Jetzt greift auch die Türkei mit E-Autos den deutschen Markt an. Der Togg T10X setzt auf viel Komfort und digitalen Budenzauber. Reicht das, um etablierten Marken Konkurrenz zu machen?
Ein Lächeln zur Begrüßung hätte man sich vielleicht gewünscht, doch der Togg T10X will mit grimmiger Miene deutsche Straßen erobern. Mit seiner wuchtigen Erscheinung wirkt das Elektro-SUV wie eine Festung auf zwei Rädern – die Front mit dem ausladenden Kühlergrill erinnert an einen gefräßigen Raubfisch. Togg, wer? Das werden sich einige fragen, die von dieser Automarke noch nie gehört haben. Tatsächlich ist sie auf dem hiesigen Markt brandneu: Der T10X ist das erste Elektroauto aus der Türkei. Das Unternehmen aus Gebze nahe Istanbul hat sich viel vorgenommen. Das Segment der Klein- und Kompaktwagen haben die Newcomer direkt übersprungen. Der T10X ist ein gut ausgestattetes Mittelklasse-SUV und tritt mit einer Länge von 4,60 Metern gegen Konkurrenten wie VW ID.4, Skoda Enyaq oder auch Tesla Model Y an. Kann der Togg T10X dabei bestehen? Das haben wir einige Tage in und rund um Berlin exklusiv getestet. So viel vorab: Die Fahrt mit dem elektrischen Orient-Express ist ein Erlebnis – mit einigen Aufs und Abs.
Das Cockpit gleicht einem Heimkino
Togg steht für „Türkiye’nin Otomobili Girişim Grubu“. Dahinter verbirgt sich ein Autohersteller, der 2018 als Joint Venture gegründet wurde. Industrielle Schwergewichte aus Handel, Telekommunikation und Elektronik schlossen sich zusammen. Seit Produktionsbeginn vor drei Jahren sollen schon mehr als 70.000 Fahrzeuge ausgeliefert worden sein. Ende September 2025 startete Togg mit Deutschland nun auf dem ersten Exportmarkt. Geführt wird das Unternehmen von dem ehemaligen Bosch-Manager Gürcan Karakas. Er hält die traditionelle Autowelt für überholt und will die Fahrzeuge zu fahrenden Computern machen. „Ich möchte im Auto dasselbe machen können wie zu Hause oder im Büro“, sagt Karakas.
Das Ergebnis zeigt sich eindrücklich, wenn man in den T10X einsteigt. Das Cockpit ist mehr Heimkino als bloß Passagierbereich. Ein ganzer Block bunter Bildschirme leuchtet auf, wenn der Start-Knopf gedrückt wird. Der 41,3 Zoll große Touchscreen umfasst gleich mehrere Displays und erstreckt sich über die gesamte Front. Neben Navigation und Ladeplanung wird allerlei Entertainment geboten. So können Mitfahrende Youtube schauen oder auf einem Shoppingkanal einkaufen gehen. Die Musik wird auf Wunsch von einer KI live generiert. Sogar seine Bankgeschäfte soll man im Togg T10X erledigen können. Für Sicherheit soll eine Blockchain-Technologie sorgen. So weit, so verrückt. Aber wie fährt sich der Stromer denn so? Auf den ersten Eindruck ziemlich erwachsen. Mit seinen zwei Tonnen Leergewicht liegt das SUV satt auf der Straße, das Fahrwerk wirkt gut abgestimmt. 218 PS hat unser Testwagen, damit beschleunigt er flott. Auch bei höherem Tempo auf der Autobahn zeigt sich der T10X souverän im Fahrverhalten. Die bequemen, cremefarbenen Ledersitze sorgen dafür, dass man auch nach längeren Reisen entspannt aussteigt. Dazu kommen je nach Ausstattungsvariante Extras wie Panorama-Glasdach, Ambientebeleuchtung, elektrische und (auch hinten) beheizbare Sitze oder ein „Premium“-Soundsystem.
Viel Komfort also, für den der Hersteller vergleichsweise wenig Geld verlangt. In der Basisversion mit 314 Kilometern Reichweite und kleiner Batterie (52,4 Kilowattstunden) ist der Togg T10X ab 34.295 Euro erhältlich. Die von uns getestete Long-Range-Variante mit großem Akku (88,5 Kilowattstunden) und bis zu 523 Kilometern Reichweite kostet ab 41.200 Euro. Ein VW ID.4 oder ein Tesla Model Y kostet mit vergleichbar üppiger Ausstattung deutlich mehr. Dafür haben diese einige ihrer Kinderkrankheiten schon hinter sich, etwa die massiven Software-Probleme, mit denen Volkswagens ID-Reihe arg zu kämpfen hatte. Oder die schlechte Verarbeitungsqualität und das miese Fahrwerk, über das sich Tesla-Fahrer häufig beklagten.
Bei Reichweite und Verbrauch hapert es
Doch auch Togg leistet sich Schwächen, wenn man genauer hinsieht. Die Ladeleistung von bis zu 180 Kilowatt ist ordentlich. 20 bis 30 Minuten dauert es an der Schnellladestation, bis der Akku von 20 auf 80 Prozent gefüllt ist. Eine fortschrittliche 800-Volt-Technologie, die sehr kurze Ladestopps ermöglicht, hat der T10X aber nicht an Bord. Ein Kia EV6 (Korea) oder BYD Sealion (China) schon. Und auch bei der Reichweite hapert es beim Togg. Nominal soll die Long-Range-Variante zwar mehr als 500 Kilometer weit kommen, bei einem durchschnittlichen Verbrauch von 19,1 Kilowattstunden. Doch in der Realität ist das kaum zu schaffen. Selbst mit moderatem Tempo und viel Stadtverkehr zeigte der Bordcomputer unseres Testwagens nach 100 Kilometern satte 23,6 Kilowattstunden an. Bei langen Autobahnfahrten sind auch 25 Kilowattstunden und mehr möglich. Unrealistische Verbrauchsangaben sind allerdings ein herstellerübergreifendes Phänomen: Beim neuen Tesla Model Y maß der ADAC über 21 Kilowattstunden, deutlich mehr als die 16,9 Kilowattstunden im Prospekt.
Schuld daran ist auch die Karosserieform. Tonnenschwere SUVs haben formbedingt eine ungünstige Aerodynamik, das gilt insbesondere für den fülligen Togg T10X. Für die Optik heuerte der Hersteller den deutsch-türkischen Designer Murat Günak an, der früher bei Volkswagen arbeitete. Zudem wirkte Pininfarina aus Italien bei der Gestaltung mit. Spektakulär anders wirkt der T10X dennoch nicht, eher wie ein Allerwelts-SUV. Also ziemlich wuchtig, eigentlich zu groß, zumindest im dichten Stadtverkehr und mit aggressiver Front. Doch dieses Konzept scheint nach wie vor en vogue: So nickt der Fahrer eines großen BMW-SUV an einer Straßenecke anerkennend, als er den Togg T10X erblickt.
Ständige Warntöne nerven sehr schnell
Und der digitale Budenzauber im Cockpit? Der elektrische T10X sei „das neue Symbol für smarte Mobilität in Deutschland“, erklärt der Hersteller. Zumindest wir waren damit beim Test aber einigermaßen überfordert. Ob man im Auto KI-Musik, Videoclips oder Shopping-Kanäle braucht, sei dahingestellt. Doch schon was das reine Fahren betrifft, geht ohne Touchscreens im Togg nicht viel. Klassische Schalter und Knöpfe sind auf ein Minimum reduziert, meist muss man irgendwo tippen oder wischen. Viele Funktionen verbergen sich irgendwo im Untermenü.
Dazu kommen permanente Warntöne und visuelle Hinweise, etwa wenn man den Blick von der Fahrbahn abwendet. Das Verhalten am Steuer wird nämlich von einer Innenraumkamera auf dem Armaturenbrett beaufsichtigt. „Please check the surroundings“, ermahnt uns das „Fahrer-Überwachungssystem“ beim Warten an der Ampel, weil Fußgänger die Straße queren. Über längere Zeit wirkt das Konzept nervtötend und geradezu kafkaesk. Dieser fahrende Computer ist vollgestopft mit Screens und digitalen Gimmicks, die man betrachten soll. Und gleichzeitig mahnt das System immerzu, bitte nur auf die Fahrbahn zu schauen. Bis dann plötzlich gar nichts mehr geht und die Bildschirme schwarz werden. Beim Einparken hängt sich die 360-Grad-Kamera des T10X auf – und es kommt zum Systemabsturz. Am Telefon erklärt uns ein Togg-Mitarbeiter, wie wir den Rechner mit einer speziellen Schalter-Kombination neu starten können. Nach einer halben Minute ist das System wieder ready.
Fairerweise muss man sagen: Software-Patzer leistet sich auch manch etablierter Hersteller. Togg will für Wartung und Reparaturen bald bundesweit Stützpunkte einrichten, voraussichtlich in Kooperation mit einem externen Partner. In der Türkei ist dies Bosch Car Services. Für Software-Updates müssen Kunden aber nicht in die Werkstatt, die würden online (over the air) aufgespielt, erklärt ein Mitarbeiter.
Neben dem T10X ist übrigens auch eine technisch baugleiche Limousine, der T10F, erhältlich. Im Fahralltag wird sich zeigen, wie solide die neuen E-Autos aus der Türkei sind und ob man es mit der digitalen Erlebniswelt womöglich übertrieben hat.