In einem zähen Spiel zwischen der SV Elversberg und Holstein Kiel sorgt ein 18-Jähriger für die Entscheidung: Otto Stange verwandelt in der 95. Minute einen Foulelfmeter und besorgt der SVE einen Last-Minute-Sieg gegen einen offensiv zu harmlosen Bundesliga-Absteiger.
Es war ein Spiel, das von Geduld, von Abwarten, von wenigen, aber dafür umso heftigeren Momenten lebte. Die SV Elversberg besiegt Holstein Kiel mit 1:0 und schreibt einmal mehr ein Drehbuch, das erst in der Nachspielzeit seinen Höhepunkt findet.
Der Türöffner war Neuzugang Otto Stange, der 18-Jährige, der kurz vor seinem Siegtreffer noch gelb für eine Schwalbe sah. Doch von vorne: Vincent Wagner musste seine Startelf im Vergleich zum 4:1 in Braunschweig auf einer Position umbauen. Lukas Pinckert musste beim Aufwärmen wegen muskulärer Probleme passen, für ihn rückte Florian Le Joncour in die Innenverteidigung. Die Kapitänsbinde übernahm Amara Condé. Die ersten Minuten begannen mit einem Rückfall in alte Muster: Rechtsverteidiger Jan Gyamerah spielte wie schon gegen Dresden einen fahrlässigen Fehlpass im Spielaufbau. Adrian Kapralik hatte freie Bahn, doch Lukasz Poreba räumte im Strafraum kompromisslos ab. Es war der Weckruf für die Elversberger, die sich ab Minute fünf deutlich stabilisierten und die Kontrolle übernahmen.
Die SVE dominierte in der Folge zwar Ballbesitz und Passspiel, blieb im letzten Drittel aber oft zu ungenau. Die wenigen Offensivaktionen wurden meist über Standards gefährlich: Nach einem Einwurf von John Tolkin kam Kasper Davidsen in der 23. Minute zum Seitfallzieher, Nicolas Kristof musste sein ganzes Können zeigen, um das 0:1 zu verhindern. Im direkten Gegenzug kam Le Joncour nach einem Freistoß per Kopf zum Abschluss, verfehlte aber knapp.
Zur Pause blieb es beim 0:0. Die Statistik zeigte ein klares Bild zugunsten der Gastgeber: 58 Prozent Ballbesitz, mehr als doppelt so viele Torschüsse und über 100 Pässe mehr als der Gegner. Doch was zählt, ist auf dem Spielberichtsbogen. Und dort stand nach 45 Minuten noch nichts. Nach dem Seitenwechsel kam der Ex-Homburger Phil Harres für Marcus Müller ins Spiel, Kiel wollte mehr Tiefe ins Angriffsspiel bringen. Tatsächlich hatte Harres in der 57. Minute die große Chance: Freigespielt von Alexander Bernhardsson lief er auf Kristof zu, doch sein erster Kontakt war zu weit, sein Schuss zu unplatziert, sein Nachsetzen zu ungestüm. Offensivfoul, Chance vertan.
SVE siegt am Ende nicht unverdient
Danach flachte das Spiel zusehends ab. Es entwickelte sich ein Abnutzungskampf zwischen den Strafräumen, ohne zwingende Abschlüsse. Vincent Wagner reagierte in der 75. Minute mit einem Dreifachwechsel: Mickelson, Stange und Malanga kamen für Gyamerah, Zimmerschied und Petkov.
Erst in der 82. Minute wurde es wieder turbulent. Nach einer Ecke von Keidel kam Ebnoutalib zum Abschluss, Harres klärte auf der Linie. Der Nachschuss von Conté wurde von Carl Johansson per Kopf ebenfalls abgewehrt. Zum ersten Mal schwappte Emotion so richtig durch die Ursapharm-Arena.
Kurz vor Schluss dann ein vermeintlicher Elfmeter: Otto Stange fiel im Strafraum, Schiedsrichter Wagner blieb ruhig und zeigte dem Youngster Gelb wegen einer Schwalbe. Das Publikum tobte, doch Sekunden später sollte der Moment von Stange kommen. Conté kombinierte sich mit Schnellbacher stark in den Strafraum, dort geriet er gegen gleich drei Kieler ins Straucheln. Diesmal zeigte Wagner auf den Punkt. VAR-Check und keine Zweifel. Otto Stange, gerade 18, stellte sich dem Moment. Und er verwandelte eiskalt. 1:0. „Ich wollte ein Tor schießen, deswegen habe ich mir den Ball genommen. Für mich geht es darum, so viele Spielminuten zu sammeln wie möglich. Hoffentlich geht es so weiter“, sagte der Matchwinner nach der Partie. Seine Schwalbe war da schon wieder vergessen.
Cheftrainer Vincent Wagner zeigte sich nach dem Spiel erleichtert, wusste den doch etwas glücklichen Sieg jedoch einzuordnen: „Wir haben gut angefangen, obwohl uns Pinckert beim Warmmachen wegfällt, wenn der Kapitän wegfällt, ist das immer schwer. Wir waren spieldominant, Kiel war aber zu jeder Zeit gefährlich. Hintenraus haben wir durch die Wechsel wieder Schwung bekommen, hatten dann auch diese Doppelchance und haben es hintenraus erzwungen. Am Ende gewinnen wir glücklich, aber nicht ganz unverdient.“ Angesprochen auf die eher fehlenden Chancen in diesem Spiel hatte Wagner ebenfalls die passende Antwort parat: „Sich Chancen herauszuspielen ist die Königsdisziplin. Wir hätten viel mehr Überzeugung haben können, wir haben im Gegenpressing manchmal nicht so griffig gearbeitet. Aber ich glaube wir sind auf einem guten Weg. Also weitermachen.“
Während die Elversberger jubelten, lag auf der anderen Seite Frust in der Luft. Lasse Rosenboom sagte: „Bei der Situation, die zum Elfmeter geführt hat, haben wir zu dritt versucht, den Ball zu blocken. So spät einen Elfmeter und ein Gegentor gegen sich zu bekommen, ist sehr ärgerlich. Es ist ein Lernprozess, bis zur letzten Minute sicherer zu stehen. Vorher haben wir uns schwergetan, uns gegen einen guten Gegner Chancen herauszuspielen.“
Der Kieler Marco Komenda fand ebenfalls klare Worte und ließ seiner Enttäuschung nach dem Spiel freien Lauf: „Wir haben gegen eine wirklich starke Mannschaft lange Zeit wenig klare Möglichkeiten zugelassen und defensiv einen hohen Aufwand betrieben. Mit der letzten Aktion dann so zu verlieren, ist natürlich brutal bitter. Ich war nach dem Spiel so gefrustet wie lange nicht mehr.“ Trotzdem wolle man die Niederlage als Lernmoment begreifen: „Wichtig ist, dass du auch aus negativen Erlebnissen etwas Positives mitnimmst, daher gilt es jetzt, weiterzuarbeiten und gegen Darmstadt an die guten Spiele zuvor anzuknüpfen.“
Für Holstein Kiel war es eine Niederlage, die sich angesichts der Spielentwicklung nicht zwingend angekündigt hatte, die aber in ihrer Entstehung dennoch verdient war. Zu passiv, zu ungenau, zu wenig Durchschlagskraft – das reicht gegen eine SVE nicht, die bis zum Ende an ihre Chance glaubt.
Am kommenden Sonntag, dem 5. Oktober, reist Elversberg zum FC Magdeburg. Dort wartet ein Gegner, der extrem angeschlagen ist. Mit dem späten Sieg gegen Kiel im Rücken reist die Wagner-Elf mit breiter Brust an. Nach den bisher gezeigten Leistungen kann sie das auch.