Leistungssportler können viel Geld verdienen und Ruhm erlangen. Doch ihr Job hat auch seine Schattenseiten. Eine davon ist der Hass im Internet, der zuzunehmen scheint. Warum Athleten besonders oft betroffen sind.
Die riesige Erwartungshaltung an Ilia Malinin ist schon in seinem Spitznamen verankert. Als „Vierfach-Gott“ wird der Eiskunstlaufstar von Fans und auch vielen Medien bezeichnet, weil der US-Amerikaner reihenweise Vierfachsprünge zeigt – inklusive des extrem schwierigen Vierfach-Axels. Doch bei Olympia in Italien zerbrach Malinin am Gold-Druck, zwei Stürze bei der Kür bedeuteten nur Platz acht. „Man hat gesehen“, sagte die zweifache Eiskunstlauf-Olympiasiegerin Katarina Witt, „er ist eben auch nur ein Mensch.“ Und als solchem sind auch dem talentiertesten Eiskunstläufer seiner Generation schwache Momente, Fehler und Unkonzentriertheit zuzugestehen. Eigentlich. Doch manche Menschen sehen das anders, vor allem wenn sie im Internet anonym hetzen und drohen können. Als Malinin nach der großen Olympia-Enttäuschung seine Social-Media-Kanäle checkte, traf ihn eine Welle der Entrüstung mit voller Wucht. „Widerlicher Online-Hass greift den Verstand an, und Angst lockt ihn in die Dunkelheit“, schrieb der 21-Jährige in einem Instagram-Post: „Auf der größten Bühne der Welt kämpfen diejenigen, die am stärksten erscheinen, möglicherweise immer noch mit unsichtbaren inneren Kämpfen.“
Schwäche wird aber gerade im Spitzensport immer weniger akzeptiert, das oft unverhohlene Feedback im Internet schmerzt die Athleten dabei manchmal mehr als die Enttäuschung im Wettkampf selbst. „Da läuft es einem eiskalt den Buckel runter, wenn man solche Kommentare liest und selber bekommt“, sagte der deutsche Rodel-Star Felix Loch. Bei ihm sei es 2018 ähnlich wie bei Malinin gewesen, als „Versager der Nation“ sei er damals nach seinem fünften Platz bei Olympia in Pyeongchang beschimpft worden. „Das kann mit einem jungen Sportler einiges anstellen“, sagte der heute 36-Jährige: „Das kann ihn, glaube ich, gewaltig aus der Bahn werfen. Vielleicht am Ende sogar eine ganze Karriere kaputtmachen.“
Annett Kaufmann ist so eine junge Sportlerin. Die 19-Jährige gilt im Tischtennis als große Hoffnungsträgerin in Deutschland. Sie ist Junioren-Weltmeisterin, Mannschafts-Europameisterin und verzückte bei ihrer Olympia-Premiere 2024 in Paris mit starken Auftritten gegen die Weltelite. Doch manche Internet-User vergessen all das bei einer schwächeren Leistung – und überschreiten deutlich die Grenzen. Kaufmann erhielt sogar eine Morddrohung. „Es wurde genau geschildert, wie ich umgebracht werden soll“, sagte der Teenager. Sie blockierte den Absender und meldete ihn bei der Internet-Plattform. Dieser Fall sei zwar besonders extrem, doch generell nehme der Hass im Netz zu. „Es wird schlimmer und schlimmer“, schilderte Kaufmann. „Vor allem Frauen bekommen unsägliche Nachrichten, die sich auf Äußerlichkeiten beziehen. Auch ich erhalte, neben anderen Hassbotschaften, viele extrem sexistische Kommentare.“ Es sei „nicht ohne, was man da aushalten muss“. Zwar gebe es auch viele User, die sie unterstützen und Hasskommentare anprangern würden. Doch der Trend hin zu immer deutlicheren verbalen Entgleisungen sei eindeutig, meinte Kaufmann. Dass dies in den allermeisten Fällen online geschehe und nicht im realen Leben, sei keine Entschuldigung. „Hass bleibt Hass“, betonte die Tischtennisspielerin: „Das darf nicht einfach hingenommen und akzeptiert werden.“
Sportwetten sorgen für Frust im Web
Genau wie Kaufmann ist auch Eva Lys bei dem Thema schon an die Öffentlichkeit gegangen. Die zurzeit beste deutsche Tennisspielerin wird nicht müde, besonders abstoßende Nachrichten öffentlich zu machen, um auf die dringende Problematik hinzuweisen. „Ich werde niemals schweigen. Niemand verdient es, so behandelt zu werden“, sagte die 23-Jährige: „Hass, Bedrohungen und Beleidigungen sollten in keinem Sport Platz haben.“ Doch genau das sei inzwischen „normal geworden“. Für junge Sportlerinnen ist das Internet längst nicht nur ein Ort der Selbstverwirklichung, sondern auch ein Raum ständiger Bedrohung. „Es wird detailliert beschrieben, wie man mich vergewaltigt. Wie man meine Mutter vergewaltigt. Und wie man meine Familie umbringt“, berichtete Lys. Dass aus verbalen Drohungen irgendwann Ernst werden kann, davor hat sie am meisten Angst. Probleme mit Stalkern hatte sie schon. „Manche haben sich die Adressen von Hotels und sogar die Zimmernummern besorgt. Die waren offenbar besessen von mir. Das hat jegliche Grenze überschritten.“
Ein großes Problem in diesem Zusammenhang seien Menschen, die auf Tennismatches wetten und bei Geldverlust ihren Frust auf die Spielerin oder den Spieler abladen, da ist sich Lys sicher. „Du kriegst Nachrichten, in denen sie schreiben, wie viel Geld sie wegen dir verloren haben, und sie drohen dir und sagen, du sollst es zurücküberweisen“, sagte die gebürtige Ukrainerin. Auch der deutsche Tischtennisspieler Benedikt Duda hatte deswegen schon Probleme. „Leider passiert das immer wieder – und mittlerweile hängt mir das zum Hals heraus“, sagte er: „Plötzlich stehst du im Fokus von Menschen, die irgendwo auf der Welt auf Tischtennisspiele wetten.“ Diese Leute verstecken sich meist hinter einem Fantasienamen und einem Fake-Profilbild. „Einer hat mir den Tod gewünscht, ein anderer Krebs, da fallen auch Wörter wie Arschloch und Hurensohn“, erzählte der Nationalspieler. Lys kommen diese Beleidigungen bekannt vor. „Die haben keine Scham. Die beleidigen, das sind Morddrohungen, Sexismus, alles“, sagte die Tennisspielerin. Auch der Weltranglistenvierte Alexander Zverev sprach schon über solche Erlebnisse: „Für uns Tennisspieler sind die Beschimpfungen, denen wir täglich online und in den Sozialen Medien ausgesetzt sind, extrem.“ Auch ihm und seiner Mutter sei dort schon der Tod gewünscht worden. Seine Strategie gegen diesen Hass? „Ignorieren.“
Die Tennis-Organisationen WTA und ATP versuchen mittlerweile, mithilfe der Künstlichen Intelligenz beleidigende Inhalte herauszufiltern. Seitdem wurden schon mehrere Zehntausend Kommentare gelöscht, einige von ihnen waren strafrechtlich relevant und wurden an die Behörden weitergeleitet. Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) arbeitet mit der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt (ZIT) zusammen. Auslöser waren rassistische Beleidigungen gegen den deutschen Rekordsprinter Owen Ansah. „Es ist erschreckend, wie für Deutschland antretende Sportlerinnen und Sportler in der Anonymität des Netzes mit Hass überzogen, rassistisch beleidigt oder mitsamt ihren Familien bedroht werden – unabhängig von Erfolg oder Misserfolg“, sagte Oberstaatsanwalt Benjamin Krause von der ZIT.
Der Deutsche Olympische Sportbund hat das Problem ebenfalls längst erkannt und Maßnahmen eingeleitet. Auch der Dachverband stellte den Athleten während der Winterspiele in Italien ein KI-Tool zur Verfügung, das Beleidigungen, Drohungen sowie rassistische, sexistische und andere diskriminierende Inhalte in Echtzeit erkennen kann. Mehr als Tausend Hasskommentare konnten so herausgefiltert und schnell gelöscht werden. Er sei sehr dankbar für das Angebot, meinte Loch. Doch der dreimalige Rodel-Olympiasieger betonte auch: „Das ist Wahnsinn, wo leben wir denn bitte, dass wir sowas brauchen?“ Diese gesamtgesellschaftliche Entwicklung kann der Sport alleine nicht stoppen, er ist – wie so oft – ein Abbild der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung. Da aber Spitzensportler stärker im Fokus und in der Öffentlichkeit stehen, trifft es sie besonders schwer. DOSB-Präsident Thomas Weikert forderte die Politik und Plattformbetreiber daher auf, noch mehr gegen Hass im Internet vorzugehen.
Algorithmus pusht Hassnachrichten
Doch die Forderungen, dass Strafverfolgungsbehörden besser ausgestattet und auf die speziellen Herausforderungen der digitalen Gewalt vorbereitet werden müssen, gibt es schon lange. Genauso die Forderungen, dass Plattformen wie Facebook, Instagram oder X (ehemals Twitter) noch stärker in die Verantwortung genommen werden müssen. Passiert ist aber noch zu wenig, meinen die Experten. Es ist längst nachgewiesen, dass die Netzwerke emotionale Kommentare wie Hassnachrichten im Algorithmus durch eine prominentere Reichweite „belohnen“, weil sie die Interaktion ankurbeln – und damit auch die Verweildauer der User und die Werbeeinnahmen erhöhen.
Bundeskanzler Friedrich Merz hat einen Lösungsansatz – der aber einige knifflige Begleiterscheinungen mit sich bringt. „Ich möchte Klarnamen im Internet sehen. Ich möchte wissen, wer sich da zu Wort meldet“, sagte der CDU-Politiker kürzlich zu der Problematik: „Wir stellen uns in der Politik auch mit Klarnamen und offenem Visier einer Auseinandersetzung in unserer Gesellschaft. Dann erwarte ich das auch von allen anderen, die sich kritisch mit unserem Land und unserer Gesellschaft auseinandersetzen.“ Doch die Umsetzung einer Klarnamenpflicht im Netz ist nicht nur wegen der praktischen Umsetzung problematisch. Sie ist auch juristisch umstritten, denn das Recht auf anonyme Äußerungen ist verfassungsrechtlich anerkannt. Und zu beachten ist auch: Durch die Entanonymisierung müssten gerade diejenigen, die mit dem Gesetz eigentlich geschützt werden sollen, um ihre physische Sicherheit fürchten – denn auch sie werden datenrechtlich erfasst und sind damit deutlich leichter auffindbar.
Franziska Preuß will mit alledem nichts mehr zu tun haben. Die erfolgreiche Biathletin hat nach Olympia in diesem Jahr ihre Karriere auch deshalb beendet, weil sie die Beleidigungen und den Hass im Internet nach schwächeren Leistungen nicht mehr ertragen konnte. Ein „Psychoterror“ sei das gewesen, meinte die 32-Jährige. Sie kann die fehlende Empathie gegenüber Leistungssportlern überhaupt nicht nachvollziehen. „Man ist ja immer noch ein Mensch“, betonte Preuß: „Ich habe weder irgendwas Kriminelles gemacht, noch irgendwen umgebracht. Es ist einfach nur Sport.“