Das Puppentheater-Museum bietet nicht nur Figuren aus aller Welt zum Bestaunen. Es gibt auch Aufführungen für Kinder und Erwachsene und Workshops, in denen Interessierte selbst Figuren herstellen können.
Schneewittchen und die Zwerge liegen auf der Heizung und schauen zur Decke. Es wirkt, als wären sie erschöpft und bräuchten Pause.
Dabei ist seit ihrem letzten Auftritt offenbar einige Zeit vergangenen. Die Puppen im Disney-Stil wirken etwas angestaubt. Sie gehören zu dem, was Uwe Framenau das „Geheimnis von Neukölln“ nennt: eine wundervolle, verwunschene Welt hinter einer unscheinbaren Tür direkt gegenüber dem U-Bahn-Ausgang Karl-Marx-Straße – das Puppentheater-Museum.
Uwe Framenau ist dort nicht nur Geschäftsführer, er ist eine Art Krisenmanager. Denn es klingt einfacher, als es ist: die Puppen tanzen lassen. Die Krise begann damit, dass der Mann, der das Museum, das auch Puppentheaterbühne ist, 1995 gegründet hat, starb: Nikolaus Hein. Das war 2018. Rund 4.500 Theaterpuppen hat der Sammler bis dahin in Neukölln zusammengetragen. Der Schwerpunkt lag auf dem Zeigen der Sammlung. „Bis dahin war das Museum nur morgens für Kinder offen“, erinnert sich Uwe Framenau.
Rund 4.500 Figuren sind in der Sammlung
Nikolaus Hein hat komplette Theater-Ausstattungen übernommen. „Es gab Schenkungen von Marionetten- und Figurentheatern, die mobil unterwegs waren, vor allem von denen, die nach der Wende aufgegeben haben“, erzählt Uwe Framenau. Aber auch aus Westdeutschland, Tschechien, der Slowakei, Italien und Asien kamen Puppen in die Berliner Sammlung. Rund 4500 Figuren, dazu viele Kulissenteile und Theaterskripte, gehören dem Museum. Uwe Framenau spricht von „einer der bedeutendsten Figurentheater-Sammlungen der Welt“. 250 Puppen werden in der Ausstellung gezeigt, der Rest ist eingelagert.
Hergestellt wurden die Puppen und Marionetten zwischen den Jahren 1850 und 2000. Das ist beeindruckend, sei aber auch Teil des Problems – eines der Probleme, vor dem das Museum steht: Viele der Figuren müssten restauriert werden. Das kann der Verein, der das Museum betreibt, nicht leisten. Für das ein oder andere besonders wertvolle Stück gebe es Interesse aus anderen Museen, die mehr Möglichkeiten haben. Aber das gehe so nicht.
Er habe Nikolaus Hein quasi auf dem Sterbebett versprechen müssen, dass es weitergeht mit dem Museum, erinnert sich Uwe Framenau. Dazu gehöre auch der Wille des Verstorbenen, dass die Sammlung zusammenbleiben muss, sich also kein anderes Museum oder private Sammler die Rosinen rauspicken und den Rest verrotten lassen.
Uwe Framenau ist über den Verein 2019 als Geschäftsführer beim Museum eingestiegen. Es gibt für einige Aufgaben im Museum Arbeitsplätze, die durch Programme der Agentur für Arbeit jeweils für eine bestimmte Zeit finanziert werden. Ohne die „Leute, die wir übers Jobcenter bekommen“, sei der Betrieb nicht aufrechtzuhalten. Aber im Kern mache der Verein „alles ehrenamtlich“, sagt Framenau. Das gilt auch fürs Krisenmanagement – und damit hat er reichlich zu tun. Ein Problem ist zumindest für eine Weile aus der Welt: die Miete fürs Museum. „Bis vor zwei Jahren hat der Bezirk die Miete übernommen, aber die kriegen das ja auch nicht mehr hin“, erklärt Uwe Framenau.
Es sah im vergangenen Jahr danach aus, als ob die Geschichte des Puppentheater-Museums zu Ende ist. Uwe Framenau hatte bereits einen Shakespeare-Abend vorbereitet – „Premiere und Dernière in einem“, wie er sagt – „Willkommen, liebes Publikum!“ und „Auf Wiedersehen!“ an einem Abend. Ein paar Tage vor der Aufführung sei dann die Nachricht gekommen, dass die Miete für ein Jahr durch Spenden gesichert ist. Solche Produktionen wie das Shakespeare-Stück oder „Hoffmanns Erzählungen“ gehören zu den Dingen, die der Verein nach dem Tod des Gründers neu entwickelt hat: Abendveranstaltungen für Erwachsene.
Uwe Framenau selbst plant gerade wieder etwas Britisches: einen Emily-Brontë-Abend. Wahrscheinlich im Mai sei er damit so weit. Geplant war die Premiere schon für März, aber es sei gerade einfach zu viel zu tun. Er übersetzt die Texte selbst. Framenau hat in England Kunst, Bühnen- und Kostümbild studiert. „Ich war mein halbes Leben dort, bin jetzt seit rund 20 Jahren wieder in Berlin“, erklärt er.
Eintritt kommt Künstlern zugute
Das Abendprogramm eröffnet neue Möglichkeiten, zumal sich Figurentheater als Kunst für Erwachsene wieder etabliert. Im Deutschen Theater und in Wien stehen zum Beispiel die renommierten Figurentheater-Künstler Neville Tranter und Nikolaus Habjan auf der Bühne. Abends habe man auch Musik auf dem Spielplan, sagt Uwe Framenau. Aber die Bühne des Puppentheater-Museums sei nach wie vor an den Vormittagen am meisten bespielt. Das liege daran, dass Kitas nach wie vor Aufführungen buchen. Neben den Aufführungen bietet das Museum auch Workshops: Man kann Marionetten schnitzen, Masken herstellen. Im Trend seien sogenannte Klappmaulpuppen, sagt Uwe Framenau. Das sind Puppen, mit denen die Spielerin und der Spieler gemeinsam auf der Bühne stehen – also so, wie es zum Beispiel Manuela Linshalm und Nikolaus Habjan im „Schicklgruber“-Stück im Deutschen Theater tun.
Weder diese Workshops noch die Aufführungen bringen dem Museum wirklich viel Geld in die Kasse. Denn mit dem Eintritt werden vor allem die Künstlerinnen und Künstler bezahlt. Auch der Eintritt fürs Museum ist „minimal“, wie Uwe Framenau sagt. Sechs Euro zahlen Erwachsene, Kinder vier, ermäßigt kommt man für zwei Euro ins Museum. Es gehe darum, ein niedrigschwelliges Angebot für die Menschen im Bezirk zu machen. Wobei 80 Prozent der Besucherinnen und Besucher gar nicht aus Berlin, nicht mal aus Deutschland kommen. Es gebe Liebhaberinnen und Liebhaber des Figurentheaters, die nur wegen dieser Sammlung nach Berlin kommen, erzählt Framenau.
Es lohne sich also, weiter fürs Puppentheater-Museum zu arbeiten. Denn sicher sei, „dass das Puppentheater vor unserer Zeitrechnung entstanden ist“. „Priester alter Kulturen bedienten sich der beweglichen Figuren, um die Einbildungskraft der Gläubigen zu beeinflussen. Theaterpuppen entwickelten sich aus diesen Kultfiguren erst später. Erst die dramatische Handlung, der Dialog und die Bühne kennzeichnen das Theater mit Puppen“, erklärt der Verein.
Das Repertoire der Puppenspieler früherer Zeiten sei kein Kinderspiel gewesen, sondern „ganz auf das Verständnis und die Erwartungen des erwachsenen Zuschauers abgestimmt“ gewesen. Denn: „Puppentheater waren Theater für Erwachsene, zum Kindertheater entwickelte es sich erst im Laufe des 19. Jahrhunderts.“ An Schneewittchen und die Zwerge im Disney-Look hat da noch lange niemand gedacht.