Die Corona-Pandemie hat der Bedeutung und Anziehungskraft des Sports gerade bei der jüngeren Generation schwer geschadet. Inzwischen allerdings befinden sich die Verbände und ihre Vereine wieder auf der Überholspur und bieten sich im digitalen Zeitalter als sinnstiftende Alternativen zum Sofasport an.
Aktiver Sport ist offenkundig wieder in – gerade auch bei Kindern und Jugendlichen: Am gerade wieder verbesserten Mitgliederrekord im deutschen Sport und seinen Vereinen ist der vermeintlich immer antriebsloser gewordene Nachwuchs erneut überdurchschnittlich beteiligt.
Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) zählte in seiner Mitte November veröffentlichten „Bestandserhebung 2025“ rund 29,3 Millionen Mitgliedschaften in rund 86.000 Vereinen, das bedeutet einen Zuwachs von 625.704 Personen oder ein Plus von 2,18 Prozent. Die Nachwuchsabteilung vermeldet sogar einen noch höheren Zustrom. Die Altersgruppe von den Babys bis zu den Sechsjährigen wuchs um 4,1 Prozent (gut 65.000 Kinder mehr) und der Bereich der Sieben- bis 14-Jährigen sogar um 4,58 Prozent (gut 207.000 Personen mehr). Der DOSB bezeichnet diese Entwicklung als „besonders wichtig: Kinder und Jugendliche, die bereits in frühem Alter den Zugang zum Sport finden, bleiben statistisch länger Mitglied in einem Verein und führen ein bewegungsreicheres Leben“.
Der aktuellen DOSB-Statistik zufolge lassen sich auch Unterschiede zwischen den Geschlechtern und Altersgruppen erkennen. Die Höchstwerte erzielt die Altersgruppe der Sieben- bis 14-Jährigen mit 85 Prozent der Jungen und 64 Prozent der Mädchen im Sportverein. Der Abwärtstrend beginnt im Jugendalter zwischen 15 und 18. In diesem Alter sind 65 Prozent der Jungen und 45 Prozent der Mädchen im Sportverein – danach verstetigt sich die Abnahme der Mitgliederzahlen.
Mit dem Alter sinken die Zahlen
Kinder- und Jugendsport allerdings ist ungeachtet seiner vielfältigen Betätigungsmöglichkeiten weit mehr als Bewegung. Er bildet, schützt, stärkt – und trägt in beeindruckender Weise zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei. Zu diesem Ergebnis kam Ende Oktober die jetzt veröffentlichte SROI-Analyse (Social Return on Investment) im Auftrag der Deutschen Sportjugend (DSJ): Demnach schafft der Kinder- und Jugendsport in Deutschland einen gesellschaftlichen Wert von über 34 Milliarden Euro pro Jahr.
Die Analyse ist das Resultat der ersten wissenschaftlichen Untersuchung der täglichen Leistungen von Millionen Ehrenamtlichen und engagierten Personen für die mehr als zehn Millionen Kinder und Jugendlichen – ob auf dem Dorf oder in der Millionenmetropole. Sie lernen Teamgeist, übernehmen Verantwortung, erleben Teilhabe und wachsen in Strukturen auf, die ihnen Halt geben.
„Diese Zahl muss endlich ein Weckruf an Politik und Gesellschaft sein“, betont der DSJ-Vorsitzende Stefan Raid: „34 Milliarden Euro jährlich – das ist kein Nebeneffekt, sondern das Ergebnis von Millionen Stunden Engagement. Kinder- und Jugendsport ist keine Nebensache, sondern eine Zukunftsinvestition.“
Denn die Analyse zeigt: Jeder investierte Euro in den Jugendsport zahlt sich mehrfach aus und erzeugt ein Vielfaches an gesellschaftlichem Nutzen – in Form von Gesundheit, Bildung, wirtschaftlicher Wertschöpfung und sozialem Zusammenhalt. Allein gesundheitlich entlastet Bewegung in jungen Jahren das System enorm – durch verbesserte körperliche und mentale Gesundheit entstehen Einsparungen von rund 2,5 Milliarden Euro jährlich. Gleichzeitig schafft Sport ökonomische Impulse: Sportstättenbau, Ausrüstung, Kleidung und lokale Dienstleistungen generieren eine Wertschöpfung von mehr als 16 Milliarden Euro pro Jahr.
Der eigentliche Gewinn allerdings liegt im sozialen Zusammenhalt: Kinder und Jugendliche erfahren im Sportverein Werte wie Fairness, Respekt und Verantwortung. Sie begegnen Vielfalt, lernen Integration – unabhängig von Herkunft, Religion oder Einkommen.
Großes Engagement
Das betont auch DSJ-Vorstandsmitglied und -Geschäftsführer Leon Ries in Verbindung mit Erwartungen seiner Organisation: „Unsere Analyse zeigt: Wer in junge Menschen im Sport investiert, stärkt Bildung, Gesundheit und Demokratie gleichermaßen. Damit dieser Wert erhalten bleibt, brauchen wir eine strukturelle Absicherung – etwa durch einen Sportjugend-Euro und eine verlässliche Förderung des Ehrenamts. Wenn wir heute in den Jugendsport investieren, investieren wir in das Fundament einer gesunden, demokratischen und solidarischen Gesellschaft.“
Tatsächlich engagieren sich rund zwei Millionen junge Menschen als Trainer, Schiedsrichter, Jugendsprecher oder Organisatoren. Der monetäre Gegenwert dieser freiwilligen Arbeit wird auf 4,8 Milliarden Euro jährlich geschätzt – ein Beitrag, den kein staatliches Programm ersetzen könnte.
Zudem stellt der Verein für viele Kinder und Jugendliche weit mehr als nur einen Ort für die Ausübung von Sport dar: Der Verein ist ein zweites Zuhause, ein Raum für Bildung, Verantwortung und Freundschaften – und für viele der erste Ort gesellschaftlicher Teilhabe außerhalb von Schule und Familie.
Trotz des positiven Trends der gestiegenen Mitgliederzahlen stehen die Vereine jedoch vor der permanenten Herausforderung, für junge Menschen attraktiv, zugänglich und gesellschaftlich aktiv zu bleiben. Als entsprechende Grundvoraussetzung dafür benötigen Vereine sichere, funktionsfähige Sportstätten und -plätze sowie ausreichend qualifiziertes Personal. Steigende Energiekosten, Ausgaben für Ausrüstung und Teilnahmegebühren bei Wettkämpfen setzen die Vereine insbesondere finanziell stark unter Druck. „Viele Vereine haben begrenzte Möglichkeiten, ihre Einnahmen zu steigern, sei es durch Sponsoren oder höhere Mitgliedsbeiträge, zumal sie für junge Menschen immer noch bezahlbar und offen für alle bleiben wollen. Besonders Vereine mit eigenen Sportstätten oder regelmäßiger Wettkampfteilnahme leiden zunehmend unter dem wachsenden Investitionsstau. Es ist daher notwendig, die Sportanlagen und Kommunikationswege in den Sportvereinen zu modernisieren sowie bürokratische Hürden insgesamt abzubauen, damit junges Engagement überhaupt weiterhin möglich wird“, fordert die DSJ.
Auch wenn der Anteil bezahlter Beschäftigter in Sportvereinen gestiegen ist, basiert die Arbeit der meisten Vereine weiterhin auf ehrenamtlichem Engagement. Deswegen ist es wichtig, Engagement gerade auch für junge Menschen attraktiver zu gestalten und weitgehend von administrativen Aufgaben zu befreien, damit sie sich auf ihre Kernaufgabe im Sport und vor allem auf ihre Teams und Sportler konzentrieren und in ihrem eigentlichen Bereich wirken können.
Vereine im Wandel
Betrachteten sich 2012 noch rund 91 Prozent der Sportvereine als Mitgliederorganisation, so waren es zehn Jahre später nur noch 71 Prozent. Die Autoren der Studie interpretieren die Entwicklung als Ausdruck einer veränderten Auffassung der Bürger, für die Vereine zunehmend als Dienstleister zu fungieren hätten. Gleichzeitig aber ist der Sportverein für die Befragten bedeutsam geblieben, weil dort Verantwortungsbewusstsein, Selbstwirksamkeit sowie Konflikt- und Dialogfähigkeit erlernt werden. Die Bildungsdimension des Vereins spielt weiterhin eine große Rolle.
Ein weiteres Phänomen ist der zunehmende Wandel in der Wahrnehmung von Sportvereinen. Interessant dabei ist, dass rund ein Viertel der Sportvereine, die sich in den letzten zwölf Jahren gegründet haben, keinem Sportverband angeschlossen sind und entsprechend auch nicht an Wettkämpfen oder am Ligabetrieb teilnehmen.
An dieser Stelle scheint sich ein Trend hin zu Spaß-, Freizeit- und Gesundheitssport zu etablieren. Diese neue „Sparte“ tritt neben den traditionellen Sportverein und zeugt von einer differenzierten Rolle des Sports im Leben der Vereinsmitglieder – nicht selten von Kindesbeinen an.