Einst suchten Kranke hier Heilung, später wurden Soldaten versorgt. Heute begegnen sich an diesem Ort Geschichte, Architektur und Natur auf eindrucksvolle Weise. Die Beelitz-Heilstätten erzählen von ihrer bewegten Vergangenheit – und davon, wie man Geschichte behutsam lebendig halten kann.
Zwischen hohen Kiefern ragen rote Backsteinbauten empor, die Sonne spiegelt sich in den zerbrochenen Fensterscheiben. Überall blättert Putz vom Mauerwerk, als hätte die Zeit selbst das Gebäude entkleidet. Zwischen eingefallenen Dächern erkämpft sich die Natur ihren rechtmäßigen Platz zurück. Das leise Rascheln der Blätter mischt sich mit dem Knacken alter Balken. Wer die Beelitz-Heilstätten südwestlich von Berlin betritt, spürt sofort: Hier steht die Zeit still.
1898 wurden die Beelitz-Heilstätten erbaut. „Damals ist so viel passiert in Deutschland“, sagt Beate Hoffmann, Geschäftsführerin von „Baum & Zeit“. „Mit Bismarck wurde das Sozialsystem geboren, und jetzt musste gebaut werden. Es gab die ersten kleineren Heilstätten – und dann hat man gesagt: Wir brauchen etwas Großes vor Berlin.“
Die Landesversicherungsanstalt Berlin entschied sich für einen riesigen Geländekomplex bei Beelitz, südwestlich der heutigen Hauptstadt. „Hier gab es Kiefernwald, gute Luft, Natur“, so Hoffmann. „Brandenburg war ja quasi leer damals.“ Entscheidend war auch die logistische Lage: „Die berühmte Kanonenbahn fuhr hier vorbei, über die kamen die Patienten. Und über die Landesstraße wurden Lebensmittel und Produkte geliefert.“
Schon 1902, nur vier Jahre nach dem Kauf des Geländes, wurden die ersten Gebäude eröffnet. Ein Tempo, das Hoffmann bis heute fasziniert: „Nach nicht mal vier Jahren war alles fertig – Gebäude, technische Infrastruktur, Organisation, Personal. Alles hat funktioniert. Kein Fehler im Detail. Das ist für mich ein Wunder, wenn man sieht, wie lange wir heute allein für eine Entscheidung brauchen.“
Die Geschichte des Ortes ist lang
Gebaut wurde nach Plänen von Heino Schmieden, einem renommierten Krankenhausarchitekten. „Er hat diese Pavillonbauweise entwickelt, bei der alle Patientenzimmer nach Süden ausgerichtet sind“, erklärt Hoffmann. Das liegt daran, dass die in dieser Zeit dort hauptsächlich untergebrachten Tuberkulosepatienten viel Sonne und gute Luft brauchten. Die Häuser wurden langgestreckt und schmal gebaut, damit jeder Raum auch ausreichend Licht bekam. Schon damals dachte man ganzheitlich, was Beate Hoffmann bis heute fasziniert: „Es ging nicht nur um Spritzen, sondern auch um seelische Gesundheit. Deswegen gibt es auch die schönen Parkanlagen und eben die wunderschöne Architektur.“
In den folgenden Jahren wuchs das Areal rasant. 1907 begann der Bau der großen Gebäude wie der Chirurgie. Es entstanden vier getrennte Bereiche: Sanatorien für nicht ansteckend Erkrankte sowie Heilstätten für Tuberkulosepatienten – jeweils getrennt für Männer und Frauen. Selbst bei der Innengestaltung achtete man auf Details: „Bei den Frauen hat man warme Farbtöne bei den Kacheln gewählt, weil man dachte, das passt zu ihrem weicheren Charakter. Bei den Männern waren es blau-grüne Kacheln, weil Männer als kühle, strukturierte Menschen galten“, erzählt Hoffmann. „Heute lächelt man darüber, aber damals hat man sich viele Gedanken gemacht.“ Auch zweckdienlich wurde gedacht: „Es wurden beispielsweise auch unterschiedlich farbene Fliesen benutzt, um die Bereiche mit ansteckenden Krankheiten und jene mit nicht ansteckenden Erkrankungen zu unterscheiden“, so Hoffmann.
Später, im Ersten Weltkrieg, diente das auf mittlerweile rund 60 Gebäude gewachsene Areal als Lazarett. Unter den Verwundeten war auch Adolf Hitler nach einem Gasangriff. „Aber für mich hat er hier keine Spur hinterlassen“, betont Hoffmann. „Viel wichtiger sind die Architekten, Pflegekräfte und Köche, die hier wirklich tolle Arbeit geleistet haben.“
Während der sowjetischen Besatzung ab 1945 wurde das Areal zum größten Militärhospital der Roten Armee außerhalb der Sowjetunion. „Hier wurden viele Soldaten behandelt. Honecker war später auch hier, als er schon schwerkrank war“, erzählt Hoffmann. Erich Honecker durfte nach seiner Entmachtung nicht mehr in die BRD, also blieb er mit seiner Frau Margot auf dem sowjetischen Gelände des Militärkrankenhauses, um einer Verhaftung auf deutschem Boden zu entgehen. „Dann flog er weiter nach Argentinien“, so Hoffmann.
1994, mit dem Abzug der russischen Truppen, endete auch diese Epoche, von der noch heute viele Gebäudebereiche erzählen. Wo früher Wert auf Details gelegt wurde, hatten die Sowjets ihren Fokus klar auf den Zweck gelegt. Wenn etwas störte, wurde es von den Wänden gerissen, wenn etwas fehlte, wurde es – wie Stromleitungen – für alle Augen sichtbar nachgebaut. „Man kann heute sehr deutlich unterscheiden, was aus den Zeiten der Sowjets stammt und was zuvor da gewesen ist“, sagt Hoffmann.
Nach 1994 war die Zukunft der Heilstätten lange Zeit ungewiss. Das Areal ging zurück an die Landesversicherungsanstalt und wurde an den Projektentwickler Roland Ernst verkauft, der jedoch Insolvenz anmeldete. „Übrig blieb dieses schöne Areal. Aber keiner wusste so richtig, was man mit 200 Hektar und 60 denkmalgeschützten Gebäuden anfangen soll“, so Hoffmann.
Große Probleme mit Vandalismus
Teile der Gebäude wurden saniert. Neben Wohnhäusern befinden sich dort auch die Rigora-Kliniken. „Das ist heute mit einer der größten Arbeitgeber hier“, sagt Hoffmann. „Sie haben eine Schule, bilden aus, behandeln Parkinson-Patienten, haben eine neurologische Klinik – das wächst und wächst.“ Doch so schön Gewerbe und Wohnraum für die Region in Brandenburg auch sind, es musste auch einiges deswegen gehen. „Die alten Strukturen mit den langen Gängen, der abbröckelnde Putz – das ist alles weg. Innen ist alles neu, schön und saniert“, sagt Hoffmann, die mit ihrer Familie selbst in einem der sanierten Gebäude wohnt. „Es ist wunderbar. Aber die Geschichte ist darin nicht mehr sichtbar.“
Etwas, was Beate Hoffmann und ihrem Mann aber besonders am Herzen liegt. Die Hoffmans kamen 2006 eher zufällig in Berührung mit den alten Heilstätten. „Mein Mann hat das Gelände durch meinen Bruder entdeckt, der bei der Bank arbeitete, die die Insolvenzmasse verwaltete“, erzählt Beate Hoffmann. Der Waldanteil – rund 100 Hektar – wurde separat verkauft. „Mein Mann war immer waldaffin, die ganze Familie eigentlich.“ Dass es hier nicht nur um Wald ging, erkannte er dann bei der ersten Besichtigung: „Es ist kein richtiger Wald, sondern eine historische Anlage mit vielen Bäumen“, sagt Hoffmann. „Ein wundervoller, vergessener Ort.“ Aber was damit tun? Die Idee kam auf einer Rückfahrt, als ihr Mann im Hainich einen Baumkronenpfad sah. „Da war klar: Mit so einem Pfad kann man wieder Menschen hierherbringen und den Ort aus diesem Lost-Image rausholen.“ Denn in der Zeit, die die Gemäuer in Einsamkeit verbracht haben, hatten viele Abenteurer ihren Weg hierher gefunden. Nicht alle meinten es gut mit dem geschichtsträchtigen Ort. Verwüstung und Vandalismus würden auch später noch Themen sein, die die Hoffmanns beschäftigen sollten.
„Bevor wir eröffneten, war das hier wie ein rechtsfreier Raum“, erinnert sich Hoffmann. „Kaum hatten wir Zäune gezogen, wurden sie wieder aufgeschnitten. Die Leute kamen mit Baseballschlägern und haben einfach alles kurz und klein geschlagen. Ich habe das selbst live erlebt, dass jemand vor mir stand und sagte: Wenn du jetzt nicht gehst, kann ich für nichts garantieren.“ Besonders drastisch war ein Vorfall in der Chirurgie. „Wir hatten Betonplatten vor den Eingang gestellt, damit niemand mehr reinkonnte. Dann haben sie einen Bagger kurzgeschlossen und damit die Platten rausgerissen. Sie haben das sogar gefilmt und ins Internet gestellt mit der Botschaft: ‚Ihr haltet uns nicht auf‘.“ Mit einer Großaktion samt Hubschrauber und Hundertschaft der Polizei wurde schließlich aufgeräumt. „Danach wurde es ruhiger, aber es hört nie ganz auf“, erzählt sie. „Ohne Wachschutz würde hier immer noch alles weiter zerstört.“
Touren mit dem Schleicher von Beelitz
2008 begann die erste Konzeptphase. Doch es folgten Jahre des Wartens. Genehmigungen, Gutachten, einige Ablehnungen. „Man hat uns geraten, erstmal einen Bebauungsplan aufzustellen. Das hat fünf Jahre gedauert“, erzählt die Geschäftsführerin. „Am Ende haben aber alle zugestimmt.“ Etwas, was heute vermutlich nicht mehr passieren würde. Denn die Auflagen sind strenger geworden. 2015 wurde der Bebauungsplan fertig. „Wir haben den Baumkronenpfad in dreieinhalb Monaten gebaut“, erzählt Hoffmann. „Aber die Eröffnung verzögerte sich, weil wir noch keinen Wasser- und Stromanschluss hatten.“ Erst am 11. September 2015 konnten sie eröffnen. Zwingend nötig, denn: „Wir mussten Geld verdienen“, so Hoffmann, „damit sich das Ganze trägt.“ Denn hinter „Baum & Zeit“ steht kein großer Konzern, sondern ein Familienunternehmen mit ganz präzisen Zielen: „Wir möchten die Gebäude nicht wieder schick machen, sondern sie erhalten. Sie sollen ihre Geschichte erzählen. Die Falten im Gesicht dieser Häuser sollen sichtbar bleiben“, so Hoffmann.
Heute können Besucher fünf Gebäude besichtigen: das Alpenhaus, die Chirurgie, die Waschküche, die Küche und den Frauenpavillon. Neben klassischen Führungen gibt es Taschenlampentouren, Fototouren und Touren in die Keller und Versorgungsgänge. „Die ganze Heilstätte war unterirdisch vernetzt, dort kann man noch alte Technik bewundern“, so Hoffmann. „Allein dieses Eintauchen in die Unterwelt ist eine eigene Erlebniswelt.“ Besonders beliebt sind aber die Führungen in die Chirurgie, auch wegen des Mythos um den „Schleicher von Beelitz“. „Er kannte das Gebäude in- und auswendig, verkleidete sich und erschreckte Leute“, erzählt Hoffmann. Heute bietet er selbst Führungen auf dem Gelände an und erzählt seine Geschichten – ein echter Publikumsmagnet.
Wichtig ist Hoffmann aber, dass der Ort kein Horrorschauplatz sein soll: „Mich stört, dass dieser Ort immer mit Grusel verbunden wird“, beklagt sie. „Dabei war das hier kein Ort des Schreckens. Hier wurden Menschen geheilt. Wenn hier Geister spuken, dann sind die alle gut drauf, weil sie hier eine gute Zeit hatten.“
Für Hoffmann und ihr Team bleibt der Anspruch klar: Die Gebäude sollen nicht wie ein Museum wirken, sondern ihre Geschichte weiter erzählen dürfen –
mit allem, was dazugehört. „Viele Besucher sagen, hier ist man aus der Zeit gefallen“, sagt sie. „Früher wurde Tuberkulose behandelt, heute behandeln wir die Volkskrankheit Stress – einfach, indem man hier die Seele baumeln lassen kann.“