Alle Bundesbürger mit Führerschein haben ihn einst absolviert: den Erste-Hilfe-Kurs. Doch einmal ist eigentlich zu wenig – und genau das möchten wir in diesem Titelthema zeigen.
Das Leben hat eine besondere Art, uns auf Themen aufmerksam zu machen – manchmal leise, manchmal mit voller Wucht. Während ich mich auf die folgenden Seiten vorbereitete, ereigneten sich in meinem ganz persönlichen Umfeld gleich mehrere Situationen, die mich nachdrücklich daran erinnerten, wie eng Erste Hilfe mit unserem Alltag verwoben ist. Und wie wenig wir darüber nachdenken, bis der Ernstfall uns überrollt.
Ich begann, Menschen um mich herum zu fragen: „Könnt ihr euch erinnern, wann eure letzte Schulung war?“ Und: „Habt ihr euer Wissen je anwenden müssen?“ Die Antworten waren ernüchternd. Die meisten konnten beides verneinen, manche mit einem entschuldigenden Lächeln – als müssten sie rechtfertigen, dass sie im Trubel des Lebens nicht noch einmal acht Stunden auf einem Plastikstuhl verbracht haben. Verständlich. Ein ganzer Samstag, vielleicht noch eine Teilnahmegebühr – es ist bequem, das Thema in eine ferne Schublade zu legen. Eine Schublade, die man erst wieder öffnet, wenn einem klar wird, dass man sie nie hätte schließen sollen.
Anders ist es bei werdenden oder frisch gebackenen Eltern. Sie spüren, vielleicht instinktiv, dass ein einziger Kurs nicht reicht, wenn plötzlich ein neues, kleines Leben ihren Alltag bestimmt. Sie bereiten sich freiwillig und mit klopfendem Herzen auf Situationen vor, von denen sie hoffen, sie niemals erleben zu müssen. Auch Unternehmen sind verpflichtet, eine bestimmte Zahl an Ersthelfern zu benennen. Die Freiwilligen melden sich – und doch sprechen viele Mitarbeitende fast nie über ihre Verantwortung. Vielleicht, weil man im Stillen darauf vertraut, dass der Notfall ja ohnehin „die anderen“ trifft.
Erste Hilfe im engen Umfeld
Doch wie schnell man selbst gefordert ist, zeigte ein Zufall, der mich bis heute beschäftigt. Meine Nachbarin, leitende Angestellte in einer großen Kaufhauskette, kam eines Abends völlig aufgelöst nach Hause. Ein Kollege war während der Arbeitszeit bewusstlos zusammengebrochen. Sekunden der Orientierungslosigkeit, Minuten des Bangens. Ein Mitarbeitender begann mit Reanimationsmaßnahmen, bis endlich der Rettungsdienst eintraf. Ein Moment, der das gesamte Team erschütterte. Während sie erzählte, spürte ich ihre Fassungslosigkeit – und plötzlich war da auch meine eigene. Ich war jahrelang Ersthelferin im Unternehmen. Und doch fragte ich mich: Wie hätte ich gehandelt? Hätte ich mich an alles erinnert? Und wie trägt man die Stunden nach einem solchen Vorfall mit sich?
Ein Gespräch mit einem DRK-Mitarbeiter brachte mich schließlich zum Nachdenken – diesmal auf ganz andere Weise. Als Mutter zweier kleiner Kinder leiste ich eigentlich fast täglich Erste Hilfe, ohne es bewusst so zu nennen. Das Versorgen kleiner Schürfwunden, das Wegpusten des Schmerzes, der Trost nach einem Purzler vom Klettergerüst, das Zuflüstern: „Alles wird gut.“ All das ist Erste Hilfe. Und sie fällt uns leicht, vielleicht weil sie eingebettet ist in Zuwendung und Nähe.
Wie schön wäre es also, wenn wir uns vornehmen würden, diese intuitive Bereitschaft auszudehnen auf jene Momente, in denen nicht nur Tränen getrocknet, sondern Leben gerettet werden können. Vielleicht ist es an der Zeit, sich wieder einen Samstag vorzunehmen, ihn dem Deutschen Roten Kreuz zu schenken und unser Wissen aufzufrischen. Denn eines darf man nie vergessen: Rund 90 Prozent aller Notfälle, in denen wir als Ersthelfer gefragt sind, passieren im Kreis der Menschen, die uns am nächsten stehen. Auf der Arbeit. Im Freundeskreis. In unserer Familie.
Und womöglich ist es genau dieser Gedanke, der motiviert. Mehr als jeder Pflichttermin.