Die Berliner Stadtreinigung ist das größte kommunale Stadtreinigungsunternehmen Deutschlands. Den Kampf gegen den Müll können allerdings auch die 6.200 Frauen und Männer in Orange nicht gewinnen – trotz viel Humor.
Wenn in Berlin jemand Teil der Lösung und nicht Teil des Problems ist, dann sind es die Frauen und Männer in Orange. Sie räumen nicht nur den Dreck weg, den andere gemacht haben. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Berliner Stadtreinigung (BSR) sind auch ein Teil der Antwort auf die Frage, was der französische Schriftsteller und Philosoph Albert Camus mit diesem offenbar widersinnigen Satz gemeint haben könnte: „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“
Ein kurzer Exkurs ins antike Griechenland: Sisyphos, der König von Korinth, ist den Göttern so oft auf den Wecker gegangenen, dass er zur Strafe gezwungen wurde, in der Unterwelt einen Felsblock auf einen Berg hinaufzuwälzen. Immer, wenn er fast oben war mit dem Brocken, rollte der wieder ins Tal zurück. Nicht einmal, nicht zweimal – die Arbeit, die die Götter dem renitenten Menschen aufgebürdet hatten, war eine für die Ewigkeit. Etwas immer wieder zu tun, ohne dass die Aufgabe wirklich erledigt ist – das wird daher mitunter als Sisyphosarbeit bezeichnet.
Zurück nach Berlin, das noch eine Sumpflandschaft war, als Sisyphos Korinth regierte: Heute kümmert sich hier das größte kommunale Stadtreinigungsunternehmen Deutschlands um den Abfall von zwei Millionen Haushalten. Rund 6.200 Frauen und Männer in orangener Dienstkleidung sorgen außerdem für saubere Straßen, Wege und Plätze – und im Winter für deren Befreiung von Eis und Schnee. Rund 1,5 Millionen Kilometer Straßen und Gehwege reinigt die BSR. „Hier gibt es mehr Brücken als in Venedig, ein Straßennetz auf einer Fläche, in der München, Stuttgart und Frankfurt am Main gemeinsam Platz fänden“, hat man ausgerechnet. Und kaum ist man an einem Ende fertig, geht es am anderen von vorne los. Kaum sind die Mülltonnen geleert, sind sie auch schon wieder voll.
Neben dem korrekt entsorgten Müll beschäftigt die Frauen und Männer in Orange auch der nicht korrekt entsorgte. 54.000 Kubikmeter illegale Ablagerungen hat die BSR im vergangenen Jahr beseitigt – das waren nochmal 4.000 Kubikmeter mehr als im Jahr davor. Das hat die Berliner Gebührenzahler rund 10,3 Millionen Euro gekostet. Dabei steht fest: „Niemand ist in Berlin gezwungen, seinen Müll einfach an die Straße zu stellen.“ Schließlich gibt es für Privatpersonen eine Menge Entsorgungsangebote, um Sperrmüll, Elektroschrott und sonstigen Müll entgeltfrei beziehungsweise kostengünstig loszuwerden: 14 Recyclinghöfe, den BSR-Sperrmüll-Abholservice, die Tiptapp-App zur Sperrmüll-Transporthilfe und das BSR-Gebrauchtwarenkaufhaus „NochMall“.
To-go-Verpackungen sind ein Problem
Wobei es nach Erfahrung der BSR weniger die Privatleute sind, die ihren Müll einfach irgendwo hinwerfen. „Augenscheinlich wird ein großer Teil der illegalen Ablagerungen nicht durch Privatpersonen verursacht, sondern durch rechtswidrig handelnde Gewerbetreibende – zum Beispiel unseriöse Entrümpelungsfirmen oder Bauunternehmen“, heißt es bei der BSR. Dies geschehe „offenbar, um die gewerblichen Entsorgungskosten einzusparen – zu Lasten von Umwelt und Steuerzahlenden“.
Dazu kommt das sogenannte Littering: „Litteringobjekte“ sind zum Beispiel Einwegbecher und andere Einwegverpackungen sowie Zigarettenkippen. Da komme einiges zusammen, genau erfasst werden könne die Menge dieses Mülls aber nicht, weil er zusammen mit Laub- oder Blütenresten oder im Winter Streugut zum Bestandteil des „normalen Straßenkehrichts“ wird. Nach Einschätzung der BSR-Straßenreinigung hat das „Littern“ von To-go-Verpackungen in den vergangenen Jahren jedoch spürbar zugenommen – denn immer mehr Speisen und Getränke werden „für unterwegs“ verkauft. „Auch weggeschnippte Zigarettenkippen belasten nach wie vor Stadtsauberkeit und Umwelt“, sagt BSR-Vorstandsvorsitzende Stephanie Otto.
Und das, wo es doch in Berlin so leicht sei, seine Kippen und Einwegverpackungen korrekt zu entsorgen. In der Stadt gibt es rund 27.000 BSR-Abfalleimer – knapp 24.000 im öffentlichen Straßenland sowie knapp 3.000 in den von der BSR betreuten Grünanlagen. Hinzu kommen zirka 300 großvolumige BSR-Abfallbehälter, die an besonders stark besuchten Orten installiert sind. Seit vielen Jahren versuchen diese Abfallbehälter, nicht nur mit ihrem leuchtenden Orange auf sich aufmerksam zu machen, sondern auch mit mehr oder weniger humorvollen Aufschriften. Eine der herzlichsten Einladungen, ihn zu benutzen: „Eimer liebt dich.“ Ansonsten ist zu lesen: „Benutz mich!“, „Ich stehe für Mülltikülti“ oder „Der blaue Planet braucht mehr Orange“.
Allein in den 27.000 Abfalleimern sammelt die BSR jedes Jahr rund 7.500 Tonnen Abfall. „6,2 Millionen Mal pro Jahr rücken wir aus, um sie zu leeren. Außerdem reinigen wir sie regelmäßig und reparieren oder ersetzen sie bei Bedarf“, erklärt eine BSR-Sprecherin. Ein Großteil der Körbe ist mit separaten Zigaretteneinwürfen ausgestattet. „Denn auch wenn einzelne Kippen auf der Straße manchem als Kleinigkeit erscheinen mögen: Aus Umfragen und unserer Erfahrung wissen wir, dass gerade Zigarettenkippen auf Straßen und Plätzen diese schnell verwahrlost wirken lassen.“
Immer neue Kampagnen mit Humor
Seit einem Vierteljahrhundert versucht es die BSR nun schon mit Humor auf ihren Abfalleimern. „Als wir die Kampagne 1999 ausgeschrieben haben, hieß es immer: Wenn die Stadt dreckig ist, ist die BSR schuld. Uns war klar, dass wir eine Stadt wie Berlin nie sauber bekommen, wenn die Bürger und Gäste der Stadt nicht auch eine gewisse Eigenverantwortung übernehmen. Zum Beispiel indem sie den Müll nicht einfach fallen lassen, wo sie gehen und stehen, sondern unsere Papierkörbe benutzen“, hat die ehemalige und kurz vor ihrem Ruhestand verstorbene Leiterin der BSR-Unternehmenskommunikation, Sabine Thümler, es mal erklärt.
Kehrmaschinen wurden so zu „Borstentieren“, wie eine weiße Schrift auf orangenem Grund verkündete. Es war von „bemannter Räumfahrt“ die Rede. Und BSR- Mitarbeiter wurden zu „Men in Orange“ oder zum Cowboy, der lässig an einem Mülleimer lehnte und darum bat, „Come to where the Eimer is“, zu Helden. „Wir bringen das in Ordnung“, lautete der Slogan. Die Aufschriften wurden im Laufe der Jahre immer wieder ausgetauscht, den Humor hat die BSR dabei nicht verloren. Und für Ideen-Nachschub sei auch gesorgt, sagt Frauke Bank, die aktuelle Leiterin der Abteilung für Kommunikation & Marketing. „Für das Branding unserer Papierkörbe, Abfallbehälter sowie Fahrzeuge arbeiten wir überwiegend und seit Jahren mit bewährten Agenturen zusammen. Manche Sprüche entstehen aber auch aus der eigenen BSR-Mannschaft“, verrät sie.
Ein Appell an die Eigenverantwortung
In den vergangenen Wochen wurde zusätzlich eine neue Stadtsauberkeitskampagne gestartet. Die erklärt Frauke Bank so: „Für uns war ein neuer Ansatz wichtig, um eine wichtige Kernbotschaft noch zentraler herauszuarbeiten: Sauber geht nur gemeinsam. Die BSR hat ihre Aufgaben, um für Sauberkeit in der Stadt zu sorgen, und diesen Aufgaben kommen wir mit vollem Einsatz nach. Aber der Regierende Bürgermeister hat in diesem Sommer so schön formuliert: ,Der Müll fällt nicht einfach vom Himmel, sondern in der Regel immer aus einer Hand.‘ Wir wollen das Bewusstsein in der Stadt dafür stärken, dass jede Person dazu beitragen kann, die Stadt sauberer zu machen – allein dadurch, dass alle bestehenden Entsorgungsangebote der Stadt genutzt werden, statt den eigenen Müll einfach im öffentlichen Raum zu hinterlassen.“ Das hat sich die BSR etwas kosten lassen. 170.000 Euro.
Die Botschaft „Es geht nur gemeinsam“ überbringt Problem-Müll in Menschengestalt auf Abfalleimern, BSR-Fahrzeugen, Recyclinghöfen und in den sozialen Medien: Frauen und Männer verkleidet als Pommestüte, Zigarettenkippe, alte Matratze, Säckchen mit Hundekot, Pizzakarton. Auch wenn die neue Kampagne ein gutes Stück hinter dem Humor früherer Jahre zurückbleibt und etwas beliebiger wirkt, sieht die BSR in ihr „Witz und Wiedererkennungswert“, mit dem man „auf den richtigen Umgang mit Abfall aufmerksam“ machen könne. So sagt zum Beispiel die „sprechende“ Pommestüte: „Du liebst Fast Food. Wir Clean City. Danke, dass du unsere Papierkörbe nutzt.“
Trotz aller Bemühungen der Humor-Schmiede: Die BSR kann auch anders. Klar, es werde weiter „mit typischem Berliner Witz humorvoll und direkt“ versucht, klarzumachen, dass „mehr Eigenverantwortung der Bürgerinnen und Bürger gefragt ist – für unser Berlin, in dem wir uns alle wohlfühlen und das wir alle noch liebenswerter gestalten können“, sagte Ute Bonde, die Senatorin für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt, bei der Vorstellung der neuen Kampagne. Dennoch komme man nicht umhin, „kurzfristig einen verschärften Bußgeldkatalog auf den Weg zu bringen, um gegen unverbesserliche Müllsünder noch konsequenter vorgehen zu können“: Das bedeutet, dass Menschen, die sich nicht an die Regeln halten, stärker zur Kasse gebeten werden. Der neue Bußgeldkatalog sieht unter anderem vor: illegale Sperrmüllentsorgung: 4.000 Euro, bei größeren Mengen sogar 8.000 Euro; Zigarettenkippe auf dem Boden: 250 Euro; nicht entfernter Hundekot: 80 Euro.
Dafür sind dann aber nicht die Frauen und Männer in Orange zuständig. Sie bleiben die, die in Frieden kommen – und das bei, wie die BSR betont, „guten Arbeitsbedingungen“. Für die ist das Unternehmen mehrfach ausgezeichnet worden und sagt deshalb: „Wir gelten in unserer Branche als beste Arbeitgeberin Deutschlands“ – trotz Sisyphosarbeit. Oder wie es die ehemalige Kommunikations-Chefin Sabine Thümler formuliert hat: „Ein Augenzwinkern“ sei nie verkehrt. Denn damit werden auch eher „trockene“ Themen wie Stadtsauberkeit oder Abfalltrennung cool. Außerdem: „Es gehört zu unserer Unternehmenskultur, dass wir auch innerhalb des Unternehmens unverkrampft miteinander umgehen. Und das transportieren wir mit unseren Motiven und Kampagnen auch nach außen.“