Werder Bremen hätte nur zu gern mit Oliver Burke verlängert, doch der Schotte entschied sich für Union Berlin. Dort will er den Sprung vom Super-Joker zum Torjäger schaffen.
Als Oliver Burke im April seinen ablösefreien Abgang von Werder Bremen bekannt gab, war die Enttäuschung an der Weser riesengroß. Die Anhänger verloren einen ihrer Lieblinge, der mit seiner Art auf und neben dem Platz viele Fan-Herzen erobert hatte. Die Club-Bosse mussten ihre angestrebte Vertragsverlängerung aufgeben und sahen nicht mal einen Euro an Ablöse für den damals so formstarken Angreifer. Und auch die Teamkollegen waren über den sportlichen und menschlichen Verlust enttäuscht. „Ich bin mit Burkey befreundet. Es tut mir leid, für mich selbst und für den Verein, dass er hier nicht weiter spielen wird“, sagt Jens Stage. Der Däne begründete dies nicht nur mit Burkes spielerischer Qualität, die nach einer langen Anlaufzeit nun „jeder sehen“ könne. Sondern auch mit einer anderen Qualität, von der Fans oft nur wenig mitbekommen: „In der Kabine sehe ich ihn als wichtigen Faktor, für mich persönlich und auch für die Gruppe. Er ist ein bisschen anders als die meisten Spieler. Er macht viele Witze, ist ein guter Typ.“
Weil das Gesamtpaket so sehr stimmte, wollte Werder auch unbedingt den am Ende der Vorsaison auslaufenden Vertrag mit dem Schotten verlängern. Doch der 28-Jährige gab den Bremern einen Korb und wechselte stattdessen zu Ligakonkurrent Union Berlin. „Wir bedauern Olivers Entscheidung und hätten ihn auch gerne hierbehalten“, sagte Werder-Geschäftsführer Clemens Fritz. In der Pressemitteilung zum Abschied konnte er sich einen Seitenhieb nicht verkneifen. Man habe mit dem letzten Angebot alle Forderungen der Spieler-Seite erfüllt und die Leistungen der starken Rückrunde marktgerecht einbezogen, so Fritz: „Anscheinend gibt es aber ein Angebot, das sowohl finanziell als auch von der Laufzeit her deutlich höher ist als das unsere.“ Hat Union also die gesparte Ablöse direkt in das Gehalt und ein mögliches Handgeld des Stürmers investiert?
Eine Antwort auf die Frage geben die Verantwortlichen nicht, solche Details werden im Profifußball-Geschäft nicht veröffentlicht. Union gab bei der Verpflichtung von Burke wie üblich auch keine Vertragslaufzeit an. Dem Vernehmen nach unterschrieb der Stürmer einen Langzeitvertrag über vier Jahre – kein geringes Risiko bei einem 28 Jahre alten Profi. Doch die Eisernen sind fest überzeugt, einen Transfer-Coup gelandet zu haben. „Oliver bringt ein Profil mit, das wir gesucht haben: Tempo, Physis und die Fähigkeit, Spiele in engen Momenten entscheiden zu können“, sagte Sport-Geschäftsführer Horst Heldt: „Er passt mit seiner Energie und seinem Willen gut zu uns.“ Zudem kennt Burke aus seiner Zeit bei Werder und zuvor bei RB Leipzig die Bundesliga sehr gut und dürfte keine große Eingewöhnungszeit benötigen. „Wir kennen seine Qualitäten aus der Bundesliga und sind überzeugt, dass er mit seiner Erfahrung und Mentalität eine Verstärkung für unsere Mannschaft sein wird“, äußerte Heldt.
In den ersten Wochen der Vorbereitung war davon aber noch nicht viel zu sehen. Der Start beim neuen Arbeitgeber war denkbar ungünstig, eine Erkrankung kostete Burke die ersten Einheiten im Trainingslager in Herzogenaurach. Deswegen verpasste er auch das erste Testspiel gegen Fürth. Gegen Schweinfurt und Espanyol Barcelona kam er zwar zum Einsatz – konnte die Niederlagen aber nicht verhindern und auch nicht als Torschütze glänzen. „Wann startet der Schotte durch?“, schrieb die „Bild“-Zeitung: „Union braucht die Burke-Explosion.“ Denn nach dem Wechsel von Benedict Hollerbach zum 1. FSV Mainz 05 wird zwingend ein neuer Topscorer gebraucht. Union kann es sich nicht erlauben, noch mehr an Torgefahr einzubüßen. Die harmlose Offensive hat den Club schon in den beiden Vorjahren an den Rand des Abstiegs gebracht. Aber kann Burke wirklich diese Erwartungen erfüllen? In der Bundesliga gelangen ihm in bislang 66 Spielen nur 8 Tore und 3 Vorlagen. Auch in der englischen Premier League sieht seine Bilanz von 4 Scorerpunkten (1 Tor, 3 Vorlagen) in 40 Spielen mau aus. Allerdings kam der pfeilschnelle und körperlich robuste Mittelstürmer in seinen Spielen oft nur als Joker zum Einsatz – und sorgte dann meist für Schwung. Viel Zeit zum Toreschießen blieb ihm dabei aber nicht.
„Beim Toreschießen geht es um Selbstvertrauen“
„Beim Toreschießen geht es ums Selbstvertrauen“, erklärte Burke: „Für Stürmer ist das erste Tor das wichtigste. Hoffentlich schieße ich gleich von Beginn an Tore, um das Gefühl zu haben.“ Als Eins-zu-eins-Ersatz für Hollerbach sieht er sich nicht. „Ich würde nicht sagen, dass ich der Ersatz für irgendwen bin. Spieler kommen und gehen“, sagte Burke: „Benedict hatte eine tolle Saison, aber wir haben auch gute Angreifer. Es geht für mich darum, mit meinen Fähigkeiten Spiele zu entscheiden.“ Und die sind gänzlich andere. Während Hollerbach über seine Dribbelstärke Chancen kreiert und sich fast wie ein Spielmacher immer wieder fallen lässt und Bälle fordert und verteilt, ist Burkes Offensivspiel deutlich stringenter. Er mag es, wenn er nach einem langen Ball in die Spitze ins Sprintduell mit dem Abwehrspieler gehen kann, um dann schnörkellos und ohne Umwege den Weg zum Tor zu suchen. Seine hohe Grundgeschwindigkeit – in der Vorsaison waren nur vier Profis in der Bundesliga schneller – hilft ihm dabei enorm.
Der neue Leipzig-Coach Ole Werner, der Burke zuvor bei Werder trainiert hat, schwärmte einmal: „Die offensiven Waffen, die er hat, sind extrem schwer zu verteidigen und beschäftigen jeden Gegner – auch auf dem Niveau.“ Das weiß auch Steffen Baumgart. „Oliver lebt von den Situationen, wo er nach vorne abgeht und aufs Tor schießt“, sagte der Union-Trainer: „Er lebt von seiner Spritzigkeit und Geschwindigkeit, von seinem Körper.“ Bei Union will Burke sogar zum schnellsten Spieler der Liga werden. „Wenn man viel spielt, hat man die Gelegenheit, solche Rekorde aufzustellen. Hoffentlich bin ich dieses Jahr noch schneller!“ Für Unions Vizekapitän Rani Khedira ist Burke schon jetzt „der schnellste Spieler, den ich je live gesehen habe“.
Der Mittelfeld-Stratege hält den ablösefreien Neuzugang nicht nur deswegen für „einen starken Spieler“ – doch er warnte auch vor zu hohen Erwartungen. Der Hollerbach-Abgang sei vielleicht nur im Kollektiv zu kompensieren. Doch das werde das Team schaffen: „Wir werden die Tore von Hollerbach ersetzt bekommen.“ Gefragt sind dabei nicht nur Burke, sondern auch die weiteren offensiven Neuverpflichtungen wie Andrej Ilic und Ilyas Ansah. Das ist ganz im Sinne von Burke, der sich schon immer als Teamplayer gesehen hat. „Es gibt diese Chemie und den Zusammenhalt. Wenn wir so als Einheit auf dem Platz zusammenarbeiten, ist es schwer, gegen uns zu gewinnen“, sagte er. Das jahrelange Erfolgsrezept der Eisernen, laufintensiv und mannschaftsgeschlossen mit einem „ekligen Fußball“ (O-Ton Ex-Trainer Urs Fischer) die Gegner zu nerven, scheint der Neuzugang bereits verinnerlicht zu haben. „Wir wollen das Team sein, gegen das niemand gern spielt“, sagte er: „Dann wird es eine erfolgreiche Saison.“
Dass dafür nicht nur seine Qualitäten auf dem Rasen gefragt sind, weiß Burke. Schon allein aufgrund seines Alters und seiner Erfahrung ist er als Führungsspieler in der kommenden Saison vorgesehen. „Ich weiß, was es braucht, um ein Spiel zu gewinnen. Ich will vor allem für die jüngeren Spieler ein Vorbild sein, zu dem sie aufschauen können“, sagte er.