Klimaschutzziele erreichen und Energieversorgung sicherstellen: Deutschland und Frankreich gehen unterschiedliche Wege. Sabine Löbbe, Präsidentin der Hochschule Reutlingen, sagt, beide können zusammen zu größerer Resilienz in Europa beitragen.
Frau Prof. Löbbe, die deutschen und französischen Wege in der Energiepolitik könnten unterschiedlicher kaum sein. Was bringt ein Dialog darüber?
Natürlich sind unsere Energiesysteme sehr unterschiedlich. Die Franzosen haben eine andere Tradition und werten die Sicherheit der Versorgung und Dekarbonisierungseffekte beispielsweise mit Kernenergie anders als die Deutschen. Aber das Gemeinsame ist: Es geht uns allen um Dekarbonisierung. Erneuerbare Energien wie auch die Kernenergie reduzieren die CO2-Emissionen unserer Energiesysteme. So zahlt ja auch die französische Kernenergie ein in den CO2-Reduktionspfad.
Auf der Ebene der Verbraucherinnen und Verbraucher gibt es viele praktische Fragen, bei denen wir voneinander lernen können, etwa bei der Steuerung des Energieverbrauchs. Da können wir in Deutschland viel von den Franzosen abschauen. Etwa, wie mit unterschiedlichen Instrumenten der Preisgestaltung und Apps Verbraucher schon lange dazu angeleitet werden, ihren Verbrauch zu verlagern oder weniger zu verbrauchen. So etwas nutzen wir in Deutschland nicht ganz so gut. Verbraucher in Deutschland haben nicht so wie die Franzosen gelernt, auf Preissignale zu reagieren. Das ist eine Sozialisationsfrage. Die Deutschen sind relativ zögerlich und schwierig zu beeinflussen in Bezug auf ihr Verbrauchsverhalten. Unsere Forschung zeigt, dass Automatisierung hier viel Potenzial bietet. Das heißt, wir steuern beispielsweise eine Waschmaschine automatisch so, dass sie in der Zeit läuft, wo das Netz weniger belastet wird oder der Preis besonders niedrig ist.
Das grundsätzlich unterschiedliche Verständnis ist ja nicht neu. Trotzdem wird immer wieder darüber verhandelt. Bewegt sich etwas?
Wichtig ist, dass wir in dieser weltpolitischen Lage nach vorne blicken und gemeinsame Antworten auf einige Fragen finden, etwa: Wie resilient sind unsere Energiesysteme? Wie tragfähig sind sie, wie stabil sind sie? Wir haben ja alle die Gaspreiskrise und den Krieg in der Ukraine im Kopf. Es geht also darum, wie wir unsere Energiesysteme so aufstellen können, dass sie gegenüber Schocks von außen, also Krieg, Krisen und was auch immer man sich vorstellen kann, tragfähig sind. Das heißt in der Konsequenz: diversifizieren. Auch das ist eigentlich kein neues Thema, aber es bleibt ganz wichtig, sich nicht nur auf einen Energieträger zu konzentrieren. Wenn man so will, bieten wir, die Deutschen und die Franzosen, ein ganz breites Portfolio. Wir haben in Deutschland die Kernenergie „abgeschafft“, sind auf dem Weg raus aus der Kohleverstromung und bauen die Wasserstoffversorgung aus, um das Energiesystem zu stabilisieren, während die Franzosen ihre Stromerzeugung aus Kernenergie fortführen und um erneuerbare Energien ergänzen. Wenn Sie das so betrachten, führt es in Summe dazu, dass wir einen relativ starken energiewirtschaftlichen Kern in Europa haben.
Wie lässt sich dieses Verständnis fördern?
Wie wäre es, wenn wir einen gemeinsamen Studiengang aufbauen würden? Das ist jetzt kein konkretes Projekt, aber wir sehen ja: Wir haben alle gemeinsam das Problem des Fachkräftemangels in der Branche. Das heißt, die Leute, die wir im Energiebereich ausbilden, werden auch gebraucht. Wenn der Brückenschlag Deutschland–Frankreich, der für die Zukunft ein ganz wesentlicher ist, unterstützt werden kann über Veranstaltungen, die ein Verständnis für den jeweils anderen fördern, um das jeweils andere System als komplementär und nicht als konkurrierend zu empfinden, dann können wir einen Beitrag leisten.
Und das Saarland als Ort dafür?
Ja natürlich (lacht). Ich bin keine Saarländerin, habe aber hier studiert und anfangs auch gearbeitet, Frankreich ist uns hier nahe und wir wissen besser als an anderen Stellen der Republik, wie das auf französischer Seite funktioniert und was wir an Gemeinsamkeiten entwickeln können. Daraus erwächst auch ein Stück Verantwortung, das weiter zu entwickeln. Die Deutsch-Französische Hochschule ist hier angesiedelt und ein Erfolgsprojekt. Die Hochschule Reutlingen ist übrigens Gründungsmitglied. Also ist das auch für uns in Reutlingen ein sehr wichtiger Punkt, dass wir hier Ressourcen und Strukturen haben, die uns bei der Weiterentwicklung und Förderung unserer deutsch-französischen Studiengänge unterstützen. Das heißt, der Nutzen von dem, was hier im Saarland passiert, ist wichtig und groß.
Ist das Thema Wasserstoff dabei vielleicht ein verbindendes Thema?
Das deutsche Energiekonzept, so wie wir es jetzt vorliegen haben, ist dann stimmig, wenn wir Wasserstoff ausbauen. Über die energetische Kette kann man diskutieren, und die Frage, wo der Wasserstoff herkommt, ist auch nicht ganz einfach. Aber mal ehrlich: Wenn wir auf Erneuerbare setzen, dann brauchen wir als Ergänzung Batterien, um die schwankende Einspeisung auszugleichen. Ich kann aber nicht so viele so große elektrische Speicher hinstellen – zumindest nach heutigen technisch-wirtschaftlichen Maßstäben –, dass wir die Dunkelflaute im Winter überbrücken könnten. Hierfür brauchen wir absehbar Erdgas – als relativ CO2-armen Energieträger. Auf Dauer kann das Erdgas durch Wasserstoff ersetzt werden, wenn die Stromerzeugung dabei CO2-neutral ist. In Frankreich sieht das anders aus. Bei 75 Prozent Kernenergie, ergänzt um erneuerbare Energien, gibt es ebenfalls ein Fluktuationsproblem, weil der Einsatz von Kernenergie in der Stromerzeugung wenig flexibel steuerbar ist. Also: In Deutschland ist Wasserstoff sehr wichtig, in Frankreich als Ergänzung in der Perspektive sicherlich auch. Allerdings ist Wasserstoff kurz- bis mittelfristig preislich nicht wettbewerbsfähig, wir werden ihn also primär in den Grundstoffindustrien einsetzen, bevor wir damit für den Verkehr und dann nachgelagert in der dezentralen Wärmeversorgung Energie bereitstellen.
Haben Sie den Eindruck vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussionen, dass die Politik diese Ansätze verstanden hat?
Ich glaube schon. Nicht alles wird so schnell passieren, wie es geplant wurde, aber es wird ja nicht grundsätzlich in Frage gestellt. Auch auf europäischer Ebene ist die Rolle des Wasserstoffs verstanden. Es gibt eine Akzeptanz, auch wenn ich im Moment nicht gut bewerten kann, wie die Diskussionen sich auf europäischer Ebene entwickeln.
Die eigenen Möglichkeiten zur Herstellung von grünem Wasserstoff sind begrenzt. Führt das folglich nicht zu neuen Abhängigkeiten?
Es ist so, dass erneuerbare Energien, die wir für (grünen) Wasserstoff brauchen, in unterschiedlichen Ländern aufgebaut werden können. Geopolitische Abhängigkeiten wie bei bestimmten seltenen Erden, die man ganz spezifisch so nur in bestimmten Weltregionen findet – und dann noch in Regionen, von denen wir nicht abhängig sein möchten –, haben wir beim Wasserstoff nicht. So können Erneuerbare-Energie-Anlagen, große Solarparks oder Windparks weltweit dort entstehen, wo viel Sonne scheint oder viel Wind weht. Die Diversifizierungsmöglichkeit ist also größer.
Schaffen wir das?
Wenn sie den Ingenieur fragen, erklärt der ihnen, dass das theoretische Potenzial von Wind und Sonne locker ausreicht. Das Problem ist, die Infrastruktur aufzubauen und keine neuen Abhängigkeiten – auch nicht für die Menschen vor Ort – zu schaffen. Das ist ein bisschen komplexer, und das ist nicht umsonst. Schaffen können wir sehr, sehr viel. Ich glaube übrigens auch, dass wir bei Batterietechnologien noch Neuerungen finden werden, die unsere Abhängigkeiten von seltenen Erden ein Stück weit reduzieren werden. Da passiert einiges in Forschung und Entwicklung. Also: Darüber reden ist ganz nett – aber wir müssen es auch machen.