Das wahre Dschungelcamp liegt nicht in Australien
Haben Sie es auch gehört? Deutschland hat einen neuen Herrscher, und dieser steht in Sachen Beliebtheit auf einer Stufe mit Wladimir Putin, Kim Jong-Un, mindestens aber mit Filmbösewicht Hannibal Lecter oder Serienmörder Ted Bundy.
Mal ehrlich: Ging es Ihnen nicht ähnlich? Der ganze mediale Aufriss über Wochen wegen einer Unterhaltungsshow? Wann immer man die Zeitung aufschlug oder auf Internetseiten unterwegs war, den Fernseher anmachte: Überall stolperte man über das immer gleiche Thema: Wann entschuldigt sich die Verkörperung des ultimativ Bösen für sein verabscheuungswürdiges Verbrechen? Öffentlich, am besten im Büßergewand und natürlich zur besten Sendezeit im TV.
Das ultimativ Böse ist in diesem Fall Gil Ofarim – den meisten Leuten trotz kolportierter fünf Millionen verkaufter Tonträger wohl weniger wegen seiner Musik, sondern eher wegen seiner Teilnahme bei TV-Formaten wie „Let’s Dance“ oder „Schlag den Star“ ein Begriff. Seit Kurzem auch bekannt als „König des Dschungels“. Vor allem aber wegen seiner – zugegeben wahrhaft unerträglichen – Posse um einen angeblichen Rauswurf aus einem Hotel 2021 in Leipzig, weil er als Jude offen den Davidstern getragen habe. Ein frei erfundener Vorwurf, wie er zwei Jahre später vor Gericht kleinlaut zugeben musste. Zudem musste sich Ofarim beim zu Unrecht Diffamierten entschuldigen, ihm Schadenersatz leisten und zusätzlich eine Geldauflage zugunsten einer jüdischen Gemeinde berappen. Im Gegenzug wurde das Verfahren eingestellt. Die Karriere war dennoch nachhaltig ruiniert – selbst schuld und Fall erledigt, sollte man meinen. Weit gefehlt.
Selbst wenn man sich so gar nicht für die RTL-Fernsehshow „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ – salopp auch als Dschungelcamp bekannt – interessiert, kam man in den 18 Tagen, in denen das Format ausgestrahlt wurde, nur schwer drumherum. Bei RTL selbst gab’s täglich eine Stunde übers Dschungelcamp nach dem Dschungelcamp. Und weitere 30 Minuten Stefan Raab mit – man ahnt es – seinem Senf zum Dschungelcamp. Wie gut, dass es Fernbedienungen zum Abschalten gibt.
Wobei … diese Begleitsendungen hatten – zugegeben – zumindest einmalig und für einen klitzekleinen Moment auch etwas Faszinierendes. Wie bei einem Verkehrsunfall: Man möchte nicht hinschauen, aber ein innerer Zwang … Das Ganze war wie ein Kindergeburtstag – nur für Erwachsene und komplett auf Droge. Skurril anmutende Gestalten, die ihren „Ruhm“ vor allem daraus schöpfen, sich selbst einmal im Dschungelcamp an Krokodilhoden, Känguru-Penis oder Ähnlichem gelabt zu haben oder durch Fleischabfälle und Gekröse gerobbt zu sein, reden über ihre aktuellen Nachfolger. Als faszinierter Beobachter schießt einem spontan durch den Kopf: Dafür muss wohl das in der Jugendsprache gebräuchliche Wort „Cringe“ geboren worden sein.
Natürlich will auch der Boulevard – allen voran die „Bild“ – am Geschäft „Dschungelcamp“ partizipieren. Selbst seriöse Medien oder solche, die sich dafür halten, wollen etwas vom Kuchen abhaben. Trash oder nicht: Fünf Millionen TV-Zuschauer pro Abend können schließlich nicht irren – und klicken fleißig jeden Artikel dazu im Netz an. Da will man dabei sein. Also wird die Ofarim-Story im Vorfeld wieder aufgewärmt und das Image des ultimativ Bösen ordentlich befeuert – auch bei den Mitcampern, auf dass diese ihn im Camp mal so richtig rösten mögen.
Und was macht der zum Staatsfeind Nummer eins Auserkorene? Nimmt seine ihm zugedachte Rolle einfach nicht an, dieser Schuft. Nicht nur, dass er sich konsequent weigert, über besagten Vorfall zu reden. Er schluckt neben allen Anfeindungen eines rotzgörigen Reality-Sternchens, dem jede Kinderstube zu fehlen scheint, kommentarlos selbst die ekligsten Essensherausforderungen, gibt sich betont demütig, ausgesprochen höflich und bedankt sich bei allem, was nicht bei drei auf dem Baum ist. Ja geht’s noch?! Er ist fast schon … sympathisch. E-kel-haft!! Und wird er zu allem Überfluss vom TV-Publikum auch noch auf den Thron gewählt?! Skandal!!!
Die Mitcamper sind verwirrt, viele Medien schäumen – und die „Bild“, die sich um ihr Feindbild betrogen sieht, schwingt sich zum Hüter von Moral und Anstand auf. Die „Bild“!!! Das kannst Du Dir nicht ausdenken! DAS ist wahre Trash-Unterhaltung.