In diesen Tagen wird das Kino International nach 22 Monaten Sanierung wiedereröffnet. Das DDR-Vorzeige-Kino hat auch nach der Wende seinen Status als bedeutendes Premierenkino bewahrt.
Es dauerte drei Jahre, da hatte das Vorzeige-Ding des deutschen Sozialismus seinen großen Skandal: die zu realistische Darstellung des deutschen Sozialismus. Am 15. November 1963 wurde das Kino International an der Karl-Marx-Allee nach Entwürfen von Josef Kaiser und Heinz Aust eröffnet. Es gilt bis heute als eines der gelungensten Kinobauten der Nachkriegszeit. 1966 flimmerte dann Frank Beyers Film „Spur der Steine“ mit Manfred Krug über die Leinwand. Nur drei Tage nach seiner Premiere im Vorzeigekino der DDR wurde das Werk verboten. „Der Film über eine aufmüpfige Brigade zeichnete ein allzu ehrliches Bild der sozialistischen Arbeitswelt und machte deutlich, welche politische Sprengkraft dem Kino als öffentlichem Raum zukam.“ So beschreibt es die heutige Inhaberin des Kinos, die Yorck-Gruppe.
Anlass, in die Geschichte des Kino International zu schauen, ist die Gegenwart: Am 3. März wird es nach 22 Monaten Schließung neu eröffnet. Pre-Opening ist am 26. Februar. Christian Bräuer, der Geschäftsführer der Yorck-Kino-GmbH, erklärt den Anspruch an die Sanierung so: „Unser Ziel ist es, das Kino International als eine der bedeutendsten Ikonen der Kinoarchitektur zu erhalten und zugleich als lebendigen Ort der Filmkultur in die Zukunft zu führen. Als Heimstätte ebenso des deutschen Films wie des großen Arthouse-Kinos – nicht museal, sondern als Raum gemeinsamen Erlebens, in dem auch kommende Generationen Kinokultur und Filmkunst entdecken können. Hinter der denkmalgeschützten Fassade steht modernste Technik – mit der gleichen Technologie, die im Festivalpalast in Cannes für Weltklasse-Erlebnisse sorgt.“ Auch Christoph Rauhut, Landeskonservator und Direktor des Landesdenkmalamtes Berlin, ist zufrieden: „Die Baugeschichte des Gebäudes erhält ein neues Erfolgskapitel – nun im Zusammenwirken von privatem Eigentümer und staatlicher Unterstützung – und Berlin eine Denkmalsanierung, die zeigt, wie leichtfüßig eine solche gelingen kann, wenn ein Projekt durch Begeisterung und Professionalität aller Beteiligten getragen wird.“
Das Kino International gehört zu den bedeutendsten Filmtheatern Deutschlands und ist zugleich ein Zeugnis der Ost-Berliner Nachkriegsmoderne. „Seine offene, transparente Architektur ist Ausdruck eines kulturpolitischen Moments – des sogenannten Tauwetters in den frühen 1960er-Jahren – und zugleich ein bewusstes Bekenntnis zur europäischen Moderne“, beschreiben es die Betreiber. Das dreigeschossige Stahlbetongebäude mit hellen Sandsteinfassaden zeichnet sich durch eine großzügige Glasfront aus, die die oberen Bereiche zur Karl-Marx-Allee öffnet und einen weitläufigen Blick auf die Ost-Berliner Prachtstraße ermöglicht. Auf den Seitenwänden erzählen 14 großformatige Reliefs mit dem Titel „Aus dem Leben heutiger Menschen“ von Arbeit, Freizeit, Sport und Kultur. Sie gehören zu den prägnantesten baugebundenen Kunstwerken der DDR-Moderne.
Auch das Innere des Hauses wurde bewusst als Raum für das Filmerlebnis gestaltet. Der Kinosaal mit heute 506 Sitzplätzen gilt als perfekt proportioniert, mit idealen Sichtachsen, einem sanft geneigten Parkett und einer Architektur, die bereits in den 1960er-Jahren Maßstäbe für Bild- und Tonwirkung setzte. Die geschwungene Decke, die akustisch wirksamen Oberflächen und die großzügige Raumwirkung machten den Saal früh zu einem Referenzraum für Kinobauten. Ergänzt wird er durch ein großzügiges Foyer mit Panoramafenstern, getäfelten Wänden und eleganten Sitzelementen.
Von Beginn an war das Kino International das Premierenkino der DDR. Zahlreiche Uraufführungen der staatlichen Defa-Filmproduktion fanden hier statt, oft in Anwesenheit hochrangiger Staatsgäste. Dabei wurde das Kino auch immer wieder zum Ort kulturpolitischer Auseinandersetzungen – wie etwa nach der „Spur der Steine“-Premiere.
Filmpremieren, Stars, große Regisseure
Neben dem Kinobetrieb war das Haus von Anfang an multifunktional konzipiert. Im Erdgeschoss befand sich eine Stadtteilbibliothek, in den Zwischengeschossen ein Jugendclub sowie Probenräume des politischen „Oktoberclubs“. Dort trat unter anderem Bettina Wegner auf. Darüber hinaus fanden im Kino International Bälle, politische Kundgebungen, Friseurwettbewerbe und gesellschaftliche Veranstaltungen statt.
In der Geschichte des Kinos spiegeln sich filmische und gesellschaftliche Höhepunkte wider. Einer der größten Publikumserfolge der DDR-Zeit war Konrad Wolfs „Solo Sunny“ (1980) nach einem Drehbuch von Wolfgang Kohlhaase. Der Film lief über 15 Wochen in oftmals ausverkauften Vorstellungen und zählt mit rund 100.000 Zuschauerinnen und Zuschauern bis heute zu den meistgesehenen Filmen in der Geschichte des Hauses. Bereits vor 1989 war das Kino ein Fenster zur Welt. Trotz der politischen Rahmenbedingungen wurden ausgewählte westliche Produktionen gezeigt, darunter „Cabaret“ (1972), „Jenseits von Afrika“ (1985) und „Dirty Dancing“, der 1987 elf Wochen lang sechsmal täglich das Kino füllte.
Während im Kino International die Premiere von „Coming Out“ stattfand, dem ersten Defa-Film mit offen homosexuellem Sujet, fiel am 9. November 1989 nur wenige Straßen weiter die Berliner Mauer. „Der Abend, an dem die Zuschauerinnen und Zuschauer aus dem Kino in eine neue Realität traten, verbindet die Geschichte des Hauses untrennbar mit dem Wendepunkt deutscher Geschichte“, heißt es in der Kino-International-Chronik.
Mit dem Ende der DDR stand auch das Kino International vor einer ungewissen Zukunft. Bereits am 2. Oktober 1990, einen Tag vor der deutschen Wiedervereinigung, wurde das Gebäude in die Berliner Denkmalschutzliste aufgenommen, nur 27 Jahre nach seiner Eröffnung. Viele große Ost-Berliner Kinos verschwanden in den frühen 90er-Jahren aus dem Stadtbild oder wurden grundlegend umgebaut. Dass das International erhalten blieb, ist keine Selbstverständlichkeit. 1992 übernahm die Yorck-Kinogruppe das Haus, nachdem ein Investor, der auch das benachbarte „Hotel Berolina“ erworben hatte, mit Plänen zur Umwidmung des Kinos gescheitert war, und integrierte dieses „mit Respekt vor seiner Geschichte und Architektur als Premierenkino“, wie Christian Bräuer sagt, behutsam in die Kinolandschaft des vereinten Deutschlands.
Nach der Wende etablierte sich das Kino International rasch wieder als Uraufführungskino von internationalem Rang. Bereits seit Februar 1990 ist es fester Spielort der Internationalen Filmfestspiele Berlin. Zahlreiche deutsche und internationale Produktionen feierten hier ihre Premieren, oft in Anwesenheit der Filmschaffenden. Darüber hinaus etablierte sich das Haus auch als Ort für Filmreihen, besondere Events und Community-Formate, darunter die queere Filmreihe Mongay, die seit 1997 besteht und bundesweit als älteste ihrer Art gilt. Inhaltlich zieht sich die Auseinandersetzung mit der gesamtdeutschen Vergangenheit wie ein roter Faden durch das Programm. Filme wie „Good Bye, Lenin!“, „Sonnenallee“, „Das Leben der anderen“, „Halbe Treppe“, „Gundermann“ oder „Lieber Thomas“ stehen exemplarisch dafür.
Zahlreiche Filmschaffende, darunter Andreas Dresen, Christian Petzold, Maria Schader und Wim Wenders, sind eng mit dem Haus verbunden und betrachten das Kino International als Heimat für ihre Filme. Auch außerhalb der Berlinale finden regelmäßig nationale und internationale Filmpremieren statt, bei denen Stars wie Steven Spielberg oder Spike Lee zu Gast sind. Und auch die Erstaufführungen von „Parasite“, „Poor Things“ und „The Zone of Interest“ sorgen wochenlang für volles Haus. Im Mai 2024 schloss das Kino erstmals in seiner Geschichte für eine umfassende, denkmalgerechte Generalsanierung. Nun wird das nächste Kapitel Berliner Kinogeschichte aufgeschlagen.