Was hat sie für die Kultur in diesem Jahr bewirkt? Und: Was hat sie sich vorgenommen? Im Kultur-Interview gibt die saarländische Ministerin für Bildung und Kultur Christine Streichert-Clivot Auskunft.
Frau Ministerin Streichert-Clivot, im vorigen Jahr sagten Sie im Interview: „Der gesamte Bereich der freien Szene ist für mich ein ganz wichtiger, deshalb blicken wir dorthin“. Das Kulturministerium fördert die Freie Szene Saar in diesem Jahr mit rund 162.000 Euro – um 17.000 Euro mehr im Vergleich zum Vorjahr. Lucyna Zwolinska hatte mit „ÜberMensch“ im Oktober Premiere und sagte im Saarländischen Rundfunk, es gäbe „zu wenig Förderung und keine große Bühne für die freie Szene im Saarland“. Hat sie recht?
Tatsächlich bin ich sehr glücklich, wie sich die freie Szene entwickelt hat. Sie ist professioneller und auch lauter geworden. Man spricht über ihre Belange, sie ist sehr stark vernetzt, auch in der Kulturszene insgesamt. Wir fördern die freie Szene aus dem Bewusstsein heraus, dass es eine wunderbare Szene ist, die sehr mutig und sehr kreativ ist. Aber wir sehen natürlich, wo es noch hakt und, was diese freie Szene noch braucht. Und wenn die Rede davon ist, dass eine große Bühne fehlt, dann trifft das den Kern der Sache. Die freie Szene ist auf der Suche nach einem eigenen Produktionshaus. Das heißt, einem festen Standort, der ihr ermöglicht, Stücke zu entwickeln, Auftrittsmöglichkeiten zu haben und sie stärkt. Die verschiedensten Akteure beispielsweise auch mit technischem Know-how, technischer Infrastruktur, zu versorgen, an dem Thema arbeiten wir mit dem Netzwerk Freie Szene sehr eng. Ich bin mir sicher, wir werden uns auch in den nächsten Monaten ein gutes Stück dieser Frage nähern.
Sie sagen also selbst: Es fehlt eine große Bühne.
Wenn man Bühne im Sinne von „wie erreichen wir Menschen?“ betrachtet, dann, würde ich sagen, hat das Netzwerk Freie Szene schon eine sehr, sehr große Bühne, nämlich eine große Anhängerschaft. Wenn man aber Bühne tatsächlich im örtlichen Sinne betrachtet, einen Ort zu haben, an dem man Aufführungen machen kann, dann hat das Netzwerk Freie Szene aktuell diesen Standort nicht, und das verbirgt sich hinter der Idee eines eigenen Produktionshauses.
Große Bühnen gibt es im Saarland, beispielsweise das Theater am Ring in Saarlouis, Big Eppel in Eppelborn, Q.lisse in Quierschied – teilweise wenig bespielt. Sie favorisieren ja, dass auch das Umland durch die freie Szene bespielt werden sollte.
Naja gut, ich kann mir als Kulturministerin nicht anmaßen, zu beurteilen, zu welchen Entscheidungen das Netzwerk Freie Szene kommt. Ich weiß nur, dass das Thema Produktionshaus eines ist, dass die freie Szene schon sehr lange beschäftigt. Dort geht man aktiv auf die Suche nach einem Ort und letzten Endes hängen die Orte, die sie aufgezählt haben, auch immer an bestimmten Trägerstrukturen. Ich glaube, die Idee hinter einem Produktionshaus ist, sich unabhängig machen zu können von einzelnen Standorten. Es ist auch an ihnen selbst, zu entscheiden, was für sie ein richtiger und guter Standort ist.
Das Netzwerk Freie Szene Saar e.V. und die Landesarbeitsgemeinschaft LAG Tanz im Saarland e.V. forderten seit 2021 die Einrichtung und Finanzierung einer Geschäftsstelle. Sie haben dem entsprochen und fördern seit diesem Jahr beim Netzwerk Freie Szene Saar e.V. mit 35.000 Euro und bei der LAG Tanz im Saarland e.V. mit 30.000 Euro eine professionelle Geschäftsstelle. Was soll bewirkt werden?
Professionalität – das machen wir im Übrigen auch in der Breitenkultur – dient dazu, dass die jeweiligen Organisationen auch einen Rückhalt haben in all den organisatorischen Fragen. Damit geht einher, dass man beispielsweise Fördergelder administrieren muss, die durch das Land oder auch vom Bund gegeben werden. Unsere Erfahrung ist, dass das gut gelingen kann, wenn man eine professionelle Struktur hat, und das ist die Aufgabe einer Geschäftsstelle.
Auf der Website des Netzwerks Freie Szene Saar bieten nur acht Gruppen Produktionen als Gastspiel (Stand: 17.11.) an, und das, obwohl Ihr Ministerium Gastspiel- und Wiederaufnahmeförderung anbietet. Sollte man nicht meinen, dass die durch Fördergelder entstandenen Produktionen im Bundesgebiet gespielt und so Gagen für die Künstler eingespielt werden könnten?
Gut, natürlich ist es immer schön, wenn Produktionen, die im Saarland gefördert werden, dann auch andernorts angeboten werden. Aber auch hier setzt das ja ein gutes Netzwerk in die Bundesebene voraus. Wir wollen vor allem Angebote für Besucherinnen und Besucher im Saarland ermöglichen. Ich kann derzeit nicht erkennen, dass sich die freie Szene insgesamt zurückhält, sondern sie ist sehr stark dabei, sich zu vernetzen und weiterzuentwickeln.
Sie haben, um die kulturelle Zusammenarbeit zwischen dem Saarland und Luxemburg zu stärken, mit dem luxemburgischen Kulturminister Eric Thill im November 2024 eine Zielvereinbarung zwischen dem Saarland und dem Großherzogtum unterzeichnet.
Genau. Es ist für uns spannend, mit Luxemburg zusammenzuarbeiten, weil die traditionellen Wege auch für viele Künstlerinnen und Künstler, insbesondere durch die Frankreichstrategie, in Richtung Frankreich gehen. Mit dem luxemburgischen Minister haben wir eine Vereinbarung für das erste binationale Projekt, das unter dem Stichwort Nachhaltigkeit steht. Bei Création Verte geht es darum, Künstlerinnen aus Luxemburg und dem Saarland an Schulen zu bringen, um Fragen der nachhaltigen Entwicklung zu stärken. Dahinter steht auch ein regelmäßiger Austausch mit dem luxemburgischen Ministerium und meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, um zu sehen: Wo kann man sich vernetzen, wo kann man aus Erfahrungen profitieren?
Das Ministerium für Bildung und Kultur fördert den Verein Saarländisches Bergbaumuseum Bexbach e.V. in diesem Jahr mit 40.000 Euro. Das Erlebnisbergwerk Velsen e.V. hat im Vorjahr 116.136 Euro erhalten. Das Erbe für nachfolgende Generationen zu sichern, geht es darum?
Das Thema Industriekultur ist eines, das mir sehr am Herzen liegt und eng verbunden ist mit unserem immateriellen Kulturerbe. Die genannten sind sehr unterschiedliche Orte. Das Erlebnisbergwerk Velsen ist ein ehemaliger Ausbildungsstandort der RAG, ein Ort, der erfahrbar macht, wie die Ausbildung funktionierte. Das Bergbaumuseum in Bexbach beschreibt, wie die Bergbaulandschaft insgesamt ausgesehen hat, man kann unter Tage gehen, was für Schülerinnen und Schüler sehr interessant ist. Die Menschen, die unter Tage gearbeitet haben, die ehemaligen Bergleute, werden weniger. Also ist es an uns, unser Erbe sichtbar zu machen. Wir sind mit dem Landesverband der Berg- und Hüttenarbeitervereine in einem sehr engen Austausch bezüglich verschiedener weiterer Standorte, die Zeugnis unseres industriekulturellen Erbes sind.
Sie haben es schon benannt: Das Immaterielle Unesco-Weltkulturerbe – geführt werden internationale, nationale und regionale Verzeichnisse. Die Saarländische Fastnacht, die Gehöferschaft Wadrill und das Nikolauspostamt sind in das Bundesverzeichnis aufgenommen worden. Ist damit eine Verpflichtung verknüpft?
Leider geht das nicht mit entsprechenden Förderungen des Bundes einher, wenn das die Frage ist, aber für uns ist es natürlich auch Verpflichtung. Sie haben drei sehr unterschiedliche Immaterielle Kulturerbe genannt, die jeweils und vor Ort sehr sichtbar und sehr wichtig sind – damit geht für uns einher, dass wir sie schützen und unterstützen.
Die Freie Kunstschule Saarlouis haben Sie dieses Jahr mit rund 21.800 Euro und die Freie Kunstschule Saarpfalz e. V. ARTefix mit rund 30.000 Euro bedacht. Werden außerschulische Aktivitätsorte im Zeitalter digitalen Konsums wichtiger?
Auf jeden Fall. Sowohl Musik- als auch Kunstschulen fördern wir aus Landesmitteln. Sie sind Orte der Demokratieförderung, denn sie verbinden künstlerische Förderung mit Themen wie beispielsweise Bildung für nachhaltige Entwicklung. Die Kunstschule Kassiopeia in Völklingen gehört beispielsweise auch dazu. Das sind eben oft Einrichtungen, die sich an Kinder richten, bei denen zu Hause vielleicht aus finanziellen Gründen diese Förderung nicht so stattfinden kann. Orte des konkreten Erlebens sind wichtig, und wir merken, dass für Kinder und Jugendliche diese Orte in den vergangenen Jahren weniger geworden sind. Ich kann Eltern nur ermutigen, ihren Kindern diese Orte auch zugänglich zu machen. Talente können entdeckt, ein Studium an der Hochschule für Musik oder Hochschule für Bildende Kunst kann aufgenommen werden. Das Interesse an Kunst und Kultur sichert auch durch Besucher und Besucherinnen das reichhaltige Angebot unserer Kulturinstitution.
In diesem Jahr wurde eine Position in einer Kultureinrichtung neu besetzt, Prof. Burkhard Detzler, Rektor der HBKsaar; im Jahr zuvor waren es so viele, ich zähle sie nicht auf …
Ja, aber jetzt die Frage. Ich bin gespannt. Was wollen Sie wissen? (lacht) Sind Sie zufrieden mit den Entscheidungen? (Beide lachen.) Nee, Spaß, weiter …
Ihr Ausblick für das nächste Jahr.
Wir haben in den letzten zwei Jahren mit den kulturpolitischen Leitlinien einen guten Prozess aufgesetzt. Wir werden die kulturpolitischen Leitlinien am 15. Dezember der Öffentlichkeit vorstellen.
Worauf kommt es da aus Ihrer Sicht an?
Naja, zum einen kommt es darauf an, dass wir das nicht von oben am grünen Tisch im Ministerium entwickelt haben. Das Ergebnis kommt aus einem sehr großen partizipativen Prozess. Welche Schwerpunkte wollen wir in Zukunft setzen? Wie soll der Rahmen aussehen, den wir uns in den nächsten Jahren geben wollen? Ein Kulturplan in dem Sinne, dass das Land entscheidet, was in Zukunft gemacht werden darf und was nicht, ist es nicht, aber wir identifizieren verschiedene Themenfelder, von denen wir sagen oder von denen wir glauben, dass sie für die Zukunft relevant sind. Beispielsweise die Präsenz von Kunst und Kultur im ländlichen Raum, die Themen Jugendförderung, kulturelle Bildung, außerschulische Kunst und Kulturangebote sowie Green Culture und Vernetzung. Auf der Grundlage identifizieren wir konkrete Projekte für die Zukunft, die wir im Rahmen der kulturpolitischen Leitlinien dann fördern und unterstützen wollen.