Eine Gruppe junger Menschen hat das „Café Tiergarten“ im Hansaviertel nach einigen Jahren Leerstand liebevoll renoviert. Das Konzept: regionale Lebensmittel und Nachkriegs-Design.
Auch wenn ich neulich in der „Mikkeller Bar“ in der Nähe des Rosenthaler Platzes ein „Alien Space Meal“ zu mir genommen habe: Mit Alien-Landungen kenne ich mich nicht wirklich aus. Die außerirdische Weltraummahlzeit, die dort serviert wird, ist nämlich ein zehnprozentiges Bier mit sehr viel Hopfen von „Sudden Death Brewing“, einer Brauerei aus Lübeck. Das ist zwar auch irgendwie eine ferne Galaxie, aber soweit ich weiß, wird nicht mit Ufos geliefert. Aber auch wenn mein Wissen darüber, wie Außerirdische andocken, gegen null geht, glaube ich Leonie Herweg, wenn sie sagt: „Wir sind hier nicht wie ein Alien gelandet.“
Hier, das ist das „Café Tiergarten“ im Hansaviertel. Wir, damit meint Leonie Herweg sich, Nicolas Mertens, Simon Freund und ihr Team. Im Frühling vergangenen Jahres haben sie damit begonnen, das Café im Erdgeschoss des Schwedenhauses zu renovieren. Inzwischen ist es wieder zu einer beliebten Adresse am Rand des Tiergartens geworden. Wobei ich beim Betreten des Cafés das Gefühl habe, mit einem Wunderwerk der Technik hier gelandet zu sein – nein, nicht mit einem Ufo, mit einer Zeitmaschine.
Ich bin dort, wo ich nie war: in den späten 1950er- und frühen 1960er-Jahren. Das Café Tiergarten befindet sich im Erdgeschoss des denkmalgeschützten Schwedenhauses im „neuen“ Hansaviertel. Neu bedeutet in dem Fall: Das Viertel entstand 1957 im Rahmen der Internationalen Bauausstellung „Die Stadt von morgen“ – ein visionäres Projekt, das Berlin nach dem Krieg ein neues Gesicht geben sollte. Namhafte Architekten entwarfen hier ein lebendiges, modernes Quartier mitten im Grünen, geprägt von optimistischen Ideen für zeitgemäßes städtisches Wohnen.
Kleine Händler und Manufakturen
„Bis heute ist das Hansaviertel ein einzigartiges architektonisches Ensemble – Symbol für Aufbruch, Internationalität und sozialen Wohnungsbau. Gleichzeitig ist es ein Ort voller Kontraste und Geschichten – zwischen ikonischer Architektur, Alltagsleben und kulturellen Nischen“, schwärmt das Café-Team. „Die Räumlichkeiten wurden ursprünglich von der Berliner Großbäckerei Wittler genutzt, die in den 1920er-Jahren als größter Brot-Produzent Europas galt“, erzählt Leonie. Die Bäckerei überlebte den Krieg, musste in den 80er-Jahren dann aber aufgeben. Schon Wittler habe die Räume auch als Café genutzt, sagt Nicolas.
„Die Räume wurden anschließend jahrzehntelang liebevoll als Kaffeehaus mit vielen Stammgästen betrieben, bis sie einige Jahre leer standen“, erzählt der 35-Jährige weiter. Der Inhaber sei „offenbar ein sehr netter Herr gewesen, der noch in aller Munde ist, zu dem wir aber noch keinen Kontakt aufbauen konnten“, sagt Nicolas. Das Problem sei wohl gewesen, dass der Mann „wohl für längere Zeit einen Vertrag hätte unterschreiben müssen, das aber aus Altersgründen nicht mehr gemacht hat“, ergänzt Leonie. „Er ist wohl in den Norden.“ Und die drei jungen Leute kamen. Und zwar zunächst, um hier zu wohnen.
„Durch den Kontakt einer Nachbarin kamen wir ins Gespräch mit der Eigentümerin des Hauses. Als im Herbst 2024 schließlich das „Zu vermieten“-Schild auftauchte, war für uns klar: Wir möchten diesen besonderen Ort wieder zum Leben erwecken – offen, einladend, mit Sinn für Qualität und Geschichte“, sagt Leonie.
Die Qualität gewährleistet das „Café Tiergarten“ unter anderem durch Produkte aus der Stadt und der Region – „immer mit dem Fokus auf hochwertige Lebensmittel“, wie Nicolas betont. Es sei von Anfang an darum gegangen, „kleinere Händler und Manufakturen auf die Karte zu bringen“. Der Kaffee kommt aus der Berliner Rösterei Nano. Zusätzlich gibt es immer wieder neue Kaffees aus kleineren Röstereien. Käse wird von Blomeyers aus Charlottenburg geliefert, das Fleisch von der Bio-Metzgerei Gut Kerkow aus Schöneberg, Backwaren vom Domberger Brot-Werk, Schokolade von Erich Hamann in Wilmersdorf, Bier von der Barnimer Brauerei in Brandenburg. Hühnerfleisch, Eier und Joghurt kauft das Team auf dem Hansaplatz-Wochenmarkt um die Ecke. Die Marmelade stellt die Berliner Manufaktur Bock & Gardener her, den Honig Rolf-Friedrich Stengel. Er hat seine Bienenstöcke nicht weit vom „Café im Tiergarten“ stehen und verkauft ihn unter dem Label „Rolfs Honig“. Auch Marzipan kommt aus Berlin: von Königsberger.
Selbst für den Tequila hat das Café einen Lieferanten aus der Region: Mayaciel. Das kleine Unternehmen aus Schöneiche vor den Toren Berlins, das, wie seine Gründer Jonas und Christoph sagen, „aus dem Wunsch hervorgegangen ist, die Tequila-Landschaft in Deutschland zu revolutionieren“, liefert einen Stoff, der nicht dem „Zitrone, Salz und weg das Zeug“-Image entspricht. Dieses besondere Agavendestillat serviert man im Café als Tequila Tonic.
Die Speisekarte ist klein, aber faszinierend: Schafsjoghurt mit gerösteten Walnüssen und Honig, frisch aufgeschnittene Apfelspalten mit Erdnussmus, Miso-Cookies mit Meersalz. Brot gibt es mit einer reichen Auswahl an Belägen. Von dienstags bis samstags gibt es wechselnde Blechkuchen, sonntags besondere Kuchen, mittwochs Focaccia-Hefeteig-Fladenbrot und freitags ein gegrilltes Käse-Sandwich.
Speisekarte klein, aber faszinierend
Mit dem Angebot im „Café Tiergarten“ soll es sein wie mit den Gebäuden im Hansaviertel, sagt Nicolas: „das einfache Gute“. Wobei das Einfache ganz schön viel Arbeit machen kann. Ein Café, das jahrelang geschlossen war, denkmalgerecht zu renovieren, ist nicht einfach – und teuer. Das gehe bis zu Details wie der Wandfarbe. „Da konnten wir nicht irgendeine Farbe aus dem Baumarkt nehmen“, sagt Nicolas. Mit Unterstützung einer Restauratorin und den Mineralfarben der Firma Keim wurde das originale Farbschema von 1957 rekonstruiert.
Das ganze Hansaviertel steht seit 1997 als Flächendenkmal unter Schutz, ebenso das Schwedenhaus. „Der vorherige Leerstand und frühere Nutzungen hatten deutliche Spuren hinterlassen. Schritt für Schritt haben wir mit der Hilfe unserer Freunde und Familien spätere Einbauten entfernt, Wände und abgehängte Decken zurückgebaut und die ursprüngliche Offenheit und Klarheit der Architektur freigelegt“, erklärt Leonie.
Aber auch die Möbel und das Geschirr scheinen mit einer Zeitmaschine angeliefert worden zu sein: Das Stapelgeschirr aus der „TC 100 Porzellan“-Serie von Nick Roericht aus den 50er-Jahren zum Beispiel hat es bis ins Design-Museum in New York geschafft, schwärmt die 28-Jährige. In den Tassen der Serie wird im Tiergarten der Kaffee serviert. „Margarete Jahny hat in der DDR Ähnliches entworfen“, erzählt Leonie. Aus dieser Kollektion hat das Café Teekannen. Dieses Geschirr spreche die „Formensprache der 50er-Jahre“, sagt Nicolas. Ein „echter Designklassiker“ aus dem Jahr 1968 ist auch das „Pott 29“-Besteck des Architekten Hans Schwippert. Das originellste Teil der Reihe ist eine Mischung aus Gabel und Löffel: der Göffel.
Diese Liebe zum Detail kostet Geld. Einen Teil davon hat das Team durch eine Crowdfunding-Kampagne zusammenbekommen. Das Geld war hilfreich, um den ehrgeizigen Plan umsetzen zu können, aber dadurch, dass Geld zusammengekommen ist, habe man „auch gesehen: Es gibt Interesse“, sagt Nicolas. „Das Café hat vielen hier gefehlt nach drei bis vier Jahren Leerstand.“ Am Anfang habe man sie bedauert, erinnert sich Leonie: „Ihr Armen, hier läuft ja nie jemand vorbei.“ Aber es hat sich rumgesprochen, dass es das Café wieder gibt. „Am Wochenende kommen Touristen aus Neukölln und Menschen, die zur Siegessäule gehen“, freut sich Leonie. „Vom britischen Tourist bis zur Frau, die schon ewig hier lebt“, sei das Publikum sehr breit gefächert. Manche entdecken das Café auch eher zufällig, wenn sie vom Spaziergang aus dem Tiergarten kommen.
Nein, hier, ganz in der Nähe der Siegessäule, auf deren Spitze die Goldelse so wirkt, als wollte sie abheben, sind keine Aliens gelandet. Aber das „Café Tiergarten“ wäre ein guter Landeplatz für Außerirdische. Sie würden feststellen: Die Menschheit ist doch gar nicht so schlecht.