Die Pubertät macht aus Kindern Erwachsene – eine faszinierende, teils noch nicht ausgeforschte Phase des Lebens. Doch Deutschland hat ein sehr negatives Bild von der Pubertät, das hat Prof. Karina Weichold von der Universität Jena gerade in einer Studie mit Umfragen in 16 Ländern herausgefunden.
Frau Prof. Weichold, für Ihre Studie „Puberty through Their Lens“ haben Sie Jugendliche in 16 verschiedenen Ländern dazu befragt, wie sie Pubertät erleben. Wie schneidet Deutschland ab?
Wir leben im Vergleich zu anderen Kulturkreisen ein deutlich zu negatives Bild von Pubertät vor. Wir warnen vor körperlichen Veränderungen, betreiben Bodyshaming, wenn sich der Körper entgegen des westlichen Schönheitsideals entwickelt, und zeigen Pubertierenden zu wenig Wertschätzung. Wir kanzeln sie als launisch und kompliziert ab. Und machen uns zu wenig Mühe, das ernst zu nehmen, was in der Pubertät passiert. Wenn Sie im Netz suchen, finden Sie Warnschilder, die man sich aufstellen kann. Da steht drauf: „Mein Kind pubertiert.“ Das finde ich wirklich schlimm. Es signalisiert: Hier treten Probleme auf. Und es zeigt auch, dass man als Erwachsener ebenso Angst hat, damit umzugehen. Das sollte so nicht sein.
Pubertät wird oft als Hormonsturm wahrgenommen, in dem Jugendliche wie gefangen und von Sinnen sind. Was setzen Sie dieser Sicht entgegen?
Die Pubertät ist eine sensible und tiefgreifende Phase in der Entwicklung eines Menschen. Nicht nur der Körper verändert sich, sondern auch das Gehirn, soziale Beziehungen und das Selbstbild. Es werden zentrale Weichen für das weitere Leben gestellt. Am Ende der Pubertät steht da im besten Fall ein junger Erwachsener mit einem realistischen Selbstbild, der akzeptierend mit seinem Körper umgeht. Wir sollten die Pubertät weniger als Problemphase begreifen, sondern als Weg für diese spannende Phase des Übergangs ins Erwachsenenalter mitbereiten und gestalten.
Beginnen wir doch mit den Grundlagen. Was sind die ersten Anzeichen, dass es losgeht?
Was viele nicht wissen, ist, dass die körperliche und kognitive Entwicklung nicht synchron abläuft. Bei Mädchen beginnt die körperliche Pubertät zwischen acht und 13 Jahren mit der Brustknospung und endet mit der Menarche, der ersten Regelblutung. Bei Jungen kommt es zu Beginn der Pubertät, zwischen neun und 14 Jahren, zu einer starken Vergrößerung des Hodenvolumens und am Ende zu einem starken Körperwachstum. Der erste Samenerguss ist ein Meilenstein, markiert aber weder den Anfang noch das Ende der Pubertät. Der Umbau des Gehirns dauert deutlich länger. Noch bis ins junge Erwachsenenalter entwickeln sich die neuronalen Kontroll- und Regulationssysteme im Gehirn, bei manchen ist der Prozess erst mit Mitte oder Ende 20 abgeschlossen.
Warum kommt es in dieser Zeit so häufig zu Konflikten zwischen den Älteren und den Bald-Erwachsenen?
Das Umfeld hat häufig Erwartungen an junge Menschen, die diese noch gar nicht erfüllen können. Sie sind zwar körperlich zum Teil schon entwickelt, sehen aus wie Erwachsene, aber die kognitive Reife, die Kontrolle, die Emotionsregulation und die sozialen Kompetenzen sind noch nicht da. Das erzeugt Spannungen. Die Pubertierenden sollen selbstständig sein, Verantwortung übernehmen, sich emotional regulieren und „vernünftig“ handeln. Gleichzeitig erleben sie zum Teil starke Emotionen, eine erhöhte Emp-findlichkeit für soziale Bewertungen, besonders durch Gleichaltrige, und ein starkes Bedürfnis nach Autonomie und Zugehörigkeit, verfügen aber noch nicht über die gleichen Selbststeuerungskompetenzen wie Erwachsene. Die wichtige Botschaft ist: Die Jugendlichen sind nicht das Problem! Das Umfeld sollte seine Erwartungen anpassen.
Was brauchen pubertierende Kinder und Jugendliche in dieser Zeit?
Pubertät gelingt dann am besten, wenn sie begleitet wird. Eltern sollten als emotionale Co-Regulatoren agieren: präsent sein, Gesprächsangebote machen, Körperveränderungen normalisieren und entdramatisieren, starke Emotionen mit auffangen. Gleichzeitig brauchen Kinder klare Strukturen, verlässliche Regeln und Orientierung. Es ist eine Gratwanderung: auf der einen Seite Kontrolle schrittweise abgeben und gleichzeitig den notwendigen Halt, emotionalen Zuspruch sowie die Unterstützung nicht entziehen.
Sie haben untersucht, wie Menschen in verschiedenen Kulturen mit Pubertierenden umgehen. Was ist die Hauptursache für positives oder negatives Erleben?
Die persönlichen Bewertungen der Pubertät hängen eng mit den Reaktionen von Eltern, Lehrern oder Gleichaltrigen zusammen. Wie die Gesellschaft auf die Pubertät blickt, prägt den Blick der Jugendlichen selbst maßgeblich. In vielen kulturellen Kontexten wird Pubertät sehr positiv bewertet, sie steht für Wachstum, körperliche Stärke und dem ja eigentlich gewünschten Übergang ins Erwachsenenalter. Wenn die Jugendlichen das Gefühl haben, dass ihr Umfeld auf die körperlichen Veränderungen positiv und ohne Angst und Geringschätzung reagiert, dann ist es wahrscheinlich, dass sie die Pubertät selbst positiver erleben.
In welchem Land wird die Pubertät generell eher positiv erlebt?
In Ghana wird der weibliche Körper deutlich positiver bewertet als in vielen westlichen Ländern, wo negative Aspekte fokussiert werden. Hier feiern junge Mädchen anlässlich ihrer ersten Regelblutung bis heute das Dipo-Ritual. Dabei werden sie nach einer Phase der Wissensvermittlung mit traditionellen Perlengürteln geschmückt, ihr Kopf wird rasiert und sie werden mit einer großen Zeremonie Teil der erwachsenen Gemeinschaft. Entsprechend positiv ist das Selbstbild vieler ghanaischer Mädchen. Ein Beispielsatz einer Jugendlichen aus unseren Befragungen: „Die meisten Veränderungen in der Pubertät sind positiv. Meine Mama sagt immer zu mir, ich soll stolz darauf sein, dass ich wachse und nun ein Teenager bin. Meine Lehrer finden auch toll, dass wir uns verändern. Mit meinen Freunden kann ich jetzt über ‚Erwachsenendinge‘ reden.“
Warum können Rituale hilfreich sein?
Solche Pubertätsriten können sehr positive psychologische Effekte haben, weil sie den Jugendlichen mit seinen körperlichen Veränderungen Respekt und Wertschätzung entgegenbringen und den Übergang vom Kindes- ins Erwachsenenalter markieren. Positiv erlebte Rituale haben Auswirkungen auf das Selbstbild: So stehen in Ghana die Mädchen, aber auch deren Eltern und Freunde, den körperlichen Veränderungen in der Pu-bertät positiver gegenüber und entwickeln seltener Problemverhalten, als etwa im Vergleich zu Deutschland. Natürlich gibt es auch Rituale, die als problematisch wahrgenommen werden können, wie etwa die Beschneidung bei Jungen im Jugendalter, wie sie beispielsweise in Kenia bis heute praktiziert wird.
Und was haben die deutschen Mädchen in ihren Befragungen gesagt?
Das kann ich direkt zitieren: „Dass ich in der Pubertät bin, habe ich gemerkt, weil ich Pickel bekommen habe, zickiger geworden bin und mehr Stress zu Hause mache. Eigentlich will ich mich gar nicht zeigen – ich habe immer Angst, dass andere Leute über mich lästern oder so …“ Zu sehen, dass Mädchen in Deutschland auch im internationalen Vergleich noch immer so außergewöhnlich negativ auf die Pubertät blicken, ist schon bewegend. Unsere Studie zeigt: Es gibt hier unbedingt Handlungsbedarf!
Welche Konsequenzen kann ein negatives Erleben der Pubertät haben?
Wenn junge Leute permanent gespiegelt bekommen, dass sie, so wie sie sind, nicht in Ordnung sind, nicht in die Gesellschaft passen, ist das hochproblematisch. Es erhöht das Risiko, an Depressionen zu erkranken, Angststörungen zu entwickeln, und generell gibt es eine höhere Wahrscheinlichkeit für eine problematische Entwicklung im Jugendalter. Ein guter Umgang mit dem eigenen Körper und eine positive Selbsteinschätzung hingegen sind ein Schutzfaktor.
Was haben die Länder gemeinsam, die einen positiven Umgang mit der Pubertät haben?
Wir haben festgestellt, dass es eher kollektivistisch und gemeinwohlorientierte Kulturen sind, die der Pubertät positiv gegenüberstehen. Dort wird Fruchtbarkeit häufig mit dem Fortbestand und dem Wachstum der Gemeinschaft verknüpft, was sich auch in der kulturellen Bedeutung der Menstruation widerspiegelt. In individualistisch orientierten Gesellschaften hingegen liegt der Fokus stärker auf dem einzelnen Menschen und seiner persönlichen Entwicklung.
Was können wir uns von Ländern wie Ghana abschauen?
Natürlich geht es nicht darum, Riten aus anderen Ländern zu importieren. Wir müssen auch keine Party schmeißen, wenn das Kind die erste Menstruation hat, oder das ganze Dorf einladen. Was wir aber tun können, ist, offener und schamfreier über die körperlichen Veränderungen zu reden und die Dinge auch beim Namen zu benennen, wie es beispielsweise in Indien typisch ist, wenn Kinder reifen. Das ist essenziell. Nicht verschweigen, nicht ausblenden, nicht besorgt darauf reagieren, wenn sich der Körper oder auch das Verhalten verändern, sondern spiegeln: Das ist ein normaler Vorgang. Es ist nicht immer einfach und kann auch mal mit Leid verbunden sein, aber es gehört zum Erwachsenwerden dazu. Und im Endergebnis steht ein schöner, erwachsener Körper.
Eltern und privates Umfeld sind das eine – welche Rolle hat die Schule bei der Begleitung der Pubertät?
Die Jugendlichen wünschen sich klare Infos über körperliche und emotionale Veränderungen. Mythen oder Tabus fördern Unsicherheit, Scham oder auch Angst. Und das betrifft auch die Jungen. In vielen Ländern erhalten Jungen deutlich weniger Informationen über die körperliche Entwicklung im Vergleich zu den Mädchen. Und deswegen berichten auch manche, dass sie beim ersten Samenerguss oder beim Stimmbruch stärker verunsichert sind. Wer vorbereitet ist, kann besser mit Ängsten oder negativen Erfahrungen umgehen. Zur Pubertätsbildung gehört es aber auch, Kompetenzen zu stärken, also Selbstbewusstsein zu fördern, den Umgang mit starken Emotionen wie Enttäuschung und Wut zu reflektieren und generell positive Körpererfahrungen zu unterstützen. Und schließlich ist auch eine umfassende Bildung im Umgang mit den Einflüssen über (soziale)
Medien, wie unrealistische Schönheitsideale oder negative Rückmeldungen zum eigenen Körper, heute notwendiger denn je.