Der spanische Verein ADE hat viele Pferde und Esel aus Vergessenheit und Quälerei gerettet. In einem aufwendigen Projekt haben die Tierschützer die Equiden in einem riesigen Gebiet in Aragonien angesiedelt, wo die Tiere lernen, auf sich selbst gestellt zu leben. Touristen können die vierbeinigen Bewohner besuchen.
Unter den Wanderschuhen knirscht der Kies. Der Gedanke, bald schon darin Hufabdrücke zu entdecken, spornt uns beim Laufen an. Die Schritte übertönen leises, gleichmäßiges Plätschern. Das stammt vom jungen Quellbächlein der Arba. Gleich neben uns am Weg strengt es sich an, zu einem Fluss heranzuwachsen. Nicht mehr weit, dann wird sein klares Wasser in den Rio Ebro strömen.
Kühl und erfrischend ist die Luft. Durch den Regen in der Nacht riecht sie nach feuchter Erde, Nadeln, Laub und nassem Gras. Allmählich steigt die Sonne höher und entlockt dem Wald würzige Harz- und Kräuterdüfte. Der erste Blick auf Buchen, Eichen, Kiefern weckt Vertrautheit. Beim zweiten fallen uns die leuchtend roten Früchte zwischen ihnen auf und erinnern uns daran, dass wir schon in den Vorläufern der Pyrenäen sind.
Wald- und felsenreich
„Das sind Madroños – die Früchte des Erdbeerbaums. Wenn sie überreif im Herbst herunterfallen und am Boden gären, sind manche Tiere ganz verrückt nach ihnen“, verrät uns Leo, die mit vollem Namen Leonor Diaz de Liaño Serra heißt.
Wir haben Glück, dass wir die sympathische Katalanin heute bei einer Routinetour begleiten dürfen. Ihre Mission führt uns an diesem Morgen in die Sierra de Santo Domingo, ein wald- und felsenreiches Landschaftsschutzgebiet in Aragonien. Neben unzähligen Vogelarten, Hirschen, Rehen, Alpenböcken, Füchsen, Wildschweinen und scheuen Ginsterkatzen leben hier auch Tierheimtiere: Pferde sowie Esel.
„Vor drei Jahren fing für sie das Abenteuer Freiheit an“, berichtet Leo, die selbst vor langer Zeit ihr Leben in der Großstadt gegen eins mit Tieren auf dem Lande tauschte. Sie fand nicht nur den Ort für das Projekt. Sie schuf und leitet auch den Tierrettungsverein „Asociación Defensa Équidos“ (ADE) sowie die beiden Tierheimfarmen, aus denen die Equiden stammen.
Seit seiner Gründung 2001 konnte der Verein mit Sitz in Barcelona allein über 2.000 Pferde und Esel, fast 700 Hunde und genauso viele Katzen vor Vergessenheit und Hunger, Krankheit, Quälerei und Tod bewahren. Und das alles ohne auch nur einen Cent vom Staat. Denn wie die meisten Tierheimorganisationen Spaniens existiert die ADE ausschließlich durch unbezahlte Arbeit, Mitgliedsbeiträge, Sponsoren, Spenden. Gute Erfahrungen mit Adoptionen hat man leider nicht. „70 Prozent der vermittelten Tiere wurden zurückgebracht“, so die Vereinsvorsitzende.
2022 pachtete die ADE knapp ein Viertel der geschützten Landschaft in der Mitte Aragoniens und begann, die 2.200 Hektar große, überwiegend waldbedeckte Fläche mit ihren Schützlingen zu besiedeln. „Nur kräftige, gesunde Pferde wurden ausgewählt. Den Anfang machten zehn. Schrittweise folgten mehr, auch Esel“, hören wir.
Ungeachtet ihrer oft sehr negativen, teils traumatischen Erfahrungen waren die Tiere bis zu diesem Zeitpunkt letztlich abhängig von Menschen. „Dennoch lernten sie allmählich, die Geräusche und Gerüche hier zu akzeptieren, sich allein zurechtzufinden, in der Natur zu orientieren, Nahrung, Wasser wie auch Ruheplätze selbst zu suchen“, sagt die Aktivistin.
„Vorsichtshalber noch ein ganzes Jahr lang haben wir die Auszuwildernden gefüttert und begleitet. Die Halsbandpeilsender, die einige erhielten, verraten uns per App bis heute ihre Positionen und Bewegungen“, erzählt uns Leo auf dem Weg zum Reservat. Immer wieder schaut sie auf ihr Handy nach den aktuellen Standorten der Tiere. Die Punkte auf der Karte sind verstreut und ziemlich weit entfernt von uns.
Im Winter wird zugefüttert
„Zurzeit bestehen acht Gruppen mit jeweils drei bis sieben Individuen. Doch ändert sich diese Struktur genauso wie ihre sozialen Bindungen. Am Anfang gab es viele Pferd-und-Esel-Freundschaften, gleichfalls ernsthafte Verletzungen durch Tritte. Jetzt sieht man beide Arten eher unter sich“, lässt sie uns wissen. Und ebenso, dass alle Pferdehengste wie auch in den Tierheimfarmen sterilisiert sind.
Eine zweite Pferdeherde, die im Reservat zur Untermiete überwintert, besteht aus zirka 50 Stuten der mittelschweren Kaltblutrasse Navarro aus der gleichnamigen Region. Das Gebimmel der Kuhglocken, die diese armen Tiere tragen müssen, ist weithin zu hören. Die ADE-Pferde und -Esel schreckt es ab, weshalb sie die Navarros meiden. Kommt es zu Begegnungen, zeigen sie, wer im Revier das Sagen hat.
Insgesamt umfasst die Patchwork-Freilandwohngemeinschaft inklusive Gästen mittlerweile etwa 110 Pferde- sowie Eselstärken und ist weitestgehend auf sich selbst gestellt – à la „Betreutes Wohnen light“. Im Winter und in Notfällen wird zugefüttert.
Kontrollgänge, Beobachtung und Dokumentation sind die Routine von Jesús. Der Ranger aus der Nachbarschaft ist stets mit Kamera und Erste-Hilfe-Koffer unterwegs. Bei größeren Verletzungen und Krankheitsfällen ordert er professionelle Hilfe an – meistens gegen Rechnung. Kostenlos springt als Vereinsmitglied Carmen Paniego Murillo ein. Die Tierärztin und Lehrerin aus Saragossa, die alle Mamen nennen, besucht die Tiere regelmäßig – so wie heute. Wir trafen sie in Biel.
Das mittelalterliche Dorf liegt hinter uns. Mit seinen schönen alten Häusern und der hohen, schlanken Burg inmitten weitläufiger Felder und Olivenhaine, Wein- und Pfirsichgärten scheint es riesig. Tatsächlich ist das Dorf so groß wie das Land Liechtenstein, wo 40.000 Leute leben.
Hier sind es 170, nichts Ungewöhnliches in Aragonien. Zählt doch die autonome Region in Spaniens Nordosten zu den eher menschenarmen Gegenden des Landes. So wundert es uns nicht, dass wir an diesem Morgen weit und breit die einzigen Zweibeiner sind, die durch die wunderbare Wildnis streifen.
Viele traurige Geschichten
Von Geschöpfen mit vier Beinen fehlt bislang jede Spur – bis sich auf einem Wegstück endlich Hufabdrücke zeigen. „Die größeren und tieferen stammen von Pferden. Die anderen haben die kleinen Esel hinterlassen,“ klärt uns Leo auf. Als sie gerade auf dem Smartphone nach dem Standort suchen will, erscheint – wie eine Abordnung zu unserem Empfang – „das Playmobil-Quartett“. Den Hintergrund des Spitznamens gibt Mamen schmunzelnd preis: „Da man in Spanien eher große Katalanenesel kennt, wirken für uns Einheimische kurzbeinige Langohren wie diese vier eher wie Spielfiguren.“
Zielstrebig im Gänsemarsch bewegen sie sich auf uns zu. Ihr Interesse gilt allein den beiden Frauen, die ihnen gut bekannt sind und die obendrein die Möhren, Äpfel und Massagebürsten haben. Wir beiden anderen sind nur Besucher, halten uns ans Fütterungsverbot.
Während ihre Pfleglinge genüsslich schnurpsen und die Fellpflege genießen, erzählt die Tierärztin: „Es sind Brüder, die mit ihren Eltern aus Granada zu uns kamen. Gleich nach der Ankunft hier verließ der Vater die Familie und blieb lange bei den Pferden in den Bergen. Die Mutter starb bei einem Autounfall, bislang dem einzigen im Schutzgebiet.“
In der Nähe eines großen Stalls, der einst zu einem Bauernhof gehörte, entdecken wir – wie von der App vorausgesagt – fünf Pferde. Offenbar sind sie gerade unterwegs zum Teich, der mitten in der Wiese vor uns liegt. Zwei setzen ihren Weg zum Wasser fort. Drei drehen um und laufen auf uns zu. Die Beschützerinnen rufen ihre Namen, kennen ihre traurigen Geschichten.
Da ist die weiße Stute mit dem Senkrücken, die jahrelang schwere Touristen schleppen musste, und heute unbeschwert durchs Leben trabt – genauso wie die braune, die man mit ihrem Fohlen fast verhungert in einem unbewohnten Haus zurückgelassen hatte. Und da ist der wunderschöne Hengst, den eine Reitschule versteckte und unter Schmerzen sterben lassen wollte, weil man ihn wegen eines „peinlichen“ Penis-Tumors nicht mehr zeigen wollte. Im letzten Moment wurde er entdeckt, gerettet, operiert und auskuriert. Jetzt im Reservat strotzt er vor Energie.
Inzwischen hat sich wohl herumgesprochen, dass es Snacks und Streicheleinheiten gibt. In allen Himmelsrichtungen tauchen unterschiedlich einfarbige Pferde sowie – bis auf einen grauen – durchweg schwarze oder dunkelbraune Esel auf. Manche schauen nur und laufen weiter. Misstrauisch betrachten sie uns Fremde. Die meisten wollen es genauer wissen. Doch sie ziehen weiter, als sie wissen, dass es nichts zu holen gibt. Denn wegen möglichen Gerangels haben Leonor und Mamen den Rest des mitgebrachten Futters erst einmal verschwinden lassen.
Gesundheitlich gehe es allen gut soweit, sagt Mamen. Dank der häufigen Bergauf-Bergab-Bewegungen verbesserten sich Kondition und Beinmuskulatur sehr deutlich. Dennoch sehen einige der Pferde mager aus. Die Ursache sind Parasiten. „Ein Nachteil, den das Leben in der Wildnis leider mit sich bringt. Gelegentlich wenden wir Medikamente an, doch nicht zu oft, um Resistenzen zu vermeiden“, so die Medizinerin.
Prinzipiell einfacher hätten es die Esel: „Sie passen sich aufgrund ihrer geringeren Spezialisierung deutlich besser an. In freier Wildbahn sind sie die Stärkeren.“ Generell seien aber alle Tiere kräftiger, mutiger und selbstbewusster geworden. „Ich glaube, dass es richtig war, die Tiere der Natur anzuvertrauen“, meint Leo. „Dennoch habe ich mitunter Zweifel, ob sie nicht lieber jeden Tag umsorgt, gefüttert und gepflegt sein wollen.“
Das größte Problem sind die Jäger
Hoch in den Himmel, wo die Bären-, Bart- und Gänsegeier kreisen, ragen aus der grünen Hügellandschaft steile Felsbänder aus strahlend weißem Kalkstein – einige wie Festungsmauern, andere wie Rückenflossen oder Knochenplatten urzeitlicher Kreaturen. Auf den Wiesen blüht der Safran, funkeln rot die Punkte der Apollofalter. Wenn Pferde Sinn für Schönheit haben, sollte ihnen diese Szenerie ein Segen sein. Ein echtes Paradies ist dieses so idyllisch wirkende Gebiet aber noch nicht.
Am Ein- und Ausgang wird das Schutzgebiet, das überwiegend Felswände begrenzen, durch Elektrodrähte eingezäunt – leider auch durch pferdeunfreundliche Viehgitter. „Man will verhindern, dass die Tiere in das Dorf gelangen. Da es anfangs keinerlei Barrieren gab, suchten sie die Menschen, bedienten sich in Gärten, Grünanlagen und auf Feldern“, erklärt Mamen. Sie ist wütend auf die Ortsverwaltung: „Diese Stolperfalle sollte laut Pachtvertrag schon längst entfernt oder gesichert sein. Das Leben einer Stute hat sie bereits gekostet.“
Das größte Problem aber sind die Jäger. Denn wie in Deutschland und vielen anderen Ländern auch dürfen in Spanien Landschaftsschutzgebiete wie die Sierra de Santo Domingo zu Forstwirtschaft und Jagd genutzt werden. Die Vereinsmitglieder der ADE sind damit nicht einverstanden und versuchen, sowohl rechtlich als auch durch Appelle an Moral und Mitgefühl gegen das Schießen vorzugehen.
Zum Glück gab es noch keine Unfälle. Die Jäger wissen, dass sie ihre Waffen nicht gebrauchen dürfen, wenn Esel oder Pferde in der Nähe sind. Die Wildschweine und Hirsche wissen es inzwischen auch. Denn sobald die Jagd beginnt, suchen sie Zuflucht bei den Tierheimtieren und warten, bis die Ballerei vorbei ist.