Rosamunde-Pilcher-Fans dürften an der südwestlichen Spitze Englands ihre wahre Freude haben. Auf einer Rundreise kann man die Drehorte der vielen Verfilmungen der erfolgreichen Bücher besuchen. Doch auch für alle anderen Touristen wird der Besuch der Grafschaft ein unvergessliches Erlebnis.
Herzliche Grüße aus dem Rosamunde-Pilcher-Land“. Diese Schlagzeile würde viele Fernsehkonsumenten aus dem deutschsprechenden Teil Europas verzücken. Die 2019 verstorbene Erfolgsautorin ist in England dagegen kaum bekannt. Die Erfolge, immerhin wurden über 140 Filme in Cornwall gedreht, wurden und werden im Vereinigten Königreich kaum wahrgenommen. Der raue Südwesten Englands lebte früher vom Fischfang und dem Bergbau. Der Niedergang beider Industrien führte zu erheblichen wirtschaftlichen Problemen. Finanzielle Unterstützung gab es zu englischen EU-Mitgliedszeiten aus Brüssel. Heute besuchen fünf Millionen Touristen die Grafschaft, darunter auch Tausende Deutsche, die durch die Fernsehserie animiert wurden.
„Willkommen am Ende der Welt“, begrüßte uns der freundliche Mitarbeiter im Hotel in Penzance. Um seine Aussage richtig einzuordnen, fahren wir am nächsten Morgen nach Lands End. Über extrem enge Straßen geht es nach Westen, durch einsame Dörfer, Wälder und Wiesen.
Einsame Dörfer, Wälder und Wiesen
Lands Ends Aufschwung begann 1860, als die Great Western Railway die Stadt Penzance erreichte und Hotelneubauten entstanden. Der Blick auf den Atlantik, mit mächtigen Felsformationen und einem Leuchtturm an Englands westlichstem Punkt, ist einzigartig, und die Landschaft von natürlicher Schönheit. Zwei Wanderwege (2,5 bis 4,5 Kilometer lang) führen an der felsigen Küste entlang und sind Teil des Südwestküstenwegs von 1.000 Kilometern Länge. Besonders eindrucksvoll ist der Sonnenuntergang, der hier exakt 23 Minuten später als in London erfolgt.
Dass zu einem markanten Aussichtspunkt auch kommerzielle Anbieter gehören, ist verständlich. Wir hätten uns etwas weniger Kommerz gewünscht. Das Naturerlebnis, auch für Kinder, sollte an erster Stelle stehen. Zu den weiteren Drehorten der Fernsehserie gehören Newquay und St. Ives. Der Busparkplatz von St. Ives liegt oberhalb des Ortes und ermöglicht einen Blick auf den, in einer Bucht liegenden Ort. 11.000 Einwohner hat die Kleinstadt und lebt mit Touristenströmen, die sich täglich durch die engen Gassen drängeln. St. Ives ist gepflegt, blumengeschmückt, hat Charme und eine unübersehbare Kunstszene. Die vielen kleinen Boutiquen setzen sich von sonst vorherrschenden Kettenfilialen wohltuend ab. Die Hafenpromenade lädt zum Bummeln und/oder Verweilen ein. Möwen kreischen, tuckernde Ausflugsboote verlassen den kleinen Hafen – eine entspannte maritime Atmosphäre lässt Urlaubsstimmung aufkommen. Weiße Sandstrände (auch für Surfer) gibt es in der Umgebung, und bei schlechtem Wetter sind Museumsbesuche angesagt. Newquay, laut der Werbung „Englands Surfer-Hauptstadt“, besticht durch die hohe Brandung der Atlantikwellen. Die Sandstrände Fistral Beach und Towan Beach sind für das Badepublikum ideal. Aber auch Wanderer, von denen wir bei jeder Fahrt viele sehen, können an den Klippen und in versteckten Buchten stundenlange Touren unternehmen. Das „Blue Reef Aquarium“, direkt am Meer, bietet einen Unterwassertunnel an. Da ist der Besucher dann auf gleicher Höhe wie die Meeresbewohner. Der Ortskern ist gut besucht, es ist laut und quirlig. Die Geschäfte und die Restaurantszene sind durchschnittlich. Nach 18 Uhr ist der Ort wie ausgestorben. Wo zwei Stunden früher noch rege Betriebsamkeit herrschte, ist nun gespenstische Ruhe eingekehrt.
Auf der Fahrt in die Hafenstadt Falmouth machten wir einen Stopp in Porthleven. Es herrscht Ebbe und die vielen Boote, ob privat oder kommerziell genutzt, liegen auf dem Trockenen. Der Hafen ist seit Jahrhunderten für den Fischfang wichtig und von dicken, schützenden Mauern umgeben. Bei einem Getränk auf einer Kneipenterrasse erfahren wir, dass die Winterstürme meterhohe Wellen über die Mauern drücken – ein gigantisches Schauspiel. Im Sommer lockt der herrliche Strand. Es geht ruhig zu in Porthleven, ein idealer Ort für einen ruhigen Urlaub. Hektik ist hier ein Fremdwort.
Wanderer finden mehrere Routen
Falmouth, mit über 21.000 Bewohnern, ist die regionale Einkaufs- und Freizeitstadt. Der Hafen mit seinen funktionsfähigen Docks war im 17. und 18. Jahrhundert ein wichtiger Faktor für den Wohlstand der Stadt. Der geschäftige Ort ist von (fast) allen Seiten von Wasser umgeben und eine Fähre verbindet die Stadt mit St. Mawes auf der wunderschönen Halbinsel Roseland. In Falmouth erwarten den Besucher gepflegte Grünlagen, ein großer Pier, gute Einkaufsmöglichkeiten, eine ausgedehnte Fußgängerzone und zwei touristische Höhepunkte: das National Maritime Museum im Hafen und das Pendennis Castle, das von Heinrich VIII. erbaut wurde. Es liegt auf einer Anhöhe und der Blick auf die Stadt und das Meer ist überwältigend.
Wer etwas mehr Zeit hat, sollte die Fähre nach St. Mawes nutzen und das gleichnamige Schloss aus dem 16. Jahrhundert (Tudorzeit) besuchen. Der Fal River gibt der Region ihren Namen. Die Schönheit der Insel Roseland ist außergewöhnlich. Authentizität gepaart mit Charme und Luxus – aber auch die Idylle der guten, alten Zeit findet mit ihren eleganten Hotels, den Kunsthandwerksläden und gepflegten Restaurants regen Zuspruch. Da das Klima weniger rau ist als am Atlantik, ist die Nutzung der Sandstrände wie Pentewan Beach oder Pendower Beach eine schöne Erfahrung.
Für Wanderer hält die Region zwölf Routen zwischen vier und 16 Kilometer Länge bereit. Und für Blumen- und Gartenfreunde tut sich ein Paradies auf. Der Trebah-Garten in Mawnan Smith (südlich von Falmouth) ist nur ein Beispiel für Gartenkultur und subtropische Pflanzen.
Alte Fördertürme aus dem Bergbau
Ohne Kraftaufwand kann man die herrliche Natur auch per Schiff erkunden. Klassische Holzschiffe mit zwei Decks fahren täglich mehrmals von Falmouth nach Malpas. Die Fahrt dauert 70 Minuten und kostet 17 Pfund für die einfache Fahrt. Von Malpas gibt es einen Bus nach Truro oder man wandert eine Stunde in die Hauptstadt Cornwalls. Es ist ein wunderschöner Weg am Ufer des Truro River.
Truro, das mit Boppard/Rhein eine Städtepartnerschaft hat, liegt an drei Flüssen und wird von der neugotischen Bischofskirche aus dem 19. Jahrhundert geprägt. Es gab allerdings schon seit 1259 eine Kirche an gleicher Stätte. Der sakrale Bau mit einer 76 Meter hohen Turmspitze wird bei unserem Besuch als Veranstaltungsort genutzt. Lokale Künstler bieten ihre handwerklichen Waren an. Eine interessante Idee, um auch Nicht-Kirchgänger in das Gotteshaus zu locken. Truros großer Marktplatz, verwinkelte Seitenstraßen sowie viele historische Gebäude wie die Coinage Hall, sollten neben dem 200 Jahre alten „Royal Cornwall Museum“ auf der Besuchsliste stehen. Während der zahlreichen Busfahrten durch die Grafschaft fallen uns alleinstehende Türme auf. Es sind die Minen-Türme der alten Zinn- und Kupferminen. Diese Türme sind keine isolierten Strukturen, sondern Überreste der Bergbauindustrie, die prägend für die Region war. Die früheren Fördertürme und Maschinenhäuser (www.cornishmining.org.uk) hinterließen bizarre Gebilde. Sie gehören zur Geschichte Cornwalls.
St. Michael’s Mount war im Mittelalter ein Wallfahrtsort, der zunächst in eine Festung und dann in ein Wohnhaus umgewandelt wurde. Es ist eine Mischung aus Wohnhaus, religiösem Rückzugsort und befestigter Burg. Es ist in Privatbesitz und von dem kleinen, hübschen Ort Marazion zu erreichen. Wer die historische Stätte besuchen will, sollte sich mit den Gezeiten vorher vertraut machen. Der Spaziergang über den Causeway (Dammweg) ist eine spannende und kurzweilige Angelegenheit. Tausende von Steinen wurden im Meer verlegt, um den Besuch der Burg zu ermöglichen. Aber nur bei Ebbe! Wir haben bewusst einen Zeitpunkt gewählt, um den Weg zu nutzen, aber auch rechtzeitig wieder an Land zu sein. Die Gefahr, dass man nasse Füße (oder auch mehr) bekommt, ist groß. Wo vorher noch Hunderte von Vierbeinern und Kinder auf dem festen Sandstrand spielten, ist nun nur noch Wasser. Das Steigen des Meeresspiegels kann man vom Festland aus verfolgen. In kürzester Zeit ist der Fußweg von der Flut überspült, als Alternative bleibt dann nur eine Bootsfahrt. Bis zum nächsten Niedrigwasser!
Bleiben wir beim Wasser: 45 Kilometer vor der Küste liegen die Scilly-Inseln. Die Fähre von Penzance nach St. Mary’s, der größten Insel, benötigt für die Fahrt 2,45 Stunden. Ein Tagesausflug auf hoher See, mal ohne und mal mit Seegang, aber immer ein maritimes Erlebnis.
Wir haben bei den vielen Busfahrten freundliche, hilfsbereite und humorvolle Menschen kennengelernt. Vor allem aber war es ein Anschauungsunterricht, wie gesittet und höflich der Ein- und Ausstiegsvorgang beim ÖPNV erfolgen kann. Immer noch typisch britisch!