Nach seinen „Sherlock Holmes“-Hits mit Robert Downey Jr. und Jude Law erzählt der britische Regisseur Guy Ritchie in „Young Sherlock“, wie alles anfing. 1870 wird der Oxford-Student Holmes in einen mysteriösen Mordfall verwickelt. Ihm zur Seite steht sein Freund Moriarty.
Der britische Romancier Sir Arthur Conan Doyle hat Ende des 19. Jahrhunderts mit Sherlock Holmes und seinem Adlatus Dr. Watson zwei Ikonen des Detektiv-Romans erschaffen. Die Abenteuer des brillanten Meisterdetektivs wurden schon oft verfilmt. Auch von Guy Ritchie, der mit seinen beiden Kinofilmen „Sherlock Holmes“ (2009) und „Sherlock Holmes: Spiel im Schatten“ (2011) dem Whodunit-Genre frischen Wind einhauchte.
In der achtteiligen Serie „Young Sherlock“, die man getrost als Prequel zu seinen „Holmes“-Movies ansehen kann, erzählt er uns jetzt, wie aus dem rebellischen 19-jährigen Sherlock (wunderbar frech-forsch: Hero Fiennes Tiffin) der geniale Detektiv wird. Nicht zuletzt mit der Hilfe von James Moriarty (Dónal Finn), der hier noch – und das ist die große Überraschung – der beste Freund von Sherlock ist. Kenner wissen natürlich, dass aus den beiden Genies im Laufe der Zeit erbitterte Erzfeinde werden. Die Serie ist frei nach einer Buchreihe von Andrew Lane über die Jugendzeit von Sherlock Holmes entstanden.
Nachdem Sherlock zunächst als Taschendieb kläglich gescheitert ist, holt ihn sein älterer Bruder Mycroft (Max Irons) – der im britischen Außenministerium arbeitet und deshalb ein paar Strippen ziehen kann – aus dem Gefängnis und besorgt ihm eine Stelle als Hausmeister an der Universität von Oxford. Dort freundet sich der nassforsche Sherlock schnell mit dem überspannten Studenten James Moriarty an. Die beiden fühlen sich an der Uni allen anderen überlegen und stellen das auch gerne zur Schau. Zwei Enfants terribles haben sich gefunden. Besonders dem blasierten Oxford-Rektor Sir Bucephalus (herrlich: Colin Firth) sind die beiden ein Dorn im Auge.
Doch auf dem Campus geschehen ein Diebstahl und ein mysteriöser Mord. Es dauert nicht lange, da wird Sherlock verdächtigt, etwas mit der Ermordung zu tun zu haben. Sherlock fürchtet, dass ihn die haltlosen Anschuldigungen wieder ins Gefängnis bringen könnten und entschließt sich zur Flucht. Das ist der Auftakt zu einem rasant erzählten und äußerst spannenden Mix aus Thriller, Abenteuer und Krimi-Comedy, frei schwebend zwischen Agatha Christie, Indiana Jones und Harry Potter. Mit pointierten Dialogen, wilden Verfolgungsjagden und brutalen Prügelszenen in Zeitlupe (à la Guy Ritchie) vor einer viktorianischen Kulisse und an historischen Schauplätzen in Oxford wie dem Magdalen College.
Eine erfrischend neue Interpretation
Sherlocks Holmes erster Fall ist eine äußerst verzwickte Angelegenheit, in der tödliche Waffen, ein geheimnisvolles Manuskript aus dem 5. Jahrhundert, Spione und Doppelagenten eine große Rolle spielen. Für zusätzliche Verwirrung sorgt auch noch der Besuch einer chinesischen Prinzessin (Zine Tseng) in Oxford.
Ein zentrales Thema von „Young Sherlock“ sind Rückblenden auf das gestörte Familien-Idyll der Familie Holmes. Es ist ein schöner Sommertag. An einem Fluss tollt ein kleines Mädchen ausgelassen im Kreise ihrer Familie am Ufer herum. Es ist Beatrice, die Schwester von Sherlock und Mycroft. Alles scheint so fröhlich und friedlich zu sein. Doch dann ist Beatrice – aus heiterem Himmel – nicht mehr da. Man macht sich natürlich sofort auf die Suche, aber vergeblich. Beatrice bleibt verschwunden.
Der tragische Verlust stürzt die Familie Holmes ins Unglück. Sherlock plagen Schuldgefühle, weil er für kurze Zeit nicht auf seine Schwester aufgepasst hat. Und Sherlocks Mutter (Natascha McElhone) nimmt sich den tragischen Vorfall so sehr zu Herzen, dass man sie ins Sanatorium einliefert. Dort verbringt sie einsam ihre Tage und hört hinter den Zimmerwänden seltsame Stimmen. Sherlocks zwielichtiger Vater (Joseph Fiennes) reist als Wissenschaftler durch die Welt. Hat er gar etwas mit dem Verschwinden von Beatrice zu tun? Und was versucht er so verzweifelt zu verbergen? Es wird immer komplizierter. Doch unser junger Sherlock entwirrt mit seinem genialen Kombinationsvermögen auch noch das vertrackteste Rätsel. Am Ende der ersten Staffel werden dann alle Handlungsstränge auf sehr originelle Art und Weise zusammengeführt. Die zweite Staffel ist übrigens schon in Arbeit.
„Young Sherlock“ ist eine erfrischende Neuinterpretation, die immer wieder für aberwitzige Überraschungen sorgt. Mit einem hochkarätigen Cast, aus dem das kongeniale Detektiv-Duo herausragt. Und man kann Holmes nur zustimmen, wenn er zu Moriarty sagt: „Du bist brillant, aber nicht so brillant wie Sherlock.“