Das Donaudelta ist von Überschwemmungen, Erosion und Austrocknung bedroht. Die Folgen für das empfindliche Ökosystem sind gravierend. Die Ursachen sind vielfältig – und die Wissenschaft sucht nach Wegen, das einzigartige Delta zu bewahren.
Das Dorf Sfântu Gheorghe hat 700 Einwohner und liegt direkt an der Mündung eines der drei Hauptarme der Donau ins Schwarze Meer. An einem der Häuser hängt eine Tafel: „Sfântu Gheorghe Marine and Fluvial Research Station“ ist darauf zu lesen. Es handelt sich um eine Station für Forscher des Geografie-Instituts an der Universität Bukarest, wenn sie im Donaudelta Studien zur Geomorphologie, der Wissenschaft der Landformen, betreiben. Hier messen sie etwa Wassertiefe und Fließgeschwindigkeit. Dabei erstellen sie Höhenmodelle des Reliefs unter der Wasseroberfläche.
Gerade sind knapp zwei Dutzend Geografie-Studenten aus Bukarest zu Besuch in Sfântu Gheorghe. Täglich sind sie mit ihren Professoren in Motorbooten in den weitläufigen Flussarmen unterwegs. Erst pflügen sie durch den schlammig-braunen Sfântu-Gheorghe-Arm, den südlichsten der drei Arme, in die sich die Donau bei Tulcea, dem Hauptort des Deltas, teilt, vier Schifffahrtstunden entfernt. Dann sind sie in den grünen Kanälen unterwegs, die das Delta zum Wasser-Labyrinth machen. Es sind gewundene natürliche oder schnurgerade vom Menschen angelegte Kanäle.
Wasserkraft und Staudämme bereiten Sorge
Das Hauptaugenmerk der Wissenschaft liegt auf den Sedimenten, also Gesteinspartikeln, die der Fluss mitführt. In den letzten 7.000 bis 8.000 Jahren entwickelte sich das Delta nach der letzten Eiszeit aus einem ehemaligen Golf. Der Meeresspiegel erreichte das heutige Niveau, und die Donau begann, Sedimente abzulagern. Daraus entstand die Landschaft, wie wir sie kennen, das zweitgrößte Delta Europas nach jenem der Wolga. Fast drei Viertel der Fläche sind heute Biosphärenreservat.
Doch die Sedimente, denen die Herausbildung der kaum berührten Wasserwelt an der Mündung der Donau zu verdanken ist, bereiten den Forschern Sorgen. Und hauptverantwortlich dafür ist just eine grüne Energie, der allgemeine Sympathie entgegengebracht wird: die Wasserkraft. Entlang der Donau gibt es 62 Staudämme, der wichtigste ist das Eiserne Tor an einem Taldurchbruch an der serbisch-rumänischen Grenze.
Alle Staudämme wirken wie Filter für Sedimente. Nach Meinung der Wissenschaftler liegt die Abnahme des Eintrags in die Donaumündung bei mehr als 60 Prozent. Ein Problem aller Flussdeltas weltweit, wie es etwa der Nil mit dem Assuan-Staudamm hat, der 90 Prozent der Feststofffracht zurückhält.
Die Sedimente sind wichtig für die Stabilisierung des Deltas: „Wir haben festgestellt, dass sich bei Hochwasser Millionen Kubikmeter Sediment ablagern können, während bei Stürmen Millionen Kubikmeter erodiert werden“, erklärt Florin Zinescu, Forscher der Uni Bukarest, die Interaktion zwischen Wind, Wasser und Feststoffen. Diese kommen von weither, aus den Bergen und Hügeln im Einzugsbereich des gesamten Donaulaufs.
Wenn die Donau an ihrer Mündung ankommt, verliert sie ihre Sedimente, weil die Fließgeschwindigkeit abnimmt. Sie sinken zu Boden, werden aber von den Meereswellen wieder aufgewirbelt und an den nahegelegenen Stränden abgelagert. Die Wissenschaftler aus Bukarest haben ein Forschungsprojekt namens „Delta Hub“ ins Leben gerufen. Damit wollen sie feststellen, wo Sedimente ankommen und wo sie benötigt werden. „In den letzten 40 Jahren haben Satelliten Fotos vom gesamten Delta gemacht, und wir können sehen, welche Stellen wachsen und welche erodieren“, sagt Florin Zainescu. „Wir beobachten mehr und mehr Erosion als in der Vergangenheit.“
Doch das allgemeine Verständnis ist noch nicht dafür sensibilisiert. „Es gibt nur einige punktuelle Eingriffe ohne eine wirklich solide wissenschaftliche Grundlage“, klagt der Direktor von Delta Hub, Professor Florin Tatui. „Wir versuchen nun, die Behörden davon zu überzeugen, dass wir ein numerisches Modell für die Wasser- und Sedimentzirkulation im gesamten Donaudelta benötigen, um diese wissenschaftlichen Grundlagen zu schaffen.“
Regelmäßig wird die Mündung des mittleren Hauptarms der Donau bei Sulina für die Schifffahrt ausgebaggert. Doch anstatt das ausgebaggerte Material – man spricht von Millionen Kubikmetern – an den Stränden abzulagern, wo es dringend benötigt wird, um weiteren Landverlust zu verhindern, wird es vor der Küste versenkt. Dort aber ist es für das Ökosystem verloren.
Der nächste Halt soll ein Highlight für die Studenten werden: die Halbinsel Sachalin. Sie hat nichts zu tun mit der russischen Insel gleichen Namens, obwohl sie ihr von der Gestalt her ähnelt. Sie ist 24 Kilometer lang und nur ein paar hundert Meter breit und ein noch recht junges Festland: Vor wenigen hundert Jahren wurde Sachalin durch den Sedimenteintrag im Meer geschaffen.
Die Halbinsel Sachalin ist Schutzgebiet und darf außer für wissenschaftliche Zwecke nicht betreten werden. Der schmale Streifen präsentiert sich als kaum bewachsene dystopische Landschaft. Denn was das Meer hier anschwemmt, bleibt am Ufer dieser Schatzinsel liegen und zeugt von der Verschmutzung der Ozeane: rostige Tonnen neben Baumstämmen und abgenagten Knochen, Bierkisten, Plastikbehälter und Unmengen an Flaschen. Aber auch die Kadaver von zwei Delfinen liegen im Sand. Drei Arten davon leben im Schwarzen Meer.
„Anscheinend erholt sich die Delfinpopulation leicht, aber wir müssen noch verstehen, wie sich der Ukraine-Krieg derzeit auf die Delfine auswirkt, da sie sich mithilfe von Echoortung orientieren und jagen“, sagt Razvan Crimschi. Er ist Biologe, arbeitet als Guide im Delta und hat die Boote für die Studentengruppe organisiert. „Einer der Gründe, warum wir die Delfine angespült am Strand sehen, könnte sein, dass etwas unter Wasser vor sich geht, höchstwahrscheinlich im Zusammenhang mit sehr starken Sonaren, die das Militär bei U-Booten oder Ähnlichem einsetzt.“
Für die Fauna ist Sachalin ein Paradies, weil die Insel vom Menschen sonst nicht gestört wird: Otter und Nerze leben hier ebenso wie rund 30 Vogelarten, darunter der Schwarzmilan. Halbwilde Rinder und Pferde bevölkern ebenfalls die Insel. Ein Goldschakal hetzt ängstlich vorbei. Reiher nehmen Fußbäder im seichten Wasser. Ibisse staksen das Ufer entlang.
Auf der meeresabgewandten Seite der Halbinsel hat sich eine Lagune gebildet, wo das Salzwasser des Meeres ins Süßwasser des Donausystems übergeht. Dementsprechend finden sich hier Süßwasserfische und Salzwasserfische in unmittelbarer Nachbarschaft. Es gibt nicht viele Gebiete, die eine so große Vielfalt und einen so großen Reichtum an Fischen beherbergen, sagt der Biologe Crimschi. Das zieht viele Vögel an, die sich von Fischen ernähren, Pelikane und Kormorane.
Die Studenten und ihre Lehrer fahren weiter, tiefer hinein ins Delta. An Land wird auf Geländewagen gewechselt, die sich durch den weichen Sand im lockeren Wald graben. Nahe einer Lichtung erheben sich mächtige Eichen, 300 bis 400 Jahre alt, mit weit ausladenden Kronen. Mittels Dendrochronologie kann nicht nur das Alter der betagten Riesen bestimmt werden. „Je nach den Jahresringen – ein Ring steht für ein Jahr Wachstum – können wir auch Informationen über das Paläoklima gewinnen“, sagt Professor Tatui. „Das bedeutet: über den Wind in der Vergangenheit, die Temperaturen, die Niederschläge, Überschwemmungen, gegebenenfalls auch bestimmte Krankheiten, Phasen mit stärkerer Windaktivität.“ Darüber geben Reste uralter Baumfunde Auskunft.
Nicht weit vom alten Eichenwald entfernt, in Sichtweite des Dorfes Caraorman, formen mehrere Sandbuckel die Landschaft. Dünen, viele Kilometer innerhalb des Deltas. Sie stammen aus einer Zeit, als hier die Meeresküste verlief, vor 5.500 bis 3.500 Jahren. Der Wind baut die Dünen auf und die wie eine Igelfrisur darauf wachsende Vegetation stabilisiert sie.
Gegenüber vom Dorf erhebt sich, isoliert auf dem Deich, ein Fabrikgerippe aus kommunistischer Zeit. Ein Vorhaben der Ceauşescu-Regierung, das nie umgesetzt wurde: Geplant war hier, den Sand der Dünen zur Glasherstellung zu verwenden.
Schilfbestand ist gigantisch
Das Donaudelta, das mehr als doppelt so groß ist wie das Saarland, verfügt über den weltweit größten Schilfbestand. Er ist ebenfalls in Gefahr. Denn neben dem geringeren Sedimenteintrag muss das Donaudelta mit dem vom Klimawandel verursachten Anstieg des Meeresspiegels fertig werden. Zwei bis fünf Millimeter beträgt er pro Jahr. Da das Delta nur rund 60 Zentimeter über dem Meeresspiegel liegt, könnte das schon in weniger als hundert Jahren zu weiträumigen Überschwemmungen führen.
„Durch die Überflutung mit Meerwasser, das ja salzig und kein Süßwasser ist, wie es im Donau-Ökosystem der Fall ist, wird das hier viele ökologische Probleme verursachen“, fürchtet Forscher Florin Zainescu. Denn es werde zum verstärkten Eindringen von Salzwasser in die Schilfmoore kommen. „Auch an der Flussmündung kann es zu einem verstärkten Eindringen von Salzwasser kommen, und das Grundwasser kann ebenfalls durch mehr salzhaltiges Wasser verdrängt werden.“
Von der anderen Seite her bringt die Donau von ihrer 2.850 Kilometer langen Reise hingegen immer weniger Wasser mit, weil es im Donaubecken weniger Niederschläge gibt und die Verdunstung zunimmt. „Das Wasser gelangt also in die Atmosphäre, bevor es die Donau erreicht und bevor es den Fluss hinunterfließt“, sagt Zainescu.
Auch Seen sind in Gefahr
Für die Rückfahrt nimmt die Bootskarawane einen jener künstlichen, wie mit dem Lineal gezogenen Kanäle, der flankiert wird vom kilometerlangen Schilfmeer. Ähnlich einem Spalier aus Mikado-Stäbchen stehen die Pflanzen am und im Wasser. Purpurreiher fliegen auf. Mit einem Mal weitet sich der Kanal, und die Boote durchqueren einen der riesigen Seen des Deltas, wo man am Horizont kein Ufer sieht.
Auch diese Seen sind in Gefahr, und schuld sind Kanäle wie der soeben passierte, von Menschen angelegte Wasserstraßen im Delta. Zum einen ermöglichen sie, bestimmte Gebiete zu erreichen, räumt Professor Florin Tatui ein. Doch zum anderen wird das natürliche Gefüge des Donaudeltas, das ein hochkomplexes System wechselseitiger Abhängigkeiten ist, durch die künstlichen Kanäle gestört. Hier hat die Ablagerung von Sedimenten in größeren Mengen nämlich schädliche Auswirkungen, weil das zu einer Verlandung der Seen führen könnte, die nur etwa zwei Meter tief sind.