Robotik ohne Grenzen: So könnte das Schlagwort lauten für zukünftige Entwicklungen unserer technischen Helfer. Vom Spülmaschinen-Ausräumer bis hin zum Bügel-Experten – wir stellen Neuheiten vor.
Sind wir gerade im Imperium von „Star Wars“ gelandet? Dort, wo Kriege im kargen Weltraum auf Roboter-Reittieren ausgetragen werden? Eine ähnlich aussehende Maschine zeigt, dass die Grenzen zwischen Science-Fiction, technischer Entwicklung und realer Anwendung immer durchlässiger werden. Die Wege zwischen menschlicher Fantasie und fantastischen Möglichkeiten werden dabei kürzer. Die Chancen größer.
„Corleo“ aus dem Hause Kawasaki ist ein vierbeiniger Reitroboter. Geländegängig, stromlinienförmig, aus Carbon und Metall. Benannt nach dem Sternenbild des Löwen. Noch ist die Maschine des erfahrenen Motorradherstellers ein experimenteller Prototyp zur Expo in Osaka. Ein 150-Kubikzentimeter-Wasserstoffmotor soll die elektrischen Antriebe in den Laufwerkzeugen emissionsarm mit Energie versorgen. Diese vier voneinander unabhängig positionierten Beine müssen selbstständig schroffe Felsformationen überwinden. Und sogar meterweit springen. Dabei erinnert Corleo doch eher an ein Pferd, an eines mit Künstlicher Intelligenz. Die ist wichtig, damit der Reiter bei einem Tempo um die 100 Kilometer pro Stunde nicht zu sehr durchgerüttelt wird.
Er kann Menschen von Objekten unterscheiden
Der Mensch verlagert sein Gewicht auf den Sensoren und nimmt so intuitiv Einfluss auf die Steuerung. Ansonsten ist er seinem autonomen Robo-Gefährt (fast) ausgeliefert. Wird’s rau oder rutschig, sorgen smarte Gummihufe und Stoßdämpfer für Grip und Komfort. Die KI der fast menschhohen, feingliedrigen Maschine nimmt die Umgebung wahr und entscheidet, wie es weitergeht. Noch soll Corleo ein weiteres Vierteljahrhundert weiterentwickelt werden. Von Menschen. Ob der Reitroboter je die Grenze zur Alltagsnutzung überschreiten wird, müssen wir abwarten.
Mehr noch als Fragen der Technik und der Sicherheit sind vermutlich seine Routen zu diskutieren. Darf Corleo, weil er einem Hund ähnelt, auf Spazierwegen unterwegs sein? Ist er ein Pferd? Da sind die erlaubten Wege schon deutlich weniger. Gilt er als Löwe? Da muss er dann wohl doch hinter Zoo-Gitter und hätte damit die Sprengung der Grenzen zwischen Mensch und mächtig beeindruckendem Roboter verpasst.
„For Anyone“, übersetzt „für jedermann“, soll der Name des kognitiven, humanoiden Roboters „4NE1“ ausgesprochen werden, der wie ein Mensch im Star-Wars-Anzug aussieht. Der Jedermann unter den Maschinen soll Spülmaschinen ausräumen, schwere Werkstücke heben oder in der Produktion unterstützen. 4NE1 entlastet den Menschen bei Routinetätigkeiten, die Präzision oder körperliche Kraft erfordern. Eigenschaften, die – kombiniert – in der Robotik eher Zukunftsmusik sind. Mit einer künstlichen Haut soll „Für Jedermann“ Berührungen erkennen, kurz bevor sie stattfinden. Und dadurch besonders sicher sein. Außerdem kann er Menschen und Objekte unterscheiden.
Die nächste technische Revolution? „Kognitive Roboter werden unsere Art zu leben und zu arbeiten grundlegend verändern“, sagt David Reger, Gründer und CEO von Neura Robotics. Der „One-Device“-Ansatz des Metzinger Unternehmens gründet sich auf der Idee eines Smartphones mit Armen und Beinen, das alle zentralen Komponenten und Sensoren für physische Künstliche Intelligenz in einem Gerät vereinen soll.
Aufs Feingefühl der Maschinen kommt es an
Reger will unsere Gesellschaft zu einer „sozialen Robotikwirtschaft“ umgestalten, die Lücke zwischen Technologie und Menschlichkeit schließen. Die Neuraverse-Plattform soll das „globale Robotik-Gehirn“ sein, das Menschen, Roboter und Daten verbindet. Der CEO: „Mit 4NE1 und MiPA verändern wir grundlegend, wie Menschen mit Maschinen interagieren. Unser Neuraverse ist das Produkt, das alles mit allem verbindet – das Betriebssystem der Robotik-Ära.“
Noch werden die Roboter als physische KI in einem „Gym“ fit fürs Leben außerhalb der Entwicklerlabore gemacht. Denn es geht nicht nur um Roboter, die unsere Haushalte ein Stück weit übernehmen sollen. Sondern auch um Leistungen und Produkte, die mit und für renommierte Partner aus der Branche und darüber hinaus geschaffen und geteilt werden sollen. So hat beispielsweise Kawasaki, der weltweit drittgrößte Roboterhersteller nach Umsatz, kürzlich eine Produktlinie „powered by Neura“ vorgestellt.
Der Anspruch ist hoch und soll deshalb auch eine frühzeitige Anreise von „For Anyone“ zur Automatica verhindert haben. Was den kognitiven Roboter zum Fremdeln mit der ungewohnten und laut schillernden Umgebung veranlasst haben soll. Zumal er auf ungestörten, hohen Datentransport angewiesen ist, was auf Messen ein Problem ist. Doch Schwaben tüfteln sehr beharrlich an Innovationen: Mensch darf gespannt sein, ob er und sie bald Hand in Hand mit Robotern aus dem Neuraverse an komplexen und flexiblen Aufgaben in der Küche, in der Werkstatt oder in der Industrie werkeln.
Noch 2025 soll MiPA als „mein persönlicher, intelligenter Assistent“ ausgeliefert werden und beispielsweise ältere Menschen im Alltag unterstützen. Dabei soll MiPA „deutlich unter 10.000 Euro“ kosten, so das Unternehmen. Plattformansatz, Kraft-Moment-Sensoren, integrierte Künstliche Intelligenz und kontaktlose, sichere Personenerkennung sollen den humanoiden Haushalts- und Service-Roboter universell einsetzbar machen: von der Industrie bis zum Einzelhandel, in Büro, Pflege oder privat. Partner können auf der Neuraverse-Plattform Anwendungen entwickeln, etwa zum Staubsaugen, Spülmaschine ausräumen, Zimmer aufräumen oder zur Gesundheitsüberwachung.
Um die Eignung, genannt „Fitness“, einzelner Roboter für physische Interaktionen zu bestimmen, hat die Technische Universität München (TUM) ein Klassifizierungssystem für Roboter-Fitness vorgestellt. Denn aufs Feingefühl der Maschinen kommt es besonders dann an, wenn autonome Roboter mit Menschen interagieren. Oder wenn sie auf sich gestellt Aufgaben ausführen sollen. Wenn sie also sicher und flexibel arbeiten sollen.
Dieses standardisierte Prüfsystem für die Feinfühligkeit von Robotern haben Forschende des Munich Institute of Robotics and Machine Intelligence (Mirmi) von der Technischen Universität München, genauer des AI Robot Safety & Perfomance Center, entwickelt. So sollen zunächst Industrieroboter und künftig auch weitere Systeme wie mobile sowie humanoide Roboter oder auch robotische Hände miteinander verglichen werden. Denn selbst gängige Roboterarme aus Industrie und Forschung sehen oft ähnlich aus, haben aber unterschiedliche Stärken: Weil sich die Sensoren, die Motoren sowie das eigentliche Gehirn der intelligenten Maschinen, die Steuerungseinheit, unterscheiden.
Roboter, die im Körper unterwegs sind, um Krankheiten zu attackieren? Dabei gab es Grenzen. Klassische Roboter sind starr, Zellen sind nachgiebig. Forscher der Gachon University und der Seoul National University in Südkorea haben deshalb einen flüssigen Roboter entwickelt, der gummiartig unterwegs und deshalb besonders anpassungs- und widerstandsfähig ist. Und sie haben in „Science Advances“ darüber berichtet. Ihr Motiv: „Insbesondere Miniaturroboter sollen häufig im menschlichen Körper eingesetzt werden, um Krankheiten zu diagnostizieren, Medikamente zu verabreichen oder Tumore zu zerstören. Die erstaunlichen Fähigkeiten zellulärer Organismen, sich frei zu verformen, zu teilen, zu verschmelzen und fremde Substanzen zu verschlingen, sind jedoch mit herkömmlicher Robotik noch schwer zu realisieren.“
Frühere Ansätze zu Flüssigrobotern brachen zusammen, wenn sie die mechanischen oder thermischen Bedingungen strapazierten. Mit dem „Particle-armored liquid roBot“ (PB) eröffnen sich neue Chancen. „Durch die erhebliche Erhöhung des Verhältnisses von hydrophober Partikelmasse zu Flüssigkeitsvolumen weisen PBs unter verschiedenen Belastungsbedingungen eine bemerkenswerte strukturelle Stabilität auf“, schreiben die Forscher. Mithilfe akustischer Strahlungskraft zur Bewegungssteuerung hätten PBs ihre Leistungsfähigkeit in verschiedenen Funktionen unter Beweis gestellt. Etwa Transport und nahtloses Verschmelzen.
Das hoffnungsbereitende Fazit der Forscher zu den mit Partikeln gepanzerten Flüssigkeitsrobotern: „Diese Fähigkeiten werden den Nutzen von Robotern in unvorhersehbaren und sich dynamisch verändernden Umgebungen erheblich steigern.“