Insgesamt 240 Meter lange Mauern, Vögel aus Speckstein und konische Türme: Die Ruinen von Great Zimbabwe in der Provinz Masvingo gehören zum Unesco-Weltkulturerbe und gelten als Machu Picchu Afrikas. Einst residierten hier Könige.
Immer wieder hörte Karl Mauch Gerüchte über einen vierbeinigen Topf, der auf einem Hügel hauste und dort gelegentlich sogar den Platz wechselte. Der Afrikaforscher, der im schwäbischen Remstal geboren wurde, wollte diesen Geschichten auf den Grund gehen und den „Spukberg“ erkunden. Am 3. September 1871 bestieg er die Anhebung und genoss einen herrlichen Rundblick. Sein Begleiter zeigte auf einen Hügel in südöstlicher Richtung, etwa zweieinhalb Stunden oder acht Meilen entfernt, und sagte, dort stünden große Mauern, die auch von Weißen gebaut worden seien.
Zwei Tage später, am 5. September, besuchten der Schwabe und sein Begleiter zum ersten Mal die Ruinen, wobei sie versuchten, sich möglichst unauffällig zu verhalten, um keinen Verdacht zu erregen. Mauch war fasziniert von den steinernen Burgresten, Türmen und Ringmauern, die sich auf einem Granithügel und in einem versandeten Tälchen befanden – auch wenn sie teilweise in schlechtem Zustand waren. „Die wenigen dicken Mauern im Inneren des Gebäudes sind fast gänzlich eingestürzt“, schrieb Mauch über die Burgruine auf dem Hügel in seinem Reisebericht.
Verschiedene Tieropfer wurden hier dargebracht
Doch auch wenn Mauch an diesem Tag und bei weiteren Besuchen die Ruinen von Great Zimbabwe genau inspizierte – er ahnte nicht, was er entdeckt hatte: die steinernen Zeugen eines afrikanischen Reiches und einer hoch entwickelten afrikanischen Zivilisation. Die Ruinen von Great Zimbabwe sind das größte vorkoloniale Steingebäude in Afrika südlich der Sahara und damit gewissermaßen das Machu Picchu Afrikas. Doch Mauch war von kolonialem Dünkel beherrscht und vom Ehrgeiz besessen, das in der hebräischen Bibel erwähnte Land Ophir zu finden, aus dem sich König Salomon mit Gold versorgt haben soll und das der Sitz der Königin von Saba gewesen sein soll.
Eine abstruse Theorie, von der er schon vor dem Besuch der Ruinen absolut überzeugt war, und in deren Licht er alles deutete, was er dort vorfand. So stellte Mauch unter anderem fest, dass in der Ruinenstadt nirgends Inschriften zu finden waren. Diese Tatsache, so schrieb Mauch, „scheint mir für die Richtigkeit meiner Ansicht zu sprechen, denn nirgends lesen wir, dass Salomon in seinem Tempel irgendwelche schriftlichen Charaktere angebracht habe“. Als Mauch von Einheimischen erfuhr, dass auf dem Berg regelmäßig Tieropfer dargebracht wurden, bei denen zwei junge Ochsen und eine junge Kuh, allesamt schwarz und makellos, verbrannt oder geschlachtet wurden, war dies für ihn ebenfalls ein Beweis für seine Theorie – schließlich sei die Ähnlichkeit dieser Opfer „mit jenen vom israelitischen Kult vorgeschriebenen“ unverkennbar.
Vermutlich lebten hier etwa 20.000 Menschen
Der Schwabe Karl Mauch war zwar nicht der erste Weiße, der die Ruinen von Great Zimbabwe besuchte, aber er war der Erste, der darüber in Europa publizierte, und zwar in der in Berlin erscheinenden Fachzeitschrift „Petermanns Geographische Mitteilungen“. Mauch gilt daher vielen als der „Entdecker“ beziehungsweise Wiederentdecker der Ruinen. Sechs Monate später, am 6. März 1872, besuchte er sie ein letztes Mal, um dort Skizzen anzufertigen. Während die Ruinen zur Zeit von Mauchs Besuch teilweise überwuchert waren, sind sie heute besser zugänglich. Seit 1986 gehört Great Zimbabwe zum Unesco-Weltkulturerbe – doch während Machu Picchu von mehr als 120.000 Besuchern im Monat gestürmt wird, zählt Great Zimbabwe weniger als 100.000 Besucher im Jahr. Das Unesco-Weltkulturerbe liegt gewissermaßen noch im Dornröschenschlaf.
Wir sind mit Champion Ndigunei in der Ruinenanlage unterwegs, er ist einer der erfahrensten und kenntnisreichsten Guides. Er berichtet, dass der Königssitz hier rund 720 Hektar groß war und vermutlich zwischen 18.000 und 20.000 Menschen hier lebten. Und dass das Wort Zimbabwe übersetzt „Großes Haus aus Stein“ bedeutet. Er zeigt uns das kleine Museum zur Geschichte der Ruinen und der Ausgrabungen und führt uns dann zum „Great Enclosure“, der großen Einfriedung. Eine Anlage, in der vermutlich der Harem des Königs untergebracht war. „Man hat hier auch Phallussymbole gefunden, vermutlich wurden die Frauen in diesem Bereich in ihre Pflichten eingewiesen“, erläutert Champion. Er verrät uns auch, wie die Granitbrocken für den Bau gewonnen wurden: Sie wurden mit Feuer und Wasser aus größeren Granitblöcken herausgelöst.
Das Great Enclosure, das wir mit Champion besichtigen, hat schon Karl Mauch fasziniert. Er war damals bereits auf einen Turm geklettert, der sich am südlichen Ende der Anlage befand: „Das Merkwürdigste innerhalb des Rondouse, dem erwähnten niedrigen und schmalen Eingang gegenüber und nahe dem südlichen Teil der Mauer, ist ein 30 Fuß hoher, nach oben konisch verlaufender Turm, an dem jedoch der am Fuß angehäuften Trümmer wegen kein Eingang wahrzunehmen war. Ich erstieg an einem Rankengewächs seine Spitze, welche noch acht Fuß Durchmesser zeigte, und nahm einige Lagen der Steine ab, ohne jedoch eine innere Höhlung bemerken zu können“, heißt es in Mauchs Aufzeichnungen.
Spätere Untersuchungen haben bestätigt, dass der heute etwa zehn Meter hohe Turm, dessen Durchmesser an seinem Fuß bei etwa fünf Metern liegt, tatsächlich keinen Schatz oder Vorräte enthielt, nein, sein Inneres war vollständig massiv ausgebaut. Offensichtlich hatte er vor allem eine demonstrative Funktion und sollte die Macht des Reiches symbolisieren. Die Mauer, die das Areal umschließt, ist über 250 Meter lang und besteht aus rund einer Million Steinen – und sie wurde, wie die gesamte Ruinenanlage, völlig ohne Mörtel errichtet. An einigen Stellen der Mauer findet sich im oberen Bereich ein Zickzackmuster, das sogenannte Chevron, das als Fruchtbarkeitssymbol gilt. Früher soll dieses Muster auch am oberen Ende des Turms angebracht gewesen sein.
Spirituelles Medium unterstützte die Könige
Von der großen Ringmauer aus spazieren wir an etlichen kleineren Ruinen vorbei zum Museumsdorf, das 1986 hier errichtet wurde. Es besteht aus Rundbauten aus Holz oder Lehm, die mit Pflanzen abgedeckt sind. In der Anlage werden uns traditionelle Shona-Tänze vorgeführt und wir sprechen kurz mit einer Wahrsagerin. Natürlich werden auch Souvenirs verkauft – wie Körbe und Flechtarbeiten, Kochlöffel und Mörser, Trommeln und Skulpturen. Einer der Souvenirverkäufer bietet Nachbildungen der berühmten Simbabwe-Vögel an, die auf der Ostseite der Bergruine gefunden wurden. Die Skulpturen aus Speckstein sind alle unterschiedlich, es wird vermutet, dass jeder König in Great Zimbabwe seine eigene Adlerskulptur hatte. Die Vögel, die auch auf dem Staatswappen und der Flagge Simbabwes zu sehen sind, wurden ursprünglich fast alle ins Ausland gebracht – nur eine der acht Skulpturen blieb immer in Simbabwe. Mittlerweile sind sechs der sieben ins Ausland verbrachten Skulpturen wieder zurückgebracht worden. Nur Vogel Nummer zwei, so berichtet Champion, befinde sich noch in Südafrika.
Bei unserem zweiten Besuch der Ruinen, wieder mit Champion Ndigunei, konzentrieren wir uns auf die Bergfestung, die auch Akropolis genannt wird. Drei verschiedene Pfade führen nach oben, wir wählen den einfachsten davon – und sehen immer wieder Affen am Wegesrand, genauer gesagt Grüne Meerkatzen, darunter auch einige Mütter mit ihren Babys. Oben angekommen, staunen wir, wie harmonisch riesige Granitblöcke in die Architektur integriert wurden. Und wir erfahren, dass die Könige zwar herrschten und regierten, dabei aber auf den Rat und die Unterstützung eines spirituellen Mediums angewiesen waren.
Champion berichtet auch, dass hier oben zahlreiche Tierknochen gefunden wurden und noch heute Zeremonien abgehalten werden. Die Häuser der Könige selbst waren relativ unscheinbar – und jedes Mal, wenn ein König starb, wurde sein Haus abgerissen und ein neues gebaut, was dazu führte, dass sich der Boden hob. „Der Fall eines Königs war wie der Fall eines Berges“, berichtet Champion, der sich nicht sicher ist, ob hier acht oder vielleicht mehr Generationen von Königen herrschten. „Wir haben acht Adler gefunden, aber es könnten auch mehr gewesen sein“, sagt Champion – und er vermutet, dass das Reich der Shona damals auch deshalb blühte, weil es friedliche Zeiten waren. „So etwas kann man nicht aufbauen, wenn man Kriege führt“, ist Champion Ndigunei überzeugt. Ab 1550 begann der Abstieg beziehungsweise Niedergang des Reiches. Dafür waren wohl mehrere Faktoren verantwortlich – etwa Überbevölkerung, Mangel an Feuer- und Bauholz, vielleicht auch Salzmangel, Dürre und Krankheiten, möglicherweise auch Spaltungen und Nachfolgestreitigkeiten. „Ein König hatte viele Frauen und damit auch viele Söhne“, erklärt Champion.
Karl Mauch fasste nach seiner Rückkehr nach Europa dort nicht mehr richtig Fuß, hatte häufige Fieberschübe und starb schließlich im Alter von 37 Jahren, wenige Tage nach einem Fenstersturz. Seine überhebliche Auffassung, eine so komplexe Anlage wie Groß-Simbabwe könne nicht von Schwarzen erbaut worden sein, war im weißen, kolonialen Rhodesien später noch lange Zeit Staatsdoktrin. Wissenschaftler, die auf den wahren Ursprung der Ruinen hinwiesen, mussten zum Teil emigrieren. Umso wichtiger wurde Great Zimbabwe nach der Unabhängigkeit des Landes, das einen Teil seiner Identität aus der einstigen Hochkultur schöpfte. Touristisch liegen die Ruinen allerdings noch immer im Dornröschenschlaf, denn sie sind weit entfernt von den anderen Sehenswürdigkeiten des Landes wie den Victoriafällen oder dem Hwange-Nationalpark. Doch die Reise lohnt sich, und ein kulturhistorisch bedeutendes Monument ohne Menschenmassen wie in Machu Picchu besichtigen zu können, hat seinen ganz eigenen Reiz.