Lange vor Sido, Apache 207 und Haftbefehl machten die Fantastischen Vier deutschen Sprechgesang populär. Nun haben sie ihre Abschiedstournee angekündigt. Mit Gründungsmitglied Michi Beck, 58, sprachen wir über den Schlussakkord der Fantas, eine gesunde Streitkultur und die viel diskutierte Doku „Babo – Die Haftbefehl-Story“.
Herr Beck, Unter dem Titel „Der letzte Bus“ wollen Sie Ihre Abschiedstournee spielen. Warum ist genau jetzt der richtige Zeitpunkt dafür?
Ob es der richtige Zeitpunkt ist, das weiß man immer erst hinterher. „Jetzt“ heißt ja in unserem Fall von Ende nächsten Jahres bis 2028. Wir denken, dass das ein guter Zeitpunkt ist, weil wir während dieser Tour alle unsere Sechziger erreichen. Bis zu unserem 40-jährigen Bandjubiläum 2029 sind wir uns ziemlich sicher, dass wir in der Lage sein werden die typische Fanta-Vier-Energie auf die Bühne zu bringen, aber wir wollen nicht irgendwann aus gesundheitlichen oder altersbedingten Gründen sagen müssen, dass wir jetzt alles anders machen müssen. Die Fantastischen Vier live sind die drei MCs, die im Dauerspurt über die Bühne laufen und herumhüpfen. So soll man uns auch in Erinnerung behalten. Bevor der Verfall noch mehr einsetzt, ist das ein guter Zeitpunkt, einen Schlussakkord zu setzen. (lacht)
Wie kräftezehrend ist eine Tournee mit den Fantastischen Vier wirklich?
Wir merken schon, dass die zweieinhalb Stunden auf der Bühne die Energie von einem Tag komplett auffressen. Das Drumherum wird für uns immer anstrengender. Das hört sich nach Jammerei an, ist aber simple Realität. Wir merken einfach, dass unser Programm von Tour zu Tour kräftezehrender wird. Bevor einer von uns sitzen, der andere aber noch springen will, haben wir uns gesagt, dass jetzt ein guter Zeitpunkt ist. Dazu kommt, dass wir es im Moment nicht sehen, noch einmal ein ganzes Album aufzunehmen. Wir sammeln immer noch ständig Ideen für neue Songs, aber das Langformat hat sich für uns ein bisschen erledigt. Du verbringst zwei, drei Jahre im Studio dafür, dass dann vielleicht ein oder zwei Songs einer Platte bei den Hörern durchkommen. Es gibt natürlich immer Hardcorefans, die sich das ganze Ding anhören, am besten auf Vinyl. Aber dafür, dass man sein ganzes Herzblut in ein Album steckt, findet es einfach zu wenig Gehör. Wir haben immer Touren zu neuen Alben gemacht, weil es uns schon immer vor einem reinen Tingeln mit alten Hits gegraust hat. Die Leute wollen natürlich trotzdem immer eher die Klassiker als die neuen Songs hören, wenn sie auf ein Konzert gehen. So geht es mir übrigens auch. Die Fragen lauteten also: Wollen wir echt noch mal ein Album machen? Wie sieht es mit unserer Energie aus? Wie wollen wir in Erinnerung bleiben? Was sollen wir mit dem Rest unseres Lebens anstellen? Irgendwann kamen wir zu dem Schluss, wir wollen lieber mit einem Bang gehen, als langsam auszuklingen.
Die Entscheidung ist Ihnen sicher nicht leichtgefallen, oder?
Wir haben intern schon lange und viel darüber geredet, Pläne geschmiedet und wieder verworfen. Wir haben uns immer geschworen, unsere Karriere nicht mit einer Mischung aus Abschiedstour und Comeback zu beenden; wenn wir es sagen, dann muss es auch so sein. Und dann verkündest du es und weißt, es gibt kein Zurück mehr. Aber das Medienecho hat mich dann emotional mehr abgeholt, als ich dachte. Nach diesem Announcement hatte ich zwei, drei Tage einen richtigen Blues.
Es gibt natürlich viele Fanta-4-Fans, die jetzt traurig sind, weil Sie mit Ihnen zusammen älter geworden sind.
Durch „The Voice“ und „The Voice Kids“ konnten wir auch viele junge Fans dazu gewinnen. 19-Jährige, die auf unsere Shows kommen, erinnern mich daran, wie wir als junge Fantas auf Shows des späten James Brown gegangen sind. Es ist schon geil, dass wir so viele Leute ansprechen. Wir sind aber auch wirklich stolz darauf, eine Art Sprachrohr-Band für Menschen zwischen Mitte 40 und Mitte 50 zu sein.
Es habe mal eine Verabredung zwischen Künstler und Fans gegeben, sagt der Kabarettist Max Uthoff: „Du, Rockstar, bekommst meine Kohle, dafür lebst du das wilde, drogen- und groupieverseuchte Leben, das ich gerne führen würde – und trittst früh ab“. Wie stehen
Sie dazu?
Das kann ich nachvollziehen, ist aber nicht das, was man von uns erwartet. Das trifft zum Beispiel eher auf den extremen Erfolg der Haftbefehl-Doku zu. Die trifft genau diesen Punkt. Bei uns ist es eher die Kontinuität und der Umstand, dass wir in den Texten und Songs nicht nur uns, sondern auch vielen Menschen unserer Generation aus der Seele sprechen. Wir haben viele selbstreflexive Lieder wie „Sie ist weg“, „Aufhören“ oder „Wie weit“. Im Bestfall können das einige Menschen auf sich selbst und nicht nur auf das Leben von uns Musikern beziehen. Das ist eher der Vertrag, den wir mit unserem Publikum haben.
Ihre Alben waren immer am Puls der Zeit, manche Ihrer Songs hatten sogar etwas Prophetisches. Zum Beispiel „Endzeitstimmung“ aus dem Jahr 2018. Die Nummer beschreibt eigentlich das, was viele Menschen bei der heutigen Weltlage empfinden. Sie ist geradezu prophetisch.
Was wir da gesungen haben, hat sich leider noch mehr bewahrheitet, als wir es gerne gehabt hätten. Auch ein Stück wie „Schuld“ von 2010 ist mit der Zeit gewachsen: Mit dem Finger auf andere zeigen, aber bei sich selbst nicht anfangen wollen. Beim Schreiben denkt man oft, so wie es einem gerade geht, müsste es eigentlich auch einer Menge anderen Menschen gehen.
Gab es bei den Fantas in den vergangenen 36 Jahren auch mal richtig Zoff oder harte Diskussionen über künstlerische Dinge?
Absolut. Es gibt von uns eine Menge Songs, die die Zeit überdauert haben. Für „Tag am Meer“, „Sie ist weg“ und „Die da“ haben wir jeweils zwei oder drei ganz neue Ansätze gemacht, bis wir bei den finalen Versionen gelandet sind. Bei drei Schreiberlingen ist der Filter beim Texten sehr hart. Dazu kommt Andi, der technisch, musikalisch und soundmäßig immer am Puls der Zeit gewesen ist. Wegen dieses Anspruchs haben wir für unsere Platten immer ewig gebraucht. Die ersten drei Alben sind in drei Jahren entstanden, aber dann hatten wir manchmal vier oder sogar fünf Jahre Pause. Da war notwendiger Müßiggang dazwischen, aber auch extrem langwierige Produktionsphasen. Das ist am Ende auch das Wertvolle.
Haben Sie im Lauf der Zeit eine gesunde Streitkultur entwickelt?
O ja! Es hilft auch, dass wir alle in verschiedenen Städten wohnen. Irgendwann wurde uns bewusst, dass es nicht gut für uns und unser eigenes Leben ist, wenn wir weiter alle in dem relativ engen Stuttgart bleiben. Abstand war wichtig, um zusammen weiter zu funktionieren. Unser Grundsatz war ein bisschen verlogen, aber schon wichtig: „Bei uns kann jeder machen, was er will.“ Aber das galt natürlich nie für wichtige Abgabe-, Konzert- oder Promotermine.
Die Gruppe ABBA lebt auf der Bühne weiter in Form von virtuellen Avataren, begleitet von einer Live-Instrumentalband. Wäre das auch für die Fantas denkbar?
So etwas wird wahrscheinlich auch immer einfacher. Dank Andi, der eine eigene Rhythmusmaschine gebastelt hat, die „BronxBox“, wurden wir zu Pionieren einer neuen Art zu produzieren. Als Künstler muss man heute aber berechtigte Angst haben, dass KI es irgendwann sogar besser hinkriegt als du selber. Deshalb ist jetzt Zeit für eine Zäsur. Vielleicht ist das ja auch ein weiterer Grund, auf diese letzte große Tour zu gehen?
Kraftwerk, die Rolling Stones, Bob Dylan – das sind allesamt ältere Herrschaften, die noch immer unterwegs sind. Warum können so viele Künstler nicht von der Bühne lassen?
Damit sprechen Sie eine Gefahr an, die ich kommen sehe: Vielleicht werden wir das Touren ja irgendwann vermissen. Die Corona-Pandemie hat dazu geführt, dass unsere geplante Jubiläums-Stadiontour einer zweijährigen Zwangspause zum Opfer fiel. Das war am Anfang sehr nervig, aber irgendwann habe ich mich gefragt, ob ich das Herumtouren überhaupt brauche. Aber man ist schon verwöhnt, was Aufmerksamkeit und Zuspruch von außen betrifft, wenn man das so lange macht wie die genannten Acts oder auch wir. Diese Liebe fehlt einem irgendwann. Ich glaube nicht, dass Bob Dylan oder Ralf Hütter aus finanziellen Gründen auf Tour gehen. Wir haben schon öfters auf kleinen Bühnen gespielt. Sobald es so klein wird, steht das gemeinsame Musikmachen mehr im Vordergrund. Das ist ein ganz anderes Gefühl. Ich könnte mir vorstellen, dass wir irgendwann etwas Kleines, Abgefahrenes, Neues machen.
Noch einmal zu Haftbefehl: Gehört die Netflix-Dokumentation über den Drogenabsturz des Rappers und Jugendidols auf den Lehrplan in Schulen?
Ich finde es gut, dass man darin sieht, was die Mischung aus Drogen, Ruhm, Coolness und Gefallsucht mit jemandem anrichten kann. Durch Gangster-Rap und Gangster-Romantik werden Drogen verharmlost und kriegen einen Coolness-Status. Und jetzt sehen wir, was das mit einem anrichten kann. Jeder von den coolen Jungs will Rapper werden, aber was passieren kann, wenn du berühmt wirst und auch noch mit Drogen in Berührung kommst, kann dir kein Lehrer, Polizist oder älteres Vorbild sagen. Aber wenn du es in dieser Doku siehst, dann bleibt das schon hängen. Es gibt darin auch andere Aspekte, die kritisch zu betrachten sind, aber wo ist das nicht so. Ich finde, es ist eine sehr mutige und revolutionäre Doku, die man schon in Schulen zeigen kann, aber ich würde es nicht zu früh machen.
Sie haben zwei Töchter …
Die eine ist 13, die andere 18. Mit 13, 14 Jahren kann man sich das schon anschauen. Dann hat es auch eine schockierende Wirkung. Aber es bleibt harter Tobak.
Wie haben Sie und die anderen Fantas es geschafft, die 36 Jahre ohne große Blessuren zu überstehen?
Wir waren immer unsere eigene Therapiegruppe. Ich mit meinen von Unsicherheit geprägten Arroganzanfällen in den frühen 1990ern, Thomas mit seiner Flirterei mit der Yellow Press. Manchmal hatte man auch keinen Bock auf gar nichts, schwächelte, hatte eine komische Idee oder war eine Weile irgendeinem Zeug verfallen – immer wieder haben wir uns gegenseitig aufgefangen. Auch unser Manager Bär hat im Hintergrund viel geleistet, um uns zusammenzuhalten. Wir hatten auch das Glück, schon in den ersten zwei Jahren an unseren Anwalt geraten zu sein. Er wurde für uns eine Art Zweit-Papa, weil er es grundehrlich mit uns gemeint hat und immer darauf achtete, dass es gerecht zwischen uns bleibt. Das ist sehr wichtig. Es ist wirklich alles supergut gelaufen.