Die „Generation Z“ ist geprägt von vielen Veränderungen gleichzeitig. Dazu bringt das KI-Zeitalter ganz neue Herausforderungen mit sich. Für die Zukunftsforscherin Steffi Burkhart ein „Kipppunkt“, bei dem es auf unsere Entscheidungen ankommt.
Frau Burkhart, was bedeutet die Zeit der „Poly-Krisen“ insbesondere für die Generation Z (Jahrgänge 1995 bis 2010, Anm. d. Red.)?
Wir sehen, dass Systeme, die früher funktioniert haben, heute nicht mehr funktionieren. Ob es das Rentensystem ist oder ob Brücken einstürzen. Wir haben es mit einigen Krisen zu tun: Finanzkrise, Eurokrise, Flüchtlingskrise, demografische Krise, Corona-Krise, Kriege, weltweite Staatsschulden, Inflation, andauernde Rezession, Massenentlassungen, die wir derzeit erleben. Dazu kommt der Verlust der wichtigsten Währung, die wir haben, nämlich Vertrauen in Politik und Politiker, und dass wir es immer mehr mit einer Polarisierung zu tun haben. Und jetzt haben wir es noch mit starken Brandbeschleunigern zu tun, nämlich auf der einen Seite mit der Digitalisierung. Da hat der „Draghi Report“ (Bericht zur Wettbewerbsfähigkeit der EU; Anm. d. Red.) gezeigt, dass wir in Europa eigentlich in den nächsten Jahren 800 Milliarden Euro investieren müssten, um international mitzukommen. Und wir haben noch zusätzlich das Thema der Künstlichen Intelligenz. Das kommt mit enormer Wucht und Schnelligkeit als hochpotenter Beschleuniger, wo wir gefühlt gar nicht hinterherkommen. Diese Kombination macht natürlich etwas mit den Menschen. Das gilt für die Gesamtgesellschaft und sicher auch für junge Menschen. Das alles sind Treiber einer Mental Health Crisis, die wir bei der Generation Z stark beobachten können.
Die Auswirkungen von KI werden derzeit erforscht. Was sind erste Erkenntnisse?
Das MIT Media Laboratory hat eine Studie gemacht, bei der die Aufgabenstellung war, einen Aufsatz zu schreiben, eine Gruppe ohne digitale Hilfsmittel, die andere mit Suchmaschinen wie Google, die dritte Gruppe mit KI-Tools wie ChatGPT. Dabei hat man die Gehirne gescannt und festgestellt, dass die KI-Nutzer die Aufgabe zwar deutlich schneller abschließen konnten, um etwa 60 Prozent, aber man hat gesehen, dass die Gehirnaktivitäten deutlich abgenommen haben, und zwar um 50 Prozent, und gut 80 Prozent konnten sich nicht mehr an einen einzigen Satz erinnern, den sie geschrieben haben. Das zeigt die Gefahr, dass KI zum kognitiven Offloading führt, das heißt, die Menschen geben ihre Gedächtnis- und Problemlösungskompetenz an KI ab, lagern sie aus.
Was heißt das nun für den Einsatz von KI in Schule und Ausbildung?
Man sollte sehr differenziert darauf achten, gerade, wenn es um Lernende geht, um junge Menschen, wann man solche Werkzeuge in den Einsatz bringt, also KI-Tools in Lernsettings einbaut, und ob es nicht manchmal besser ist, wenn es verzögert eingesetzt wird. Die Gefahr ist eben, dass der Einsatz von KI zwar kurzfristig Aufwand spart, aber langfristig Folgen haben könnte wie geringere Tiefe des kritischen Denkens, Reduzierung der Erinnerungsleistung, Fragmentierung. Wir haben dann eine höhere Anfälligkeit für oberflächliche und voreingenommene Perspektiven. Wir wissen, dass KI derzeit noch voreingenommen ist, dazu nicht immer sehr tiefgründig, und manchmal gibt es auch falsche Aussagen. Deshalb zeigt die Studie: Man sollte KI sehr differenziert zum Einsatz bringen, gerade bei jungen Menschen, die in einer Entwicklungsphase sind, eigentlich noch kritische Analyse und analytisches Denken ausbauen müssten und Komplexitäten verstehen müssten, auch in Arbeitszusammenhängen. Man sagt nicht umsonst: Technik ist ein nützlicher Diener, aber ein gefährlicher Meister. Verstehen Sie mich nicht falsch: In 2019 habe ich den Satz geprägt „Erfolg in der Zukunft ist die smarte Kombination aus Menschlicher Intelligenz und Künstlicher Intelligenz“, und Menschen, die mit Künstlicher Intelligenz hervorragend zusammenarbeiten, werden all jene outperformen, die es nicht tun.
Die häufig formulierte Kritik, Curricula an Schulen, auch an Berufsschulen und in der Lehre, würden den Entwicklungen erheblich hinterherhinken, ist berechtigt?
Ich frage mich schon, ob wir junge Menschen ausreichend auf das neue KI-Jahrhundert vorbereiten. Ich glaube: eher zu wenig. Und das fängt dann schon bei den Curricula an. Aber das ist ja nicht nur meine Meinung. Lehrer und Schulleitungen spüren das, und Schüler hinterfragen das Why, How und What von Lehre. Wir sehen zusätzlich, dass KI so rasant fortschreitet, dass Schulen, Universitäten und Ausbildung mit der Anpassung ihrer Curricula gar nicht so richtig hinterherkommen. Das bringt eine neue Herausforderung mit sich, bedeutet aber gleichzeitig, dass es auch eine unfassbare Anstrengung in Unternehmen braucht, Belegschaften und den Nachwuchs wirklich mitzunehmen. Unternehmen müssen sich früh darauf einstellen und vielleicht überlegen, ob es ein neues Lern-Ökosystem braucht, bei dem man sich nicht als Unternehmen allein sieht. Dafür braucht es Kontakte zu Universitäten, Hochschulen, natürlich zu Experten aus dem KI-Bereich, aber auch zu politischen Vertretern. Wir wissen, dass Weiterbildung im Arbeitskontext auch für Beschäftigte an Bedeutung gewinnt. Lebenslanges Lernen wird im KI-Zeitalter zur Überlebensstrategie und erhält damit eine ganz andere Bedeutung. Wenn junge Menschen die nötigen Skills nicht mitbringen – und das Skill-Gap wird immer größer – dann müssen Unternehmen sie auffangen. Ansonsten wird sie keiner auffangen.
Das Phänomen, online extrem vernetzt, aber in der realen Welt vereinsamt zu sein, greift offenbar immer mehr um sich. Was macht das mit jungen Menschen?
Wir reden dabei vom „Technologie-Paradox“: Auf der einen Seite streben Menschen immer mehr ins Digitale und sind dort hyper-vernetzt, auf der anderen Seite wollen sie das multisensorische, physische Erlebnis. Der Sozialcharakter, den Social Media mit sich bringen sollte, geht immer mehr verloren, entwickelt sich ins Gegenteil: Mobbing, Vereinsamung sind Stichworte dazu. Wir stehen vor der Frage: Wie bereiten wir die Generation Z darauf vor, mit diesen neuen Herausforderungen zurechtzukommen, welche Hilfsmittel geben wir ihnen an die Hand, um zu lernen, tiefgründige, langfristige Beziehungen einzugehen, Spannungen in Beziehungen auszuhalten? Wir haben eine zunehmende Mental Health Crisis. Und das nächste große Thema ist: Wie schaffe ich es, in dieser Welt eine Resilienz und eine Anti-Fragilität aufzubauen? Das heißt: Wie sind wir nicht nur widerstandsfähig, sondern wie wachsen wir auch durch die Stressoren, mit denen wir es zu tun haben? Das sind Themen, die wir brauchen als Antwort auf die Frage, wie wir junge Menschen auf diese neue Welt vorbereiten.
Sehen Unternehmen diese Herausforderung für die Ausbildung?
Ich glaube, Unternehmen sind sich dieser Situation noch nicht immer so bewusst. Es kommt noch etwas dazu: Was heißt es denn, wenn Vertrauen in Politiker und Politik immer geringer wird? Wir sind immer davon ausgegangen, dass Politik auch dafür da ist, Probleme zu lösen. Wenn wir sehen, dass das leider immer weniger der Fall sein wird, wird sich die Verantwortung verschieben, weg von der Politik und weg von der Verwaltung. Auch in der Verwaltung sehen wir, dass Probleme viel zu langsam angegangen werden. Und dann werden wir erleben, dass Unternehmen immer mehr Verantwortung übernehmen. Wenn ich aber als Unternehmen Gesellschaft mitgestalte, muss ich im Unternehmen eine ganz andere Haltung mitbringen und ganz andere Verantwortung übernehmen. Wenn es um das Thema Lernen geht, werden wir sehen, dass junge Menschen ihre AI-Coaches an der Seite haben, die sie deutlich besser kennen, als ihre Eltern das tun oder als Lehrer glauben, dass sie über Fähigkeiten, über Stärken und Schwächen Bescheid wissen. Das wird alles in Zukunft über KI abgedeckt werden können. Und das hat natürlich Einfluss auf die Rolle, die Ausbilder oder Lehrer in Zukunft einnehmen werden.
Wie wird die dann aussehen können?
Es geht immer mehr um Care-Arbeit, emotional care, also Unterstützung, Beziehungen aufzubauen – die KI wird andere Felder übernehmen. Es braucht neue Antworten auf die Frage nach dem Why, How und What von Lehre, also die Frage: Wofür lernen und lehren wir? Es braucht neue Antreiber, und dabei geht es sehr um die Fragen, warum wir lernen und warum wir arbeiten. Es wird auch darum gehen, wie das auf die Gemeinschaft einzahlt. Und das Dritte: Wie kann ich meine eigenen Leidenschaften fördern und entwickeln? Und da braucht es einfach eine Best Learning & Development Experience. Damit gewinnen sie dann auch in Zukunft echte Top-Talente und können sie auch ein bisschen länger in den Unternehmen halten.
Sehen Sie eine Offenheit in Unternehmen, sich auch Fragen von mehr gesellschaftlicher Verantwortung zu stellen?
Wir müssen uns viel mehr trauen, in echten Zukunftsszenarien zu denken – und Trends nicht isoliert zu betrachten, sondern miteinander zu verknüpfen. Denn gerade passiert nicht „eine“ Veränderung, sondern viele parallel: Technologie, Demografie, Geopolitik, Arbeitswelt, Werte, Energie, Bildung. Wir sind mitten in einer Politransformationsphase – und das spüren wir alle, tagtäglich.
Die Offenheit dafür ist grundsätzlich da, weil alle sehen: Das Alte trägt nicht mehr zuverlässig. Gleichzeitig ist es noch nicht überall wirklich verstanden. Viele sind gerade in der Einordnung: Was bedeutet das für Geschäftsmodelle, Kultur, Führung, Skills – und vor allem für Strategie? Meiner Beobachtung nach ist der Wille da, aber der Entwicklungsgrad ist sehr unterschiedlich.
Und trotzdem ist die Lage klar: Es braucht einen Ruck. Nicht nur durch Gesellschaft und Politik, sondern in den Unternehmen selbst. Denn Transformation ist kein Papierprojekt. Sie beginnt beim Menschen: im Management, bei Führungskräften – und genauso bei den Mitarbeitenden. Dort entscheidet sich, ob wir Veränderung verwalten oder Zukunft gestalten.
Frage an die Zukunftsforscherin: An welchem Punkt stehen wir und können wir die Zukunft noch gestalten?
Wir stehen an einem Kipppunkt: Wir können Zukunft gerade gleichzeitig als Utopie und als Dystopie denken. Und genau darin liegt die unbequeme Wahrheit: Es gibt keinen Autopiloten. Die Richtung entsteht aus unseren Entscheidungen – heute. Der Motor jeder Veränderung ist der Mensch. Auch in dieser technologischen Welle. Technologie ist nie „gut“ oder „böse“ – sie ist ein Verstärker. Sie bringt Chancen und Risiken mit. Entscheidend ist, wer sie gestaltet, nach welchen Werten und mit welchen Regeln. Gerade bei KI ist das nicht abstrakt, sondern existenziell: Entweder wir bauen eine Zukunft, in der KI unsere Fähigkeiten erweitert – und wir Souveränität behalten. Oder wir rutschen in eine Zukunft, in der Systeme autark Ziele optimieren, die nicht mehr zwingend unsere sind.
Vordenker sprechen seit Jahren davon, dass wir in eine Phase der Koexistenz mit einer neuen Form von „künstlicher Existenz“ eintreten könnten. Und damit ist die Schlüsselfrage auf dem Tisch: Was passiert, wenn Superintelligenz Realität wird? Wer beaufsichtigt dann wen – wir die Systeme oder die Systeme uns?
Genau an dieser Schwelle entscheidet sich, ob die Zukunft für Menschen ein Gewinn wird – oder ein Verlust an Kontrolle, Freiheit und Würde.
Und ja: Wir haben es jetzt in der Hand. Nicht irgendwann. Jetzt.