Schon zweimal in jüngerer Vergangenheit hat sich der FSV Mainz 05 aus scheinbar auswegloser Situation vor dem Abstieg gerettet. Kann dies ein drittes Mal klappen?
Seit 2009 spielt der FSV Mainz 05 ununterbrochen in der Fußball-Bundesliga. Ganze sechs Vereine – Bayern, Dortmund, Leverkusen, Gladbach, Wolfsburg und Hoffenheim – haben eine längere Serie. Nach dem ersten Aufstieg 2004 unter Jürgen Klopp folgte 2007 noch einmal ein Abstieg. Seit der direkten Rückkehr sind die Rheinhessen aber scheinbar unabsteigbar. Frankfurt, Freiburg, Stuttgart, Bremen, Köln oder Hamburg – alle mussten zwischenzeitlich mal runter in die 2. Bundesliga. Nicht so die Mainzer, die noch nicht einmal in die Relegation mussten und im Gegenzug zweimal die Qualifikation und zweimal die Hauptrunde im Europacup erreichten. Kurzum: Die 05er sind unverwüstlich.
Das zeigten vor allem die Spielzeiten 2020/21 und 23/24. Beide Male schien der Abstieg nach verheerenden Hinrunden unabwendbar. Beide Male schaffte es Mainz mit grandiosen Rückrunden. Nun ging die Hinserie erneut komplett daneben. Und man fragt sich: Können solche Fußball-Wunder in Serie gehen? Lässt sich das in sechs Jahren zum dritten Mal wiederholen? Wir schauen ein bisschen in die Vergangenheit und in die Zukunft.
Der Blick auf die Historie
In die Saison 2020/21 gingen die Mainzer mit mäßigen Erwartungen. Mit den Plätzen 15, 14, 12 und 13 waren die Spielzeiten davor schon mäßig verlaufen. Zudem konnte trotz des Verkaufs von Ridle Baku für zehn Millionen nach Wolfsburg wenig investiert werden. Wie schlimm der Start verlief, konnte aber niemand absehen. Nach sechs Spielen hatten die 05er mit sechs Niederlagen und 5:18 Toren den schwächsten Saisonstart der Liga-Historie hingelegt. Trainer Achim Beierlorzer musste schon nach zwei Spielen gehen, begleitet von einem Spielerstreik. Der als großes Talent geltende Jan-Moritz Lichte verlor von zwölf Spielen neun und holte nur einen Sieg. Er arbeitete danach nie wieder als Chefcoach, ist heute aber Nachwuchs-Cheftrainer bei Manchester City. Wie Schalke hatte Mainz nach der Hinrunde nur sieben Punkte auf dem Konto. Der Rückstand auf Rang 15 betrug zehn Zähler. Doch während die Schalker sang- und klanglos abstiegen, holte Mainz mit Rückbesinnung auf die alten Tugenden famos auf. Christian Heidel kehrte als Sportvorstand zurück, Ex-Trainer Martin Schmidt wurde Sportdirektor, Ex-Spieler Bo Svensson Trainer. „Das Dreigestirn ist ein Glücksfall für unseren Verein. Mehr Mainz 05 geht nicht“, sagte Aufsichtsratsvorsitzender Dr. Volker Baas später. Ein 3:2 zum Rückrundenauftakt gegen Leipzig wurde zur Initialzündung. Die Mainzer waren mit 32 Punkten die fünftbeste Rückrundenmannschaft, schlugen auch die Bayern und holten nur sieben Punkte weniger als diese. In der Abschlusstabelle stand ein nicht mehr für möglich gehaltener zwölfter Platz.
Der schlechte Film wiederholt sich
Die Mainzer nahmen den Schwung mit und verpassten in den kommenden beiden Jahren als Achter und Neunter zweimal nur knapp den Europacup. Doch in der Spielzeit 23/24 ging das ganze Theater von vorne los. Nach neun Spieltagen waren die 05er sieglos Letzter mit nur drei Punkten, und der gefeierte Svensson musste nach einem 0:3 im Pokal bei der Hertha gehen. Wieder übernahm mit Jan Siewert ein junger, talentierter Coach aus dem eigenen Stall – und wieder ging es schief. Auch er bezwang zum Auftakt Leipzig (2:0). Es folgten sechs Spiele ohne Sieg, dennoch die offizielle Beförderung vom Interims- zum Cheftrainer und nach fünf weiteren Partien ohne Erfolg die Trennung. Da waren die Mainzer punktgleich mit Schlusslicht Darmstadt Vorletzter. Der Rückstand auf Rang 15 betrug neun Zähler, aber es waren diesmal auch nur noch 13 Spiele Zeit. Wieder musste ein Däne her, wieder ein Bo – und wieder ging es gut. Mit wehenden Haaren stürmte sich Bo Henriksen, der kurz zuvor in Zürich beurlaubt worden war und danach schon bei Union Berlin und dem 1. FC Köln vorgesprochen haben soll, in die Herzen nicht nur der Mainzer Fans. Bis zum Saisonende verloren die bis dahin nur einmal siegreichen Rheinhessen nur noch zwei Spiele – beim später ungeschlagenen Meister in Leverkusen und in München. Auch wenn das 1:8 bei den Bayern heftig war, ließ sich Mainz nicht vom Weg abbringen. Nach 23 Punkten in 13 Spielen und Platz fünf in der Henriksen-Tabelle stand am Ende Tabellenplatz 13. Das Wunder hatte sich wiederholt. Und Sportchef Heidel wünschte sich, nicht so schnell wieder durch ein Wechselbad der Gefühle gehen zu müssen. „Eigentlich war alles verloren, und dann rollen wir das Ding wieder von hinten auf“, sagte er nach dem abschließenden 3:1 in Wolfsburg. „Wie oft wir das inzwischen gemacht haben – das ist für die Nerven nicht allzu hilfreich.“
Die nächste Saison verlief sehr nervenschonend. Wie unter Svensson nahmen die Mainzer die Euphorie mit und zogen in die Conference League ein. Neun Spieltage vor Schluss hatten sie als Dritter sogar auf Kurs Champions League gelegen.
Doch dann wiederholte sich der schlechte Film ein drittes Mal. Im Gegensatz zu den Saisons mit dem überraschenden Klassenerhalt waren einige trotz der Europacup-Qualifikation wohl mit einem Gefühl der verpassten Chance aus der Saison gegangen. Trotzdem gab es nun die Dreifachbelastung, Nationalstürmer Jonathan Burkardt wurde von Nachbar Frankfurt weggekauft, und hochgeflogene Talente wie Paul Nebel fielen in ein Loch. Nachdem der Start mit nur einem Punkt aus drei Spielen wieder schiefgegangen war, schien das 4:1 in Augsburg für Erleichterung zu sorgen. Es folgten nur noch zwei Punkte aus neun Ligaspielen. Und als der wenige Wochen zuvor noch so bejubelte Henriksen nach dem 13. Spieltag gehen musste, war Mainz mit nur sechs Punkten wieder am Ende der Tabelle angekommen. „Er hat in einer fast aussichtslosen Lage den Verein und die ganze Stadt aufgerüttelt und uns mit seiner empathischen, leidenschaftlichen Art zum Klassenerhalt und ein Jahr später sogar bis in die Conference League geführt“, sagte Heidel. Im Fußball gebe es allerdings „auch immer wieder Entwicklungen, die aus sportlichen Gründen eine Neuorientierung nötig machen“. Man sei „gemeinsam mit Bo zur Erkenntnis gekommen, dass wir einen solchen Punkt erreicht haben, auch wenn die Trennung wirklich schmerzt“.
Mit Fischer auf einem guten Weg
Diesmal gab es keinen Zwischenschritt mit einem jungen Eigengewächs. Es kam direkt der erfahrene Schweizer Urs Fischer (59), der Union Berlin von der 2. Liga in die Champions League geführt hatte. Er begann direkt mit einem 2:2 bei den übermächtigen Bayern. Das folgende 0:0 gegen St. Pauli war zwar eher eine Enttäuschung, bei Union Berlin folgte ein achtbares 2:2 – wenn auch nach verspielter 2:0-Führung. Und nach dem 2:1 im Abstiegsduell gegen Heidenheim hatte Mainz den Anschluss wieder hergestellt. Es war – unglaublich, aber wahr – der erste Heimsieg seit fast einem Jahr. Fischer verspürte deshalb zwar große Erleichterung, mahnte aber auch: „Unsere aktuelle Situation ist nach wie vor sehr ungemütlich. Ich glaube, dass wir uns ein wenig stabilisieren konnten, aber wir haben noch nichts erreicht.“ Das zeigte sich beim 1:2 in Köln nach Führung; den FC hätte man mit einem Sieg auch noch hinten reinziehen können.
Dennoch scheint das Team unter Fischer auf einem guten Weg. Und Heidel ist auch längst nicht so alarmiert wie bei den beiden anderen Malen. Die Situationen ließen sich „überhaupt nicht vergleichen, weil hier eine stabile Mannschaft da ist, es ist Ruhe im Club und überall“, sagte er. 2020 habe man „komplett alles getauscht und auf den Kopf gestellt. Das ist jetzt überhaupt nicht notwendig“. Wichtig sei das ruhige Umfeld, das durch die beiden spektakulären Aufholjagden auch zusätzliches Zutrauen in den Verein bekommen habe. „Die Fans machen das ja mit, es gibt keinen Ärger. Das ist so in Mainz“, sagte Heidel. Seit dem Aufstieg 2009 habe es „fünf, sechs schwierige Abstiegskämpfe gegeben, die wir immer gemeistert haben. Wenn du fast alle Spiele gewinnen willst, musst du zu Bayern München gehen.“
Die werden in Serie Meister. Die Mainzer gehen derweil vielleicht mit ihren Klassenerhaltswundern in Serie.