Der XXL-Umbruch von Alba Berlin endet mit einem unerwarteten Titel. Eigentlich wollte der Club mit seinen Multimillionen-Projekten erst in ein paar Jahren dem FC Bayern wieder komplett auf Augenhöhe begegnen.
Auch den Regierenden Bürgermeister hat das sensationelle Comeback von Alba Berlin im Herzschlag-Finale der Basketball-Bundesliga gepackt. „Was für ein unglaublicher Final-Krimi, bei dem ihr bis zur letzten Sekunde die Nerven behalten habt“, schrieb Kai Wegner via Social Media als Glückwunsch an das siegreiche Team: „Der Titel ist endlich wieder in Berlin – genau da, wo er hingehört. Berlin ist stolz auf Euch!“ Wegner lud Alba dann auch ins Rote Rathaus ein, wo die Mannschaft sich ins Goldene Buch der Stadt eintragen durfte und geehrt wurde. Neben Wegner war auch Sportsenatorin Iris Spranger dabei. „Alba hat einmal mehr bewiesen, dass mit Teamgeist, Leidenschaft und sportlichem Ehrgeiz Großes erreicht werden kann“, sagte Wegner: „Die Spieler und das gesamte Team sind sportliche Champions und damit auch herausragende Botschafter unserer Sportmetropole Berlin.“
„So richtig glauben kann ich es nicht“
Der Besuch bei der hohen Politik der Stadt war aber nur eine Station des Feier-Marathons für die Basketballer. Unmittelbar nach dem Triumph im fünften und letzten Play-off-Spiel beim favorisierten FC Bayern hatten sie es schon auf dem Parkett, in der Kabine und auf der anschließenden Rückreise im Zug krachen lassen. In Berlin angekommen ging die Meister-Party weiter, und auch mit den Fans wurde im Jahnsportpark beim offiziellen Saisonabschluss gefeiert. „Jetzt hier zu stehen, vor den Fans: Da merkt man das schon“, antwortete Kapitän Jonas Mattisseck auf die Frage, ob er schon realisieren könne, dass Alba tatsächlich den zwölften Meistertitel gewinnen konnte. „Aber so richtig glauben kann ich es nicht“, ergänzte er, „und es wird wohl auch noch eine Weile dauern, bis ich es verkraftet habe.“
Zu irre war die Art und Weise des Weges zum Titel. Im Final-Showdown sprach zunächst alles für die Bayern, die zur Halbzeit 20 Punkte in Führung lagen. Doch angetrieben durch Mattisseck und Justin Bean, die am Ende jeweils 18 Punkte auf dem Konto hatten, belohnten sich die Albatrosse für eine bemerkenswerte Aufholjagd. Beim kaum zu glaubenden 26:2-Lauf spielte sich Alba förmlich in einen Rausch, der noch lange nachhallen wird. Klasse? Glück? Wille? Teamgeist? Schwäche des Gegners? Über die Gründe für das außergewöhnliche Comeback durfte gerätselt werden. „Es kommt alles so ein bisschen zusammen“, sagte Mattisseck: „Ich glaube, dieser Teamgeist hat uns im Spiel gehalten. Damit konnten wir das Spiel noch rumdrehen und die Bayern, die vielleicht auch ein bisschen müder waren als wir, noch schlagen.“
Am Ende durften die Berliner wieder in München die Trophäe im Konfetti-Regen in die Höhe recken, so wie schon bei den drei Meistertiteln zuvor in den Jahren 2020, 2021 und 2022. Das machte die Niederlage für die Bayern nur noch bitterer. „Wir haben uns zu sehr in die Spirale reinlaufen lassen und sind dann nicht mehr rausgekommen“, sagte der Münchner Welt- und Europameister Justus Hollatz: „Wir haben komplett den Faden verloren. Auch Bayerns Trainer-Ikone Svetislav Pesic, der in seinem letzten Spiel vor der Basketball-Rente ohne den von ihm erhofften Titel abtrat, war ratlos ob der Ereignisse. „Ich habe bisher in meiner Zeit bei den Bayern noch nie diese Situation gehabt, dass wir unser Konzept verloren haben“, sagte er. Ihm sei es in der gesamten Saison nie gelungen, „ein echtes Team zu formen“. Und genau deshalb scheiterten die individuell klar besser besetzten Münchner an einem Berliner Team, das diesen Namen auch wirklich verdiente.
Berlins Meistertitel kommt auch deshalb so überraschend, weil es die erste Saison ist, in der der Club nach dem selbstgewählten Aus in der Euro-League eigentlich kleinere Brötchen backen wollte. Oder musste. Das Budget wurde deutlich gekürzt, Topspieler konnten nicht gehalten beziehungsweise nicht verpflichtet werden. „Natürlich kalkulieren wir vorsichtiger. Und wir spielen ja nicht mehr gegen Real Madrid, sondern gegen Gegner, die nicht ganz so namhaft sind“, sagte Geschäftsführer Marco Baldi mit Blick auf den internationalen Start in der drittklassigen Champions League. Als der Saisonstart mit drei Pleiten in den ersten vier Pflichtspielen auch noch verpatzt wurde, machte sich bei einigen Fans schon Alarmstimmung breit. Nicht aber bei Sportdirektor Himar Ojeda. Er mahnte zur Ruhe: „Wir sind immer noch in einem Prozess, etwas aufzubauen.“ Und Ojeda behielt Recht. Der nicht immer unumstrittene Trainer Pedro Calles bekam die Zeit, Automatismen in seinem Team voranzutreiben, die seinen Vorstellungen vom perfekten Spiel nahekommen.
Der Trainer bleibt fest im Sattel
„Ich fand das, was die Menschen über mich gesagt und geschrieben haben, manchmal ein bisschen unfair“, sagte Calles nun in der Stunde des Triumphs. Die Kritik, dass er offensiv keine Lösungen in engen Spielen parat habe und Spieler nur bedingt weiterentwickeln könne, ist mit dem Titel aber vorerst verstummt. Der im Januar 2025 zunächst als Assistent für den damaligen Chefcoach Israel Gonzalez gekommene Calles kann nun viel befreiter arbeiten, ohne sich ständig beweisen zu müssen. Seine Mannschaft weiß der Spanier ohnehin hinter sich. Bei der Meister-Party im Zug auf dem Weg zurück nach Berlin legten der Trainer und Kapitän Mattisseck im Jubelrausch die Stirnen aneinander, und der Spieler sagte zum Coach: „Du hast an uns geglaubt. Du hast verdammt noch mal an uns geglaubt.“
Während auf der Trainerposition alles klar ist, dürfte es auf Spielerseite Veränderungen im Kader geben. Nach Saisonende besaßen nur vier Spieler einen gültigen Vertrag für die Spielzeit 2026/27: Neben Mattisseck sind das noch Malte Delow, Sam Griesel und Norris Agbakoko. „Wir sind in einem herausfordernden Moment, denn idealerweise sollten wir in der zweiten Phase des Aufbauprozesses sein“, sagt Sportdirektor Ojeda. Er würde gern die Leistungsträger Justin Bean (29) und Martin Hermannsson (31) halten, doch ihre Verträge laufen aus. Privat fühlen sich beide wohl in Berlin und im Club. „Alba ist alles für mich und meine Familie“, sagte Bean: „Ich durfte hier wachsen, dafür bin ich dankbar. Berlin ist mittlerweile eine zweite Heimat für mich.“ Power Forward Michael Rataj kann sich ebenfalls vorstellen, zu bleiben. Doch genau wie bei Bean und Hermannsson gilt auch bei dem 22-Jährigen: Das finanzielle Paket muss stimmen.
Shootingstar Jack Kayil (20) dürfte nach dem NBA-Draft kaum zu halten sein, auch wenn er anders als die beiden anderen deutschen Top-Talente Hannes Steinbach und Christian Anderson jr. nicht in der ersten Runde ausgewählt wurde. Der Guard, der mit seiner Übersicht, seinem Spielverständnis und seinen Fähigkeiten als Pick-and-Roll-Spieler den Berlinern fehlen wird, muss ersetzt werden. Die gute Nachricht: Talente haben am Beispiel von Kayil gesehen, dass man sich bei Alba nach wie vor sehr gut entwickeln und auf Top-Niveau viel Einsatzzeit bekommen kann. Und auch die Perspektive von Alba stimmt: Der Club will ab Oktober 2027 Teil der NBA Europe sein und treibt dafür auch den Umzug in eine neue, hochmoderne Halle in Berlin-Adlershof voran. Die Multimillionen-Projekte sind Investitionen in die Zukunft, damit ein Alba-Meistertitel schon sehr bald nicht mehr so überraschend kommt wie der in diesem Jahr.