Für „Ein Nobody gegen Putin“ hat ein Pädagoge heimlich den Alltag in einer russischen Schule gefilmt. Zu sehen ist, wie sich eine halbwegs freie Gesellschaft in kurzer Zeit in eine Diktatur verwandelt. Das ist bitter und erschreckend.
Seit Februar 2022 führt Russland gegen die Ukraine einen grausamen Krieg. Täglich schickt Moskau zahlreiche Bomben und Drohnen in Richtung Kiew. An der Front stehen sich die Soldaten beider Länder gegenüber, auf beiden Seiten sterben Soldaten, viele weitere werden verletzt. Mehr als eine Million Opfer soll es schon auf russischer Seite gegeben haben. Gegen diesen Krieg gab es in Russland von Anfang an Proteste, die jedoch von der russischen Staatsgewalt bis heute unterdrückt werden. Gewalt gegen die Bürger und Bürgerinnen ist aber nicht das einzige Mittel, um das Volk in dem riesigen Land zum Schweigen zu bringen. Moskaus Ziel ist zudem, die Menschen von einer eigenen Meinung ab- und dazu zu bringen, die Regeln des Krieges als einzig richtig zu akzeptieren, als Soldaten für den Sieg zu kämpfen, und die Ukraine als Angreifer darzustellen. Vor allem in Schulen soll diese Propaganda verbreitet werden. Wie Moskau dies durchsetzt, erzählt der Dokumentarfilm „Ein Nobody gegen Putin“.
Pawel ist Lehrer an einer Schule in Karabasch, einer ehemaligen Industriestadt im Ural. Diese Gebirgskette auf Russlands Staatsgebiet bildet die Grenze zwischen Europa und Asien. Moskau ist 1.700 Kilometer entfernt, Karabasch ist Provinz und wahrscheinlich völlig unwichtig für das Land. Nur 10.000 Menschen wohnen da. Einer von ihnen ist Pawel. Er ist Anfang 30 und arbeitet an der Schule, an der er als Kind und Jugendlicher selbst Schüler war. Gut gelaunt arbeitet er gern mit den Jugendlichen und mag sein Leben. Dann kommt der Tag, an dem Russland die Ukraine überfällt, und alles ändert sich. Zu den Fächern wie Sport, Mathe oder Wissenschaften kommen neue Pflichten auf den Stundenplan. Die Lehrer und Lehrerinnen müssen morgendliche Fahnenappelle und militärische Rituale organisieren. Erst nur ab und zu, dann immer häufiger, dann täglich. Die Schülerinnen und Schüler bekommen Sätze zu hören wie: „Wir müssen die Ukrainer aus Liebe zu unseren Kindern töten.“ Gemeinsam singen sie Kriegslieder, Wagner-Söldner kommen in die Schule und zeigen mit Stolz Handgranaten und Schusswaffen. Pawel erhält den Auftrag, all das mit seiner Kamera für die Behörden in Moskau zu dokumentieren. Über zwei Jahre hinweg begleitet Pawel diesen neuen Schulalltag und dokumentiert, wie Kinder und Jugendliche auf den Krieg vorbereitet werden und wie sich das Leben an der Schule unter dem Einfluss von Putins Regime verändert.
Für Pawel ist diese Entwicklung immer schwerer zu ertragen, wie seine Stimme aus dem Off erklärt. Durch die Kamera sieht er, dass die Lehrer anfangs irritiert sind über die neuen Regeln, sie aber pflichtbewusst zu befolgen versuchen – auch, weil es im Kollegium einen glühenden Verehrer Putins gibt, dem zuzutrauen ist, dass er etwaige „Fehler“ meldet.
In den Gesichtern der Schülerinnen und Schüler ist anfangs eine Mischung aus Desinteresse und Irritation zu sehen. Was reden die Lehrer da nur? Viel Zeit zum Nachdenken bleibt der Schülerschaft nicht. Handgranatenweitwurf steht auf dem Plan, Anwesenheit ist Pflicht. Und die Propaganda wirkt. Schüler melden sich freiwillig für die Front, feiern Abschiedspartys und werden schon mal als Helden bezeichnet. Auch das ist die Wahrheit: Pawel filmt die ersten Trauerfeiern und weinende Mütter. Aber Worte des Zweifels am Krieg gibt es nicht.
Filmmaterial im Exil zur Doku verarbeitet
Pawel selbst möchte Russland verlassen. Er versteckt die Aufnahmen auf Festplatten und flieht nachts aus seinem Heimatland. Im Exil verarbeitet er zusammen mit dem US-Filmemacher David Borenstein die Aufnahmen zur Doku „Ein Nobody gegen Putin.“ Lohn für seinen Wagemut: der Oscar für den besten Dokumentarfilm 2026.
Trotz seines unaufdringlichen Off-Kommentars, einiger humorvoller Bilder und der Darstellung guter Freundschaften zwischen Pawel und der Schülerschaft ist der Film sehr verstörend. Es ist gut zu erkennen, dass sich eine vor dem Kriegsbeginn noch recht freie Gesellschaft schnell zu einer Diktatur entwickelt. Besonders das deutsche Publikum dürfte wissen: So hat es 1933 auch angefangen.
Zwei Jahre sind vergangen, seit Pawel seine Heimatstadt und seine Schule verlassen hat. Zwei Jahre, in denen sich der Einfluss Moskaus auf die russische Gesellschaft enorm verstärkt haben dürfte. Wenn der Krieg irgendwann endet, was wird dann aus Russland geworden sein? Das weiß niemand. Der Film lässt es erahnen.