Die SV Elversberg liefert beim 3:3 im Topspiel beim SV Darmstadt 98 einen wilden, phasenweise beeindruckenden Auftritt – und steht am Ende dennoch mit einem Ergebnis da, das sich eher wie ein Verlust anfühlt.
Es ist ein Abend, der alles bereithielt, was die 2. Bundesliga auszeichnet – Tempo, Wendungen, Emotionen. „Fußballherz was möchtest du mehr!“, sagte SVE-Trainer Vincent Wagner später. Und tatsächlich: Was sich am Böllenfalltor in Darmstadt vor 17.816 Zuschauern abspielte, war ein Spiel der Extreme. Für Elversberg jedoch blieb vor allem die Erkenntnis, eine große Chance liegen gelassen zu haben.
Kapitaler Fehler von Zimmerschied
Dabei begann die Partie aus Sicht der Gäste durchaus kontrolliert. Die ersten Minuten gehörten der SVE, Lukas Petkov und Lasse Günther sorgten früh für erste Annäherungen. Doch dann kippte die Partie innerhalb weniger Sekunden. Nach einer abgewehrten Ecke traf Patric Pfeiffer per Hacke zum 1:0 (14.), nur Augenblicke später nutzte Fraser Hornby einen Fehlpass im Aufbau zum 2:0 (15.). Ein Doppelschlag, der das Spiel eigentlich in eine klare Richtung hätte lenken sollen.
Doch Elversberg reagierte bemerkenswert. Statt auseinanderzufallen, sammelte sich die Mannschaft auf dem Platz, suchte Ruhe und Struktur. „Wir starten eigentlich gut ins Spiel, auf einmal steht’s 0:2, dann kommen wir sehr stark zurück, da bin ich sehr stolz auf meine Mannschaft“, sagte Wagner. Die SVE übernahm zunehmend die Kontrolle, erspielte sich klare Chancen – und belohnte sich.
Tom Zimmerschied war es, der nach einem Durcheinander im Strafraum aus elf Metern zum 1:2 traf (26.) und damit auch seinen vorherigen Fehlpass korrigierte. Elversberg blieb dran, spielte mutig nach vorne – und wurde weiter belohnt. Maximilian Rohr fasste sich ein Herz und traf aus der Distanz zum 2:2 (34.), ein wuchtiger Abschluss, der das Spiel endgültig wieder öffnete.
Die Partie war nun vollständig gekippt – und hielt kurz vor der Pause den nächsten Wendepunkt bereit. Nach einem schnellen Umschaltmoment lief David Mokwa alleine auf das Tor zu, wurde gefoult, Schiedsrichter Richard Hempel entschied auf Notbremse und zeigte die Rote Karte gegen Darmstadt. Den anschließenden Freistoß verwandelte Petkov – wenn auch abgefälscht – zur 3:2-Führung (45.+4).
Eine Halbzeit, die aus Elversberger Sicht kaum besser hätte laufen können: Rückstand gedreht, Überzahl, Momentum. „Man sollte nicht zu kritisch sein, die Jungs haben es geschafft hier von 0:2 auf 3:2 zu drehen“, sagte Wagner später. Und doch lag genau in dieser Konstellation die Krux des Abends.
Denn nach der Pause veränderte sich das Spiel grundlegend. Darmstadt, nun in Unterzahl, kam mit neuer Energie aus der Kabine. „Wir haben uns aber gesammelt und spielen, wie ich finde, eine extrem gute zweite Halbzeit“, sagte SVD-Trainer Florian Kohfeldt. Seine Mannschaft lief an, verteidigte leidenschaftlich – und nutzte die Passivität der Gäste.
Bereits in der 51. Minute fiel der Ausgleich. Nach einem langen Ball setzte sich Isac Lidberg durch und legte quer auf Hornby, der zum 3:3 einschob. Eine Szene, die sinnbildlich für die zweite Hälfte stand: Elversberg wirkte unsortiert, verlor an Zugriff, ließ dem Gegner Räume. „In der Phase war nicht zu merken, dass wir einer mehr waren“, räumte Wagner ein.
Was folgte, war ein Bruch im Elversberger Spiel. Die klare Struktur aus der ersten Hälfte ging verloren, Ballbesitz wurde nicht mehr in Durchschlagskraft umgewandelt. Stattdessen häuften sich Fehlpässe, die Offensivaktionen wurden seltener. Darmstadt hingegen blieb gefährlich, auch wenn die Kräfte schwanden. „Wir sind über uns physisch hinausgewachsen, wir sind gelaufen und sind immer füreinander da gewesen“, beschrieb Kohfeldt den Auftritt seiner Mannschaft.
Tatsächlich hatte das Spiel in der Schlussphase eher die Gastgeber auf seiner Seite. In der 86. Minute lief Lidberg erneut alleine auf das Tor zu, wurde von Lukas Pinckert gestoppt – eine Szene, die durchaus auch härter hätte bewertet werden können. Wenig später klärte SVE-Keeper Nicolas Kristof in höchster Not, während auf der Gegenseite auch Elversberg noch einmal für Gefahr sorgte, ohne jedoch den entscheidenden Treffer zu erzielen.
So blieb es beim 3:3 – einem Ergebnis, das beide Mannschaften im Aufstiegsrennen kaum weiterbringt. Für Elversberg wiegt der Punktverlust dabei besonders schwer. Nach der Führung zur Pause und der Überzahl wirkt das Remis wie eine verpasste Gelegenheit. „Nach 20 Minuten hätte ich mich über ein 3:3 sicherlich gefreut, am Ende nach einer Halbzeit in Überzahl natürlich nicht“, ordnete Wagner ein.
„Wir müssen ruhiger spielen“
Auch auf Darmstädter Seite waren die Gefühle gemischt. Torhüter Marcel Schuhen sprach von einem „völlig wilden Spielverlauf“ und hob vor allem die Reaktion nach der Pause hervor: „Die Jungs haben in Unterzahl alles reingeworfen, das war schon gut.“ Gleichzeitig erkannte er die Qualität des Gegners an: „Elversberg ist eine spielstarke Mannschaft, das haben sie auch heute gezeigt.“
In der Tabelle bleibt die SVE damit in Schlagdistanz, verliert aber an Kontrolle im Rennen um die vorderen Plätze. Der Eindruck dieses Abends jedoch geht über die nackten Zahlen hinaus. Elversberg hat gezeigt, welche Qualität in dieser Mannschaft steckt – die Fähigkeit, ein Spiel innerhalb weniger Minuten komplett zu drehen. Gleichzeitig offenbarte die zweite Halbzeit, wie fragil diese Kontrolle sein kann, wenn Tempo, Präzision und Klarheit verloren gehen.
„Wir müssen ruhiger spielen“, sagte Wagner. Eine einfache Erkenntnis nach einem komplexen Spiel. Vielleicht ist sie genau der Schlüssel für die entscheidenden Wochen. Denn Spiele wie dieses lassen sich kaum planen – aber sie lassen sich einordnen. Für Elversberg bleibt die Herausforderung, aus einem wilden Abend die richtigen Lehren zu ziehen. Bereits im nächsten Spitzenspiel gegen Paderborn wird sich zeigen, wie viel Substanz in dieser Erkenntnis steckt.