Die Traumschleife Mittelrhein im Unesco-Welterbe Oberes Mittelrheintal bietet fantastische Aussichten auf den Rhein und seine Schleifen. Die Burg Pfalzgrafenstein ist einer der Höhepunkte einer außergewöhnlichen Wanderung.
Vom Wanderparkplatz „Spitzer Stein“ an der K97 sind es 200 Meter bergan zum Spitzenstein und dem dazugehörigen Aussichtsturm. Der Spitzenstein ist eine von drei markanten Felsformationen auf den linksrheinischen Hunsrückhöhen. Im Sommer 1852 entdeckte der aus Erlangen stammende und in London lebende Maler Carl Haag (1820–1915) den Felsen, als er die Rheinhöhen durchwanderte. Am 17. und 18. August 1852 stieg Haag nochmals zum Spitzenstein, um die Felsformation in einem vor Ort gemalten Aquarell festzuhalten. Heute befindet sich das Aquarell in den National Museums and Galleries of Northern Ireland in Ulster.
Nur wenige Meter vom Spitzenstein steht seit einigen Jahren ein Aussichtsturm. Von der Plattform des Turms kann man sich einen Überblick verschaffen und die Burgen zählen, denen man unterwegs näherkommt.
Vom Turm geht es bergab auf teilweise schmalem Waldpfad nach unten. Nach der Walddurchquerung erreichen wir am Waldrand die Tiergartenhütte. Landgraf Philipp der Ältere von Katzenelnbogen bestieg 1444 den Grafenstuhl. Philipp der Ältere, der für sein luxuriöses Hofleben bekannt war, ließ ab 1445 ein 18 Hektar großes Wildgehege bauen, um vor allem seine Gäste zu beeindrucken.
Vom Waldrand schweift der Blick über Wiesen, Felder und Weideland übers Rheintal bis weit in den Taunus. Wir durchstreifen auf Wiesenwegen das landwirtschaftlich genutzte Land und erreichen vorbei am Quetschehannes an der Steinkaut die Randlage von Biebernheim. Am Aussichtspunkt Wackenberg, oberhalb von St. Goar, bietet sich ein fantastischer Blick übers Unesco-Welterbe Oberes Mittelrheintal: Burg Rheinfels zur Linken, die Burgen Katz und Maus vis-à-vis. Unter uns liegt St. Goar, auf der rechten Rheinseite, gegenüber von St. Goar liegt St. Goarshausen, Teil des Rheinischen Schiefergebirges und des Taunus.
Im weiteren Verlauf unserer Wanderung eröffnen sich immer wieder neue Ausblicke ins Welterbe mit seinen Rheinschleifen, den Burgen und dem weltbekannten Loreleyfelsen. Doch zunächst steigen wir über etliche Treppenstufen bergab, um wenig später auf schattigem Pfad Meter für Meter an Höhe zu gewinnen.
Der Vater des Loreleyliedes
Wir sind auf dem Weg zum Aussichtspunkt „Maria Ruh“, der 2005 zum Landschaftspark „Loreleyblick Maria Ruh“ umgestaltet wurde. Der Blick auf den gegenüberliegenden sagenumwobenen Loreleyfelsen hat etwas Magisches. Etliche Dichter, Denker und Maler ließen sich hier inspirieren. Der Blick zur engsten Rheinstelle unterhalb des Loreleyfelsens und weiter flussabwärts zu den Burgen Katz und Maus ist unvergesslich.
Eine Bronzetafel erinnert an die drei Väter des Loreleyliedes: Clemens Brentano, Heinrich Heine und Friedrich Silcher. Clemens Brentano hatte 1800 mit seiner Kunstsage „Lore Lay“ den mystischen Ort des Loreleyfelsens aufgegriffen. In Heinrich Heines Gedicht von der Loreley von 1824 heißt es in der ersten Strophe:
„Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin; ein Märchen aus uralten Zeiten, das kommt mir nicht aus dem Sinn.“
Heinrich Heines Verse gaben der Gestalt der Jungfrau eine Form. Durch die einfühlsame und volksliedhafte Melodie Friedrich Silchers erlangte das Lied größte Popularität.
Die Traumschleife Mittelrhein und der Rheinburgenweg teilen sich seit geraumer Zeit einen Streckenabschnitt. Wir sind auf dem Weg zum Günderodehaus. Auf dem Weg dorthin passieren wir einige Skulpturen, die zum Skulpturenpark Oberwesel gehören, der 1996 eröffnet wurde.
Unter dem ausladenden Kastanienbaum am Günderodehaus sollte man eine ausgedehnte Pause einplanen. Seit 2002 steht unter Kastanien und Birken ein schiefergedecktes Fachwerkhaus mit Tischen und Bänken. Das Ensemble ist Filmarchitektur, eine Idee des Autors und Regisseurs Edgar Reitz. Es spielt die Hauptrolle im dritten Teil seines Epos „Heimat“. Dort ist das Günderodehaus Sinnbild des deutschen Traums von neu gefundener und erworbener Heimat.
Der Sieben-Jungfrauen-Blick von der Terrasse des Hauses hat etwas Zauberhaftes. Er gehört für mich zu den schönsten Rheinblicken – ein Ort der Ruhe, Einkehr und Besinnung.
Das Günderodehaus wurde von der European Film Academy (Berlin) ausgezeichnet mit dem „Treasure of European Film Culture“. Mit dieser Auszeichnung würdigt die Akademie Orte, die symbolisch für das europäische Kino stehen und von herausragender filmhistorischer Bedeutung sind.
Außergewöhnliche Flora und Fauna
Wenige Minuten, nachdem wir das Günderodehaus verlassen haben, erreichen wir die Aussicht vom Klüppelberg, dem südlichsten Wegepunkt. Der Blick fokussiert Oberwesel mit der Schönburg und Kaub mit Burg Gutenfels und unmittelbar davor – mitten im Rhein – die Burg Pfalzgrafenstein.
Nun beginnt der letzte Teil der Wanderung. Unterwegs streifen wir die Niederburger Heide. Immer wieder lohnt ein Blick zurück, um einige Rheinbilder aufzunehmen. Zwischen Klüppelberg und Niederburg heißt das Thema: Landschaftspflege auf den Rheinhöhen. Auf insgesamt zehn Hektar sind Biotope, Wiesen, Felder und Trockenflächen dafür verantwortlich, dass sich eine außergewöhnliche Flora und Fauna entwickeln konnte. Hier wachsen Reiherschnabel, Blutwurz und die Pechnelke, außerdem Heidekraut, Feld-Mannstreu und der kleine Wiesen-Sauerampfer. Kleine Insekten wie das Ampfer-Grünwidderchen, das Blutströpfchen sowie Sandlaufkäfer sind hier heimisch.
Wir passieren Niederburg auf meist schattigem Weg durch Niederwald. Am Wassertretbecken lassen wir den Ort hinter uns. Bis zum Ausgangspunkt haben wir noch einige Höhenmeter zu überwinden.