Eigentlich sollte der Hunger in der Welt bis 2030 besiegt sein. Statt weniger gibt es aber mehr Menschen, die hungern. Für Hilfsorganisationen wird es schwieriger, sagt die Präsidentin der Deutschen Welthungerhilfe, Marlehn Thieme. Länder kürzen ihre Mittel – oder streichen sie ganz.
Frau Thieme, als Sie vor acht Jahren zur Präsidentin gewählt wurden, glaubte man, 2030 den Hunger weitgehend besiegt zu haben. War das ein Trugschluss?
Leider ja. Es gibt heute weltweit wieder mehr hungernde Menschen als bei meinem Amtsantritt 2018. Wobei ich damals schon sehr skeptisch war, dass dieses Ziel erreicht werden kann. Seit fünf Jahren haben wir eine Steigerung der Zahlen hungernder Menschen in der Welt. Das liegt an den Konflikten, die deutlich zugenommen haben: vor vier Jahren der russische Angriff Russlands auf die Ukraine, was zu massiven Ausfällen bei den Getreidelieferungen geführt hat, dann der Hamas-Angriff auf Israel, jetzt auch noch der Konflikt am Persischen Golf.
Ich vermute, der Klimawandel ist auch nicht ganz unschuldig an dem wieder zunehmenden Hunger in der Welt?
Das ist eine Bedrohung, die ebenfalls nicht zu unterschätzen ist. Der Unterschied: Kriege könnten die Konfliktparteien sofort beenden, den Klimawandel kann man nicht eben mal beenden. Durch die Erderwärmung hat sich zum Beispiel die Bearbeitung der Böden massiv verschlechtert, dazu kommen mehr Dürren. Die Böden nehmen in der Folge Regenwasser nicht mehr richtig auf. Wenn es regnet, ist das wesentlich intensiver als vor 30 Jahren. Regelrechte Sturzfluten überschwemmen Felder, vernichten dann die ohnehin dürftige Ernte.
Wie viele Menschen leiden aktuell unter Hunger, gibt es überhaupt verlässliche Zahlen?
Von unserem Ziel, 2030 den Hunger besiegt zu haben, sind wir weit entfernt. Derzeit leiden mindestens 670 Millionen Menschen unter akutem Hunger. Wir befürchten, dass weitere 30 Millionen allein durch den Iran-Krieg jetzt dazukommen. Das sind seriöse Zahlen des Welternährungsprogramms. Was uns seit Jahren fehlt, ist der politische Wille im Kampf gegen den Hunger. Die Staaten denken an sich selbst. Die Gesellschaften in den Industrienationen wählen in Teilen Parteien, die genau diese egozentrische Weltsicht, die aus meiner Sicht viel zu kurz greift, befördern. Das sehen wir unter anderem auch daran, dass im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung Gelder gestrichen wurden.
Laut dem Eckpunktepapier für den Haushalt 2027 soll weiter gekürzt werden. Habe ich das richtig gelesen?
Ja, bei der wirtschaftlichen Entwicklung soll weiter der Etat reduziert werden. Was uns als Welthungerhilfe ganz besonders besorgt: Wir Deutschen galten in der Welt immer als verlässliche Partner, gerade für diejenigen Staaten, die sich bemühen, für ihre Bürger und Bürgerinnen verlässlich Hunger und Armut zu besiegen, und die Schulbildung und eine Optimierung ihrer Landwirtschaft haben wollen. Und dabei helfen wir ihnen seit Jahren auch sehr erfolgreich. Wir hatten für andere weltweite Hilfsorganisationen schon ein bisschen Vorbildcharakter.
Deutschland streicht weiter Gelder, die USA steigen aus dem medizinischen Programm beinahe komplett aus. Beobachten Sie da einen Dominoeffekt bei den anderen Ländern?
Ganz genau, es gibt diesen Dominoeffekt. US-Präsident Trump hat es vorgemacht, Großbritannien, die Niederlande oder Frankreich sind dem Vorbild gefolgt, und jetzt machen es auch wir Deutschen. Und das ist die Sorge, die wir haben, dass wir vollkommen ins Hintertreffen geraten mit unserem Ansatz, nachhaltige Entwicklungen in den Ländern des Globalen Südens zu ermöglichen.
Deutschland steckt seit drei Jahren in einer Wirtschaftskrise. Wenn Menschen weniger Geld zur Verfügung haben, sinkt die Spendenbereitschaft, trifft das auch die Welthungerhilfe?
Wir sind im Moment in einer wirklich sehr glücklichen Lage, dass wir das bislang nicht feststellen mussten. Aber wir sind natürlich besorgt, dass die tatsächlich sinkende Spendenbereitschaft auch uns erreichen könnte. Doch wir haben viele Menschen, die uns treu verbunden sind und die die Notwendigkeit der Hunger- und der Armutsbekämpfung in den Ländern des Globalen Südens wichtig finden, und die auch sehen, dass es uns vergleichsweise immer noch sehr gut geht, auch wenn viele meinen, es ginge uns schlecht …
… die Welthungerhilfe kann also weiter gut arbeiten?
Das ich würde ich nun nicht sagen. Was uns besonders stark trifft, ist die Kürzung der öffentlichen Mittel, und zwar aus dem Bundeshaushalt genauso wie aus den europäischen Entwicklungsausga-ben oder Budgets, und vor allem die der internationalen Organisationen. Denn es sind ja nicht nur die Amerikaner, die jetzt die Mittel ganz radikal gekürzt haben, sondern es sind auch die internationalen Organisationen, die mittelbar an den Kürzungen der einzelnen Staaten und auch unter der Unterfinanzierung bei der Hunger- und Armutsbekämpfung leiden.
Der Hunger nimmt zu, staatliche Hilfsgelder werden gestrichen. Motivation sieht anders aus, oder?
Also die Unterstützung unserer Spender und Spenderinnen ist für uns ein ganz wesentlicher Aspekt. Wenn diese uns weiter das Geld anvertrauen, dann ist das schon eine ganz große Motivation. Wir sehen, dass in den Ländern des Globalen Südens die Bildungssysteme so entwickelt sind, dass diese Menschen auch selbst viel stärker dazu beitragen können, ihre Ernährungssituation zu optimieren, aus der Armut herauszukommen. Das sehen wir auch gerade in Afrika oder in Asien, dass es dort Entwicklungen hin zu einer Mittelschicht gibt, dass das Bildungsniveau zunimmt, dass sie tatsächlich ihr Leben und ihre Lebensperspektiven selbst in die Hand nehmen können.
Und ihre persönliche Motivation?
Die eine Motivation: Wir sehen, dass unsere Hilfe zu sehr positiven Ergebnissen führt, und dass unsere Spender an unserer Seite stehen, ist ein wichtiger Antrieb. Dazu kommt auch die Unterstützung von Journalisten, die uns helfen, indem sie immer wieder warnen. Es gibt einen weiteren großen Bedarf, und wir müssen unsere Arbeit fortsetzen. Meine persönliche Motivation ist eine Menschenliebe, und die lasse ich mir auch nicht nehmen. Das ist eine intrinsische Motivation, mein innerer Antrieb, das schon um seiner selbst willen zu machen. Uns geht es in Deutschland so gut, dass wir uns das leisten können, leisten müssen.