Der Homo sapiens war vor 300.000 Jahren aus zwei bislang unbekannten Vorgänger-Populationen hervorgegangen. Und vor 1,4 Millionen Jahren lebten in Europa schon mindestens zwei Hominini-Arten – was aus einem sensationellen Fossil-Fund mit dem ältesten Gesichtsfragment des Kontinents abgeleitet werden konnte.
Die Stammesgeschichte des modernen Menschen – des Homo sapiens – ist in vielen Teilen noch immer rätselhaft. „In der Evolutionslinie des modernen Menschen klaffen kolossale Lücken. Und weder der zeitliche Beginn ist gewiss, noch die Herkunftsregion“, so das Magazin „Bild der Wissenschaft“. Die Frage, woher wir kommen und welche Vorfahren wir haben, übt seit Jahrhunderten eine große Faszination aus. Lange Zeit herrschte die Meinung vor, dass sich der Homo sapiens aus einer einzigen, durchgehenden Ahnenlinie entwickelt habe. In einem Resümee eines Beitrags in der ARD-Mediathek hieß es, man habe sich den Stammbaum des Menschen lange als eine geradlinige Entwicklung vom Australopithecus über den Homo erectus zum Neandertaler und schließlich zum modernen Menschen vorgestellt. In den letzten Jahren habe die Evolutionsforschung jedoch enorme Fortschritte gemacht. Diese zeigten, dass die Entwicklung der menschlichen Spezies noch komplexer sei als bisher angenommen. Verschiedene Arten von Frühmenschen hätten sich demnach auf die außergewöhnliche Reise begeben, den Planeten zu besiedeln. Einige von ihnen hätten sogar zeitgleich existiert.
Verschiedene Arten von Frühmenschen
In diesem Zusammenhang wird häufig ein Statement des französischen Forschers Prof. Jean-Jacques Hublin zitiert. Er war langjähriger Direktor des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. „Die Evolution des Menschen war kein linearer Prozess, bei dem sich aus einer Art die nächste entwickelt hat. Das ist eher ein komplexer Stammbusch, in dem sich Arten zeitlich und räumlich überlappen.“ Dieser Prozess sei zudem keine schnelle, plötzliche Entwicklung gewesen. Vielmehr verlief er langsam und graduell. „Vor allem der Hirnbereich hat sich erst in den vergangenen 300.000 Jahren stark gewandelt“, so Prof. Hublin.
Der Startschuss zur Menschwerdung fiel vor fünf bis sieben Millionen Jahren. Damals trennten sich die Stammbäume von heutigen Schimpansen und Menschen. Diejenige der beiden Populationen, aus der später die Menschen hervorgingen, wird in der Paläontologie als Hominini bezeichnet. Sie bildet innerhalb der Familie der Menschenaffen (Hominidae) eine eigene Gattungsgruppe.
Als früheste gesicherte Hominini gelten die Australopithecinen. Sie können noch nicht als Urmenschen angesehen werden. Sie entwickelten vor etwa 3,5 bis 1,8 Millionen Jahren die Fähigkeit zum aufrechten Gang. Ihre prominenteste Vertreterin ist weltweit unter dem Namen „Lucy“ bekannt.
Der Ursprung der menschlichen Stammesgeschichte liegt in Afrika. Deshalb stammen sämtliche Hominini-Funde, die älter als zwei Millionen Jahre sind, von diesem Kontinent. Afrika war damals noch größtenteils von tropischem Regenwald bedeckt. Die Wiege der Menschheit stand daher nicht in der Savanne, sondern wahrscheinlich am Rand des Dschungels.
Homo sapiens verdrängte andere Arten
Aus einer Art der Gattung Australopithecus entwickelten sich vor etwa zwei bis drei Millionen Jahren die ersten Vertreter der Gattung Homo. Homo rudolfensis und Homo habilis tauchten zuerst auf. Danach folgte unter anderem Homo erectus, mit dem erstmals ein Aufbruch nach Asien und Europa verbunden war.
In Europa wandelte sich Homo erectus wohl über den Homo heidelbergensis zum Neandertaler. In Asien entstand daraus der mit dem Neandertaler verwandte Denisova-Mensch. In Afrika entwickelte sich aus Homo erectus nach allgemeiner Ansicht vor etwa 300.000 Jahren der Homo sapiens.
Laut der in der Paläoanthropologie inzwischen anerkannten „Out of Africa“-Theorie breitete sich Homo sapiens danach in mehreren Wellen über die ganze Welt aus. Dabei verdrängte er nach und nach andere bereits ansässige Homo-Arten.
Vor rund 50.000 Jahren kam es jedoch auch zu Vermischungen mit Neandertalern oder Denisova-Menschen. Historisch gesichert ist, dass die Neandertaler vor 30.000 bis 40.000 Jahren ausstarben.
Jüngst konnten Forscher der University of Cambridge unter Leitung von Dr. Trevor Cousins und Dr. Aylwynn Scally mit einer Studie im Fachjournal „Nature Genetics“ zeigen, dass Homo sapiens aus mindestens zwei verschiedenen Vorgängerpopulationen hervorgegangen war. Dieses bedeutsame Artenvermischungs-Ereignis hinterließ keine physischen Spuren. Es wurde erst durch moderne genetische Methoden und DNA-Analysen sichtbar.
Die beiden Gründerpopulationen trennten sich vor etwa 1,5 Millionen Jahren. Etwa vor 300.000 Jahren fanden sie wieder zueinander. Damit wurde die lange vertretene Hypothese widerlegt, dass der moderne Mensch nur von einer einzigen afrikanischen Population abstammt.
Für ihre Untersuchung nutzten die Forscher DNA-Daten des „1000-Genome-Projekts“. Dieses wurde 2008 gestartet und erfasst menschliche genetische Variationen weltweit. Mithilfe eines speziellen Algorithmus suchte das Team nach Hinweisen auf frühe Engpässe, Vermischungen oder Abspaltungen.
Sie stellten fest, dass sich unsere Stammeslinie vor rund 1,5 Millionen Jahren in zwei Stränge aufspaltete. Die Forscher nannten sie A und B. Diese beiden Vorläuferpopulationen existierten etwa eine Million Jahre lang unabhängig voneinander. Vor rund 300.000 Jahren vereinigten sie sich wieder – zu jener Zeit, aus der auch die ältesten bekannten Fossilien von Homo sapiens stammen.
Erst durch diese Wiedervereinigung konnte sich unsere heutige Art entwickeln. „Das Verständnis der Geschichte von Vermischungsereignissen und Veränderungen der Populationsgröße ist zentral für die Evolutionsgenetik des Menschen“, so das britische Team.
In der Hauptpopulation A kam es nach der Trennung zu einem drastischen Rückgang der Mitgliederzahl. Die Ursache ist unklar, könnte aber mit Migration und physischer Trennung zusammenhängen. Die Population schrumpfte stark und erholte sich erst über eine Million Jahre hinweg. Sie lieferte später rund 80 Prozent des genetischen Materials moderner Menschen. Aus ihr gingen vermutlich auch Neandertaler und Denisovaner hervor. Diese Abzweigung datierten die Forscher auf etwa 700.000 Jahre zurück.
Die zweite Vorläuferlinie B trug nach der Wiedervereinigung nur etwa 20 Prozent zum Erbgut des modernen Menschen bei. Darunter befanden sich jedoch einige entscheidende Gene. Besonders Gene, die mit Gehirnfunktionen und neuronaler Verarbeitung zusammenhängen, könnten eine wichtige Rolle gespielt haben. Welche Frühmenschenarten genau hinter den beiden Linien standen, bleibt unklar. Mögliche Kandidaten sind Homo erectus oder Homo heidelbergensis, die in der relevanten Zeitperiode in Afrika und anderswo existierten.
Als nächsten Schritt wollen die Forscher ihr Modell weiter verfeinern, um die genetische Durchmischung noch genauer zu untersuchen. „Dass wir allein durch heutige DNA-Analysen so weit in die Vergangenheit blicken können, ist erstaunlich. Es zeigt, wie komplex unsere Geschichte wirklich ist. Die Vorstellung einer linearen Entwicklung ist zu einfach. Vielmehr spielten Kreuzungen und genetischer Austausch eine entscheidende Rolle“, so das Fazit der Forscher.
Fast zeitgleich erschien eine weitere Studie im Fachmagazin „Nature“. Ein internationales Forscherteam unter Leitung von Dr. Rosa Huguet und Dr. Xosé Pedro Rodriguez-Alvarez sowie Dr. Julia Galán García konnte zeigen, dass schon vor rund 1,4 Millionen Jahren mindestens zwei verschiedene Hominini-Arten in Westeuropa lebten.
Fragment einer linken Gesichtshälfte
Am spektakulärsten war die Auswertung eines Fossilfunds aus dem Jahr 2022. Er wurde in der Sima del Elefante gemacht, einem Gebirgszug in der Provinz Burgos in Spanien. Diese Fundstätte zählt zu den bedeutendsten archäologischen Orten Europas. Schon 2007 war dort ein 1,2 Millionen Jahre alter Unterkiefer entdeckt worden – damals der älteste Beleg für menschliche Präsenz in Europa. Doch der Fund von 2022 war noch älter: Er wurde auf ein Alter von 1,1 bis 1,4 Millionen Jahren bestimmt. Es handelt sich um ein Fragment einer linken Gesichtshälfte eines erwachsenen Individuums. Mithilfe moderner Bildgebungsverfahren konnte das gesamte Gesicht rekonstruiert werden – das bislang älteste Gesicht Europas. Das Fossil erhielt den Spitznamen „Pink“. Es gehört nicht zur Art Homo antecessor, sondern zu einem primitiveren Homininen. Homo antecessor weist bereits Merkmale eines moderneren Gesichts auf. „Pink“ dagegen zeigt deutlich primitivere Züge, etwa eine flache, wenig entwickelte Nasenstruktur, ähnlich wie Homo erectus.
Da die Beweislage noch nicht ausreicht, stuften die Forscher das Fossil vorläufig als „Homo affinis erectus“ ein. Die Bezeichnung lässt offen, ob es sich um eine eigene Art handelt. Mit einem Alter von bis zu 1,4 Millionen Jahren ist „Pink“ deutlich älter als die Funde von Homo antecessor, die auf etwa 860.000 Jahre datiert wurden. Das deutet darauf hin, dass dieser Hominin zu einer Population gehörte, die Europa bereits während einer frühen Migrationswelle erreichte – lange vor Homo antecessor. Ob Homo antecessor lediglich eine spanische Variante von Homo erectus oder eine eigene Art war, ist umstritten.
„Die neuen Erkenntnisse aus Atapuerca belegen nicht nur, dass Europa bereits vor 1,4 Millionen Jahren besiedelt war. Sie zeigen auch, dass verschiedene Frühmenschenarten parallel existierten. Das Fossil ‚Pink‘ erweitert unser Wissen über unsere frühesten Vorfahren in Europa und wirft neue Fragen zur Herkunft und Vielfalt der dort lebenden Homininen auf“, so das Fazit des Forschungsteams.