Einzel- und Onlinehandel sind massiv unter Druck durch chinesische Konkurrenz. Tausende von Arbeitsplätzen sind bereits verloren gegangen. Andreas Müller, Präsident des Bundesverbands Onlinehandel (BVOH), fordert die konsequente Durchsetzung europäischer Regelungen.
Herr Müller, laut dem Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) kamen im Jahr 2025 pro Tag allein 460.000 Pakete in Deutschland an, die von dem chinesischen Online-Marktplatz Temu und dem Modehändler Shein verschickt wurden. Wie wird diese riesige Masse logistisch überhaupt bewältigt?
Die meisten Pakete für Deutschland werden über den belgischen Flughafen Lüttich geflogen. Dieser Airport gehört zu den zehn größten Luftfracht-Umschlagplätzen in Europa und diese enormen Kapazitäten werden von den Chinesen genutzt. Von Lüttich aus wird die Ware dann in den DHL-Hub in Köln eingespeist. Daher ist dieser Hub öfter an seinen Kapazitätsgrenzen, sodass Onlinehändler in dieser Region gerade zu Spitzenzeiten mit Einschränkungen rechnen müssen.
Von den europäischen Kunden bestellen die Deutschen bei den chinesischen Versendern die meisten Waren. Ist das mit der „Geiz ist geil“-Mentalität zu erklären oder müssen die Konsumenten wegen der steigenden Preise heute stärker denn je auf jeden Euro schauen?
Ich denke, es ist beides. Die Deutschen schauen wegen der hohen Preise schon sehr aufs Geld, haben aber generell einen Hang zur Sparsamkeit. Dabei wird häufig nicht gefragt, ob für diese Produkte die gleichen Rechts- oder Qualitätsvorgaben eingehalten werden, die in Europa üblich sind. Das blenden viele aus.
Wie hart ist allein der deutsche Onlinehandel von dem „digitalen Tsunami“ aus China betroffen? Dem gesamten Einzelhandel entgehen laut HDE pro Jahr 2,5 Milliarden Euro Umsatz, und es sind wegen Temu und Shein bereits mehr als 40.000 Arbeitsplätze verloren gegangen.
Auch der Onlinehandel ist davon massiv betroffen. Das gilt vor allem für die Händler kleinerer Produkte, die gut mit dem Flugzeug transportiert werden können. Dazu zählen beispielsweise Mode- und Deko-Artikel oder Gartenzubehör. Diese Händler leiden sehr. Mir sind aus dem Verband einige Insolvenzen und Abwicklungen bekannt. Andere bauen massiv Beschäftigung ab. Doch jeder Arbeitsplatz, der hier verloren geht, sorgt für Arbeitsplätze in China. Denn Temu und Shein verlagern die komplette Wertschöpfung nach China. Bislang war es so, dass deutsche Importeure, Groß-,
Einzel- oder Onlinehändler mit den eingeführten Waren auch Geld verdient haben. Denn sie haben die Produkte aufbereitet, beworben und präsentiert. Dahinter standen auch Arbeitsplätze. Dies alles verlagern Temu und Shein nach China, so dass nur noch für den Paketdienst ein kleiner Zipfel Wertschöpfung übrigbleibt.
Müssen die deutschen Onlinehändler mehr und strengere Auflagen erfüllen als die chinesischen Wettbewerber?
Grundsätzlich müssen alle die gleichen Auflagen erfüllen. Doch der große Unterschied ist, dass der deutsche Händler greifbar und haftbar ist. Er wird auch sehr genau überwacht. Hinzu komm das deutsche Abmahnwesen, das dafür sorgt, dass die Regeln eingehalten werden. Wenn der Chinese sich nicht an die Regeln hält, hat niemand eine Handhabe, dagegen vorzugehen. Auch die Behörden kapitulieren an dieser Stelle.
Ab Juli soll für jedes Paket, das einen Warenwert bis 150 Euro hat, eine Abgabe in Höhe von drei Euro eingeführt werden. Bislang durften diese zollfrei in die EU importiert werden. Außerdem führt die Union ab November eine neue Bearbeitungsgebühr für jedes im Internet bestellte und in die EU eingeführte Produkt ein. Wird durch diese beiden Maßnahmen die Paketflut spürbar eingedämmt?
Sie wird vielleicht leicht eingedämmt, aber nicht ausreichend genug, weil die Gebühr zu gering und der Wettbewerbsvorteil immer noch groß genug ist.
Wie ist es Ihrer Erfahrung nach
um die Qualität der importierten Produkte bestellt?
Die Produkte entsprechen sehr häufig nicht unseren Qualitätsanforderungen. Viele sind minderwertig und die gesetzlichen Vorgaben werden nicht eingehalten. Auch die Deklarationspflichten werden selten erfüllt.
Die chinesischen Plattformen reizen die Konsumenten mit Spielelementen (Gamification) zum Kauf. Was hindert Sie als Onlinehändler, solche Games nicht auch einzuführen?
Die meisten dieser Mechanismen sind nicht wettbewerbskonform und nach deutschem Recht nicht zulässig.
Um welche Mechanismen handelt es sich dabei?
Die Kunden werden beispielsweise mit lustigen Spielen, blinkenden Rabatten und Glücksrädern unter Druck gesetzt, sofort zu kaufen, um den begehrten Niedrigpreis zu erhalten.
Temu und Shein bieten Händlern und Herstellern eine Zusammenarbeit und die Möglichkeit an, ihre weltweite Plattform zu nutzen. 600 Unternehmen sollen dies schon in Anspruch nehmen. Was ist von diesem Angebot zu halten?
Die europäischen Onlinehändler sind durch die Plattformen so unter Druck, dass sie auf diese Marktplätze streben, um an dem Geschäft teilzunehmen. Ohne diese Unterwerfung gegenüber Temu und Shein würde ihnen zu viel Umsatz verlorengehen, weil man in den anderen Kanälen nicht mehr genug verkaufen kann.
Glauben Sie, dass durch die spürbare Verteuerung der Flugkosten und kriegsbedingte Verlängerungen der Flugrouten die Lust von Temu und Shein abnimmt, den europäischen Markt weiterhin so offensiv zu bedienen?
Ich glaube es nicht, weil wir mitbekommen, dass die chinesische Regierung unter großem Druck steht, die Fabriken weiter auszulasten. Daher unterstützt sie weiterhin die Flüge, auch wenn das Kerosin teuer ist. Fast alle Produkte von Temu und Shein werden in China produziert. Diese Fokussierung auf den Flugtransport, um binnen kurzer Zeit die Bestellung zum Kunden liefern zu können, ist auch wegen des Umweltschutzes eine Katastrophe. Früher wurden die Waren mit Containerschiffen transportiert, wobei 18.000 Container auf große Schiffe passen. In ein Cargo-Flugzeug kann man höchstens vier Container quetschen.
Gibt es keine staatlichen Instrumente, sich dagegen zu wehren?
Dagegenhalten kann nur, wer dem amerikanischen Vorbild folgt und konsequent sowie zeitnah auf die Durchsetzung europäischer Regeln pocht. Denn die in der EU geltenden Bestimmungen werden unzureichend durchgesetzt. Das muss sich ändern und die Behörden – vor allem der Zoll – müssen personell und technisch massiv aufgestockt werden, so dass sie in der Lage sind, alles zu prüfen, was reinkommt.