In München gibt es ein klares Votum der Bürger für die Austragung Olympischer Spiele in der Stadt. In Berlin, wo der Widerstand gegen eine Bewerbung größer ist, soll es keine Bürgerbefragung geben.
Die Münchnerinnen und Münchner haben eine Entscheidung getroffen – und die Berlinerinnen und Berliner lassen eine Diskussion neu aufleben, die gerade eingeschlafen zu sein schien. Es geht um die Frage, ob sich die Stadt für die Olympischen Spiele 2036, 2040 oder 2044 bewerben soll. In München ist diese Frage Mitte Oktober beantwortet worden: Mehr als 66 Prozent derer, die sich beteiligt haben, stimmten bei einem Volksentscheid für eine Olympiabewerbung der bayerischen Landeshauptstadt.
Olympia in Berlin ist kein Selbstläufer
Dass die Berlinerinnen und Berliner darüber abstimmen dürfen, ob der Senat die Stadt ins Olympia-Rennen schickt, ist nicht geplant. Es ist zwar von Bürgerbeteiligung die Rede, nicht aber von einem Volksentscheid. Vielleicht, weil die Berlinerinnen und Berliner schon in zwei zentralen Fragen der Regierungspolitik die Rote Karte gezeigt haben: Sie haben sich mit klarer Mehrheit gegen eine Bebauung des Tempelhofer Felds und für eine Enteignung der großen Wohnungsunternehmen ausgesprochen. Und wenn es um die Olympischen Spiele geht, wird es in Berlin zumindest nicht so glatt laufen wie in München. Im Gegenteil: Umfragen zeigen, dass Olympia hier kein Selbstläufer ist.
Bei einer Befragung des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag der „Berliner Morgenpost“ gaben 56 Prozent der Befragten an, eine Bewerbung Berlins für die Sommerspiele „sehr negativ“ (43 Prozent) oder „eher negativ“ (13 Prozent) zu sehen. Eine Umfrage des RBB kam zwar nicht zu einem ganz so olympiakritischen Ergebnis, aber auch bei der Befragung von Infratest Dimap im Auftrag des Senders wollten nicht mehr als 46 Prozent der Befragten eine mögliche Bewerbung als „eher gut“ einordnen. 43 Prozent der Befragten bewerten demnach Olympia in Berlin als „eher schlecht“.
Und so wundert es auch nicht, dass die Politik und die Olympia-Protagonisten in Berlin das Münchener Votum sehr unterschiedlich interpretieren. Kai Wegner (CDU), der Regierende Bürgermeister, sieht in der Münchener Entscheidung nicht nur ein lokales Ereignis, sondern vielmehr ein Indiz dafür, dass die Menschen in ganz Deutschland sich für Olympische und Paralympische Spiele begeistern. Nur sei eben München keine gute Idee. „Olympia gehört aber nach Berlin“, sagte Wegner dem „Tagesspiegel“. Denn: „Keine andere deutsche Stadt steht so sehr für Internationalität, für Begeisterung und Leidenschaft für Sport.“ „Berlin kann Olympia und Paralympics –
und davon werden auch Brandenburg, Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein profitieren“, gibt sich Wegner überzeugt. „Wir wollen moderne und nachhaltige Spiele, die Menschen zusammenbringen und zeigen, welche verbindende Kraft im Sport steckt“, sagt er.
Auch Kaweh Niroomand, der Beauftragte des Senats für die Berliner Olympia-Bewerbung, stößt in dieses Horn: „Ich gratuliere München. Das ist grundsätzlich ein tolles Ergebnis, nicht nur für München, sondern für ganz Deutschland. Es bestätigt, dass die Menschen in Deutschland die Olympischen und Paralympischen Spiele wollen.“ Der Regierende Bürgermeister und sein im Sommer ernannter Olympia-Beauftragter sprechen da die Sprache der Sportfunktionäre. Denn auch der Präsident des Landessportbunds Berlin (LSB), Thomas Härtel, interpretiert ins Münchener Abstimmungsergebnis eine generelle Vorfreude auf Olympia in Deutschland hinein. So gesehen sei das Votum der Münchenerinnen und Münchener ein „klares Signal an Sport und Politik“.
Ein Signal, das Grüne und Linke ganz anders verstehen. Die Fraktion der Linken im Abgeordnetenhaus fordert, dass Berlin die Bewerbung nicht weiter verfolgt. „Der Regierende und die Sportsenatorin haben es in der Hand: Sie können jetzt die Reißleine in diesem absurden innerdeutschen Wettkampf ziehen, die Bewerbung zurückziehen und die Steuermillionen nachhaltig in unsere Sportinfrastruktur investieren“, sagte der sportpolitische Sprecher der Fraktion, Kristian Ronneburg. Der Bürgerentscheid in München habe „Berlin endgültig abgehängt“, sagt die sportpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Klara Schedlich. Sie wertet die Äußerungen des Senats nur noch als „eine gesichtswahrende Olympiabewerbung“.
Das sieht der Senat anders. Berlin plant für seine Olympia-Bewerbung mit einem Etat von rund sechs Millionen Euro in den Haushaltsjahren 2025 bis 2027. Eine Projektgruppe unter Leitung von Kaweh Niroomand soll die „große Chance für Berlin, aber auch für Deutschland“, wie es Wegner formuliert, nutzen. Erst in der innerdeutschen Konkurrenz, dann international. Denn bevor Berlin als deutsche Bewerber-Stadt antreten kann, muss es sich erst mal gegen Hamburg, München und die Region Rhein-Ruhr durchsetzen. Bis Ende Mai kommenden Jahres haben diese Kandidaten Zeit, ihre Konzepte mit dem Deutschen Olympischen Sportbund auszuarbeiten. Dann entscheidet der Sportbund im Herbst, wer für Deutschland ins Rennen geht. Wobei noch gar nicht klar ist, für wann sich Deutschland international bewerben wird. Im Raum stehen die Spiele 2036, 2040 oder 2044.
Ein „ruinöser Wettbewerb“
Für die Grünen-Abgeordnete Klara Schedlich ist das ein ruinöser Wettbewerb. Sechs Millionen Euro solle Berlin lieber in die Sanierung von Sportstätten stecken. „Während München die Stadt hinter sich hat, zeigen Umfragen in Berlin die Ablehnung. Auf dieser Grundlage ist es falsch, weiter Millionen in eine aussichtslose Bewerbung zu stecken, statt in die notwendige Sanierung maroder Sportanlagen. Damit erweist Berlin dem Breitensport einen Bärendienst“, sagt sie.
Sportsenatorin Iris Spranger (SPD) widerspricht: „Mit unserer nationalen Bewerbung und starken Partnern aus vier verschiedenen Regionen gehen wir breit aufgestellt in die zweite Phase unserer nationalen Bewerbung. Als internationale Sporthauptstadt mit viel Tradition wollen wir etwas Neues schaffen, das alle begeistert. Das alte Olympia-Schwimmstadion ist ein gutes Beispiel. Wir wollen es behutsam neugestalten, überdachen und in unser Berlin+-Konzept einbauen – für die Wettkämpfe der Olympischen und Paralympischen Spiele und als Ganzjahres-Sportstätte. Das ist ein Gewinn für den Spitzensport, den Breitensport und alle Berlinerinnen und Berliner.“
Der Kampf der Befürworter und Gegner Olympischer Spiele in Berlin geht derweil weiter. Der Landessportbund sammelt Unterschriften für eine sogenannte Volksinitiative. Sein Ziel: 20.000 Unterschriften. Kommen die zusammen, müsse sich das Abgeordnetenhaus mit der Olympia-Bewerbung befassen. Die Aktion des Sportbundes gilt als symbolische Aktion, weil sich das Abgeordnetenhaus eh mit dem Thema befassen wird. Die Initiative „NOlympia Berlin“ will Olympische Spiele in der Hauptstadt verhindern und das erreichen, was der Senat offenbar verhindern will: ein Volksbegehren.