Bundestrainer Julian Nagelsmann hat gerade seinen letzten Kader vor der Fußball-WM berufen. Und tat dies mit erfrischender Offenherzigkeit. Die Diskussionen nahmen danach aber zu, statt weniger zu werden.
Das Interview war mit großen Worten angekündigt worden – und es war nicht übertrieben. „Zur Lage der Nation“ spreche Fußball-Bundestrainer Julian Nagelsmann, kündigte das Fachmagazin „Kicker“ auf seinem Titel an. Und dann schlug das episch lange Gespräch tatsächlich ein – wie selten bei einem Bundestrainer. Denn wo Nagelsmanns Vor-Vorgänger Joachim Löw – wie von Michael Ballack dieser Tage noch einmal nachdrücklich berichtet – Probleme hatte, selbst mit seinen Spielern zu kommunizieren, sprach Nagelsmann offen und öffentlich über zahlreiche Details seiner Kaderplanung für die WM.
Einzigartig in der Geschichte
Die „Süddeutsche Zeitung“ schrieb: „Bundestrainer müssen keine Geheimnisträger mit Hut und konspirativem Notizbuch mehr sein, aber was Nagelsmann in diesem Interview tut, dürfte in der Geschichte des Bundestrainerwesens relativ einzigartig sein. Er unterzieht seinen Kader einer öffentlichen General- und Einzelkritik, als wäre er ein Sportreporter, der, wie Reporter eben so sind, selbstverständlich wieder das Haar in der Suppe sucht.“ Es wirke „in teampsychologischer Hinsicht mindestens mutig, wie konkret der Bundestrainer die Schwächen seines angehenden WM-Kaders durchdekliniert“.
Für Aufsehen sorgte auch Nagelsmanns Ankündigung, künftig verstärkt darauf zu achten, wer wann wie jubelt. „Wenn ich sehe, ein Spieler schießt ein Tor und jubelt nicht richtig, dann ist das für mich ein Marker, dass da irgendwas nicht stimmt“, sagte er: „Wenn ich so etwas bei einem Spieler von uns feststelle, notiere ich es.“ Denn: „Wenn du dich über ein Tor nicht mal mehr richtig freust, dann kannst du Fußball eigentlich seinl assen, weil das das Salz in der Suppe ist.“ Die „WAZ“ nannte diese Diskussion „einigermaßen verschroben“.
Kurios ist auf den ersten Blick auch, dass Nagelsmann Mittelfeldspieler Leon Goretzka quasi schon eine Stammplatzgarantie gegeben hat, die aber „kein Freifahrtschein“ sei. „Stand jetzt wird Goretzka, trotz weniger Spielzeit bei den Bayern, gute Chancen haben, zu spielen und eine ähnliche Rolle zu haben wie in der WM-Quali“, sagte er. Goretzka, der die Bayern am Saisonende ablösefrei verlassen wird, sei „ein richtig stabiler, zweikampfstarker Sechser“ und bringe Kopfballstärke mit. Ein Profil, das man kaum habe. Das unterfütterte Nagelsmann mit Namen von Konkurrenten: „Pascal Groß, Angelo Stiller, Pavlovic, Nmecha, selbst Robert Andrich – die wollen alle den Ball.“
Würde Goretzka bei der WM spielen, wäre das auch ein schönes Ende der gemeinsamen Geschichte der beiden. In München galten sie als eng verbunden. Doch zur EM 2024 nahm Nagelsmann Goretzka gar nicht erst mit. Damit wurde er zum Paradebeispiel für die Einteilung des Bundestrainers in Rollen. Er denkt in einer klaren ersten Elf. Und die Spieler dahinter müssen auch als Ergänzungsspieler taugen. Bei Goretzka sah er das wie bei Mats Hummels vor zwei Jahren nicht so. Groß zum Beispiel sei dagegen zum Beispiel „einer dieser Kaderspieler, der nicht zur ersten Elf gehört, aber ein toller Mensch ist, der sich voll identifiziert mit seinem Beruf als Fußballspieler“.
Spannende Duelle auf der Sechser-Position
Wenn Nagelsmann nun also klarstellt, dass Goretzka wohl mitkommt, wird er auch als Stammspieler eingeplant sein. Damit wiederum ist Lothar Matthäus, Rekord-Nationalspieler und aktuell omnipräsenter Experte bei Sky oder RTL, nicht einverstanden. „Auf der Doppel-Sechs sind für mich Pavlovic und Nmecha gesetzt, auch wenn Nagelsmann beide in der gleichen Art und Weise spielen sieht. Da bin ich anderer Meinung als Julian“, schrieb er in einer Sky-Kolumne: „Ich glaube, dass Pavlovic eher den Ball holt und Nmecha den Ball von Strafraum zu Strafraum treibt. Deswegen sehe ich bei der WM Pavlovic mehr auf der Sechser- und Nmecha auf der Achter-Position. (…) Goretzka hat in der WM-Qualifikation gegen Nordirland viele Kopfbälle gewonnen, aber bei der WM gibt es nicht viele Mannschaften, die mit hohen und langen Bällen agieren.“ Außerdem hätten Pavlovic (1,88 Meter) und Nmecha (1,90 Meter) „körperlich ähnliche Voraussetzungen“ wie Goretzka (1,89 Meter).
Beide – Nmecha wie auch Pavlovic – fallen nun aber erst mal aus. Während Pavlovic wegen Schmerzen am Hüftbeuger auf jeden Fall für die beiden anstehenden Länderspiele gegen die Schweiz und Ghana fehlen wird, hat Mnechas Außenbandverletzung am Knie einen Ausfall von mehreren Wochen zur Folge. Für die beiden nachnominiert wurden die Stuttgarter Angelo Stiller und Chris Führich.
So oder so: Die Diskussionen um die Positionen werden in diesem Jahr noch heißer werden als eh schon. Weil Nagelsmann sie selbst eröffnet hat und führt. Dabei scheint die erste Elf für die WM schon annähernd zu stehen. Der Hoffenheimer Oliver Baumann wird wohl im Tor stehen, weil sich eine Rückkehr von Manuel Neuer nie konkretisiert hat und Marc-André ter Stegen immer noch von gesundheitlichen Problemen geplagt ist. In der Innenverteidigung dürften Jonathan Tah und Linksfuß Nico Schlotterbeck gesetzt sein. Bei Antonio Rüdiger scheint nach einigen unbeherrschten Aktionen vom Stammplatz bis zur Nichtnominierung alles möglich. Rechts hinten wird Nagelsmann Joshua Kimmich aufbieten, das hat er mehrfach bekräftigt. Links hat der Leipziger David Raum die Nase vorne. Auf der Sechs wird neben Goretzka wohl Pavlovic oder Nmecha spielen, sollte dieser wieder fit sein. Auf den vier offensiven Positionen könnten Jamal Musiala, Florian Wirtz, bei Fitness Kai Havertz und wohl Deniz Undav spielen.
Ach ja, Undav. Der Stuttgarter sollte aktuell eigentlich unangefochten sein. Er hat die beste Torquote, und bei allen anderen Rivalen wie Niclas Füllkrug, Nick Woltemade Tim Kleindienst oder eben auch Havertz klemmt es aktuell bei Form oder Fitness – oder beidem. Trotzdem sagte Nagelsmann, der Sturm sei „eine Baustelle“, die man schließen müsse. Den Namen Undav nannte er gar nicht. Der erklärte dann, dass er das Interview nicht gelesen und seit der Winterpause nichts vom Bundestrainer gehört habe. „Er braucht auch nicht mit mir zu reden. Meine Argumente sind auf dem Platz. Das versuche ich ihm zu zeigen. Solange ich treffe, wird es schwer werden, an mir vorbeizukommen.“
Überhaupt nerve ihn, dass er immer nur als Mittelstürmer gesehen werde. „Dass mein Name immer nur als falsche Neun fällt, geht mir auf den Zeiger“, sagte er. Er könne da spielen oder als Zehner. Die Quote stimme auf jeden Fall. Seitdem wurde nahezu jeden Tag über Undav und Nagelsmann berichtet. Dabei ist das Thema doch eigentlich gar nicht so groß. Trifft Undav weiter so und Havertz wird fit, kann Nagelsmann mit beiden spielen. Egal, wer ganz vorne spielt und wer dahinter. „Einen Stürmer mit einer solchen Quote kann man nicht zu Hause lassen“, sagte Nagelsmann bei der Nominierung schließlich über Undav. Er habe ihm im Dezember aber „einen großen Maßnahmenkatalog“ mitgegeben.
Klare Signale des Bundestrainers
Spannender sind im Endeffekt die anderen Kaderplätze. Und da gab die Nominierung für die beiden Spiele in der Schweiz am 27. März und gegen Ghana drei Tage später schon Aufschluss. Im Tor nimmt aktuell Bayerns Nummer zwei, Jonas Urbig, den dritten Platz hinter Baumann und Alexander Nübel ein. Noah Atubolu, Finn Dahmen oder Bernd Leno sind erst mal außen vor. Urbig habe den Vorteil, von den Bayern und aus der U21 viele Spieler zu kennen, erklärte der Coach. Links hinten bekommt Nathaniel Brown den Vorzug als Raum-Vertreter vor Maximilian Mittelstädt, rechts ist erstaunlicherweise der Stuttgarter Josha Vagnoman dabei. In der Abwehr sind auch Malick Thiaw oder Waldemar Anton nominiert, Yann Aurel Bisseck oder Robin Koch nicht. Auf der Sechs hat überraschend Anton Stach von Leeds United ein Kader-Comeback geschafft. Offensiv wurde Bayern-Shootingstar Lennart Karl wie erwartet erstmals nominiert. Der Anruf erreichte ihn bei der Nachhilfe. Der Kölner Said El Mala, dem Nagelsmann ins Notizbuch geschrieben hatte, er müsse erst mal in Köln uneingeschränkter Stammspieler werden, fehlt dagegen diesmal. Wieder dabei ist Flügelspieler Kevin Schade aus Brentford, er soll wie der Stuttgarter Jamie Leweling Geschwindigkeit reinbringen. Der von West Ham United zum AC Mailand gewechselte Niclas Füllkrug fehlt ebenso wie die Dortmunder Karim Adeyemi, Maximilian Beier oder Jonathan Burkardt. Der auch vom Bundestrainer oft kritisch gesehene Leroy Sané bekommt eine neue Chance.
So oder so: Die Zeichen sind klar nach dem Interview und dieser Nominierung. Doch es kann sich bis zum WM-Start im Juni in alle Richtungen noch etwas tun. Oder wie Nagelsmann es sagte: „Es wird Entscheidungen geben, das kann ich jetzt schon verraten, die vermutlich nicht auf supergroßes Verständnis stoßen. Nicht beim Spieler, aber auch nicht in der breiten Öffentlichkeit.“ Und warum schürt Nagelsmann den Kampf um die Plätze so an? „Wenn du den besten Kader der Welt hast, kannst du immer deinen Stiefel spielen“, sagte der Bundestrainer: „Wir haben einen sehr guten, aber nicht den besten Kader der Welt. Deswegen müssen wir mit Variabilität auf ein hohes Level kommen.“ Das Ziel WM-Titel steht schließlich immer noch.