FCS-Trainer Argirios Giannikis spricht über den großen Umbruch, die mögliche Rolle als Geheimfavorit, die Suche nach Führungsspielern und das besondere Fußballklima in Saarbrücken.
Herr Giannikis, in einer Trainerumfrage wurden vor allem Düsseldorf, Essen und Rostock als Aufstiegsfavoriten genannt. Der 1. FC Saarbrücken gilt eher als Geheimfavorit. Können Sie mit diesem Etikett leben?
Darüber mache ich mir keine Gedanken. Wir sind gerade erst dabei, eine Mannschaft zu werden. Wir kommen aus einer Saison, die alles andere als einfach war, und haben nun einen der größten Umbrüche der Liga. Wahrgenommen wird sicherlich, dass unsere Kaderplanung kreativ und mutig war. Aber Düsseldorf ist als Absteiger der größte Club der Liga und verfügt über enorme Mittel. Essen war zuletzt nah am Aufstieg. Rostock arbeitet mit demselben Trainer und hat seinen Kader sukzessive entwickelt. Deshalb ist es naheliegend, diese drei zuerst zu nennen.
Wie wichtig ist angesichts dieses Umbruchs ein guter Start?
Natürlich wollen wir vom ersten Spieltag an konkurrenzfähig sein und Spiele gewinnen. Aber ein guter Start ist keine Garantie für eine gute Saison, genauso wenig wie ein schlechter Start automatisch zu einer schlechten Runde führen muss. Entscheidend ist, dass wir täglich daran arbeiten, als Mannschaft zusammenzuwachsen. Die Spieler müssen sich kennenlernen, Vertrauen entwickeln und die Abläufe in den verschiedenen Spielphasen stabilisieren – defensiv, offensiv und in den Umschaltmomenten.
Der Kader ist inzwischen größer als ursprünglich geplant. Müssen noch Spieler gehen?
Im Profifußball ist es häufig so, dass man am Ende einen Spieler zu wenig oder ein, zwei zu viel hat. Wir werden sehen, was noch passiert. Aktuell sind alle Spieler vollwertige Mitglieder der Mannschaft, trainieren normal mit und bekommen ihre Möglichkeiten. Gute Leistungen können Situationen verändern. Am Ende muss die Kaderzusammenstellung aber auch gewährleisten, dass realistische Einsatzchancen vorhanden sind.
Bei Abdoulaye Kamara entstand trotz seines Talents bislang der Eindruck, dass Spieler und Verein nicht richtig zusammengefunden haben. Wie sehen Sie seine Situation?
Grundsätzlich gilt: Ein guter Fußballer zu sein, reicht auf diesem Niveau allein nicht aus. Man muss sich in einen taktischen Rahmen einfügen, Abläufe respektieren und sie konsequent umsetzen. Dass Abdoulaye gute fußballerische Fähigkeiten besitzt, steht außer Frage. Gleichzeitig war er leider aber auch häufig verletzt. Deshalb muss man die gesamte Situation betrachten.
Auf der Torhüterposition haben Sie mit Matteo Bignetti einen jungen Kandidaten geholt, dazu aber starke Konkurrenz. Ist er als Nummer eins vorgesehen?
Wir haben ein Torwartteam mit zwei jüngeren Torhütern und einem gestandenen Keeper. Damit sind wir sehr gut aufgestellt. Wir haben uns natürlich schon unsere Gedanken gemacht, aber grundsätzlich gilt auch bei uns immer das Leistungsprinzip. Wir schauen uns die gesamte Vorbereitung an und treffen die Entscheidung relativ spät.
Gilt das auch für die Wahl des Kapitäns?
Ja. Gerade bei einer Mannschaft mit so vielen neuen Gesichtern müssen sich Hierarchien erst entwickeln. Deshalb beobachte ich sehr genau, wer Verantwortung übernimmt, wer kommuniziert und wer andere Spieler mitnimmt. Wir arbeiten im Training bewusst in Gruppen. Dabei sieht man, wer Dinge in die Hand nimmt, wer Diskussionen führt und wer auf dem Platz Verantwortung tragen möchte.
In den vergangenen Jahren wurde dem FCS oft vorgeworfen, zu wenig Führungsspieler zu haben. Wo sehen Sie potenzielle Leitfiguren?
Zentrale Positionen sind dafür grundsätzlich prädestiniert, weil diese Spieler einen guten Blick auf das Spiel haben, viel coachen und näher am Schiedsrichter sind. Das betrifft Torhüter, Innenverteidiger, zentrale Mittelfeldspieler und zum Teil auch Stürmer. Aber ich möchte keine Schablone über eine Mannschaft legen. In jeder Gruppe entstehen andere Kommunikationslinien. Entscheidend ist, wer in dieser konkreten Zusammensetzung das Wort übernimmt und wem die Mitspieler folgen.
Bleibt das taktische System aus der vergangenen Saison die Grundlage?
Die Basis bleibt, weil sie uns letztlich geholfen hat, die Klasse zu halten. Aber wir sind variabler geworden. Wir wollen unterschiedliche Organisationsformen und verschiedene Höhen beherrschen. Daran arbeiten wir gerade. Wichtig ist, dass diese Varianten stabil werden und die Mannschaft versteht, wann welche Lösung gefragt ist.
Teilen Sie den Kader derzeit noch in Stammkräfte und junge Perspektivspieler ein?
Nein. Alter ist kein Qualitätsmerkmal, sondern zunächst nur eine Kennzahl. Natürlich haben die Spieler, die schon in der vergangenen Saison mit uns gearbeitet haben, bei den Inhalten einen Vorsprung. Aber ich kategorisiere nicht in Neuzugänge und Bestandsspieler oder in 1A- und 1B-Lösungen. Am ersten Spieltag werden diejenigen auf dem Platz stehen, die in den sechs Wochen zuvor den besten Eindruck gemacht haben. Danach werden die Karten aufgrund der Leistungen wieder neu gemischt.
Wie erleben Sie Saarbrücken inzwischen persönlich?
Ich genieße die kurzen Wege. Im Vergleich zu Frankfurt oder vor allem München spart man sehr viel Zeit, die man effektiver für den Verein und die Mannschaft nutzen kann. Die Region gefällt mir, das Umland ist grün, und es gibt sehr gute Restaurants. Man kann hier gut leben.
Sie werden in der Stadt häufig erkannt. Spüren Sie, welche Bedeutung der Verein für Saarbrücken besitzt?
Ja, ganz eindeutig. Man merkt, wie stark die Verbindung zwischen Stadt und Verein ist. Der FCS bedeutet vielen Menschen sehr viel. Dazu kommt eine starke Orientierung an früheren Erfolgen und der Wunsch, diese möglichst schnell wieder zu erleben. Dadurch sind die Ausschläge nach Siegen und Niederlagen besonders groß.
Welche Zielsetzung geben Sie für die neue Saison aus?
Wir haben in der vergangenen Saison eine schlechte Runde gespielt und sind mit einem blauen Auge davongekommen. Jetzt gestalten wir einen riesigen Umbruch. Das erste Ziel ist deshalb, so schnell wie möglich eine Mannschaft zu werden. Danach müssen wir lernen, mit Rückschlägen umzugehen, aus ihnen die richtigen Schlüsse zu ziehen und konstant zu punkten. Das ist unser Fahrplan.