Niedrige Renten, steigende Mieten und immer teurere Lebensmittelpreise – die Zahl der von Armut gefährdeten Rentner und Rentnerinnen hat einen neuen Höchststand erreicht. 300.000 mehr als im Vorjahr. Die Prognosen für die Zukunft sind düster.
Vielen Senioren mangelt es schon an alltäglichen, lebensnotwendigen Dingen. Dringend erforderlicher Zahnersatz oder ein defekter Kühlschrank stellen eine sehr große Herausforderung dar. Wenn bedürftige Senioren nicht wissen, wie sie ihre Stromrechnung zahlen, ihren Kühlschrank füllen oder medizinisch dringend benötigte Hilfsmittel bezahlen sollen, hilft Lichtblick Seniorenhilfe e.V. Der Verein unterstützt deutschlandweit alte Menschen, deren Rente nicht zum Leben reicht. 2003 gründete die Münchnerin Lydia Staltner den Verein als ersten dieser Art, um Senioren in Altersarmut zu helfen.
Mit 70 Bedürftigen fing alles an. Heute werden von vier Standorten in München, Deggendorf, Münster und Berlin aus deutschlandweit über 31.000 bedürftige Rentnerinnen und Rentner dauerhaft unterstützt.
Lichtblick Seniorenhilfe unterstützt bedürftige Rentner mit finanziellen Soforthilfen für dringend benötigte Dinge wie eine neue Brille, Medikamente oder die Nebenkostenabrechnung. Die Senioren erhalten Lebensmittelgutscheine von einem Laden in ihrer Nähe, damit sie selbstbestimmt im Supermarkt einkaufen können. Rentnerinnen und Rentner können auch monatliche Patenschaften von 35 Euro zur freien Verwendung erhalten, etwa für ein Stück Kuchen im Café oder um dem Enkelkind ein kleines Weihnachtsgeschenk zu kaufen.
Da die Geldnot die Senioren zudem vom gesellschaftlichen Leben isoliert, bietet der Verein auch viele soziale Veranstaltungen gegen Einsamkeit. Zudem bringt Lichtblick Seniorenhilfe im Rahmen des Projekts Seniorenassistenz Ehrenamtliche mit Rentnern zusammen, damit sie den Senioren bei alltäglichen Dingen wie Arztbesuchen oder Behördengängen helfen oder sich einfach mal die Zeit nehmen, mit ihnen eine Tasse Kaffee zu trinken.
Die Rentner, die von Lichtblick unterstützt werden, müssen über 60 Jahre alt sein, eine deutsche Rente beziehen, Wohngeld oder Grundsicherung im Alter bekommen oder mit ihrer kleinen Rente knapp über der Bemessungsgrenze für Sozialleistungen liegen.
Für ihren Einsatz gegen Altersarmut und ihr Lebenswerk erhielt Lydia Staltner 2023 das Bundesverdienstkreuz. Ein Interview über die Anfänge des Vereins Seniorenhilfe Lichtblick, die aktuelle Lage und persönliche Schicksale.
Frau Staltner, wie kamen Sie dazu, einen Verein zu gründen, der sich gegen Altersarmut einsetzt – was war der Auslöser?
Der Auslöser war eine ältere Dame, die ich jeden Tag auf der Straße gesehen habe – immer mit der gleichen Jacke, egal ob Sommer oder Winter. Irgendwann ist mir klar geworden: Sie hat nichts anderes zum Anziehen. Das hat mich nicht mehr losgelassen. Ich wusste: Da muss ich helfen.
Beim Stammtisch habe ich davon erzählt. Die meisten sagten: „Mach doch was für Kinder.“ Aber ich habe gesagt: Nein – ich will mich um die kümmern, die keiner mehr sieht. Alte Menschen, die ihr Leben lang gearbeitet haben und jetzt mit ihrer Rente nicht über die Runden kommen.
2003 habe ich dann Lichtblick Seniorenhilfe gegründet – damals als erste Organisation dieser Art. Ich komme eigentlich aus der Werbung, habe auch bis vor Kurzem noch meine Agentur geführt. Heute unterstützen wir über 31.000 arme Senioren – dauerhaft und finanziell. Und das deutschlandweit. Unser Herzstück sind unsere vier Ladenbüros in München, Deggendorf, Münster und Berlin.
Wie viele Menschen arbeiten bei Lichtblick und setzen sich für bedürftige Senioren ein – sei es für Soforthilfe oder einfach nur zum Zuhören?
Wir haben 35 festangestellte Mitarbeiter – viele davon in Teilzeit – und rund 100 Ehrenamtliche, die mit ganz viel Herzblut mitanpacken.
Wer ist am stärksten von Altersarmut betroffen?
Etwa 70 Prozent der Menschen, die wir unterstützen, sind Frauen. Viele haben Kinder großgezogen, sich um die Familie gekümmert, in Teilzeit gearbeitet, Angehörige gepflegt – und stehen jetzt mit einer Mini-Rente da. Aber auch Frauen, die 45 Jahre lang als Friseurin, Verkäuferin oder Altenpflegerin gearbeitet haben, bekommen oft kaum mehr als das Existenzminimum. Es trifft also oft genau die, die ihr Leben lang hart gearbeitet haben.
In den vergangenen Jahren sind Lebensmittel- und Mietpreise stark gestiegen. Wie merken Sie dies in Ihrem Verein?
Vor fünf Jahren haben wir 16.000 Senioren unterstützt – heute sind es doppelt so viele. Die Zahl steigt rasant. Wir werden regelrecht überrannt. Die Not beginnt heute viel früher im Monat. Früher kamen die Anrufe gegen Monatsende – heute melden sich viele schon am 10. oder 12., weil das Geld einfach nicht mehr reicht. Wir finanzieren alles durch Spenden. Und wir konnten bisher zum Glück noch jeden unterstützen, der Hilfe braucht. Damit das so bleibt, sind wir dringend auf Spenden angewiesen.
Mit welchen Problemen haben Betroffene im Alltag vor allem zu kämpfen – welche Einblicke erhalten Sie hier?
Altersarmut ist nicht nur ein finanzielles Problem – sie macht auch einsam. Wer kein Geld hat, bleibt zu Hause. Keine Cafébesuche, kein Kino, kein Bus für den Ausflug mit Freunden.
Viele essen nur noch selten warm, nutzen Teebeutel zweimal oder schalten das Licht nur noch in einem Zimmer an. Wir organisieren Ausflüge, Frühstücke, gemeinsame Mittagessen – damit unsere Senioren nicht nur Unterstützung, sondern auch Gemeinschaft erleben. 2024 hatten wir über 330 solcher Veranstaltungen.
Ihr Verein befindet sich in München – einer der teuersten Städte Deutschlands, in der die Mietpreise in den vergangenen Jahren explodiert sind. Ist hier die Altersarmut besonders hoch und verlieren hier auch viele Senioren aus Kostengründen ihre Wohnung?
In München ist Wohnen ein echtes Luxusgut geworden – wie in vielen anderen Städten aber auch. Für Senioren mit kleiner Rente ist das ein riesiges Problem. Ich kenne zum Glück keinen, der seine Wohnung verloren hat – aber viele kämpfen jeden Monat aufs Neue. Und trotzdem bleibt am Ende nichts übrig außer ein leerer Kontostand und ein riesengroßer Berg an Sorgen.
Welche Geschichten und Schicksale von Rentnerinnen und Rentnern haben Sie am meisten bewegt?
Ich vergesse keins dieser Schicksale – jedes rührt mich. Aber einer der bewegendsten Momente war ganz am Anfang. Ein Schuhhändler hatte uns Schuhe gespendet. Ich wollte sie in meinem kleinen Büro verteilen. Am ersten Tag kam niemand. Es hat geregnet. Erst am nächsten Tag, bei Sonne, kamen die ersten Senioren – viele mit kaputten, löchrigen Schuhen. Da wurde mir klar: Die sind am Regentag nicht gekommen, weil sie keine wetterfesten Schuhe hatten. Ich saß auf einem Hocker wie eine Schuhverkäuferin und habe den alten Menschen beim Anprobieren geholfen. Sie haben sich so gefreut. Das war ein Moment, der sich eingebrannt hat.
An welche freudigen Momente denken Sie besonders gern zurück?
Es sind oft die kleinen Momente, die unsere Arbeit so besonders machen. Die ehrliche Dankbarkeit, die Umarmungen, das Leuchten im Gesicht, wenn wir helfen konnten – das ist einfach immer wieder schön zu erleben. Einmal hat eine alte Dame gesagt: „Ich dachte, ich bin der Welt egal – und dann kam Lichtblick.“ Das sind die Sätze, für die wir das alles machen.
Lichtblick e.V. finanziert sich über Spenden – spenden vor allem größere deutsche Unternehmen oder auch viele Privatleute?
Die meisten Spenden kommen tatsächlich von Privatpersonen. Und ich sage immer: Jeder Euro zählt. Es ist nicht wichtig, ob jemand 5 oder 500 Euro spendet – wichtig ist, dass wir gemeinsam etwas bewegen.
Wie schätzen Sie die Lage in der Zukunft ein: Werden auch immer mehr Normalverdiener oder gar Gutverdiener von Altersarmut betroffen sein?
Ganz klar: Ja. Auch Menschen mit ganz normalen Einkommen sind gefährdet.
Ein Beispiel: Wer 40 Jahre lang ein Gehalt von rund 4.347 Euro brutto verdient hat, bekommt später knapp 1.490 Euro Netto-Rente. Das reicht in vielen Städten gerade mal für Miete und Strom. Wir brauchen dringend eine Rentenreform – nicht in zehn Jahren, sondern jetzt.
Wo und wie bekommen bedürftige Senioren in Deutschland noch Hilfe?
Es gibt einige kleinere Vereine, die sich mit dem Thema befassen, auch die Tafel hilft – aber: Viele ältere Menschen schaffen es körperlich gar nicht mehr, sich in die Schlange zu stellen. Genau da setzen wir an. Wir unterstützen die bedürftigen Senioren unbürokratisch und vor allem schnell, innerhalb weniger Tage.
Welche Tipps können Sie Betroffenen geben?
Sie sollen sich nicht schämen. Niemand hat es verdient, im Alter arm oder einsam zu sein. Und erst recht nicht die Menschen, die ihr Leben lang gearbeitet, Kinder großgezogen, sich um andere gekümmert haben. Wenn Sie nicht mehr weiterwissen: Rufen Sie uns an. Schreiben Sie uns. Kommen Sie vorbei. Wir hören zu. Wir helfen. Wir sind da. Sie sind nicht allein – das verspreche ich Ihnen.
Was würden Sie sich von der Politik wünschen?
Wir brauchen keine Symbolpolitik nach dem Gießkannenprinzip, sondern eine echte Rentenreform, die sich gezielt an die breite Bevölkerung richtet – nicht irgendwann, sondern jetzt!