon kurz nach dem Jahreswechsel erwartet Franziska und Co. gleich wieder der nächste Massenauflauf kreischender Fan-Anhänger: Zur Pokal-Endrunde am 4. Januar (Sonntag) in Neu-Ulm erwarten die Veranstalter eine mit 5.000 Besuchern ausverkaufte Arena, und das seit Ende November nach Saarbrückens Final-Four-Qualifikation nochmals extrem angezogene Auslandsinteresse an Tickets lässt die Organisatoren erneut eine hohe Zahl an chinesischstämmigen Zuschauern erwarten. Eigens für die Fans der chinesischen Sport-Ikone liegt das Programmheft in der Halle auch in englischer Sprache aus.
Vom Rummel um Fan wollen sich die Saarbrücker und der zweimalige Weltmeister selbst beim Griff nach dem ersten von drei möglichen Titeln der Saison anders als zu Beginn der Spielzeit nicht mehr beeindrucken lassen. „Wir haben nach Fans Verpflichtung gesagt, dass wir so viele Finals wie möglich spielen und so viele Titel wie möglich holen wollen. Davon rücken wir auch nicht ab“, stellt Teammanager Nicolas Barrois vor dem Halbfinale gegen Cupverteidiger und Meister TTF Ochsenhausen klar, und Franziska betont die Stabilität seiner Mannschaft nach teilweise sensationellen Niederlagen der Champions-League-Gewinner und auch von Fan in der Anfangsphase der Saison: „Wir können mit breiter Brust spielen, wir haben jetzt fünf Spiele am Stück gewonnen.“
Saarbrückens bisher längste Erfolgsserie seit Beginn von Fans Engagement könnte auch auf einen Lerneffekt des bei Saisonbeginn weithin für unbesiegbar eingestuften Starensembles zurückzuführen sein. Bis hin zum 3:2-Arbeitssieg beim Zweitliga-Schlusslicht SV Union Velbert hatten die Spieler von Erfolgstrainer Wang Zhi Mühe im Umgang mit dem großen Widerstand der Kontrahenten, auf den sich das FCS-Team inzwischen jedoch besser eingestellt zu haben scheint.
„Man merkt, dass die Gegner einfach sehr, sehr gut spielen und immer bei jedem Ball sehr viel riskieren. Wir haben lernen müssen, dagegenzuhalten“, beschreibt Franziska den Reifeprozess in seinem eigenen Team. Das „Gegenmittel“ des Nationalspielers nicht nur für das Pokal-Turnier: „Wir müssen klar bleiben, müssen uns bewusst sein, dass Hindernisse im Spiel okay sind und wir durch unsere Qualität trotzdem nach hinten raus gewinnen werden. Wir müssen taktisch und generell cool bleiben und nicht bei jeder Highlight-Welle des Gegners mitmachen, sondern einfach konzentriert weiterspielen und den Gegner durch Taktik auseinandernehmen.“
Auch Barrois erklärt die holprige Anfangsphase der Saison mit dem unerwartet großen Ehrgeiz der gegnerischen Mannschaften. „Unsere Gegner sind gegen uns jetzt vielleicht noch einmal um zwei Prozent mehr motiviert, nochmal heißer auf eine Überraschung, haben natürlich gegen uns auch null Prozent zu verlieren und spielen frei auf. Dann stimmt auch noch die Atmosphäre und schießt so viel Adrenalin in den Kopf, dass manche unserer Gegner in den Spielen für einige Zeit schon meilenweit über ihr tatsächliches Leistungsniveau gekommen sind“, schilderte der FCS-Manager seine Beobachtungen.
Den Faktor Druck will Barrois auch nicht verhehlen. „Druck ist natürlich immer da, aber die Jungs müssen mittlerweile ein so brutales Programm abspulen, sitzen im Flieger, spielen in einer fremden Halle, dann wieder in den Flieger und von da mit dem Auto in die nächste Halle – da spürt man dann auch in vermeintlich leichteren Spielen, dass der Druck da ist“, meint Barrois.
Als Entschädigung für die mentalen Dauerbelastungen sind beim FCS Titel fest eingeplant. Für das Duell mit Ochsenhausen gab der 3:0-Erfolg von Saarbrückens Bestbesetzung (Fan, Franziska und Darko Jorgic) in der Bundesliga-Begegnung beider Teams womöglich schon einen Fingerzeig, wenngleich sich Wang und sein TTF-Kollege Bogdan Pugna nicht in die Karten schauen ließen und bei der Aufstellung pokerten. Im Falle eines Halbfinalerfolgs wartet auf Saarbrücken im Endspiel entweder der TTC Fulda-Maberzell oder Favoritenschreck TTC OE Bad Homburg, der Saarbrücken in der Liga mit 3:2 düpieren konnte und nur zwei Tage danach auch Rekordcupgewinner Düsseldorf aus dem Pokal-Wettbewerb warf.
Erste Überlegungen für die Zukunft
Unabhängig vom Ausgang der ersten Feuerprobe für die mutmaßlichen Überflieger, die trotz ihres 3:2-Erfolg zum Abschluss der ersten Saisonhälfte in der Bundesliga gegen Düsseldorf die inoffizielle Herbstmeisterschaft dem Überraschungs-Spitzenreiter Werder Bremen überlassen mussten, beginnen im Saarbrücker Lager bereits die ersten Überlegungen für die Zukunft. Darin soll Fan gerne auch weiterhin eine wichtige Rolle spielen, wie Barrois bereits deutlich erkennen ließ: „Es ist doch klar, dass unser Interesse ist, weiterhin mit Fan zusammenzuarbeiten.“
Für eine Verlängerung des Vertrags mit dem 28-Jährigen, der im vergangenen Herbst während seiner Spielpause in Saarbrücken ungeachtet seines fast schon einjährigen Verzichts auf internationale Turniere bei den in China bedeutsamen Nationalspielen auf dem Weg zum Titelgewinn alle einheimischen Topstars förmlich an die Wand spielte, würde Barrois dem ehemaligen Weltranglistenersten natürlich auch weiterhin viele Zugeständnisse machen wollen: „Fan ist ein besonderer Sportler, und auf einen besonderen Sportler nimmt unser Verein auch immer besondere Rücksicht.“
Das einzige Zeitlimit für eine Entscheidung, die auch Auswirkungen auf Saarbrückens eingeleitete Positionierung auf dem asiatischen und besonders chinesischen Markt haben wird, ist der Ablauf der Meldefrist für deutsche Vereine am 31. Mai. „Wenn Fan“, so Barrois, „wenn Fan uns zwei Tage vor Ende der Frist sagt, dass er nicht bleiben möchte, dann bleibt er nicht. Sagt er uns einen Tag vorher, dass er bleiben möchte, werden wir alles Mögliche unternehmen, um ihn zu halten.“