Im Leuchtturmwärterhaus am Galley Head Lighthouse an der Südwestküste Irlands gibt es kein WLan und keinen Fernseher – aber dafür absolute Ruhe, einen endlosen Horizont und nachts einen Sternenhimmel, der den Atem raubt.
Die Fahrt zum Leuchtturm ist auf den letzten Kilometern recht holprig. Entlang der zerklüfteten Küste wird die Straße schmaler, der Asphalt weicht einer unbefestigten Piste. Links und rechts liegen verfallene Steinhäuser, deren Dächer längst dem Wind zum Opfer gefallen sind – stumme Zeugen vergangener Zeiten, umgeben von hüfthohem Gras und schrägstehenden Mauern. Es ist, als führe der Weg zurück in eine andere Zeit. Je näher das Ziel rückt, desto mehr verschwimmen Gegenwart und Geschichte. Und dann steht er plötzlich da, am südlichen Ende der schroffen Landspitze Dundeady, hoch über den tosenden Wellen des Atlantiks. Ein weißer Riese, der seit 1878 den Schiffen vor der Küste West Corks den Weg weist. Hier, wo Himmel und Meer eins werden und die nächsten Nachbarn kilometerweit entfernt sind, scheint die Welt stillzustehen. Auf der Fahrt von Clonakilty hierher hat uns Taxifahrerin Mary viel über den Leuchtturm und die letzte Wärterfamilie erzählt, die Butlers.
Der stille Charme vergangener Zeiten
Beim Aussteigen empfängt uns Wind, der vom Meer herauf ungebremst über die Klippen peitscht, Grasbüschel aufwirbelt und an dem niedrigen Eingangstor zum alten Leuchtturmwärterhaus rüttelt. Dort erwartet uns Gail Butler, die für den Irish Landmark Trust arbeitet, eine gemeinnützige Organisation, die sich der Erhaltung historischer Gebäude widmet. Ihr Mann, der jüngste Spross des letzten Leuchtturmwärters, verbrachte hier seine Kindheit. Der lange, weiß getünchte Bau ist ein Doppelhaus, jede Hälfte mit ihrem eigenen Eingang. Am Galley Head wohnten immer zwei Leuchtturmwärter mit ihren Familien – einer hatte Dienst am Turm, der andere Ruhezeit, oft in einem rotierenden Rhythmus von Tag- und Nachtschichten. Der Leuchtturm wurde 1979 automatisiert, was zwar die ferngesteuerte Kontrolle erlaubte, aber nicht sofort den Bedarf an menschlicher Präsenz ausschloss. Der Hauptwärter wurde in eine neue Rolle als „Attendant“ überführt und verblieb bis Juli 1997 vor Ort.
Gail öffnet die Tür zum Haus. Der stille Charme vergangener Zeiten grüßt. Die Zimmer sind hell, mit hohen Decken und breiten Holzdielen, die unter den Füßen knarren. Tiefliegende Fenster geben den Blick auf den weiten Atlantik und den hoch aufragenden Leuchtturm frei. Im Wohnzimmer knistert ein Torffeuer im Kamin und erfüllt den Raum mit seinem warmen, erdigen Duft. Möbel im antiken Stil tragen zum gemütlichen, zeitlosen Ambiente bei. Statt Fernseher und W-Lan gibt es Brettspiele, Bücher und den beruhigenden Rhythmus sich brechender Wellen hinter der Glasscheibe. In der geräumigen Küche verschmelzen lackierte Schränke und Vintage-Armaturen nahtlos mit modernen Annehmlichkeiten wie Backofen und Spülmaschine – Waschmaschine und Trockner befinden sich in der Waschküche hinter dem Haus. Die Schlafzimmer im oberen Stockwerk sind im Vintage-Stil, mit dicken Wänden, die den Wind dämpfen. Überall im Haus finden sich subtile Hinweise auf die Vergangenheit des Hauses: Seekarten, Messingbeschläge und Geschichten ehemaliger Leuchtturmwärter wie Gerald Butler, 75, der immer noch vorbeikommt, um vom Leben seiner Familie als Leuchtturmwärter zu erzählen.
Das Galley Head Lighthouse wurde in einer Zeit errichtet, als Irland noch Teil des britischen Königreichs war. Schon damals war es technisch außergewöhnlich: Sein Licht galt als eines der stärksten der Welt. Und das Besondere? Auf Wunsch eines lokalen Großgrundbesitzers wurde der Lichtstrahl so ausgerichtet, dass er auch landeinwärts sichtbar war – nur damit der Herr des Hauses das Leuchten vom Fenster aus sehen konnte.
Gail deutet auf ein Fernglas auf dem Fensterbrett und erklärt, dass der Blick vom Leuchtturm bei klarer Sicht bis zur Halbinsel Seven Heads, Inchydoney Island und Fastnet Rock reicht – dem markanten Felsen im Meer mit Leuchtturm, der den Spitznamen „Teardrop of Ireland“ (Irlands Träne) trägt, da er einst das letzte war, das Millionen Auswanderer Richtung Amerika von ihrer alten Heimat sahen. „In Sommernächten ist es ein fast märchenhaftes Erlebnis, wenn man sich unter dem Leuchtturm ins Gras legt und den nächtlichen Himmel, die Sterne und die tanzenden Lichtsignale beobachtet“, sagt Gail, bevor sie uns die Schlüssel in die Hand drückt und sich verabschiedet.
Am Abend geht unser Blick zum schwarzen Firmament, wo unzählige Sterne funkeln – fernab von störender Lichtverschmutzung erstrahlen sie in einer Klarheit, die fast greifbar scheint. Dieser Anblick schlägt jede Stunde vor dem Bildschirm.
Von hier ein weiter Blick über die Küste
In der Nacht trommeln Regentropfen gegen die Fensterscheiben, während die Lichtstreifen des Leuchtturms über die Schlafzimmerwände huschen und in schimmernden Regenbogenfarben tanzen. Gepaart mit dem Heulen des Windes und dem Rauschen der Brandung entsteht eine magische Atmosphäre, in der sich farbige Flimmerreflexe und das stetige Pochen des Meeres zu einem Rhythmus verbinden. Jetzt bloß nicht einschlafen – so ein Spektakel erlebt man schließlich nicht so schnell wieder.
Am Morgen ist es ruhig. Der Blick aus dem Fenster zeigt einen strahlend schönen Tag und lädt zur Erkundung der Umgebung ein. Zwischen Leuchtturm und Atlantik liegen nicht nur die steilen Klippen, sondern versteckt im Gras Mauerreste des alten Normannen-Forts Dún Deidi. Von hier aus konnte man die Küste weit überblicken, ein idealer Platz, um feindliche Schiffe früh zu erspähen. Heute sind die Steine verwittert und von Flechten überzogen.
Das Galley-Head-Anwesen ist durch eine Schranke und ein paar Meter weiter durch ein Tor gesichert. Die nächste Farm ist 1,5 Kilometer entfernt, zum Dörfchen Rosscarbery sind es weitere acht und ins Städtchen Clonakilty insgesamt 15 Kilometer.
Der einsame Weg Richtung Dorf führt vorbei an alten Trockensteinmauern, wilden Brombeerhecken, verwitterten Wegkreuzen, windschiefen Bäumen, die dem stetigen Seewind trotzen, und Wiesen mit grasenden Kühen, die uns neugierige Blicke zuwerfen. Zwischendurch öffnet sich der Blick auf kleine Buchten, in denen sich das Licht des Atlantiks spiegelt – mal stahlblau, mal silbern flirrend. Wellen brechen donnernd an den dunklen Felsen, Gischt sprüht bis hoch hinauf. Der Duft von salziger Meeresluft mischt sich mit dem würzigen Aroma von wildem Thymian. Wir spüren, sehen, riechen und hören die Natur in ihrer ganzen Lebendigkeit. Der paradiesisch schöne Moment verschwindet, als im Bruchteil von Sekunden am Himmel dunkle Wolken aufziehen. An der irischen Küste ändert sich das Wetter schnell – eben noch Sonne, gleich darauf ein Regenschauer. Nicht einmal die Hälfte der Strecke nach Rosscarbery haben wir geschafft – aus dem Guinness bei „Nolan’s“, dem Dorf-Pub, wird nichts. Da wir nicht wissen, wie lange und heftig es regnet, entschließen wir uns, wieder zurück Richtung Galley Head zu marschieren. Der Wind frischt auf, treibt feine Regentropfen waagrecht über die Felder. Die Steinmauern am Straßenrand glitzern vor Nässe, und die Gräser wiegen sich in heftigen Böen. Am Ende der schmalen Straße taucht er wieder auf: der weiße Turm des Galley Head, fest verankert auf der dunklen Klippe, als könne ihn kein Wetter der Welt erschüttern. Wir flüchten ins Haus. Vor dem wärmenden Torffeuer wird das Beobachten des Wetters durch die großen Fenster zum Genuss.
Nach zwei Stunden kehrt die Sonne strahlend zurück, und es ist so windstill, dass der niedrig ummauerte schlichte Garten vor dem Haus mit Tisch und Sitzgelegenheiten zur Erweiterung des Wohnraums wird – ein Außenraum mit unschlagbarem Ausblick auf den Atlantik und die zerklüftete Küste. Gail hatte recht, als sie sagte: „Das Galley Head Lightkeeper’s House ist mehr als nur ein Leuchtturmwärterhaus. Es ist ein magisches Refugium über dem Meer, ein kleiner Zufluchtsort, fernab vom Trubel der Welt“. Ein Ort, der bei jedem Wetter ein Naturschauspiel in vorderster Reihe bietet.