Seit 35 Jahren ist die ASKO Europa-Stiftung in Sachen Bildung, Wissenschaft und Forschung unterwegs. Neben dem Gründungsthema Europa gewinnt Demokratiebildung in unterschiedlichen Formaten immer mehr an Bedeutung.
Frau Kartes, Frau Bruel, Herr Wölflinger, wie sieht Ihre Bilanz über die Arbeit der ASKO aus?
Kartes: Wenn wir eine Bilanz ziehen, dann können wir natürlich fragen: Wie viele Menschen haben wir erreicht, wie viele Veranstaltungen haben wir gemacht? Wir können auch fragen, welche Wirksamkeit die Arbeit der Stiftung entfaltet. Da geht es dann nicht so sehr um Fakten und Zahlen wie in der Wirtschaft, sondern um Menschen. Für uns sind deshalb wichtige Indikatoren: Welche Netzwerke haben wir und was haben wir mit diesen Netzwerken erreicht? Wie sind wir positioniert, welche Partner haben wir, und was haben wir in Zukunft vor? Ich will es an einem Beispiel zeigen: Das START-Programm, ein Förderprogramm für Jugendliche mit Migrationshintergrund, das wir mit unseren Partnern Bildungsministerium des Saarlandes und der START-Stiftung in Frankfurt durchführen, hat in diesem Jahr sein 20-jähriges Jubiläum. Das ist aus unserer Sicht schon deshalb ein Erfolgsprojekt, weil es verschiedene politische Legislaturperioden und auch verschiedene Wechsel in der Leitung der Stiftung überdauert hat. Das zeigt, das ist ein Thema, das aus der Gesellschaft und für unsere Arbeit nicht mehr wegzudenken ist. Es zeigt gerade jetzt vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Entwicklung, der Gefährdung der Demokratie und der Entwicklung von Extremismen, wie es gelingt, in der Gesellschaft zusammenzuleben. Es ist ein absolutes Erfolgsprojekt. Und das können wir dann auch an den Zahlen sehen: Wir haben in den letzten 20 Jahren 138 Jugendliche allein im Saarland im START-Programm. Wir begleiten die Jugendlichen im Rahmen der Stipendien über drei Jahre in Form finanzieller Förderung, aber auch individueller Betreuung, wobei sich unser Blick nicht so sehr auf schulische Ergebnisse richtet, sondern auf die Frage: Was können wir für Dich tun – und was kannst Du für Gesellschaft tun?
Was heißt das konkret?
Kartes: Auf unserer Jubiläumsfeier waren einige START-Alumni, wie wir sie nennen, dabei, die den Neuen Mut machen, indem sie ihre eigenen Karrieren zeigen. Sie sind wichtige Multiplikatoren, die uns auch für unsere Arbeit Impulse geben. Unser Ziel ist, eine strukturierte Alumni-Arbeit aufzubauen, damit die Leute auch noch mal zurückkommen beziehungsweise ins Saarland und „aufs Konto einzahlen“, hier in die Wirtschaft gehen, Nachwuchs ausbilden, damit wir mit diesem Bildungsprogramm einen Teil zur Entwicklung beitragen können. Einer unserer START-Stipendiaten hat es in die USA nach Boston zum MIT geschafft, um dort mit 27 Jahren ein eigenes Start-up im Bereich KI zu gründen, nun ist er wieder zurück in Deutschland mit einem weiteren Unternehmen in Berlin, und so schließt sich der Kreis.
Bruel: Das sehen wir auch bei unseren anderen Formaten in der sogenannten Kurzzeit-Pädagogik, also klassische ein- oder mehrtägige Seminare oder internationale Studienprogramme, die zwölf- bis 14-tägig laufen. Unser Motto dabei: Wir arbeiten am Menschen, für die Menschen, mit den Menschen. Das kann man nicht quantitativ messen, aber wir sehen auch hier an Rückmeldungen die Wirkung unserer Angebote, wenn Menschen, die zurückkommen, sagen: „Was ich hier erlebt habe an Begegnung und Erfahrungen, hat meinen beruflichen Weg massiv geprägt“, und berichten, wo sie heute engagiert sind.
Hat sich die inhaltliche Arbeit verändert, und falls ja: wie?
Kartes: Bei all unseren Formaten wollen wir vor allem Demokratie erfahrbar und erlebbar machen durch Begegnung. Wir sind jetzt seit 1990 im Dienst der Bildung und der Demokratie unterwegs, und im Dienst der Begegnung und Verständigung – und natürlich der europäischen Werte, was wir ja auch im Namen tragen. Das zieht sich durch alle Formate. Mit unseren Debatten- und Dialogformaten erreichen wir kürzer und schneller Leute, wenn wir aktuelle Entwicklungen im Blick haben, etwa zum transatlantischen Dialog, den Beziehungen zu den USA unter Präsident Trump oder in der Außen- und Sicherheitspolitik. Das sind Themen, die wir mit unseren Partnern wie europe direct oder dem Deutsch-Amerikanischen Institut oder mit der Friedrich-Ebert-Stiftung zusammen machen. Für andere Formate, Themen und Begegnungen ist die Europäische Akademie in Otzenhausen ein idealer Raum.
Bruel: Was dort ideal stattfindet, steht unter dem Motto: Demokratie erlebbar und erfahrbar machen durch Perspektivwechsel in direkter Begegnung. Deshalb setzen wir auch bewusst auf Präsenz-Formate. Da geht es um die Entwicklung von Diskursfähigkeit als zentralem Bestandteil einer gelebten Demokratie, egal auf welcher Ebene, von lokal bis international. Die Diskursfähigkeit nimmt ab, das ist keine Erkenntnis von uns, das ist so. Deshalb zieht sich die Entwicklung von Dialog- und Diskursfähigkeit bei uns durch alle Formate. Wir schaffen Räume, wo das praktiziert werden kann.
Wölflinger: Begegnung schaffen ist wesentlicher Bestandteil unserer DNA. Das gehört schon zur Gründungsidee: Begegnung schaffen, damit Menschen miteinander und nicht übereinander reden. Das ist auch eine Methode, um einer politischen Indoktrinierung entgegenzuwirken. Wir sind überparteilich, überkonfessionell, gemeinnützig, und wir stehen für die europäische Idee, die europäische Integration, für Interkulturalität, weil wir auch Diversität für ein absolut wichtiges Element im menschlichen Miteinander halten. Die Realität ist: Wir haben es mit einer erodierenden politischen Mitte zu tun, einem Ausfransen zu den politischen Rändern. Deshalb wollen wir mit unseren Angeboten in die Breite der Gesellschaft hineinwirken. Man muss Menschen wieder zusammenbringen. Dafür braucht es einen Ort, und den haben wir in Otzenhausen.
Bruel: Wir sind parteipolitisch unabhängig, aber wir sind politisch nicht neutral. Politische Neutralität können wir uns nicht mehr leisten. Wir stehen für politische Werte, die haben wir in unserem Leitbild sowohl der Stiftung als auch der Europäischen Akademie.
Kartes: Der Anteil der Menschen, die Demokratie als beste Staatsform ansehen, liegt nach letzten Umfragen bei 64 Prozent, also weniger als zwei Drittel. Da ist eine Aufgabe für uns als zivilgesellschaftliche Organisation. Wir müssen Demokratiearbeit leisten mit unseren beiden Institutionen und Netzwerken.
Wölflinger: In Zeiten von Hatespeech, von Intoleranz, die durch den anonymen Raum im Internet befördert werden, ist umso wichtiger, eine vermittelnde Aufgabe zu übernehmen, Kommunikationsfähigkeit, Konfliktlösungsbereitschaft und -fähigkeit zu fördern. Dazu gehört auch, interkulturelles Verständnis durch interkulturelle Kompetenz zu fördern.
Die Herausforderung ist, Menschen mit diesen Angeboten zu erreichen. Wie wollen Sie das schaffen?
Bruel: Diese gesellschaftlichen Entwicklungen haben uns schon vor zwei, drei Jahren animiert, unseren Fokus auf eine junge Zielgruppe zu legen. Das ist der Teil der Gesellschaft, der im Umgang mit Social Media am exponiertesten ist. Und es ist die Generation der künftigen gestaltenden Akteure. Deshalb wollen wir bei dieser Zielgruppe verstärkt präsent sein. Wobei eine Organisation nur so glaubwürdig ist, wie sie nach innen lebt, was sie nach außen predigt.
Kartes: Wir haben eine FSJ-Stelle eingerichtet für Politik und Demokratie und haben eine START-Alumna eingestellt. Damit haben wir großen Erfolg, weil die jungen Leute natürlich durch eine ganz andere Brille sehen und ganz andere Tools nutzen, um Inhalte zu vermitteln. Für uns war und ist ganz wichtig, diese Perspektiven mit reinzunehmen. Unsere FSJler haben die Möglichkeit, eigene Projekte umzusetzen, wobei sie natürlich begleitet werden. Ein Projekt war etwa Poetry Slam, oder zur Bundestagswahl die Frage der Vermittlung von Themen aus der Peer Group. Ein ideales Beispiel für Synergieeffekte der ASKO Europa Stiftung und der Europäischen Akademie ist das Projekt „Grenzen überwinden – Europa erleben“. Da gehen junge Multiplikatoren, die an der Europäischen Akademie ausgebildet werden, an Schulen. Wenn wir uns hinstellen und was über die EU erzählen würden, würde das keinen hinter dem Ofen hervorlocken. Da ist es natürlich etwas ganz Anderes, wenn die jungen Leute selbst erzählen, welche Erfolgsgeschichte sie geschrieben haben, etwa über ihr Praktikum in Frankreich. Wir haben dabei mit der Agentur für Arbeit einen Partner, der sich stark für die Themen Mobilität und grenzüberschreitende Zusammenarbeit einsetzt. Mit diesem Projekt haben wir unser selbst gesetztes Ziel schon übererfüllt. Wir hatten zehn bis 15 Workshops anvisiert, wir haben jetzt schon an die 25 durchgeführt. Es gibt einen großen Bedarf.
Bruel: Das zeigt auch den roten Faden, wie wir an Zielgruppen herankommen, in diesem Fall die 15- bis 25-Jährigen. Wir bauen Netzwerke auf, um nicht immer nur eine homogene Gruppe zu erreichen. Wir setzen auf den Peer-Group-Ansatz und Partnerorganisationen, die ähnliche Ziele haben wie wir. Das überprüfen wir immer wieder und entwickeln uns damit weiter.
Wölflinger: Wir denken auch an neue Zielgruppen: Unternehmen, Institutionen, Vereine, zivilgesellschaftliche Akteure, die den gesellschaftlichen Strömungen ausgesetzt und auch selbst Player dieser Strömungen sind. Belegschaften in Unternehmen sind ein Spiegelbild der Gesellschaft im Ganzen, teilweise auch multikulturell und migrationsgeprägt, aber auch mit den anderen Themen, die in der Gesellschaft gären, auch latente Rassismen. Das sind Themen, die die Zivilgesellschaft und die Unternehmen bewegen. In Zeiten von Fachkräfteknappheit überlegen gerade auch junge Menschen oft, für welche Werte ein Unternehmen steht. Und für Unternehmen ist prioritäres Ziel, wenn sie Mitarbeitende gefunden haben, die auch zu binden. Da können wir mit unseren Kernkompetenzen, die wir aufgebaut haben, unmittelbar andocken und Unternehmen in dieser Entwicklung begleiten.
Kartes: Bei diesen Partnerschaften ist Demokratiebildung ein ganz wichtiger Bestandteil. Unternehmen sind auch auf der Suche nach wertegeleiteter Orientierung. Wir werden mit unserer Expertise als Partner gesehen, dem man Vertrauen entgegenbringt. Wir sind da nicht allein. Unser Partner wiederum, mit dem wir über das START-Programm verbunden sind, nämlich die Hertie-Stiftung, ist seit fünf Jahren mit dem Programm „Business Council for Democracy“ unterwegs. Das ist ein eher virtuell angelegtes Konzept, hat aber auch zur Grundlage, Entscheidungsträger so zusammenzubringen, dass sich Führungen und Belegschaften mit Fragen der Demokratie beschäftigen: Was heißt das für unsere Kommunikationskultur? Können wir noch zusammen sprechen? Wollen wir noch zusammen sprechen? – was zunehmend ein zentraler Punkt wird. Studien zeigen: Ein Großteil von Fachkräften wünscht sich ein werteorientiertes Unternehmen, wo ich unter Umständen sogar auf einen Teil des Gehalts bereit bin zu verzichten, weil mir die anderen Dinge wichtig sind. Das ist auch für unser Land wichtig: Fachkräftegewinnung und Talentsicherung. Wir schaffen Angebote an der Europäischen Akademie, wo wir solche Themen an drei Tagen (mit Übernachtung) anbieten. Ein Partner dabei ist die Deutsche Akademie für Waldbaden und Gesundheit DAWG, die bundesweit sehr stark Themen wie Resilienztraining anbietet. Wir bringen als Standort ein einzigartiges Asset mit: die Natur, die die Akademie Otzenhausen umgibt. Eine Umgebung, die einlädt, sich mit Themen wie Nachhaltigkeit und Resilienz zu beschäftigen.
Wölflinger: Und die Europäische Akademie Otzenhausen ist schon aufgrund ihrer Geschichte ein authentischer Ort der Demokratie, dazu absolut gut erreichbar und mit modernster Infrastruktur. Wir haben dort auch eine stark internationale Ausstrahlungskraft, die wir noch verstärken wollen.
Kartes: Wir haben unsere Themen in den letzten Jahren sicher gut platziert, aber die Gesellschaft verändert sich. Mit dem neuen Konzept aus „Education“ und „Business“ glauben wir, dass wir unsere Wirksamkeit noch skalieren können. Viele Unternehmen erkennen, dass das, was man früher zu den Softskills zählte, inzwischen Hardskills wird. Wir sind Experten für die Bildung von Teams. Und wir machen das nicht zum Selbstzweck. Deshalb unser Ansatz einer Verknüpfung der gesellschaftlichen Verantwortung des Bildungsauftrags mit der wirtschaftlichen Zukunftssicherung.
Wölflinger: Uns geht es bei allem um Bildung, aber Bildung mit Haltung.