Die Mispel (Mespilus germanica) war früher so beliebt und verbreitet wie heute der Apfel oder die Birne. Vor allem in Klöstern schätzte man sie als Obst und als Heilpflanze. Im Saarland wird die Frucht vor allem zu hochwertigen Bränden verarbeitet.
Die Mispel gehört wie Quitte, Weißdorn, Birne und Apfel zu den Kernobstgewächsen, die zur Pflanzenfamilie der Rosengewächse (Rosaceae) gezählt werden. Die Römer brachten die Frucht auf ihren Eroberungszügen nach Süddeutschland. Im Mittelalter war die Mispel dort weit verbreitet. Sie liebt warme, geschützte Standorte auf sandig-lehmigen und kalkhaltigen Böden. Der relativ kleinwüchsige Baum (1,5 bis fünf Meter Höhe) trägt die typisch symmetrischen Blüten der Rosengewächse. Die Früchte reifen Ende Oktober, Anfang November. Sie ähneln kleinen Äpfeln mit deutlich erkennbaren Kelchblättern um das „Auge“. Mit ein wenig Fantasie erkennt man die Ähnlichkeit mit dem Anus eines Hundes, was im Saarland zu dem Begriff „Hundsärsch“ führte.
Nutzpflanze bereits im Mittelalter
Karl der Große war von 768 bis 814 König des Fränkischen Reichs. Am 25. Dezember 800 erlangte er als erster westeuropäischer Herrscher seit der Antike die Kaiserwürde. Das Frankenreich gelangte unter ihm zu seiner größten Ausdehnung und Machtentfaltung. Karl der Große regierte sein Reich mithilfe sogenannter Kapitularien – königlicher Erlasse zur Bildung, Kloster- und Kirchenorganisation. Eines der bekanntesten ist das „Capitulare de villis“. Es war die erste Land- und Wirtschaftsordnung des Mittelalters. In diesem Erlass war die Organisation der Krongüter beschrieben. Vermutlich wurde die Verordnung um 795 erlassen, also noch vor seiner Krönung zum Kaiser im Jahr 800. Der genaue Zeitpunkt ihrer Entstehung ist umstritten.
Vorbild für die Pflanzensammlung im „Capitulare de villis“ waren die Kräutergärten der Klöster, die Nonnen und Mönche für den Eigenbedarf angelegt hatten. Gegen jedes Zipperlein hatten sie ein Kraut in ihrem Garten. Es gab Heilpflanzen, die Mund- und Rachenleiden lindern sollten. Etwa Blutwurz, Echte Kamille, Melisse oder Salbei. Bei Schmerzen der Leber und Galle empfahl das „Capitulare de villis“ unter anderem Kümmel, Leberblümchen, Löwenzahn, Pfefferminze oder Schafgarbe. Gegen Rheuma sollten Meerrettich, Schlafmohn und Wacholder helfen.
Große Aufmerksamkeit erlangte das „Capitulare de villis“, weil darin im Detail auch der Anbau von Obstbäumen, Weinreben und Gemüse beschrieben ist. Die Mispel wird ausdrücklich als eine der rund 90 Nutzpflanzen genannt, die auf den Krongütern kultiviert werden sollten. Mispeln waren früher beliebt, weil sie sehr gesund sind. Grund dafür sind vor allem die enthaltenen Gerbstoffe, die gegen Verdauungsstörungen helfen sollen. Dies gilt auch für Pektin – von diesem Ballaststoff hat die Mispel-Frucht reichlich. Zudem enthält sie viele Mineralstoffe, insbesondere Kalium.
Verwendet etwa gegen Entzündungen
Obwohl die Mispel in der modernen Phytotherapie weniger bekannt ist, wurde sie in früheren Jahrhunderten in vielen Teilen Europas aufgrund ihrer Heilkräfte geschätzt. Besonders die Mispelblätter und Früchte besitzen eine Reihe von gesundheitsfördernden Eigenschaften. So hat die Mispel etwa eine lange Tradition als Heilpflanze bei Verdauungsbeschwerden. Sie wird häufig bei Magen-Darm-Problemen wie Durchfall oder Völlegefühl eingesetzt. Insbesondere die Mispelblätter enthalten Gerbstoffe, die entzündungshemmend wirken und den Magen beruhigen. Auch beim Reizdarmsyndrom kann die Mispel unterstützend wirken. Die Früchte der Mispel sind reich an Vitamin C und sogenannten Flavonoiden, die als Antioxidantien bekannt sind. Diese Stoffe helfen dabei, den Körper vor freien Radikalen zu schützen, das Immunsystem zu stärken und das Risiko chronischer Erkrankungen zu verringern. Die Mispel wird aber auch in der Naturheilkunde aufgrund ihrer blutreinigenden Wirkung geschätzt. Ihre entzündungshemmenden Eigenschaften sind besonders bei Hauterkrankungen oder Entzündungen der Atemwege hilfreich.
Mispeln haben zudem eine schweiß- und harntreibende Wirkung, weshalb sie bei Erkältungen oder Grippe zur Unterstützung des Heilungsprozesses genutzt werden können. Auch bei leichten Blasenentzündungen oder zur Entgiftung des Körpers wird die Mispel eingesetzt. Es wird angenommen, dass Mispeln zudem positive Effekte auf das Herz-Kreislauf-System haben können. Sie enthalten Substanzen, die den Blutdruck regulieren und die Blutfettwerte verbessern können. In der traditionellen Heilkunde war die Mispel daher auch ein geschätztes Mittel zur Unterstützung der Herzgesundheit.
Auch bei vielen Tieren sehr beliebt
Jacobus Theodorus Tabernaemontanus (geboren um 1522 in Bergzabern, gestorben im August 1590 in Heidelberg), war ein deutscher Arzt und Apotheker sowie Professor für Medizin und Botanik. 1552 war er während einer Pest-Epidemie untere anderem von Saarbrücken nach Bergzabern unterwegs und schrieb 1553 ein erstes Buch, „Gewisse Practick“, das Ratschläge zur Behandlung Pestkranker gibt. Jacob Theodor, der bereits 1551/52 Hieronymus Bock als Leibarzt Graf Philipps II. von Nassau-Saarbrücken vertrat, wurde im Jahr 1554 dessen Nachfolger, kehrte aber schon im selben Jahr wieder nach Weißenburg zurück. Von 1561 bis 1580 war er Leibarzt des Speyerer Fürstbischofs und Propstes des Klosters Weißenburg. In seinem „Neuw Kreuterbuch“ von 1591 beschreibt er die „schönen, künstlichen vnd leblichen Figuren vnd Conterfeyten aller Gewächß der Kreuter, Wurtzeln, Blumen, Frucht, Getreyd, Gewürtz, der Bäume, Stauden vnd Hecken, so in Teutschen und Welschen Landen, auch deren so im Gelobten Landt auff dem Berg Synai, inn Hispanien, Ost unnd West Indien, oder in der neuwen Welt wachsen… mit eygentlicher Beschreibung derselben, auch deren Vnderscheidt, Krafft vnd Wirckung…; Darinn viel vnd mancherley heylsamer Artzeney… beschrieben worden, sampt jhrem nützlichen Gebrauch.“ Und weiter: „Die Mespeln, seyn eines herben und strengen Geschmacks / von Natur kalt und trocken / stopffen und ziehen gewaltiglich zusammen / sonderlich wann sie noch nicht weich worden sind / alsdann ziehen sie weniger zusammen / seyn dem Magen bequemer / aber faulen bald.“ So beschreibt das dreibändige Kräuterbuch des Jacobus Theodorus Tabernaemontanus die Mispel.
Bereits im 1. Jahrhundert n. Chr. schreibt Pedanios Dioskurides, einer der bekanntesten Ärzte der Antike in seiner „De materia medica“, über die Frucht: „Dem Magen wohl bekömmlich und hemmt Durchfall“. Er empfahl, aus den Blättern des Baumes Mehl herzustellen. Mit seinem drogenkundlichen Werk über Arzneistoffe gilt er als Pionier der Pharmakologie.
Galenus von Pergamon (geboren um 129 n. Chr.) gilt ebenfalls als einer der bedeutendsten Ärzte des Altertums. Er baute die hippokratische Lehre, insbesondere die Vier-Säfte-Lehre (Humoralpathologie), die er systematisierte, aus. Er erwarb sich auch große Verdienste um die Arzneimittellehre. Er verordnete die getrockneten Blätter der Mispel als Nahrungsmittel und als Heilmittel bei Nieren- und Blasenleiden.
Auch in anderen Naturheilkunden findet die Mispel Verwendung, so zum Beispiel in Japan. In buddhistischen japanischen Klöstern werden die Blätter des Mispelbaums schon seit langer Zeit verwendet. 1929 entwickelte der Japaner Kin-itsu Ito die „Ito-Thermie“. Diese „japanische Kräuterwärme“ ist eine Massagetechnik, bei der die Mispelblätter zusammen mit weiteren Kräutern erhitzt und in speziellen Metallhülsen durch Entlangstreichen auf den Körper aufgebracht werden. Diese Massagetechnik verbindet die anregende Kraft der Wärme mit der heilenden Wirkung der Mispel. Diese Behandlungsart kommt bei Schmerzen und zur Stärkung der Selbstheilungskräfte zur Anwendung. Hildegard von Bingen empfahl die Mispelfrucht als eine der wenigen Marmeladen, neben Himbeeren und Kornelkirschen: „Sie taugen für jegliche Art von Bauchbeschwerden und helfen dem Körper zur Gesundung.“
In der Region Gilan am Kaspischen Meer, wo die Mispel vor Jahrtausenden kultiviert wurde, werden Blätter, Rinde, Holz und Früchte für medizinische Anwendungen verwendet. Aus den Blättern wird ein Tee zubereitet und je nach Krankheitsbild entweder getrunken oder gegurgelt. Der Tee wird gegen Durchfall getrunken, ebenso gegen Blutungen der inneren Organe. Gegen Abszesse in Rachen und Kehle wird der Tee gegurgelt. Ein Pulver aus der getrockneten Rinde oder dem getrockneten Holz wird in Alkohol gelöst und gegen schwere Infektionen der inneren Organe eingesetzt. Außerdem gegen Fieber und innere Blutungen sowie als harntreibendes Mittel. Ein Brei aus den gekochten Früchten wird gegen innere Blutungen gegessen und ebenso gegen Infektionen der inneren Organe. Von Mispelfrüchten werden die Haut und die Samen entfernt, und das Fruchtfleisch in Milch zermatscht.
Von 1720 an entwickelte die Späthsche Gärtnerdynastie in Berlin über sechs Generationen einen Gartenbaubetrieb, der binnen kurzer Zeit weltweite Anerkennung finden sollte. Franz Späth verhundertfachte die vom Vater 1863 übernommene Anbaufläche. Im Jahr 1879 ließ er den Garten um seine Villa in ein Arboretum umgestalten. Seit 1961 gehören die Gehölzsammlung sowie das ehemalige Wohnhaus von Franz Späth zur Humboldt-Universität von Berlin. Sie sind seit 1995 dem Institut für Biologie angegliedert und werden von der AG Botanik & Arboretum wissenschaftlich betreut. Mit der Übernahme des Arboretums wurde die Mispel zur Symbol-Pflanze der Einrichtung gewählt. Das Mispel-Logo ziert seither Publikationen (Bücher, Faltblätter, Festschriften) aus dem Späth-Arboretum und auch eine anlässlich des 100-jährigen Bestehens des Arboretums 1979 herausgegebene Plakette aus Böttger-Steinzeug. Das Logo existierte in verschiedenen Ausführungen. Seine aktuelle Form hat es seit Ende 2014.
Die Mispeln werden aber nicht nur von Menschen, sondern auch von Tieren geschätzt: Die Blüten sind Nahrung für zahlreiche Insekten wie etwa Wespen, Bienen oder Schmetterlinge. Die Früchte werden von zahlreichen Vögeln gern genutzt. Auch Eichhörnchen, Igel, Rehe, Marder und andere Säugetiere machen sich über sie her.
Hochprozentige Veredelung
Für Wolfgang Maffert von der Erlebnis-Brennerei Monter im saarländischen Hemmersdorf ist die Mispel eine sehr besondere Frucht. „Die Mispelbäume liefern immer einen stabilen Ertrag und kommen gut durch den Winter. Bereits mein Ur-Ur-Urgroßvater verarbeitete die Mispel zu Wein und Schnaps“, erzählt er mir bei einem Besuch. Maffert ist in der sechsten Generation Inhaber der Genussbrennerei Monter. Die Mispel, so Maffert, gilt als Perle des Saargaus. Hier wachsen geschätzte 3.000 bis 4.000 Bäume – so viele wie nirgendwo sonst in Deutschland. Am Niederrhein, in Hessen sowie in Baden, Schwaben und der Pfalz findet man weitere Brennereien, die Mispeln verarbeiten. Doch das Saarland und vor allem der Saargau sind die Hochburg – der Betrieb von Maffert ist mit 200 Bäumen und rund 5.000 Kilo Ertrag pro Jahr der größte Verarbeiter der Frucht in Deutschland. Neben Edelbrand und Likör wird in der Brennerei Monter auch der hauseigene Gin mit Mispelbrand angereichert.
Die Brennanlage des Typs Alambic, die im Jahr 1925 angeschafft wurde, ist für eine besonders aromaschonende Destillation geeignet. In Eichenfässern reifen die Destillate zu edlen Tropfen. Neben der Brennerei Monter erzeugen weitere Brennereien im Saarland einen Mispelbrand, so unter anderem die Brennerei Dr. Brehm in Marpingen, die Brennerei Kunkler in Aßweiler, die Brennerei Grasmück in Ihn, die Brennerei Hoffmann in Büschdorf sowie der Mispelbrand vom Oberwiesenhof in Wellingen. Über das Saarland hinaus erzeugen die Brennereien Dr. Frey in Wolfschlugen, Haller’s Destillerie in Prümzurlay und Simon’s Feinbrennerei in Alzenau-Michelbach ebenfalls einen Mispelbrand.