Starker Saisonstart, großer Umbruch, aber auch der bekannte Druck im Umfeld: Hannover 96 hat einen neuen Anlauf Richtung Bundesliga genommen. Trainer Christian Titz soll es endlich richten.
Hannover 96 hat sich in den ersten Wochen der neuen Zweitligasaison sportlich eine ordentliche Ausgangslage verschafft. Siege zum Auftakt, dazu ein souveräner Eindruck in der Vorbereitung – auf dem Papier liest sich der Start in die Spielzeit 2025/26 vielversprechend. Doch wer in Hannover genauer hinhört, erkennt schnell, dass es nicht nur um Punkte und Tabellenplätze geht. Der Club ist seit Jahren eine einzige Baustelle, nicht nur sportlich, sondern auch strukturell und atmosphärisch. Und so steht jeder gelungene Auftritt der Mannschaft auch im Schatten einer Vereinsführung, die wiederholt falsche Entscheidungen getroffen hat, sowie einer Fanszene, die seit Jahren im offenen Konflikt mit Martin Kind lebt. Der Versuch, mit Christian Titz als neuem Trainer endlich Ruhe und sportlichen Erfolg zu vereinen, ist in Wahrheit mehr als nur eine sportliche Wette – es ist ein Balanceakt, der über die Zukunft des Vereins entscheiden könnte. Die Pokal-Niederlage bei Drittligist Energie Cottbus wurde noch mehr oder weniger weggelächelt.
Mann dämpft die Erwartungen
Sportdirektor Marcus Mann hatte bereits im Rahmen des großen Saisoneröffnungsfests von einem „Brett“ gesprochen, wenn es um das Auftaktprogramm ging. Kaiserslautern zu Hause, Düsseldorf auswärts, Magdeburg daheim, Kiel in der Ferne und dann Hertha BSC – diese Spiele seien, so Mann, eine große Herausforderung. Doch er relativierte zugleich: Egal, welche Gegner man zu Saisonbeginn erwischt hätte, leicht sei es ohnehin nicht. Die 2. Liga sei „jede Woche eine große Herausforderung“. Dass die ersten beiden Aufgaben gegen Kaiserslautern und Düsseldorf mit 1:0 und 2:0 gewonnen wurden, ist daher ein Start, wie ihn sich die Verantwortlichen schöner kaum hätten ausmalen können. Allerdings wurde das Hochgefühl schnell wieder abgekühlt: Im DFB-Pokal folgte ein ernüchterndes 0:1 bei Energie Cottbus, ein Rückschlag, der deutlich machte, dass der Neuaufbau noch längst nicht abgeschlossen ist.
Der große Umbruch am Maschsee war notwendig geworden, weil Hannover in den vergangenen Jahren den selbst gesteckten Ansprüchen nicht gerecht werden konnte. Der vergebliche Aufstiegsversuch mit André Breitenreiter als Kurzzeitlösung steht dabei sinnbildlich für das Chaos, das den Verein seit langem begleitet. Als im vergangenen Winter die Entscheidung fiel, Stefan Leitl zu entlassen, schien Breitenreiters Rückkehr vielen eine logische Lösung. Der ehemalige Aufstiegscoach sollte neue Energie bringen, das Umfeld einen und sportlich das fehlende Stück zum großen Ziel beisteuern. Doch der Versuch scheiterte kläglich, Hannover rutschte in der Rückrunde ab und beendete die Saison auf Platz zehn. Mann spricht noch heute davon, dass die Entscheidung zwar zum damaligen Zeitpunkt richtig gewesen sei, sich jedoch „nicht in den Ergebnissen widergespiegelt“ habe. Noch deutlicher wurde Martin Kind, der offen von einem Fehler sprach und davon, dass der Club wieder ein Jahr verloren habe.
Gerade diese Worte haben Gewicht, weil Kind seit Jahren das dominierende Gesicht im Verein ist und zugleich das größte Problem darstellt. Seine Rückkehr als Geschäftsführer, die juristischen Auseinandersetzungen mit dem e.V., die Debatte um die 50+1-Regel – all das hat Hannover über Monate beschäftigt und sportliche Themen in den Hintergrund gedrängt. Die Fans, insbesondere die Ultras, haben Kind nie akzeptiert und ihn stets als Symbol einer fehlgeleiteten Vereinsführung markiert. Das Verhältnis ist zerrüttet, der Druck enorm. Der Verein kann sich zwar gute Auftritte auf dem Platz erlauben, nicht aber weitere Machtkämpfe in den Hinterzimmern. Marcus Mann sprach im Rückblick davon, dass die Nebenkriegsschauplätze Energie gekostet hätten und vom Wesentlichen ablenkten. Zwar habe man inzwischen Lösungen gefunden, doch das Vertrauen ist angeschlagen.
Schwierige Tranferstrategie
Hinzu kommt eine finanzielle Situation, die den Druck zusätzlich erhöht. Hannover sieht sich selbst als Bundesligastandort, doch die nackten Zahlen sprechen eine andere Sprache. Während der HSV, der langjährige Zweitligakonkurrent, mit einem Etat von 23 Millionen Euro aufstieg, lag das Budget der Niedersachsen bei gerade einmal 16 Millionen – und damit sogar fünf Prozent unter dem der Vorsaison. Zwar kursieren Gerüchte, dass Kind, Roßmann und Baum fünf Millionen nachschießen könnten, doch selbst dann läge Hannover noch immer deutlich unter dem finanziellen Rahmen der Konkurrenz. Das eigentliche Problem ist jedoch die Strategie. Anstatt frühzeitig Mittel freizugeben, damit Transfers gezielt und planvoll umgesetzt werden können, wird der Druck auf Mann verlagert. Er soll Spieler überzeugen, bevor das Geld tatsächlich bereitsteht. Ein Vorgehen, das in der Branche, in der Summen und Gehälter oft die entscheidende Rolle spielen, kaum nachvollziehbar ist. Wie soll ein Geschäftsführer Hochkaräter an Land ziehen, wenn er deren Entlohnung nicht garantieren kann?
Der Markt ist ohnehin kompliziert. Hannover musste in den vergangenen Jahren immer wieder Leistungsträger abgeben, insgesamt Spieler im Wert von über 20 Millionen Euro verkaufen, ohne sie adäquat ersetzen zu können. Mann spricht von Zyklen, die jede Mannschaft durchlaufe, und sieht es als logisch an, dass viele Verträge ausgelaufen seien. Doch die Summe der Abgänge, kombiniert mit einer Reihe von Fehleinschätzungen auf der Trainerposition, hat den Club weit zurückgeworfen. Dass man in dieser Saison gleich 16 neue Spieler holte und 15 abgab, ist das Ergebnis dieser jahrelangen Fehlentwicklungen.
Große Erwartungen
In diesem Kontext kommt Christian Titz eine Schlüsselrolle zu. Der 54-Jährige, zuvor bei Magdeburg erfolgreich, soll Hannover endlich wieder ein Gesicht geben. Dass Mann eigens nach Ibiza reiste, um Titz von einem Engagement zu überzeugen, zeigt, wie groß die Bedeutung dieser Personalie war. Magdeburg musste mit Geld überzeugt werden, den Coach trotz gültigen Vertrags ziehen zu lassen, doch die Investition erschien notwendig. Titz ist bekannt dafür, Mannschaften zu entwickeln, offensiven Fußball spielen zu lassen und Strukturen zu schaffen. In Hamburg, Essen und zuletzt in Magdeburg hat er bewiesen, dass er nicht nur kurzfristig, sondern nachhaltig arbeiten kann. Hannover setzt nun darauf, dass er genau das am Maschsee wiederholt.
Die Erwartungshaltung ist riesig, auch wenn Titz selbst bemüht ist, den Ball flachzuhalten. Er vermeidet das Wort „Aufstieg“ so konsequent, dass es beinahe wirkt wie ein Tabu. Stattdessen spricht er von konkreten Zielen im Spielaufbau, vom Mut seiner Spieler, ins Risiko zu gehen, und von der Fähigkeit, Fehler zu verzeihen. „Fußball ist ein Fehlerspiel“, sagt er, und fügt hinzu, dass Verzeihen eine der wichtigsten Eigenschaften sei. Eine Haltung, die gut zum Verein passt, der in den vergangenen Jahren viele Fehler gemacht hat. Die Hoffnung ist, dass nun ausgerechnet ein Trainer, der Demut predigt, den Weg zurück in die Bundesliga ebnet.
Doch die Realität bleibt kompliziert. Die vielen Neuzugänge müssen sich erst finden, eine neue Hierarchie muss sich aufbauen, Routiniers wie Ron-Robert Zieler oder Marcel Halstenberg wurden ersetzt, ohne dass die Nachfolger automatisch dieselbe Rolle übernehmen. Zugleich ist Hannover in dieser Saison nicht nur sportlich eine Wundertüte, sondern auch organisatorisch. Dass vor dem Stadion gerade tatsächlich der Gehweg aufgerissen wird, sodass die Spieler Umwege zum Training gehen müssen, passt ins Bild. Vieles ist im Fluss, vieles im Umbau – auf und neben dem Platz.
Dass die Mannschaft trotzdem schon zum Saisonstart gefestigt wirkte, ist ein erstes positives Signal. Die Siege gegen Kaiserslautern und Düsseldorf haben gezeigt, dass der Kader in der Lage ist, Spiele nicht nur kontrolliert, sondern auch erfolgreich zu bestreiten. Auch wenn das Pokal-Aus in Cottbus die Euphorie dämpfte, überwiegt das Gefühl, dass sich hier etwas entwickeln könnte. Titz selbst spricht davon, dass die Spieler ins Eins-gegen-Eins gehen sollen, weil dafür die Fans ins Stadion kommen. Spektakel statt Stillstand, Mut statt Angst – das ist die Marschroute, mit der er die Anhänger zurückgewinnen will.
Und doch bleibt die Frage, wie lange Ruhe herrscht, wenn Ergebnisse ausbleiben. Hannover hat sich in den vergangenen Jahren als fragiler Club erwiesen, in dem Unruhe schneller entsteht als anderswo. Die Ultras stehen weiter im offenen Widerspruch zu Kind, der Aufstieg ist erklärtes Ziel, und die Konkurrenz in der 2. Liga schläft nicht. Ob die finanzielle Kraft reicht, ob die vielen neuen Spieler schnell genug zueinanderfinden und ob Titz tatsächlich langfristig arbeiten darf – all das sind offene Fragen. So sehr sich vieles verändert hat –
der Druck bleibt derselbe. Hannover 96 geht in seine siebte Zweitliga-Saison in Folge, und das Ziel ist klar: Aufstieg. „Man kommt um dieses Wort in Hannover nicht herum“, weiß Marcus Mann. „Aber nur vom Reden wird es nicht wahrscheinlicher.“