Die saarländische Handwerkskammer wählte kürzlich Hans-Ulrich Thalhofer zum neuen Hauptgeschäftsführer. Für ihn sind die Reformpakete des Bundes bislang nur ein erster Schritt. Klar sei jedoch, auch das Handwerk müsse sich verändern.
Herr Thalhofer, blicken wir zunächst auf das Reformpaket, das der Bund gerade auf den Weg bringt: Gibt es darin Dinge, die dem saarländischen Handwerk wirklich helfen?
Es ist ein erster Schritt. Der angekündigte Bürokratieabbau könnte unseren Betrieben helfen. Auch bei der Rentenreform gibt es gute Ansätze. Der große Wurf ist es aber insgesamt noch nicht, das haben wir auch von Verbänden und anderen Kammern wie auch vom Zentralverband des Deutschen Handwerks in Berlin gehört. Wichtig ist, dass ein echter Reformprozess in Gang kommt und unsere Betriebe wieder mehr Freiraum für ihre eigentliche Arbeit bekommen. Wir brauchen mutige Reformen, die die Wirtschaft wieder in die Lage versetzen, am Standort Deutschland zu investieren.
Welche Erwartungen werden aus Ihrer Sicht nicht erfüllt?
Bei Maßnahmen zur Senkung der Lohnnebenkosten sind wir immer noch bei ersten Ansätzen, aber noch nicht bei den großen Reformen, die eigentlich nötig wären. Bei den Sozialabgaben bewegen wir uns auf die 45, 50 Prozent zu. Das ist viel zu hoch. Wir müssen unter die 40 Prozent zurück. Es reicht nicht mehr, ein Pflaster aufzukleben. Auch die Sondervermögen sind ein Thema. Das sind, je nach Sichtweise, am Ende trotzdem Schulden. Diese Gelder müssen gezielt investiert werden, auch im Saarland, in den Infrastrukturausbau, die Digitalisierung, damit unser Wirtschaftsstandort für Unternehmen attraktiv wird.
Die Kürzung des Handwerkerbonus trifft die Mitgliedsbetriebe direkt. Wie schlägt das im Saarland durch?
Zunächst einmal ist es positiv, dass der Handwerkerbonus grundsätzlich bleibt. Im Gespräch war auch die komplette Streichung. Es ist gut, dass es dazu nicht gekommen ist. Noch mehr hätten wir es allerdings begrüßt, wenn es gar keine Kürzung gegeben hätte. Der Handwerkerbonus leistet einen wichtigen Beitrag gegen Schwarzarbeit und sorgt für mehr Aufträge für die Betriebe.
Auch umstritten ist die Attestpflicht am ersten Krankheitstag. Mehr Aufwand für die Betriebe?
Einerseits könnte die Attestpflicht die Selbstverantwortung des Arbeitnehmers und die Planbarkeit des Arbeitseinsatzes im Betrieb stärken. Andererseits bedeutet sie aber auch einen höheren organisatorischen Aufwand. Ein Kompromiss könnte eine Dreitagesfrist sein, das heißt eine Krankmeldung zunächst ohne ärztliches Attest, um sich auszukurieren. Letztendlich ist es eine Vertrauensfrage, ob mit oder ohne Attest. Hier sind sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer gefordert. Der Betrieb kann nur mit gesunden und zufriedenen Mitarbeitern langfristig erfolgreich sein. Aber auch die Beschäftigten müssen sich ihrer Verantwortung für den Betrieb bewusst sein.
Viele Betriebsinhaber im Rentenalter arbeiten mangels Nachfolge weiter, aber auch viele Angestellte. Welche Herausforderungen sehen Sie hier?
Wir müssen die Rahmenbedingungen so gestalten, dass sie Spielräume für ein längeres Erwerbsleben ermöglichen. Das muss sich im Arbeitsleben widerspiegeln. Betriebliches Gesundheitsmanagement ist da ein wichtiger Punkt, gerade für körperlich stark belastende Gewerke. Hier geht es auch um den Nutzen von Exoskeletten, um schwere Lasten besser heben zu können. Chancen sehe ich auch im Einsatz von Digitalisierung und Robotik, damit handwerkliche Fachkräfte sich auf die eigentliche Arbeit konzentrieren können. Hier ist ein Mix aus verschiedenen Lösungen gefragt.
Sachgrundlose Befristung, mehr Flexibilität in der Arbeitswoche, Sonntagsöffnung für Bäckereien – wie stehen Sie dazu?
Wir begrüßen, dass das wirtschaftliche Handeln der Handwerksbetriebe flexibler werden soll. Die Reduzierung der bürokratischen Lasten ist ein zentrales Thema. Das spart Zeit und Kosten für die Betriebe. Gerade die Digitalisierung der Verwaltungsleistungen insbesondere bei Bund, Land und Kommunen kann hier schon einen wichtigen Beitrag leisten.
Und beim Kündigungsschutz – könnte dies ein Einstellungshemmnis für Handwerksbetriebe werden?
Das Handwerk sucht dringend Auszubildende und Fachkräfte. Die Frage ist deshalb in meinen Augen vielmehr: Mit welchen Benefits binde ich gut qualifizierte Mitarbeiter an meinen Betrieb? Das Handwerk ist dankbar für jede Fachkraft. Unsere Konjunkturumfragen bestätigen es: Das Handwerk hält an seinen Beschäftigten fest, und das gerade auch in Krisenzeiten. Auch an der Stelle ist das Handwerk ein wichtiger Stabilitätsfaktor für die saarländische Wirtschaft.
Nachhaltigkeit ist ein wichtiges Thema für Sie. Ist denn zirkuläres Bauen für die saarländische Bauwirtschaft schon Praxis- oder eher Konferenzthema?
Es wird Praxisthema, das haben wir vor ein paar Monaten schnell gemerkt, mit Blick auf den Iran-Krieg, vor dem Hintergrund der Situation in der Ukraine – auf einmal wurden Rohstoffe viel teurer. Zirkuläres Bauen senkt Materialkosten und wirft die Frage auf: Muss ich alles teuer einkaufen, oder habe ich im Land schon Material, das ich anders nutzen kann? Da ist schon viel im Gange, nur ist die Frage, auf welchem Qualitätslevel wiederverwendet wird. Das ist auch ein Feld für neue Wirtschaftszweige und Arbeitsplätze im Saarland, wir haben hier viele gut ausgebildete Techniker aus der Automobil- und Stahlindustrie. Ab der zweiten Jahreshälfte bauen wir in unserer Handwerkskammer eine Servicestelle auf. Ziel ist ein Netzwerk mit Handwerksbetrieben, Architekten, Ingenieuren und Industrie. Unsere Aufgabe wird es dann sein, die Erkenntnisse in Weiterbildungsangebote für unsere Betriebe zu übersetzen.
Was muss sich noch ändern, damit diese Art von Bauen wirtschaftlich attraktiv wird – sprechen wir über Normen?
Ja, aber auch über Sichtweisen. Entscheidungsfindung läuft meist über die Fragen: Was kostet es morgen? Was ist am günstigsten? Was bestellt wird, wird gebaut. Hier herrscht Nachholbedarf auf der Nachfrageseite. Die Sichtweise muss sich ändern, hin zur Betrachtung über die Lebenszeit eines Gebäudes, auch mit Blick auf den Rückbau. Es gibt Kommunen im Saarland, die das schon vorbildlich und mit großem politischen Willen gelöst haben.
Sie haben gesagt, im Saarland stand jahrzehntelang die Industrie im Mittelpunkt, jetzt rückt das Handwerk stärker in den Fokus. Was muss sich ändern?
Wir sind industriegeprägt. Das ist die Historie unseres Landes. Industrie ist ein wichtiger Wirtschaftsbereich der Saarwirtschaft. Doch wir sehen auch, wie sich Märkte verändern, und die Industrie das auch zu spüren bekommt, bis hin zum Abbau von industriellen Arbeitsplätzen. Das Handwerk dagegen erweist sich auch in Krisenzeiten als wirtschaftlich robust. Deshalb muss sich die Politik noch stärker als bisher auf die kleinen und mittleren Betriebe fokussieren. Es gilt, eine heterogene Wirtschaftsstruktur zu schaffen, die damit auch weniger konjunkturanfällig ist. Darüber hinaus haben sich auch geopolitisch die Dinge stark verändert. Die zahlreichen Krisen und Kriege nehmen starken Einfluss auch auf unsere Wirtschaft. Wirtschaft und Gesellschaft müssen sich den neuen Herausforderungen anpassen. Resilienz ist hier ein wichtiges Stichwort. Sicherheitsfachleute raten zu dezentralen Strukturen. Mein Beispiel ist die Großbäckerei: Gibt es einen Cyberangriff oder fällt der Strom aus, kann tagelang nicht gebacken werden, und schon gibt es ein Versorgungsproblem in der Region. Das passiert nicht, wenn wir viele dezentrale Strukturen haben, bei Bäckereien, Fleischereien oder anderen Dienstleistungen. Das konnten wir in der Pandemie beobachten. Politisch geht der Trend aber gerade zu großen Einheiten, großen Schlachthäusern. Da braucht es ein Umdenken – dezentrale Strukturen sind auch ein Garant für Ausbildungs- und Arbeitsplätze und für resiliente Infrastruktur im ländlichen Raum. Viele Bürgermeister merken das: Verschwindet der Handwerksbetrieb im Ort, fehlt plötzlich eine Dienstleistung. Das senkt die Attraktivität für junge Leute, die darüber nachdenken, sich in der Region niederzulassen.
Rund 2.000 Handwerksbetriebe im Saarland stehen mit Blick auf die nächsten fünf Jahre zur Übernahme an, ohne Nachfolger. Wie ist die Perspektive für angehende Meister?
Die ist hervorragend. Wer etwas bewegen und stetig dazulernen möchte, hat im Handwerk hervorragende Entwicklungsmöglichkeiten. Mit Anfang 20 können Sie, wenn Sie das durchziehen, schon Meister und Unternehmer sein, können gründen oder übernehmen. Einen bestehenden Betrieb zu übernehmen, kann für Existenzgründer eine attraktive Variante zur Gründung sein.
Trotzdem wird immer wieder über die Meisterpflicht diskutiert. Wo stehen Sie da?
Die Meisterqualifikation ist unsere Top-Ausbildung, das ist das Gütesiegel im Handwerk, bundesweit und weltweit anerkannt. Sie sorgt für eine hohe Qualität der handwerklichen Leistung und trägt wesentlich zur wirtschaftlichen Stabilität der Betriebe bei. Gleichzeitig arbeiten wir bei den Anerkennungsverfahren daran, qualifizierten ausländischen Fachkräften den Einstieg zu erleichtern.
Sie wollen die Handwerkskammer zu einem modernen Dienstleister umbauen. Wie stellen Sie sich das Haus in zehn Jahren vor?
Zentral ist der Neubau unserer Bildungsstätte, eine große Investition des saarländischen Handwerks, aber auch von Land und Bund – die modernste handwerkliche Bildungsstätte des Saarlandes. In unserem Neubau werden zukünftig angehende Fachkräfte im Saarland ihr Handwerk erlernen. Unsere neue Bildungsstätte kann auch ein Ort sein, an dem sich ehemalige Beschäftigte aus der Industrie neu orientieren können. Digitalisierung, Nachhaltigkeit, Klimafolgenanpassung und zirkuläres Wirtschaften werden die Wirtschaft noch stärker prägen. Diesen Entwicklungen will unsere Handwerkskammer in der zukünftigen Ausrichtung ihres Bildungsangebots wie auch in ihrer eigenen Arbeit Rechnung tragen. In der Verwaltung müssen wir uns noch stärker digitalisieren und KI gezielt und bewusst einsetzen, um unseren Mitgliedsbetrieben ein durchgehend digitalisiertes Leistungsangebot zu bieten. Bis dorthin ist es noch ein langer Weg, aber wir haben das Ziel klar vor Augen.
Und das sichtbarste Ergebnis Ihrer Amtszeit – was wäre das?
Die neue Bildungsstätte ist in Betrieb, gut angenommen, das Weiterbildungsangebot gut aufgestellt. Und landespolitisch: dass das Handwerk stärker in den Fokus rückt, als Garant für Arbeitsplätze, Infrastruktur und Ausbildung, in der Stadt wie auf dem Land – und dass es uns im Schulterschluss mit der Politik gelingt, Rahmenbedingungen zu gestalten, unter denen das Saarhandwerk sein volles Potenzial entfalten kann.
Und nun eine persönliche Frage: Was hat Sie bewogen, sich als neuer Hauptgeschäftsführer zur Verfügung zu stellen?
Ich hatte fast mein ganzes Berufsleben mit dem saarländischen Handwerk zu tun, lange über meine Tätigkeit beim Saar-Lor-Lux Umweltzentrum und zuletzt beim Arbeitgeberverband der Saarländischen Bauwirtschaft. Mein Urgroßvater war übrigens auch Handwerker, Bäckermeister. Beruflich war ich viel auf dem Land unterwegs und habe gesehen, wie wichtig das Handwerk für einen lebendigen ländlichen Raum ist. Wir befinden uns in spannenden Zeiten, man kann mitgestalten. Den meisten ist inzwischen klar, dass es nicht so weitergeht wie in den vergangenen 50 Jahren, sondern dass wir uns neu erfinden müssen. Das mitzugestalten macht diese Aufgabe total spannend.
Eine Handwerkskammer gilt oft als schwerfällige Verwaltung. Wie blicken Sie darauf?
Dass Kammern oft als schwerfällig gelten, kann ich nicht bestätigen. Wir haben hier engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, hoch motiviert, mit guten Ideen. Natürlich sind wir als Körperschaft des öffentlichen Rechts mit hoheitlichen Aufgaben betraut, für deren Wahrnehmung wir klar geregelte Abläufe haben. Doch im Kern sind wir eine dienstleistungsorientierte Verwaltung, die sich um die Anliegen des saarländischen Handwerks kümmert. Wir bieten ein vielfältiges Beratungsangebot, dass für unsere Mitgliedsbetriebe kostenfrei ist. Für uns stehen die saarländischen Betriebe und ihre Beschäftigten im Mittelpunkt. Natürlich gibt es, wie in jeder Organisation, stetigen Anpassungsbedarf an neue Herausforderungen. Das ist ein kontinuierlicher Prozess und wir stellen uns diesen Herausforderungen.