Der erhobene Zeigefinger hat Konjunktur. So sehr, dass das ständige Moralisieren zunehmend nervt. Gleichzeitig macht sich das Gefühl breit, dass es mit der Moral bergab geht in einer Zeit, in der Orientierung gefragt ist.
Eigentlich sieht die Sache ganz einfach aus: Wir wissen im Grunde, was gut ist und was „man“ tun sollte. Und noch besser wissen wir in aller Regel, was „man“, womit zumeist andere gemeint sind, nicht tun sollte: Fleisch essen, mit dem Flieger in Urlaub düsen, Autofahren (zumindest keine Verbrenner), Gendern, und und und. Am Ende haben wir Mühe, herauszufinden, was dann noch bleibt, wenn wir alles das konsequent „richtig“ machen wollten, was uns moralisch abverlangt wird.
Angenommen, uns gelingt, diese moralisch erhobenen Ansprüche einigermaßen zu erfüllen, weil wir uns schließlich schon irgendwie moralisch richtig verhalten wollen– und es deshalb auch von anderen erwarten – dann wartet schon der nächste Vorwurf: Gutmenschentum, Überheblichkeit, Moralismus.
Das ständige Moralisieren nervt. Zuweilen so sehr, dass manche schon aus reinem Selbsterhaltungstrieb zu Gegenreaktionen neigen und am Ende schon rein aus Trotz das genaue Gegenteil von dem machen, was „man eigentlich nicht tun sollte“.
Die Moralismusfalle schnappt zu, und das gleich mehrfach, und alles wird – ganz sicher nicht besser.
In der digitalen Welt bringt der respektvolle, ruhige und sachliche Umgang miteinander herzlich wenig Klicks, dafür umso mehr, wenn wir an Empörungsspiralen mitdrehen. Je lauter, reißerischer und empörter wir uns gebärden, umso mehr können wir mit Aufmerksamkeit rechnen – oder zumindest mit Reaktionen.
Mit der Idee, dass man mit guten Gründen um (moralischen) Fortschritt ringt, hat das reichlich wenig zu tun.
Unerbittliche Empörungskaskaden
Kein Wunder, wenn sich so mancher fragt: Warum die Mühe, wenn außerdem noch gleichzeitig die Moral nicht nur im Netz, sondern von meinem Umfeld bis zur globalen Politik den Bach runtergeht?
Mühsam erkämpfte Regeln eines einigermaßen zivilisierten Umgangs miteinander scheinen sich aufzulösen, ebenso mühsame errungene Fortschritte im Handstreich zurückgedreht zu werden, wahlweise in die Zeit am Hof von Ludwigs dem XIV. (französischer König ab 1663, Vertreter des königlichen Absolutismus) oder in großimperiale Zaren-Zeiten (Peter der Große, russischer Zar ab 1682). Die „Aufklärung“, auf der unser Menschenbild samt Demokratie und Rechtsstaat beruhen, setzt erst ein Jahrhundert später (um 1780) ein.
Die Fortschritte sind unter großen Mühen und Kämpfen errungen worden, im Blick auf die Menschheitsgeschichte aber beachtlich: der Kampf gegen Sklaverei, für Gleichberechtigung aller Menschen und viele andere Grundrechte gipfelte in Formulierungen wie der UN-Menschenrechtscharta und Sätzen wie: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. (1949).
Das alles scheint gar nicht mehr so gewiss und selbstverständlich. Relativisten bezweifeln sogar die Gültigkeit solcher universeller Werte, in der knallharten (globalen) Machtpolitik wird schon mal an der Zerschlagung gearbeitet, soweit die Errungenschaften überhaupt je Einzug gehalten haben.
Und einiges davon spiegelt sich auch in unseren alltäglichen Debatten wider. Warum sollte ich mir beispielsweise Mühe geben, auf meinen ökologischen Fußabdruck zu achten, wenn Klimawandel wahlweise ein „Schwindel“ oder sogar eine „gute Sache“ (US-Präsident Trump) ist? Wenn ich aber nicht darauf achte, schwebt die Moralismuskeule derjenigen über mir, die mir einen radikalen Wandel meines Lebens abverlangen, um die Zukunft des Planeten und der Menschheit zu retten.
Dass beides nicht aufgeht, weder Klimawandel leugnen noch extreme Radikalrezepte, leuchtet vernünftigerweise ein. Ganz ähnlich sieht es auch bei andere viel diskutierten Reiz-Themen aus, die auf Social Media für „Empörungskaskaden“ sorgen. Der Soziologe Steffen Mau hat vier große Themenfelder ausgemacht, die dabei besonders „triggern“: Neben Klima sind das Gendern und Diversität, Migration sowie Armut und Reichtum. Alles Bereiche, die moralische Fragen, also Fragen danach, wie wir zusammen leben wollen, berühren, und schnell moralische Empörungen und Gegen-Empörungen auslösen, denen wir uns kaum entziehen können.
Für den Philosophen Christian Seidel, der eine „Kritik des Moralismus“ herausgegeben hat, ist die Entwicklung aber nicht hoffnungslos verfahren. Er rät zu einer „Haltung fortschrittsdienlicher moralischer Besonnenheit“. Was wohl nichts anderes heißt, als die notwendigen Diskussionen mit etwas mehr Ruhe anzugehen. Eine Idealvorstellung, wie er einräumt, „aber das heißt nicht, dass wir es nicht versuchen sollten“. Gelegentlich, so Seidel, könne auch „im Bereich der Moral weniger mehr sein“.
In einem anderen Feld stehen wir mit moralischen Fragen noch ziemlich am Anfang: KI. Mit der Entwicklung Künstlicher Intelligenz stellen sich noch ganz andere moralische Fragen als die in zwischenmenschlichen Beziehungen.
Moralische Besonnenheit
Welche Beziehung entwickeln wir zur KI? Eine „Gefährtenschaft“ wie etwa zu einem Haustier? Oder wie ist es, wenn KI ihre eigene Ethik entwickelt, fragt etwa die Science-Fiction-Autorin Aiki Mira. Oder wem gehört der Chip, der uns eingepflanzt wird, und mit dem wir in einer komplett vernetzten, smarten Stadt mit allem verbunden sind? Gar nicht so utopisch. Im letzten Jahr sorgte die Meldung für Aufmerksamkeit, wonach das Unternehmen Neuralink (von Elon Musk gegründet) schon daran arbeitet, via Chip im Gehirn Smartphones steuern zu können. Und dass wiederum die Daten unserer Smartphones abgegriffen werden, ist bekannt. Letztlich, sagt auch Aiki Mira, liegt es aber an uns, wie wir damit umgehen. Dass KI alleine quasi Privatbesitz von Milliardären ist, muss nicht so sein.
Derartige Fragen können einigermaßen komplex und etwas für Fachleute sein. Im alltäglichen Umgang miteinander mag uns vieles nicht immer bewusst sein, trotzdem haben wir, wie beschrieben, in aller Regel ein ziemlich gutes Gefühl, wir wie gut miteinander umgehen sollten und was moralisch geboten ist. Dass uns das nicht immer richtig gut gelingt, ändert nichts daran, dass wir es für erstrebenswert halten. Frei nach der universellen Goldenen Regel: „Behandle andere so, wie Du behandelt werden willst“.