Der Verleger und Literaturagent Günter Berg kannte den Schriftsteller Siegfried Lenz persönlich. Zu dessen 100. Geburtstag berichtet er bei der HomBuch über dessen Werk. Die Veranstaltung ist ausverkauft. Im Interview eröffnet Berg den Zugang zu den Texten – und lädt dazu ein, sie wiederzuentdecken.
Herr Berg, Sie sind der Herausgeber der 27 Bände umfassenden „Hamburger Ausgabe“ der Werke von Siegfried Lenz. 14 Romane, 120 Erzählungen, Novellen, Hörspiele und Theaterstücke umfasst das Gesamtwerk – dennoch werden, wenn sein Name fällt, ausschließlich „Deutschstunde“ und der Novellenband „So zärtlich war Suleyken“ genannt und sind bekannt. Was beobachten Sie?
Diese kommentierte Werkausgabe ist noch nicht ganz fertig. Insbesondere die – am Ende wohl – über 150 Erzählungen erfordern von den Herausgebern für die Kommentierung eine Menge Recherche. Ich bin nicht ganz Ihrer Meinung, dass sich der Fokus auf die beiden genannten Werke „Suleyken“ oder „Deutschstunde“ reduziert: „Schweigeminute“ ist ein sehr populäres Buch auch bei jüngeren Leserinnen und Lesern, und „Der Überläufer“ war ungeheuer erfolgreich als Buch, wurde als vierteilige Serie für die ARD verfilmt und wird oft wiederholt. Und dass einige seiner frühen Erzählungen wie „Die Nacht im Hotel“ in japanischen oder brasilianischen Schulbüchern gedruckt werden oder Stücke von ihm auf den Theatern immer noch gezeigt werden, scheint mir zumindest ein Indiz zu sein für die Überlebensfähigkeit dieses großen Schriftstellers und die Notwendigkeit, sich mit seinen Texten auseinanderzusetzen.
Der Roman „Deutschstunde“ erschien 1968, als eine junge Generation gegen die Kriegsgeneration rebellierte und mit deren Verdrängen, Vertuschen und Verschweigen von Schuld abrechnen wollte. Der Roman zählt zum Kanon der Schullektüre. Ist der Roman alltagsorientiert oder weist er Alltagsbezug auf, wie das für schulischen Lesestoff sinnvoll ist?
Als der Roman erschien, konnte er als wuchtiger literarischer Reflex einer ganzen Generation junger Menschen, der sogenannten 68er, gewertet werden: Ein bereits bekannter Autor, selbst Kriegsteilnehmer, gerade mal 42 Jahre alt, bricht das Schweigen über die eigene, über die „Vätergeneration“ und erzählt von den Verstrickungen eines kleinen Ortes in die Machenschaften der Nazis. „Deutschstunde“ ist keine Kriegsgeschichte, Lenz verzichtet auf die Beschreibung der Gräuel des Naziregimes zugunsten einer Perspektive, die die Zeugen und Mitläufer einer mörderischen Ideologie ins Zentrum rückt. Die Menschen also, deren Kinder in den 60er-Jahren erst erfuhren, was passiert war, und sich selbst – mehr noch als die Eltern – fragten, wie das alles geschehen konnte. „Deutschstunde“ ist ein Roman über Anpassung und Wegschauen, über Schuld und Starrsinn, über Täter und Opfer. Das Buch ist auch deshalb so „aktuell“ und gewiss geeignet, jungen Leserinnen und Lesern auch heute noch spürbar zu machen, warum Ideologien einen so gefährlichen Reiz haben können.
Die Graphic-Novel-Anthologie „Siehst du es?“ entstand in Zusammenarbeit mit der Siegfried Lenz Stiftung, deren Vorsitzender Sie sind. Wie kam es dazu?
Wir haben 2026, also das Jahr des 100. Geburtstages von Lenz, lange vorbereitet. Die Hochschule für angewandte Wissenschaften in Hamburg (HAW) hat, das ist einzigartig, einen Master-Studiengang „Graphic Novel“, früher hätte man vielleicht „Comic“ gesagt. Und weil wir in Hamburg, aber auch im Rest des Landes viel geworben haben um eine aktuelle um eine zeitgenössische Wahrnehmung des Lebens und des Werks von Lenz, haben wir das Interesse, das von der Hochschule kam, ganz besonders gewürdigt. Wir haben sehr viele Gespräche geführt mit den Studentinnen und Studenten. So haben sich die Themen der einzelnen „Strecken“ des späteren Buchs herauskristallisiert und so kam es dann, dass sich Masterstudenten und Masterstudentinnen der HAW über ein Jahr mit den Lebensstationen von Lenz beschäftigt haben, um sie dann mit einer je eigenen Bildsprache umzusetzen. Das ist gewiss einer der ganz besonderen Beiträge zum Lenz-Jubiläum in diesem Jahr.
Welches Werk würden Sie dem Lenz-Einsteiger empfehlen?
Das kommt drauf an! Die Erzählungen sind in vielen kleineren Sammlungen, zum Beispiel „Die Flut ist pünktlich“ oder „Das Feuerschiff“, lieferbar. Diese kürzeren Texte bilden keine so große Hürde für etwas ungeübte, ungeduldige Leserinnen und Leser, die Siegfried Lenz kennenlernen wollen. „Deutschstunde“ lohnt sich zweifellos immer: ein großartiger Roman, genau wie die etwas schmalere „Schweigeminute“ oder „Der Überläufer“, ein Kriegsroman, den Lenz mit 26 geschrieben hatte und der erst nach seinem Tod veröffentlicht werden konnte. Ich denke, dass es nicht so schwer ist, sich diesem Autor zu nähern. Und es stehen vermutlich in jedem Haushalt, also in jedem Haushalt, in dem es überhaupt noch Bücher gibt, ein paar auch von Siegfried Lenz.
Lesen Sie ein Werk immer wieder gerne oder haben Sie einen Text als Lebensbegleiter erwählt?
Es sind die Erzählungen, die kürzeren Texte mit ihren zutiefst menschlichen Botschaften, die ich immer wieder gerne lese, darin bei jedem Wiederlesen etwas Neues entdecke. Diese großartigen Miniaturen haben manchmal nur vier oder fünf Seiten. Das Noch-einmal-Lesen ist also nicht schwierig. Ich kann diese großartigen Texte wirklich nur empfehlen. Und es gibt einen Band mit allen Erzählungen für sehr wenig Geld.
Sie haben Siegfried Lenz gekannt. Was schätzten Sie an ihm besonders?
Ich habe ihn ziemlich gut gekannt am Ende seines Lebens. Seine Freundlichkeit, sein Fleiß als Autor, seine Beharrlichkeit haben mich sehr beeindruckt.
Sie gestalten eine Veranstaltung zu Leben, Werk und Wirkung des Schriftstellers und verwenden als titelgebend das Lenz-Zitat vom „Pakt mit dem Leser“. Was ist damit gemeint?
Es gibt über das Werk von Lenz verhältnismäßig wenige akademische Arbeiten. Seine Texte – bewusst oder unbewusst – zu „verrätseln“ war seine Sache nicht. Für ihn war es wichtig, um nicht zu sagen, essenziell, dass seine Leserinnen und Leser „sehen“, erkennen können, was er ihnen als Autor zeigen möchte. Sie waren ihm ungemein wichtig. Das klingt banal. Ist es aber nicht. Denn es zeigt den Autor als Komplizen seiner Leserinnen und Leser.