Schlusslicht FC Hertha 03 muss in der Regionalliga Nordost erneut Nehmerqualitäten beweisen. Trotz sichtbarer Fortschritte unter dem neuen Trainer Tilman Käpnick bleibt die Ausbeute mager.
Natürlich durfte man nicht davon ausgehen, dass nach dem ersten Dreier der Saison am zwölften Spieltag gleich eine Siegesserie folgen würde. Schließlich blieb der FC Hertha 03 – wenn man auch nach dem 2:1 gegen den BFC Dynamo die Herstellung des Anschlusses im Tabellenkeller feierte – weiter Letzter. Dazu gilt auch im zweiten Jahr nur der Klassenerhalt als ausgemachtes Ziel, machen sich doch in Zehlendorf mit Halbprofitum und deutlich niedrigerem Budget als der Großteil der Clubs strukturelle Nachteile sportlich bemerkbar. Dennoch musste angesichts von lediglich sechs Zählern nach zwölf Partien weiter gepunktet werden – doch das sollte erst einmal nicht gelingen. Nur ein Unentschieden aus den folgenden drei Partien konnte man danach auf der Haben-Seite vorweisen, weshalb die „kleine Hertha“ auch weiter Schlusslicht ist: einen Zähler hinter dem FC Eilenburg und sechs Punkte bis zum Drittletzten Chemie Leipzig. Für das Heimspiel gegen die Leutzscher hatte man sich dabei einiges vorgenommen, um den Rückstand zu verkürzen – doch die am 14. Spieltag ausgefallene Partie wurde mittlerweile auch am geplanten Nachholtermin vergangene Woche abgesagt. Denn auch der Standort ist ein Nachteil: weil das heimische Ernst-Reuter-Sportfeld nicht die Bedingungen für die meisten Partien erfüllt, trägt Hertha 03 seit dem Aufstieg 2024 seine Heimspiele größtenteils im Stadion Lichterfelde aus. Das aber muss man sich mit Viktoria Berlin – deren Männer spielen aktuell in der Oberliga, die Frauen in der 2. Liga – teilen, sodass der Platz gerade um den Jahreswechsel besonderen Strapazen ausgesetzt ist. Dazu hat man auch bereits frühzeitig einen Trainerwechsel vollzogen: Steffen Israel, der erst im Sommer als Nachfolger von Aufstiegs- und Klassenerhaltstrainer Robert Schröder (jetzt Halllescher FC) auserkoren worden war, musste nach dem 1:2 in Meuselwitz am siebten Spieltag mit nur einem erzielten Punkt schon wieder gehen. Interimscoach Tilman Käpnick, zuvor bei der U19 der Zehlendorfer tätig, wurde inzwischen auch zum offiziellen Nachfolger Israels befördert – muss sich aber nach den Spielen weiterhin eher auf erkennbare Fortschritte denn auf Zählbares berufen. Dabei lag der 32-Jährige diesbezüglich schon nach den beiden Niederlagen zum Auftakt seiner Amtszeit nicht daneben – fünf Punkte in den drei folgenden Spielen verdeutlichten das dann jedenfalls auch in „harter Währung“.
Strukturelle Nachteile
Mit insgesamt 2:4 Toren aus den Partien in Chemnitz (1:2) und Magdeburg (0:1) sowie gegen Erfurt (1:1) war zuletzt aber weiter ein Offensivproblem erkennbar. Die Mannschaft erspielte sich dabei trotz ihres Bemühens nur wenige Chancen – und nutzte diese dann nicht effektiv. Den Treffer in Chemnitz erzielte Angreifer Niklas Doll, der schon ein Tor zum einzigen Sieg gegen Dynamo beigesteuert hatte, per Foulelfmeter. Der 25-jährige Flügelspieler kam vor der Saison von Wacker Burghausen (RL Bayern – 2024/25: fünf Tore, sechs Vorlagen) und zeigte zuletzt aufsteigende Tendenz. Der zweite Torerfolg aus den drei Spielen ging dazu auf das Konto von Iba May – der defensive Mittelfeldspieler hatte die Zehlendorfer gegen Rot-Weiß Erfurt mit einem Schuss aus 20 Metern in Führung gebracht. Auch hier spielte man engagiert und hoffte, den Vorsprung wie gegen den BFC auch mit etwas Glück über die Zeit zu bringen. Doch das sollte nur dazu reichen, dass ein Schuss der Erfurter in der letzten Minute an den Pfosten ging – den Abpraller aber konnten die Gäste dann doch zum 1:1-Ausgleich verwerten. Neben Doll traf von den Stürmern in dieser Saison bislang nur Noah Jones (ebenfalls zweimal), der erst Anfang August zu Hertha 03 stieß, allerdings zuletzt viermal in Folge leer ausging und dabei die eine oder andere gute Gelegenheit ausließ. Der 23-Jährige hatte seine bislang beste Phase bei Hessen Kassel (2022-24, elf Tore in der RL Südwest), ehe ihn dort eine Knieverletzung ausbremste und ein Neuanfang sowohl bei Türkgücü München als auch bei Viktoria Berlin 2024/25 zunächst nicht gelang. Auch der junge Ben Schulz (19) sowie die als Joker eingewechselten Patrick-Emmanuel Abé (20) und Nicolas Hebisch (35) ließen in den erwähnten drei Partien jeweils eine gute Gelegenheit ungenutzt.
Nicht mit genug Leidenschaft dabei
Der Defensivverbund wiederum funktioniert unter Käpnicks Leitung spürbar verbessert (1,4 Gegentore im Schnitt – zuvor 2,6), auch wenn gerade zu Spielbeginn öfter Chancen zugelassen wurden – von denen eine dann in Chemnitz auch zum frühen Rückstand führte. Torwart Alexios Dedidis erweist sich dabei immer wieder als Rückhalt – der entscheidende Treffer in Magdeburg in die Torwartecke ließ sich wiederum kaum verhindern, weil es sich um eine Eins-gegen-eins-Situation handelte. Später hielt der 24-jährige Schlussmann dann sogar noch einen Elfmeter – seine Vorderleute sind dazu bei aller nicht restlosen Stabilität mit viel Leidenschaft dabei. So klärten die Führungsspieler Sven Reimann und Jake Wilton etwa in den letzten Begegnungen jeweils, als Dedidis schon geschlagen war.
Dennoch war der Frust natürlich groß, als man gegen Erfurt die knappe Führung noch auf der „Zielgeraden“ wieder hergeben musste. „Um ehrlich zu sein überwiegt gerade der Ärger: Wir haben hier so gefightet – ich würde sogar sagen, dass das Unentschieden für Erfurt glücklich ist“, formulierte es Torschütze Iba May nach Abpfiff gegenüber „Ostsport.tv“. Auch Torwart Dedidis war bedient: „Wir haben lange standgehalten und verdienterweise ein Tor gemacht, uns mal belohnt für die harte Arbeit der letzten Wochen. Dann ist es auch besonders ärgerlich, wie das Gegentor zustande gekommen ist.“ Eine Schlüsselkomponente für den Kampf um den Klassenerhalt dürfte so auch die „Frustrationstoleranz“ werden, die in der vergangenen Spielzeit schon Robert Schröder seinen Schützlingen einimpfte – letztlich mit Erfolg.
Präsident Kamyar Niroumand hielt damals auch in schwierigen Zeiten an Schröder fest – das will er nun auch bei Tilman Käpnick tun. „Die Handschrift des neuen Trainers ist erkennbar“, erklärte Niroumand dem „Kicker“ letzte Woche – benannte aber auch das Dilemma: „Wir sind Tabellenletzter und in einer schwierigen Situation.“ Den Handlungsbedarf will der Vereinschef „in naher Zukunft“ mit der Anstellung eines sportlichen Leiters angehen – der soll in der Winterpause dann den Kader noch einmal qualitativ aufwerten.