Der Wechsel von Fabian Reese nach Wolfsburg spaltet das Lager bei Hertha BSC. Doch als wäre das nicht Grund zur Sorge genug, ist darüber hinaus allen bereits klar: Weitere Abgänge sind unvermeidlich.
Der Neuzugang sollte die erste Erfahrung mit den Unwägbarkeiten bei Hertha BSC bereits machen, bevor er auch nur einmal das blau-weiße Trikot übergezogen hatte. Im Januar 2023 hatte der damals für Holstein Kiel spielende Fabian Reese seine Unterschrift unter einen Vertrag gesetzt, der seinen ablösefreien Wechsel an die Spree zum Sommer fixierte und ihm nach lediglich 13 Einsätzen in fünf Jahren (drei Leihstationen in der 2. Liga eingeschlossen) für den Bundesligisten Schalke 04 einen zweiten Anlauf im Oberhaus bescheren sollte. Zwar lag die Alte Dame mit 14 Punkten und Rang 15 zum Zeitpunkt der Ligaunterbrechung wegen der Winter-WM in Katar nicht besonders gut im Rennen – nach einem verkorksten Saisonstart (ein Punkt aus den ersten vier Partien) hatte die Formkurve aber einen gewissen Aufwärtstrend gezeigt. Dann jedoch musste Reese aus der Ferne mit ansehen, wie Hertha BSC in den folgenden 18 Begegnungen nur noch 12 weitere Zähler holte und bereits vor dem letzten Spieltag als Absteiger feststand. Die im Winter zuvor als Mitbewerber um Reese aufgetretenen 1. FC Köln (11. Platz) und FC Augsburg (15.) hielten hingegen die Klasse – gar nicht erst zu sprechen vom VfL Wolfsburg, der auf Rang acht abschloss. Über die folgenden drei Saisons in der Hauptstadt blieb dem Stürmer trotz persönlicher Topwerte (91 Einsätze: 31 Tore, 35 Vorlagen) dann bekanntlich der Traum vom deutschen Fußball-Oberhaus verwehrt – mit unschöner Regelmäßigkeit gab es dabei jeweils nach einer schwachen Hinrunde Spekulationen über einen Wechsel Reeses in die Bundesliga. Diese wurden auch zum Teil von ihm selbst befeuert, doch immer wieder bekannte er sich letztlich zu Hertha BSC und seiner emotionalen Bindung zum Verein. Im Mai 2025 verlängerte er dann seinen Vertrag im Westend sogar gleich um fünf Jahre: um ein Zeichen zu setzen, dass er weiter an die gemeinsame Rückkehr mit den Blau-Weißen in die Bundesliga glaubt – aber auch, um dem notorisch klammen Verein für den Fall einen ablösefreien Wechsel zu ersparen.
Regelmäßig eine schwache Hinrunde
Nun also kam es zur Trennung beider Parteien – die aktuell eher schwächere sportliche Perspektive und Herthas finanzielle Auflagen wirkten dabei als Katalysator. So kam die Wolfsburger Offerte über acht Millionen Euro aus Sicht der Berliner weniger unmoralisch daher, sondern eher gerade zur rechten Zeit. Im Geschäft des Profifußballs lag der Transfer mehr als auf der Hand – unter den Fans jedoch löste er starke Emotionen aus. Enttäuschung und Wut sprachen aus vielen Einträgen in Kommentarspalten oder Internetforen: Der bekennende Herthaner Reese, so der Tenor dort, habe mit seinem Wechsel Verein und Anhang verraten. Der Gipfel des Ganzen sei der neue Arbeitgeber – nicht nur, weil der gerade aus der Bundesliga abgestiegen ist und dem inzwischen 28-Jährigen immer noch nicht die Möglichkeit bietet, endlich wieder dort aufzulaufen. Schnell war die Rede von „Geldgier“ und „Verlogenheit“, für die Fans noch mal unterstrichen durch die warmen Worte Reeses in Richtung des VfL bei der endgültigen Bekanntgabe seines Transfers. Doch auch die Verantwortlichen bei Hertha BSC dürften eben großes Interesse am Wechsel ihres Schlüsselspielers gerade in die Autostadt gezeigt haben: Denn nicht nur spart man nun die kaum noch vermittelbare Entlohnung des Topstars, sondern erhält aus Wolfsburg eine Ablöse, die drei Millionen über seinem Marktwert liegt – und sicher von keinem Interessenten aus der Bundesliga bezahlt worden wäre. Insofern könnte man den Wechsel auch als Reeses letztes Opfer für seinen Herzensverein werten – doch dieser Gedanke schien in der emotionalen Debatte weniger Gehör zu finden.
Von Leihrückkehrer zu Hoffnungsträgern
Dabei erwies sich die finanzielle Gemengelage bei Hertha BSC offenbar als angespannter, als es selbst meist gut informierte Hauptstadtmedien angenommen hatten. Das zeigt sich an der Tatsache, dass bis dato zwar zehn Abgänge, aber kein einziger neuer Spieler registriert worden war. Naheliegende wie ebenso bedenkliche Mutmaßung: Die zusammen mit der Ablöse für Kennet Eichhorn (zu Bayer Leverkusen) bis dahin insgesamt etwa 17 Millionen Euro Transferüberschuss dieses Sommers reichten immer noch nicht, um auf dem Markt aktiv zu werden. Der Wechsel von Michal Karbownik zuletzt in die türkische Süper Lig (Istanbul Basaksehir, Club von Ex-Herthaner Davie Selke) brachte schließlich keine Ablöse ein – sodass laut Spekulationen mindestens ein weiterer der Kandidaten noch veräußert werden müsse, um endlich mit dem Umbau des eigenen neuen Kaders beginnen zu können. Die Lösung dieses „Knotens“ bahnte sich dann jedoch eher unerwartet noch Ende vergangener Woche an, als bekannt wurde, dass der eigentlich weiter eingeplante Michaël Cuisance für fünf Millionen Euro zum französischen Vizemeister RC Lens wechselt. Der „Investitionsstau“ im Olympiapark hatte zuvor bereits bewirkt, dass etwa Leihrückkehrer zu Hoffnungsträgern für 2026/27 wurden: namentlich Gustav Christensen (21) und Jon Dagur Thorsteinsson (27). Ersterer spielte anderthalb Jahre für den Drittligisten FC Ingolstadt, der Isländer wiederum vier Monate beim norwegischen Erstligisten SK Brann Bergen. Die Vorstellung basierte auch auf der Tatsache, dass beide Außenbahnspieler sind, die die Lücke durch den Wechsel Reeses und möglicherweise auch des abwanderungswilligen Marten Winkler positionsgetreu schließen könnten. Auf jeden Fall wird Hertha BSC aber noch weitere Transfererlöse erzielen, denn auch der Wechsel von Tjark Ernst (Vertrag bis 2027, Ausstiegsklausel für fünf Millionen Euro) gilt als sicher – allerdings lässt sich der begehrte Torwart mit seiner Entscheidung noch Zeit. Auch in seinem Fall ist der VfL Wolfsburg mehr als nur interessiert, selbst der ebenfalls als Wechselkandidat gehandelte Linus Gechter (22, Abwehr) wird weiter mit den Niedersachsen in Verbindung gebracht. Wie im Fall von Fabian Reese könnte dann also auch Ernst und Gechter schon im August eine unverhofft schnelle Rückkehr in den Olympiapark bevorstehen – denn in der ersten Runde des DFB-Pokals tritt der VfL bei der VSG Altglienicke an. Der Berliner Vertreter verfügt über keine eigene, taugliche Spielstätte und wird die Partie so im Stadion auf dem Wurfplatz austragen – nur einen Abstoß entfernt von der großen Arena und den Trainingsplätzen der Hertha-Profis.