Mit dem Kompakt-SUV „e Vitara“ bringt Suzuki sein erstes E-Auto auf den Markt. Das sieht gut aus, ist technisch aber auf dem Stand von vorgestern.
Sie halten sich hartnäckig, die Mythen der Elektromobilität: Alles kompliziert und unausgereift, heißt es häufig von Verbrenner-Fans. Ganz falsch sind diese Vorurteile nicht – nur stammen sie aus der Anfangszeit der Batterieautos. Heutige E-Fahrzeuge kommen mit einer Akkuladung mehrere Hundert Kilometer weit. Sie planen ihre Ladestopps selbstständig, tanken ihre Akkus in 20 bis 30 Minuten wieder auf und lassen sich oft sogar als Stromquelle für externe Geräte nutzen.
Suzukis erstes Elektroauto, der e Vitara, kann all das – nicht. Der Kompakt-SUV sieht stämmig aus, was zu seiner Bauweise passt. Geht es nach dem Hersteller, kann man den robusten Kasten nicht nur in der großstädtischen Garage parken, sondern tatsächlich ins Gelände entführen. Er kommt mit einem speziellen Unterbodenschutz daher, enthält eine serienmäßige Wärmepumpe und wird auf Wunsch mit Allradantrieb ausgeliefert. Das ist lobenswert, kann aber die größte Schwäche des Autos nicht ausgleichen: In puncto Elektromobilität verharrt der e Vitara auf dem Stand der frühen 2020er-Jahre.
Das zeigt sich am deutlichsten an der Ladestation. An zwei verschiedenen Standorten bricht der Ladevorgang ab, nachdem der Stecker in die Ladebuchse eingestöpselt wurde. Erst nachdem man ihn für ein paar Sekunden „angedrückt“ hat, funktioniert es. Über eine solche Macke konnte man vor zehn Jahren vielleicht noch hinwegsehen – heute ist sie peinlich. Wenn der Strom erst einmal fließt, ist Geduld am Schnelllader gefragt. „Schnell“ ist beim e Vitara nämlich weder die Höchstgeschwindigkeit (150 km/h) noch der Ladevorgang. Es dauert sage und schreibe 45 Minuten, die Lithium-Eisenphosphat-Batterie von zehn auf 80 Prozent aufzuladen. Beim zweiten Stopp, als der Akku schon warm ist, geht es etwas schneller: 42 Minuten von sieben auf 80 Prozent. Konkurrenten wie der Kia EV2 schaffen es in einer halben Stunde.
Ein Blick ins Infotainment-System vertreibt normalerweise die Ladeweile. Doch auch hier: eine Zeitreise in die Elektro-Steinzeit, alles recht verschachtelt und umständlich. So lässt sich etwa die Rekuperation (Energierückgewinnung beim Bremsen) nur dann einstellen, wenn das Auto steht. Während andere Hersteller für diesen Zweck Schaltwippen oder Knöpfe installieren, muss man beim e Vitara tatsächlich anhalten. Warum das so ist, lässt sich nur erahnen. Der Sicherheit kann es nur vordergründig dienen. Immerhin lassen sich andere Einstellungen sehr wohl während der Fahrt vornehmen.
Als wäre das nicht schlimm genug, präsentiert sich der Bordcomputer langsam und begriffsstutzig. Gleich mehrfach versteht das Navi eine Adresse nicht, von einer automatischen Ladeplanung kann man nur träumen. Da hilft es auch nicht, dass das Navi keinen Aufpreis kostet – für die Anforderungen eines modernen Elektroautos leistet es schlicht zu wenig. Immerhin: Das Smartphone lässt sich kabellos mit dem Fahrzeug verbinden, was während des zweiwöchigen Tests immer reibungslos funktioniert. Navigiert werden kann also mit Google Maps & Co.
Die Reichweite? Gerade noch akzeptabel. Je nach Antriebsart und Akkugröße kommt der e Vitara zwischen 345 und 426 Kilometer weit, zumindest auf dem Papier. Im Test schafft der größere der beiden Akkus (61 kWh) bei Autobahn-Richtgeschwindigkeit rund 320 Kilometer. Natürlich bricht der kompakte Stromer damit keine Rekorde. Die serienmäßige Wärmepumpe dürfte jedoch dafür sorgen, dass dieser Wert auch im Winter einigermaßen stabil bleibt. Bei anderen Herstellern kostet dieses Zubehör oft extra.
Der Innenraum ruft überwiegend positive Gefühle hervor. Am Lenkrad und unter dem Touchscreen befinden sich echte Knöpfe, die den Zugriff auf die wichtigsten Funktionen (Lautstärke, Sprachbefehle, Klima) ermöglichen. Anders als bei manchem Wettbewerber muss man keine Touchscreen-Menüs durchsuchen, um die Spiegel einzustellen oder das Handschuhfach zu öffnen. Der Knopf für die Warnblinkanlage sticht gut sichtbar in der Mitte des Cockpits hervor. Alles wirkt durchdacht und auf Anhieb verständlich. An dieser Stelle zeigt sie sich also doch, die jahrzehntelange Erfahrung des japanischen Autoherstellers.
ADAC bescheinigt einen viel zu langen Bremsweg
Doch schon beim Ausparken folgt der nächste Dämpfer: Der e Vitara will partout nicht losfahren. Hat er doch nicht geladen? Oder streikt der Startknopf? Zum Glück nicht, wie ein Blick auf den Tacho verrät. „Fahrer-Sicherheitsgurt nicht angelegt“, ist dort zu lesen. Was wohl heißen soll: „Ich fahre erst los, wenn du dich anschnallst.“ Besser ist das, denn die Rückfahrkamera liefert ein dermaßen unscharfes Bild, dass man um die schönen Felgen bangen muss. Die Bremse? Reagiert gefühlt erst dann, wenn man das Bodenblech durchdrückt. Wobei es sich nicht um ein bloßes Gefühl handelt: Der ADAC hat in einem Test einen unterdurchschnittlichen Bremsweg festgestellt.
Es gibt auch Dinge, die der e Vitara richtig gut macht. Da wäre etwa die verschiebbare Rückbank. Wenn hinten niemand sitzt – oder nur kleine Personen –, lässt sich der Kofferraum vergrößern. Sowohl die Rundumsicht als auch das Fahrgefühl überzeugen. Der e Vitara ist eben nicht nur ein SUV, der sich hübsch in der Vorstadt macht, sondern bei Bedarf die Straße tatsächlich verlassen kann. Dafür sorgt nicht nur der optionale Allradantrieb, sondern auch ein spezieller Schneemodus, der sich auf Knopfdruck zuschalten lässt. Die Tatsache, dass der e Vitara einen Anhänger ziehen kann, erweitert die Nutzungsmöglichkeiten nochmals.
Sicherheitsausstattung üppig
Obendrein wird er mit einer üppigen Sicherheitsausstattung ausgeliefert, zum Beispiel mit einem serienmäßigen Totwinkel-Warner im Seitenspiegel, einer Verkehrszeichen-Erkennung und einem Querverkehrswarner. Die Assistenzsysteme arbeiten zuverlässig und piepsen nur dezent, wenn man beispielsweise eine Fahrbahnmarkierung versehentlich überfährt. Im Vergleich zu manch anderem asiatischen Wettbewerber tut diese Unaufgeregtheit sichtlich gut. Außerdem bietet er ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Die Variante mit kleiner Batterie (49 kWh) startet bei 29.990 Euro, die größere bei 36.490 Euro, zumal Navi und Wärmepumpe inklusive sind. Viele Wettbewerber liegen darüber, sieht man von chinesischen Kampfpreisen wie beim BYD Atto 2 einmal ab. Suzuki-Bestandskunden, die einen Abstecher in die Elektromobilität wagen wollen, werden also weder beim Preis noch bei der Technik einen Schock erleben: Alles wirkt vertraut und gemäßigt.
Mit gutem Willen kann man den kleinen SUV daher als ideales Umsteiger-Auto bezeichnen: Wer vom Verbrenner zum Stromer wechselt, wird sich schnell zurechtfinden. Die Gefahr, auf neumodischen Firlefanz zu stoßen, geht beim e Vitara jedenfalls gegen Null. Verrückte LED-Animationen, akustische Begrüßungen oder Karaoke-Funktionen? Nicht bei Suzuki! Selbst eine elektrische Kofferraumklappe fehlt. Ob das Retro-Image allerdings allein als Verkaufsargument zieht, darf trotzdem bezweifelt werden. Selbst diejenigen, die ihr E-Auto jeden Tag an der heimischen Wallbox laden, möchten schließlich irgendwann einmal die Enkel besuchen oder in den Urlaub fahren.
Bidirektionales Laden fehlt auch
Außerdem wissen es gerade „Garagen-Lader“ oft zu schätzen, wenn sie die Batterie ihres E-Autos als Speicher nutzen können. Dann kann man den Strom tagsüber über eigene Solarmodule „tanken“ und nachts über das eigene E-Auto beziehen – jedenfalls bei Fahrzeugen, die das sogenannte bidirektionale Laden ermöglichen. Der innovationsscheue e Vitara ist nicht darunter. Wer dann bei jeder Ladepause auch noch eine Dreiviertelstunde warten und das Ladekabel andrücken muss, wird vermutlich schnell die Lust auf die Elektromobilität verlieren. Oder gleich zu einem anderen Stromer wechseln.