Neue Outdoor-Saison, neue Abenteuer! Zum Beispiel beim Alpen-Canyoning. Ein Top-Tipp für adrenalinfreudige Abenteurer ist die Schwarzwasserbachklamm im österreichischen Kleinwalsertal – Gumpensprünge und Abseilen an bis zu 18 Meter hohen Wasserfällen inklusive.
Nomen est omen: Lisa Bachinger ist ein echter Bach-Profi. Wenn sie nicht gerade kreuzbandrissbedingt kürzertreten muss, steht die 26-jährige Allgäuerin zwischen Ostern und Oktober so gut wie jeden Tag im Bergwasser. Rund 150 Canyoningtouren führt sie pro Saison und weiß daher nur allzu gut, wie man Jung und Alt Abenteuerspaß vermittelt. Und wann der Spaß aufhört. Bei uns scheint das der Fall zu sein, denn als wir morgens beim „Basislager“ des Sonthofener Veranstalters MAP-Erlebnis eintreffen, verkündet Lisa: „Der Plan, durch die Starzlachklamm zu gehen, klappt leider nicht. Zu viel Wasser, zu gefährlich.“ Wie gut, dass es in der Region Alternativen gibt. Konkret die ebenfalls als Level zwei für „sportliche Einsteiger“ deklarierte Schwarzwasserbachklamm, „wenngleich die voller Überraschungen steckt“. Die Messwerte sähen zwar gut aus, doch der finale Status quo lasse sich nur vor Ort feststellen. Also, nichts wie hin! Riezlern im Kleinwalsertal gehört zwar zu Österreich, fühlt sich aber aufgrund der „unsichtbaren Grenze“ und dem Umstand, dass man die Enklave nur übers Allgäu anfahren kann, nicht wirklich so an.
Auch für „sportliche Einsteiger“
Brückenkontrollblick beim Parkplatz am Sportplatz. Lisa reckt den Daumen. „Auch wenn hier ebenfalls ordentlich viel Wasser rauscht: Probieren wir’s!“ Flugs streifen wir im Bus Kleidung, Ketten, Brillen ab und Neoprensocken sowie wasserfeste Schuhe über und quetschen uns in Taucheranzüge, deren Oberteile wir gleich wieder runterziehen. Schließlich wandern wir erst mal eine halbe Stunde bergauf, da soll der Gummifrack nicht noch einen Extraschwitzgrund liefern. Beim Schluchteinstieg angekommen, sieht es gar nicht nach Schlucht aus, das Setting wirkt eher mild als wild: Sträucher am flachen Ufer, ein sanft dahinfließender Schwarzwasserbach, dessen ganz und gar nicht schwarzes Wasser bis zur Wade reicht. Aber nicht täuschen lassen! Wir sehen: eine Art Felsentor, in dem der Bach verschwindet. Wir hören: Getöse. Wir spüren: eisige Kälte, als wir uns ins Wasser legen. Zum „dran gewöhnen“, wie Lisa meint. Dann „Safety Talk“, Helm aufgesetzt, Klettergurt festgezurrt. Der kommt gleich zum Einsatz, am linken Fels wartet ein Stahlseil. „Dort mit den Karabinern einklinken, immer doppelt!“ Bestens gesichert geht es den Miniklettersteig an der rasch stattlicher werdenden Wand entlang, mal auf natürlichen Felstritten, mal auf künstlichen. Ums Eck eröffnet sich uns eine von schroffen Felsen eingerahmte Wunderwasserwelt samt gurgelnden Bachläufen, einem Fall und einer stattlichen Gumpe, deren Wasserfarbe nun doch recht schwarz wirkt. Tada, die Kessellöcher!
Ins Felsbecken rutschen
Abspringen oder abseilen? Das ist hier die Frage. Und die will rasch geklärt werden. Schließlich stehe ich auf einem schmalen Tritt, unter mir sieben Meter Wand. Es gewinnt das Springen – und zwar so, wie Lisa es erklärt: ausklinken, hüpfen, Knie leicht anwinkeln, Arme an den Schultern verschränken. Aaaaah und ooh, platsch und brrr! Ein wahrer Adrenalinkick. Nach dem Auftauchen forme ich mit der Hand am Kopf ein O für „Okay“. Bei lautem Wasser geht doch nichts über nonverbale Kommunikation. Verbal hingegen später meine Nachfrage, warum keine Handschuhe zum Einsatz kommen. „Schlecht beim Klettern“, meint Lisa, „weil: kein Gefühl in den Fingern!“ Und das braucht es, auch bei den nächsten Passagen. Mal schliddern wir über Steine, mal hangeln wir uns an Ästen durchs Wasser, balancieren am Abgrund. An einem geht es nur via Abseilen weiter. Da ist Vertrauen gefragt, als ich mich ohne Hände nach hinten lehne, nur von Lisas Seil gehalten. Die hat selbst nur eine Hand am Strang, mit der anderen macht sie Schnappschüsse. „Mit Flaschenzug und ein paar Tricks kann ich jeden halten“, meint sie und seilt mich hinab ins immer feuchtere Ungewisse. Der Wasserfall! Erst tröpfelt, dann prasselt er auf den Helm, bevor sein Schwall mich packt und über eine steinerne Rutsche ins Felsbecken spült. Ein starker Rücklauf drückt mich kurz unter Wasser. Uff, wieder Luft. Also, langweilig geht anders und unsere Minigruppe bald weiter, sei es am oder im Bach, kurz auf dem Wanderweg oder auf einem Trail durchs Unterholz.
Manchmal fühlt es sich paradox an, dass man den Thrill zwar sucht, doch im nächsten Moment genau davor Bammel hat. Etwa bei einem Gumpensprung, der eines Extraschritts bedarf. Dass der Spot nicht ohne ist, merkt man daran, dass Lisa nicht wie üblich neben uns steht, sondern am „Ausgang“ des Bachbeckens mit einem gespannten Seil – auf dass einen die Strömung nicht über die Kante spüle. Dahinter geht es nämlich 18 Meter runter. Schluck! Doch ich habe verinnerlicht: Mit Konzentration, Beherztheit und der Einstellung, den Anweisungen des Guides exakt zu folgen, kann kaum etwas schiefgehen. Statt die Actionstelle zu umgehen (was möglich wäre), jumpe ich also in weitem Bogen ins Nass und wate sicheren Schrittes ans Ufer. Alles easy. Alles? Nun, der Wasserfall ist ja immer noch da. Zum Finale geht es neben ihm am Seil hinab, der thrillig-chillige Actionmix macht nun richtig Laune. Und so genieß ich es, in der Wand zu hängen, mich ab und an abzustoßen, das Wasser von oben und der Seite und dann einen festen Stand zu spüren. Irre und irre gut. Kurz danach landet auch Lisa neben mir, holt das Seil – wieder mit so einem Trick – von oben ein und verstaut alles in ihrem Packsack. Beschwingt geht es zurück zum Bus. Zeit für trockene Kleidung und Zeit zum Relaxen.