Viele junge Geflüchtete scheitern in deutschen Schulen. Die vor 25 Jahren gegründete SchlaU-Schule in München betrachtet ihre Schüler ganzheitlich. Der Aufwand lohnt sich. Fast alle schaffen den Abschluss.
Abeba sieht älter aus, als sie ist. Eine groß gewachsene junge Frau, die weiß, was sie will. Ihre Geschichte: Flucht aus Eritrea, Schwangerschaft, Trennung, Schule bis zum Abschluss, Kind und vor allem Deutsch lernen. Heute erzählt sie flüssig, mit sprachlichen Fehlern, aber gut verständlich. Ihre Ausbildung zur zahnmedizinischen Fachangestellten hat sie bestanden – alleinerziehend mit zwei Kindern. Oft war sie nach der Arbeit so müde, dass sie beim Lernen für die Berufsschule fast eingeschlafen wäre. Doch Abeba hatte verstanden, dass sie ohne Schulabschluss und Berufsausbildung in Deutschland keine Chance haben würde. So hat sie durchgehalten, immer weitergemacht.
LewoS: Lernen beginnt mit Stabilität
Im LewoS-Projekt („lebensweltorientierte Stabilisierung“) lernen Jugendliche in kleinen Klassen mit höchstens 16 Schülerinnen und Schülern. „Viele können in ihrer Muttersprache weder lesen noch schreiben“, berichtet Michael Schütz aus dem Leitungsteam der SchlaU-Schule. Sie müssen erst verstehen, wie Schule funktioniert: pünktlich da sein, Ruhe im Unterricht, sich melden, still sitzen. Selbstverständlichkeiten, die für sie neu sind.
„Einige schlafen im Unterricht ein. Nachts liegen sie wach, oft gequält von Angst“, etwa um Angehörige in der Heimat. Andere zappeln, rufen dazwischen, sitzen teilnahmslos auf ihren Stühlen, starren ins Leere. Was sie heute lernen, haben sie morgen schon wieder vergessen.
„Aber wenn sie Vertrauen fassen, wird es besser“, sagt Lehrerin Alexandra Maleeva. Sie erinnert sich an eine junge Frau, die in ihrer Heimat nie zur Schule gegangen war. Sie konnte weder lesen noch schreiben und kannte nur ein paar deutsche Wörter. Nach zwei Jahren erreichte sie die Berufsintegrationsklasse, die in Kooperation mit der städtischen Berufsschule für Berufsintegration angelegt ist. Diese unterrichten speziell berufsschulpflichtige junge Leute, die ihre Berufsreife noch nicht erreicht haben und ihre Deutschkenntnisse verbessern möchten.
„Von null auf Berufsschulniveau – das ist kein Einzelfall“, freut sich die Lehrerin über einen ihrer größten Erfolge. Maleeva stammt selbst aus Usbekistan. Sie weiß, wie schwer es ist, Deutsch zu lernen. Sie unterrichtet streng, mit klaren Ansagen und Engagement. Sie motiviert ihre Schülerinnen und Schüler, auch wenn etwas mal nicht klappt. Vor allem braucht sie Zeit und Geduld. „Wenn man eine Aufgabe dreimal wiederholt, dann kann man das auch viermal wiederholen, wenn jemand das verpasst hat.“
Ressourcenorientiert: Stärken statt Schwächen
Die Schule arbeitet nach dem sogenannten ressourcenorientierten Ansatz. Die Lehrkräfte ermitteln, was die Schülerinnen und Schüler können, und bauen darauf auf. Fragt man Bewerberinnen und Bewerber, antworten die meisten, dass sie bisher „nichts gemacht“ hätten. Doch das stimmt nicht, erklärt Michael Schütz. „Sie haben auf Bauernhöfen gearbeitet, auf Märkten verkauft, Familien unterstützt.“ Die SchlaU-Schule erkennt solche Erfahrungen als wertvolle Ressource.
Individuell fördern – mit Erfolg
Dank Spenden, EU- und städtischer Förderung können sich die Lehrkräfte an der SchlaU-Schule intensiv um die einzelnen Schülerinnen und Schüler kümmern. Bei Bedarf gibt es Nachhilfe von einem der ehrenamtlich Engagierten und psychosoziale Unterstützung durch den psychologischen Fachdienst. Träger der Privatschule ist der Trägerkreis Junge Flüchtlinge e. V.
So kann sich die Schule auch die Räume leisten: eine ganze Etage in einem gepflegten Bürogebäude. An den Türen hängen Zettel mit den deutschen Bezeichnungen der Räume. Zu Einzelbesprechungen oder zum Lernen kann man sich in kleine Insel-Räume zurückziehen.
Die M10-Klasse bereitet auf die Mittlere Reife vor. Ergebnis: Alle Absolventen des letzten Jahrgangs haben bestanden. Wer eine Ausbildung machen möchte, besucht anschließend die ÜSB-Klassen („Übergang Schule/Beruf“). Dort gibt es Bewerbungstraining und Deutschunterricht für den Beruf.
Lehrer mit Leidenschaft
Regine Pell unterrichtet eine M10-Klasse. „16 motivierte junge Menschen. Klug. Engagiert.“ Pell liebt ihren Job. „Ein Traum“, sagt sie. Als Klassenlehrerin hat sie zusätzliche „Anrechnungsstunden“, in denen sie den Jugendlichen bei der Zukunftsplanung hilft oder „mal beim Arzt anruft“, wenn jemand keinen Termin bekommt. „Manche benötigen Hilfe bei Behördengängen. Andere ein offenes Ohr.“ Die Schule hilft – auch nach dem Abschluss.
Ein Netzwerk, das trägt
Ehemalige kommen zurück. Sie berichten von Jobs, Ausbildungen, Studienplätzen. „Die Schule bleibt ein Anker“, sagt Schütz. „Hier findet jeder Unterstützung.“ Inzwischen auch junge Geflüchtete aus der Ukraine.
Im Ukraine-Projekt der SchlaU-Schule lernen ukrainische Jugendliche in Zusammenarbeit mit zwei Partnerschulen in Ternopil nach dem ukrainischen Lehrplan mit zusätzlichem Deutschunterricht. Den Unterricht leiten, außer im Fach Deutsch, geflohene ukrainische Lehrkräfte. Die Schüler lernen nach einem „Blended-Learning-Lehrplan“: 20 Prozent online und 80 Prozent in Präsenz. Sie erhalten den ukrainischen Schulabschluss und können anschließend hier und dort weiterlernen. Für das Studium in Deutschland ist der Besuch des studienvorbereitenden Studienkollegs notwendig. Für ein Studium in der Ukraine benötigen sie noch die ukrainische Hochschulzugangsberechtigung. Den hierfür qualifiizierenden National Multi Test (NMT) können sie ebenfalls an der SchlaU-Schule ablegen.
Der 17-jährige Maksim hat zu Kriegsbeginn angefangen, Deutsch zu lernen. Jetzt ist er drei Jahre in München und spricht mit Akzent und Fehlern fließend. Mit der SchlaU-Schule ist er sehr zufrieden, vor allem weil er hier den Kontakt zur Heimat halten kann. In München vermisst er „nur den Borscht“, eine gehaltvolle, typisch ukrainische Suppe. Nach der Schule will er „weiter lernen, wahrscheinlich studieren“.
Auch Abeba ist froh, dass sie die SchlaU-Schule besuchen konnte. „Alleine“, sagt sie, hätte sie mit ihren zwei Kindern den deutschen Schulabschluss nicht geschafft. Die Schule sei „ihr zweites Zuhause“. Wenn ich Hilfe brauche, bin ich immer hier.“