„Die Berge Tirols“ heißt die neue Ausstellung des Museums Europäischer Kulturen in Dahlem. Im August gibt es dazu ergänzend die 22. Europäischen Kulturtage, die sich ebenfalls mit Tirol beschäftigen.
Aus Berliner Sicht wirkt Tirol womöglich wie eine Kulisse für eins der Märchen der Brüder Grimm: hinter den sieben Bergen ... „Hinter den Bergen? Mitnichten!“, korrigiert Franka Schneider. Aus der Ferne erscheinen Tirols Berge vielleicht „als trennende Barrieren“. „Doch Bergpfade erlaubten früh den Austausch zwischen Tälern. Passstraßen gestatteten Reisen in alle Himmelsrichtungen Europas. Durch den Handel war Tirol überdies mit der Welt verknüpft. Der Hauptkamm der Ostalpen verbindet Nord-, Ost- und Südtirol. Auf ihm verläuft seit 1919 die Grenze zwischen Österreich und Italien, die heute zugunsten einer regionalen Zusammenarbeit durchlässig ist. Touristische Infrastrukturen prägen nun das Antlitz der Berge. Ihr Bau und Erhalt sind aufwändig und nicht selten umstritten“, erklärt sie.
Franka Schneider weiß, wovon sie redet. Zusammen mit Moritz Roemer hat sie die Ausstellung „Die Berge Tirols“ des Museums Europäischer Kulturen (MEK) organisiert. Das Museum sei kein Europamuseum, sagt seine Direktorin, Angela Fischel. Man könne „nur Ausschnitte zeigen“. Das ist in jedem Jahr ein anderer. Dass sich das Museum nun bis zum 25. April dem österreichischen Bundesland Tirol mit einer Ausstellung und den Europäischen Kulturtagen widmet, liege auch daran, dass das Museum über 900 Objekte aus Tirol in seinem Lager hat. Nur zehn Prozent davon werden in der Ausstellung gezeigt. Dazu Exponate, die von Partnerorganisationen stammen.
Da ist die Liste lang und unterstreicht die Tiefe der Ausstellung. Sie ist in Kooperation mit dem Tiroler Volkskunstmuseum, den Ötztaler Museen, dem Institut für Geschichtswissenschaften und Empirische Kulturwissenschaften der Universität Innsbruck, dem Österreichischen Alpenverein sowie der Sektion Berlin des Deutschen Alpenvereins entstanden. Die begleitenden Europäischen Kulturtage werden in Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Kulturforum Berlin realisiert und unterstützt durch Tirol Werbung und den Verein der Freunde des Museums Europäischer Kulturen.
Im Fokus, erklärt Franka Schneiders Ko-Kurator Moritz Roemer, steht „die Region zwischen Traditionen und Herausforderungen wie Klimawandel, Tourismus und Ressourcennutzung“. Die Ausstellung vereint dazu historische Sammlungsbestände mit aktuellen Perspektiven aus Tirol und Berlin. „So entsteht ein vielschichtiges Bild der Alpen als kultureller, ökologischer und sozialer Raum“, erklärt die Direktorin.
„Geprägt durch menschliche Nutzung“
Die Ausstellung gliedert sich auf 300 Quadratmetern in acht Kapitel, die recht unterschiedliche Zugänge zu den Bergen Tirols eröffnen „und sie in ihrer Vielschichtigkeit erzählen“, wie Franka Schneider sagt. Historische Handelswege, Verkehrsachsen und aktuelle Infrastrukturprojekte zeigen Tirol als Knotenpunkt mitten in Europa. „Die nur augenscheinlich unberührte Berglandschaft ist eigentlich Kulturlandschaft, geprägt durch menschliche Nutzung wie die Almwirtschaft, die sich in Objekten wie Kuhglocken und Alm-Schmuck widerspiegelt und bis heute im Wandel begriffen ist“, erklärt Moritz Roemer. Die Ausstellung zeigt hierzu unter anderem einen Schmuck für Kühe beim Alm-abtrieb und eine über 100 Jahre alte Ziegenschelle neben einer Hirtentasche.
Auch Gletscher und Naturgefahren wie Lawinen prägen das Leben in den Tiroler Bergen. In diesem Kapitel der Ausstellung wird auch „die rasante Veränderung der Gebirge durch den Klimawandel“ thematisiert. Die Ausstellung zeigt, wie sich Strategien mit Naturgefahren zwischen religiösen Schutzpraktiken, technischen Lösungen und moderner Bergrettung entwickelt haben. „Das Hochgebirge ist ein unwirtlicher, aber beliebter Ort für Bergsportlerinnen und Bergsportler“, sagt Moritz Roemer. Die ausgestellten Gegenstände erzählen daher auch von Besuchen in einer herausfordernden Landschaft mit persönlicher Note. Hier werden auf den ersten Blick banale Gegenstände gezeigt, die aber jeder für sich eine Geschichte erzählen – ein Flachmann für den sogenannten Gipfelschnaps und ein Kartenspiel im Lederetui zum Beispiel. In einer Vitrine sind auch Dinge, die Urlauberinnen und Urlauber einfach in den Bergen zurückgelassen haben – von Müll bis Besteck.
Berliner waren und sind in den Alpen aktiv
Für das Museum in Dahlem sei natürlich immer auch die Berliner Perspektive wichtig, sagt Angela Fischel. Deshalb beleuchtet die Ausstellung auch die Verbindung zwischen Tirol und Berlin: Objekte aus dem historischen Umfeld von Alpenvereinen und deren Berliner Veranstaltungen, etwa Kleidungsstücke von sogenannten Alpenbällen um die Jahrhundertwende, die von dieser langen Beziehung erzählen. „Berlinerinnen und Berliner pflegen zu Tirols Bergen enge Beziehungen, die auf vielfältige Weise Spuren hier wie dort hinterlassen haben. Wer weiß schon, dass Berlin um 1900 in alpinen Kulissen tanzte und Berge in Miniatur für Ausstellungen und Gärten nachbaute? Berlinerinnen und Berliner sammelten Steine, Pflanzen und Objekte in Tirol, um damit ihre Sammlungen zu ergänzen und zu erweitern. Die Sektion Berlin des Alpenvereins ist Tirol fest verbunden. Dort betreut sie mehrere Hütten“, wird erklärt.
Auch spirituelle Dimensionen der Berge werden in den Blick genommen: Votive, Bräuche und künstlerische Arbeiten zeigen, wie die Bergwelt seit jeher religiös und kulturell gedeutet wird. Lieder, Filme und Bücher prägen seit dem 19. Jahrhundert das Bild der Alpen und beeinflussen bis heute die Wahrnehmung der Region. Interviews von Studierenden der Universität Innsbruck beleuchten aktuelle Fragen zu Tourismus, Klimawandel oder Lebensbedingungen in der Region und zeigen unterschiedliche Sichtweisen. Die künstlerischen Arbeiten von Elias Holknecht und Lilee Imperator erweitern die Ausstellung um eine visuelle Ebene und setzen sich aus heutiger Perspektive mit der Bergwelt auseinander.
Während die Ausstellung bis ins nächste Frühjahr zu sehen ist, werden das Museum und sein Garten nur bis zum 23. August auch zum Veranstaltungsort für die Europäischen Kulturtage. Auch sie widmen sich Tirol. Zu den Höhepunkten zählen Open-Air-Kinoabende mit dem Österreichischen Kulturforum Berlin, ein Klettertag für Familien mit der Sektion Berlin des Deutschen Alpenvereins, ein kulinarischer Abend mit der Tiroler Köchin Viktoria Fahringer, eine Wanderung durch den Grunewald mit Jause und anschließender Ausstellungsführung sowie ein Jodelworkshop zum Abschluss.