Java ist etwa so groß wie Griechenland. Gäste machen sich auf der indonesischen Insel dagegen rar, obwohl es jede Menge interessanter Orte gibt. Wirklich eng wird es dort nur an Feiertagen, wenn die Einheimischen selbst als Touristen kommen. – etwa zum Sonnenaufgang am Vulkan.
Strahlend weiße wie auch kreischend bunte Citybikes stehen mietbereit am Taman Fatahillah. Benannt ist der zentrale Platz Jakartas nach dem Heerführer, der 1527 den Glauben Mohammeds auch in den Westen Javas brachte. Der als indonesischer Nationalheld gefeierte Prinz eroberte Sunda Kelapa, den wichtigsten Hafen im alten Hindu-Königreich, an dem bereits die Portugiesen siedelten, und gründete die Stadt Jayakarta.
1619 zerstörten die Niederländer die Stadt, bauten sie neu auf und nannten sie Batavia – in Anlehnung an ihre eigene Abstammung von den westgermanischen Batavern. Die Niederlande hatten Portugal als Kolonialmacht abgelöst. Fast dreieinhalb Jahrhunderte dauerte ihre Fremdherrschaft, die genauso blutig anfing, wie sie kurz nach dem Zweiten Weltkrieg endete. Offiziell unabhängig sind die meisten der über 17.500 indonesischen Inseln seit 1949. Das war zugleich das Gründungsjahr von Indonesien, dem größten Inselstaat der Welt. Batavia wurde Jakarta.
Der Platz in der Stadtmitte entstand Anfang des 18. Jahrhunderts als „Nieuwe Markt“. Später hieß er „Stadhuisplein“. Gesäumt wird er von mittlerweile sorgfältig sanierten Häusern. Ihre ursprünglichen Stile, europäischer Barock und Klassizismus, sind noch deutlich zu erkennen – besonders an dem dominierenden Gebäude, das den Amsterdamer Königspalast inspirierte. 1710 erbaut, diente es als Rathaus wie auch als Verwaltungssitz der Niederländischen Ostindien-Kompanie, einer mächtigen Gesellschaft, die ab 1602 von Java aus große Teile des internationalen Seehandels kontrollierte und die Kolonie Niederländisch-Indien errichtete. Deren Regierungssitz befand sich ebenfalls im „Stadhuis“.
Heute zählt es als Geschichtsmuseum zu den meistbesuchten Orten in der Altstadt Kota Tua – ebenso wie auch das Kunst-, das Bank- oder das Wayang-Puppenmuseum, der „Rote Laden“ Toko Merah oder das House of Tugu, ein historisches Hotel und Restaurant, vollgestopft mit Artefakten, Kunst und Kitsch. Viele Bauwerke der Kolonialzeit warten dringend auf Renovierung. Manche sind nur noch Ruinen.
Rundreise mit Gästeführer
Ausgerechnet Hollandräder in den grellsten Farben bieten sich nun an, mit ihnen per Pedalantrieb die Altstadt Kota Tua zu erkunden. An ihren altmodischen Lenkern baumeln schrille Sonnenhüte oder Tropenhelme. „Die meisten fahren gar nicht mit den Rädern, sondern nutzen sie als Fotorequisiten“, hat Bintoro beobachtet.
Der sympathische Gästeführer stammt aus der Mitte Javas. Doch zu Hause fühlt sich der 56-jährige Familienmensch auf der ganzen Insel – und entsprechend riesig ist sein Wissen über sie. Die nächsten Tage werden wir davon profitieren, denn „Toro“ wird unsere Rundreise begleiten. In Jakarta, wo wir nach dem Flug via Frankfurt und Singapur gelandet sind, hat sie begonnen – mit freundlichem Empfang und erstaunlich flüssigem Verkehr.
„Wenn auch viele Autofahrer bei den strengen Anti-Stau-Auflagen schummeln, halten sich am Ende doch die meisten dran“, verrät uns Toro. Um bei Verbot bestimmter Nummern flexibel zu bleiben, hätten einige ein zweites Fahrzeugkennzeichen zu Hause – und: „Werden in gewissen Stadtbezirken die Mindestpassagierzahlen pro Pkw erhöht und kontrolliert, bezahlen Einzelfahrer Leute, die sich für einige Straßenzüge zu ihnen ins Auto setzen.“
Beim Spaziergang zu den nächsten Attraktionen bekommen wir es selbst zu spüren: Rollt endlich alles, ist es sehr viel schwieriger als fahrend, sich zu Fuß quer durch die rasanten, unendlichen Blechlawinen zu bewegen. Doch Bintoro ist ein Held. Todesmutig strebt er auf die Fahrbahn mitten in den tosenden Verkehr, nutzt selbstbewusst die hochgestreckte Hand als Stoppsignal und winkt uns, ihm zu folgen – zügig, dicht an dicht.
Für relative Ruhe zwischendurch sorgen autofreie Zonen, Parks und Plätze wie der weitläufige Medan Merdeka mit dem Nationaldenkmal, einem 132 Meter hohen Obelisken mit Aussichtsplattform, der eine lodernde Siegesfackel symbolisieren soll.
Auch das Viertel Glodok, eine der größten Chinatowns der Welt, ist zwar geschäftig, doch vergleichsweise gemütlich. Das Leben nimmt man hier ziemlich gelassen. Für Ausländer wie uns benutzen viele noch dasselbe Wort wie für die Holländer: Orang Belanda. Als ein Mann auf Indonesisch nach der Herkunft von Bintoros Gästen fragt, antwortet dieser wörtlich – wie er uns dann übersetzt: „Ja, diese Holländer kommen aus Luxemburg, Österreich und Deutschland.“
Nach einer Teeverkostung im historischen „Pantjoran Tea House“ bummeln wir über den Petak-Sembilan-Markt und probieren allerhand. Am besten schmecken mir die Schlangenhautfrüchte der Salakpalme. Ihr eher trockenes und festes Fleisch erinnert im Geschmack sowohl an Birne als auch an Litschi. Einfach köstlich! Schnell vergessen wir beim Schlendern und Genießen, dass wir in einer Super-City sind.
Java ist Indonesiens größte Insel
Mit mehr als 35 Millionen Einwohnern ist ihre Metropolregion nach der von Tokio die zweitgrößte der Welt. Genau genommen ist Jakarta keine Stadt, sondern Provinz, und dennoch Insel- sowie Landeshauptstadt. Noch, denn bald wird sie von Nusantara abgelöst, wie wir von Toro hören. Jakarta platze nicht nur förmlich aus den Nähten, sondern leide auch an riskantem „Übergewicht“. Denn durch die hohe Eigenmasse senke sich sein Boden zunehmend. „Entlastung soll die neue Hauptstadt schaffen, die seit 2022 mitten im Dschungel auf der Insel Borneo entsteht“, erfahren wir. Mit rund 2.500 Quadratkilometern entspricht ihr Areal in etwa dem des kompletten Großherzogtums Luxemburg. Komplett fertig soll Nusantara 2045 sein. Seine derzeit rund 500.000 Einwohner sind vor allem Bauarbeiter und ihre Familien.
Wir sind nun erst einmal mächtig neugierig auf Java. Das zählt zwar zu Indonesiens größten Inseln, doch touristisch ist es deutlich weniger bekannt als viele seiner Nachbarn. Allen voran das über 20-mal kleinere östliche Bali, das jährlich über sechs Millionen Gäste zählt. Das ist mehr als die Hälfte aller, die das gesamte Land besuchen.
Mit knapp 130.000 Quadratkilometern ist Java annähernd so groß wie Griechenland oder Nicaragua und steht damit als Insel flächenmäßig weltweit auf Platz 13. Bei den Einwohnern nimmt es die erste Stelle ein. Denn mit 150 Millionen Menschen ist Java die bevölkerungsreichste Insel der Welt. Die Zahl der ausländischen Besucher bleibt mit knapp einer halben Million jährlich allerdings recht überschaubar.
Bezaubernde alte Hindutempelstadt
Selbst bei der luxuriösen Fahrt im „Whoosh“ mit Tempo 350 von Jakarta nach Bandung sind wir fast die einzigen Fremden unter den Passagieren. Der supermoderne Hochgeschwindigkeitszug aus China, dessen erster Streckenabschnitt 2023 eingeweiht wurde, soll die derzeitige indonesische Hauptstadt künftig auch mit dem 712 Kilometer entfernten Surabaya verbinden. Die Hafenstadt im Osten Javas wird die letzte Station unserer Reise sein, denn von dort geht unser Flug zurück nach Hause. Doch zuvor erwarten uns noch jede Menge Abenteuer auf der Insel.
Nach einem Bummel durch die Blumenstadt Bandung zuckeln wir sechs Stunden lang in einem großfenstrigen Panoramazug durch malerische Landschaften aus Palmenhainen, Reisfeldern und Bergen. Kultige VW-Kübelwagen bringen uns auf Dorfstraßen in eine Batikwerkstatt und zu einem Zuckermacher. Auf einem Aussichtsberg mit Restaurant erleben wir den schönsten Sonnenaufgang dieser Reise und beim Vesak-Festival in Surabaya Javas beste Drachentänzer.
In Magelang nimmt uns der kolossale Borobudur gefangen. Der 1.200 Jahre alte Pyramidenberg gilt als der größte Buddhatempel der Welt. In Yogyakarta, wo noch Sultane regieren, besuchen wir Nyamplung, das Heimatdorf von Guide Bintoro, und staunen über Prambanan, die bezaubernde uralte Hindutempelstadt, und viele kleine wunderbare Heiligtümer des Hinduismus und des Buddhismus. Und dann geht’s endlich zu den Feuerbergen.
Wie so mancher Tag auf dieser Reise beginnt auch dieser mitten in der Nacht. Schließlich wollen wir bei Sonnenaufgang schon an den Vulkanen sein. Die ersten beiden Kilometer träumen wir noch von der menschenleeren Berglandschaft. Im Basisdorf Tosari verflüchtigen sich die romantischen Gefühle schnell. Trotz früher Stunde wimmelt es vor Fahrzeugen und Menschen.
Wir steigen um in einen Jeep und fahren nur wenige Meter bis zum ersten Stau. Soweit wir an den Lichtern sehen können, sind die engen Straßen hoffnungslos verstopft. Unser Pech: Heute ist Feiertag und viele Einheimische nutzen das für einen Ausflug. Stop-and-go geht es allmählich vorwärts, aufwärts.
Gegen 4 Uhr früh erreichen wir im Mondschein die Panoramaplattform am Mount Penanjakan und mischen uns, 2.770 Meter hoch, unter die Menge. Schätzungsweise über 1.000 Leute sind schon da. Und es werden mehr. Tatsächlich finde ich ganz vorn noch einen Stehplatz und schaue auf die weite graue Fläche vor mir, die hoffentlich bald eine Aussicht bietet. Irgendwo da drüben schlummern die Vulkane. Langsam, aber sicher treten ihre Schatten aus der Dunkelheit.
Im blauen Dämmerlicht zeigt sich jedoch nur einer vollständig. Es ist der Mount Semeru, mit 3.676 Metern Javas höchster Gipfel – und aktiv, wie wir sehr deutlich sehen können. Denn als die Sonne aufgeht und den Himmel pink und lila färbt, steigt dicker, weißer Rauch aus seinem Schlot.
Die vier Nachbarn Semerus, zwischen 2.300 und 2.700 Meter hoch, liegen vor ihm in der Tengger-Caldera, fast bis oben hin in Wolken. Außer Batok, der bereits vor langer Zeit erloschen ist, sind alle anderen waschechte heiße Feuerberge, unter ihnen der aktivste inselweit: Bromo. Er brach in den vergangenen 200 Jahren über 60-mal aus, zuletzt 2016.
„Dieser Vulkan ist unberechenbar und sehr gefährlich“, mahnt unser Guide. Er selbst stand zufällig gerade auf ihm, als er 1995 plötzlich Asche, Gas und Steine spie. „Richtig große Brocken flogen aus dem Krater durch die Luft“, erinnert sich Bintoro, der die Katastrophe damals unbeschadet überstand. Unvorsichtige warnt er davor, die großräumigen Absperrungen nicht zu respektieren.
Dass man auch in vier Kilometer Entfernung nicht sicher ist, weiß der Mann ebenso aus eigener Erfahrung: „2010 war ich genau hier auf dem Penanjakan, als schwarz-gelber Rauch zu uns hinüberwehte.“ Später auf dem Rückweg blicken wir vom sogenannten Tengger-Sandmeer auf zum Bromo und freuen uns mit Abstand über seine Schönheit und Magie.